9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Unheil geht zu Ende, ein anderes Unheil kommt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.05.2026. In der NZZ macht sich der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour wenig Illusionen, dass im Iran durch den amerikanischen-israelischen Angriff Frieden herrschen wird: Vielleicht folgt ein Islamo-Techno-Autoritarismus, glaubt er. Zeit Online weiß: Zum heutigen 9. Mai wird es in Moskau nur ein "Parädchen" geben, Putin hat zu viel Angst vor einem Attentat. Die FAS bezweifelt, dass die ungarische Justiz Orban und seine Günstlinge zur Rechenschaft ziehen kann. Nicht den exzellenten, nur den mittelmäßigen Journalismus wird KI ersetzen, ermuntert der Medienwissenschaftler Stephan Weichert in der taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 finden Sie hier

Politik

In def NZZ glaubt der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour, dass der amerikanische-israelische Angriff und das Scheitern des politischen Islam dem Iran genauso wenig Frieden bringen werden, wie einst Israels Sieg über den arabischen Nationalismus. Der Kronprinz von Saudiarabien, Mohammed bin Salman, bringe sich bereits in Stellung, den postislamistischen Nahen Osten neu zu organisieren, doch das ist zum Scheitern verurteilt, so Mansour: "Der arabische Nationalismus versprach den zivilisatorischen Aufschwung durch den säkularen Staat und brachte Erniedrigung hervor. Der politische Islam versprach den Aufschwung durch die Rückkehr zu theologischen Grundlagen und brachte die Islamische Republik hervor, die derzeit gerade ihr umfassendes Scheitern vorführt. Was als Nächstes kommt, wird etwas anderes versprechen - in einer Art, die wir noch nicht erfassen können - und auf Energien zurückgreifen, welche durch ebendieses Scheitern freigesetzt werden. ... Vielleicht wird es ein Islamo-Techno-Autoritarismus oder ein Hypernationalismus sein? Niemand weiß es. Ein Unheil geht zu Ende, ein anderes Unheil kommt. Es ist in seiner Nachfolge nicht zufällig, sondern notwendig. Der Motor ist nicht geopolitisch, sondern anthropologisch; der Treibstoff keine Ideologie, sondern der Wille von Männern, welche die Ruhe des Friedens noch nie dem Sturm ihres eigenen Ehrgeizes vorzogen, wenn sich ihnen eine Gelegenheit aufzutun schien."

An eine Befreiung des Irans durch amerikanische Bomben glaubt auch die iranisch-deutsche Journalistin Daniela Sepehri im FR-Gespräch ebenso wenig wie an Verhandlungen mit dem iranischen Regime. Diese verleihen den Mullahs nur Legitimität, meint sie, schildert aber zugleich die brutalen und massenweisen Hinrichtungen von Gefangenen, die zum Schein vorab noch vor Gericht gestellt werden: "Verfahren existieren nur auf dem Papier. Anwälte werden oft nicht zugelassen, Geständnisse werden unter Folter erzwungen. Wir hören von den Gefangenen, dass sie auf einem leeren Zettel unterschrieben haben oder mit verbundenen Augen. Sie tun alles, um der Folter zu entgehen, der psychischen, aber auch der physischen. Wir sehen, dass Gefangene im Staatsfernsehen vorgeführt werden. Teilweise sehr, sehr junge Menschen, manche noch Schulkinder."
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Europa

Am heutigen 9. Mai wird die Siegesparade in Moskau wohl nur ein "Parädchen", ist sich Alice Bota in ihrer Zeit-Online-Kolumne sicher. Putin wird vermutlich dabei sein, aber er hat Angst: "Die Financial Times berichtet, gestützt auf Gespräche mit Menschen aus Putins Umfeld und Berichte westlicher Geheimdienste, dass dessen Angst vor einem Attentat wachse. Er scheue öffentliche Auftritte und nehme sie in diesem Jahr kaum wahr. Fotografen, Köche und Leibwächter dürften keine öffentlichen Verkehrsmittel oder Handys in Putins Nähe benutzen. Und während die Staatsmedien voraufgezeichnetes Videomaterial sendeten, um Normalität vorzutäuschen, verbringe Putin immer mehr Zeit in unterirdischen Bunkern. Er könnte durchaus Gründe haben, sich zu verstecken", denn: "die Ukrainer konnten ihre Drohnenfähigkeiten massiv ausbauen und den Krieg zumindest punktuell auf russisches Gebiet verlagern. War der vorher weit weg für die russischen Großstädter, merken nun auch die, dass es nicht so gut läuft an der Front, wie die Staatspropaganda sie glauben lassen will."

Peter Magyar
hat angekündigt, dass sich die unabhängige Justiz im wiederhergestellten ungarischen Rechtsstaat um Orban und seine Günstlinge kümmern werde. Ganz so einfach ist das allerdings nicht, berichtet Alexander Haneke in der FAS: "Ein früherer Beamter, der mit der FAS spricht, bezweifelt, dass sich viele Spuren von strafbarem Verhalten finden lassen. 'Auf dem Papier gibt es sehr strenge Regeln für öffentliche Vergabe', sagt er - und formell sei alles immer regelkonform gewesen. So wichtig das Thema Korruption und Selbstbereicherung im Wahlkampf war, stellt sich jetzt auch die Frage, wie tief der Staat von diesen Mechanismen wirklich durchdrungen wurde. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt Ungarn seit Jahren hinter allen anderen EU-Staaten. Die Missstände will der Beamte nicht in Zweifel ziehen, doch werde vergessen, dass viele Bereiche trotzdem vollkommen normal abgelaufen seien. Die meisten Akten würden digital geführt und könnten nicht einfach manipuliert werden. Ungarn sei trotz aller Probleme ein moderner Staat mit funktionierender Verwaltung."
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Kulturpolitik

Lange wurden zivilgesellschaftliche Initiativen zum Erhalt sowjetischer Architekturdenkmäler in Russland von den Behörden genervt geduldet, seit dem Krieg gegen die Ukraine begann der Staat allerdings, die Avantgarde-Gebäude selbst als nationale Marke zu nutzen, weiß Mikhail Ilchenko in der FAZ: "Große Staatsbetriebe und Bauunternehmen geben einen kleinen Prozentsatz ihrer Einnahmen für die Schaffung von Kulturzentren und die Erhaltung eines von Hunderten verfallender historischer Gebäude aus. Heute passen solche Initiativen hervorragend in die russische Innenpolitik und zu patriotischen Parolen. Angesichts des dramatischen Rückgangs internationaler Kontakte und des Anstiegs des Inlandstourismus bringt das Vorteile. Viele Russen hätten viel Geld, sagt Izosimov. Nach Europa reisten sie aber nicht mehr. Dafür könnten sie jetzt irgendwo im Ural konstruktivistische Industriebauten bewundern."
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Internet

Der Journalismus baut mit an einer Infrastruktur, die ihn am Ende selbst verschlingt, schreibt in der taz der Medienwissenschaftler Stephan Weichert mit Blick auf Journalisten und Mediennutzer, die KI-Systeme mit Interviewtranskripten, Kommentaren oder Reportagen füttern. Ganz verschwinden wird der Journalismus freilich nicht, glaubt Weichert, bezugnehmend auf Jim VandeHei, Gründer des US-Nachrichtenportals Axios: "Während KI den Durchschnittsjournalismus zunehmend automatisiere, steige der Wert derjenigen, die über Expertise, Quellenkenntnis und Glaubwürdigkeit verfügten. In dieser Stringenz führt das zu einer radikalen Zweiteilung des Marktes. Auf der einen Seite entsteht eine unausweichliche Flut seelenloser Inhalte - schnell produziert, billig, blutleer. Auf der anderen Seite bleibt ein kleiner Kern journalistischer Arbeit übrig, der sich durch Exzellenz und persönliche Autorität von der Masse abhebt. Für viele Medienhäuser bedeutet das, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die eigentliche Konkurrenz für Journalismus ist nicht die generative KI. Es ist der mittelmäßige Journalismus, den die Maschinen problemlos ersetzen können."

So ganz fair findet es Ex-FAS-Hospitant Paul Pfaffel nicht, dass Politik und Pädagogik das Thema "digitale Unmündigkeit" nur mit Blick auf Kinder und Jugendliche betrachten. Denn ältere Erwachsene seien im Netz mitunter genauso gefährdet wie Jüngere: "Der Harvard-Forscher Ben Lyons hat in einer Untersuchung mit rund 10.000 Menschen und Onlinenutzungsdaten von etwa 4500 Personen beschrieben, dass Menschen über 60 häufiger mit Falschinformationen in Berührung kamen und sie eher teilten und verbreiteten. Als treibenden Faktor benennt er dafür die sinkende digitale Kompetenz im Alter. Das ist eine hübsch unangenehme Pointe: Besonders die, die sich wegen ihrer Lebenserfahrung zu den Selbstgewissen zählen, sind anfällig für die Tricks aus einer Welt, mit der sie kaum richtig Erfahrung haben."
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Ideen

In der FAZ schaut sich Thomas Thiel das Regierungsprogramm der AfD zur Wissenschaftspolitik an und staunt: Die Partei will zwar "die Wissenschaft von der Politik befreien, aber selbst darüber bestimmen, was Wissenschaft sein darf. Gender Studies und Postkolonialismus sind es für sie nicht. Sie gelten der Partei als Abrissunternehmen europäischer Kultur und Familienwerte. Davon unterscheidet das Regierungsprogramm seriöse wissenschaftliche Forschung zur Kolonialgeschichte und Geschlechterrollen, die nicht davon ausgehen, die gesamte europäische Kultur sei von einer kolonialen Logik durchtränkt, die sie im Keim diskreditiere, und Geschlechter seien beliebig transformierbare soziale Konstrukte. Aber was ist diese Unterscheidung wert, wenn die Partei den Unterschied in ihrer Landtagsanfrage nach postkolonialen Lehrstühlen und Seminaren an den Landesuniversitäten gleich wieder einkassiert? Und wie frei ist eine Wissenschaft, an die der AfD-Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt die Erwartung stellt, sie dürfe tradierte Geschlechterrollen nicht infrage stellen?"

Mit dem 11. September ereignete sich ein Riss in der Zeit, der uns bereits hätte klarmachen müssen, dass ein streng wissenschaftliches Fortschrittsmodell im Sinne der Aufklärung nicht auf das politische oder soziale Leben übertragbar ist, schreibt in der FAS die Osteuropahistorikerin Marci Shore: "Francis Fukuyamas Ende der Geschichte war ein Märchen, die hegelianische Wahnvorstellung einer liberalen Teleologie, die durch 'Wandel durch Handel' begünstigt wurde. Die Illusion hielt sich, trotz der Brutalitäten im ehemaligen Ostblock, die durch die 1990er-Jahre hindurch bis ins 21. Jahrhundert andauerten: die grausamen ethnischen Säuberungskriege in Jugoslawien, der Raubtierkapitalismus und die entsetzliche Armut, die mit den wirtschaftlichen Umbrüchen einhergingen, sowie der von der Anthropologin Natalia Roudakova beschriebene Wertverlust der Wahrhaftigkeit im postsowjetischen Russland. Liberale würden sich von der Geschichte betrogen fühlen, aber die Geschichte sei mit niemandem verheiratet, so der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Das hätten wir spätestens am 11. September begreifen müssen."

Weitere Artikel: In der SZ versucht Jost Kaiser den Rechtspopulismus anhand von Freuds "Unbehagen in der Kultur" zu erklären.
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Stichwörter: Shore, Marci

Geschichte

Anlässlich der 5000 amerikanischen Soldaten, die Donald Trump aus Deutschland abziehen will, erinnert Willi Winkler im Aufmacher des SZ-Feuilletons an jene Jahre, als mit den Amerikanern die Jugendkultur ins Nachkriegsdeutschland kam. Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Bernd Eilert an die Affäre Dreyfus und ihre Folgen.
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Gesellschaft

Die taz erscheint heute als "Männertaz", die sich der Frage widmet, was Männlichkeit heute bedeutet. Unter anderem spricht Jens Uthoff mit den Autoren Tobias Haberl und Ole Liebl, die beide Bücher zum Thema Männlichkeit (hier und hier) veröffentlicht haben. Von einer "neuen Krise der Männlichkeit" zu sprechen, finden sie geschichtsvergessen. "In den westlichen Gesellschaften kritisieren feministische Bewegungen bereits seit einem Jahrhundert relativ lautstark Männlichkeit", erinnert Liebl: "Pointiert gesprochen: Männlichkeit ist für viele Frauen und Queers nicht in der Krise, sondern ist die Krise selbst. Außerdem ist Männlichkeit in unserer Kultur sehr stark mit dem Leistungsprinzip verbunden. Wenn du aber erst etwas leisten musst, um ein richtiger Mann zu werden, ist Männlichkeit immer schon krisenhaft angelegt." Haberl kritisiert indes, "dass man als Zivilisationsirrtum gilt, wenn man männlich, heterosexuell, weiß und jenseits der 40 ist. Noch ein Beispiel: Wenn Fridays for Future die Kohlearbeiter, die 40 Jahre unter Tage geschuftet haben, um ihre Familien zu ernähren, als 'Kohle-Nazis' beschimpft, dann stimmt etwas nicht. Ich finde es eine Frechheit, wenn 19-jährige Bürgerstöchter so reden, ohne anzuerkennen, dass auch sie davon profitieren, was frühere Generationen, übrigens Männer und Frauen, geleistet haben."

Karin Gottschalk befragt ebenfalls in der taz den Comedian Aurel Mertz und den Soziologen Aladin El-Mafaalani, woher der Backlash hinsichtlich traditioneller Rollenbilder kommen könnte. Es liegt an dem Mehr an Möglichkeiten, glaubt El-Mafaalani: "Junge Frauen könnten aufgrund der gestiegenen Optionen genauso Orientierungsprobleme haben wie junge Männer - haben sie aber nicht. Wahrscheinlich, weil sie dabei gewinnen, während Männer eher verlieren. Männer verlieren an Dominanz, an Klarheit. Frauen gewinnen Optionen und kommen besser damit zurecht."

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Monika Rathmann kritisiert die Historikerin Anna Pollmann die inflationäre politische Verwendung des Begriffs "Zusammenhalt".
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Medien

Das Landgericht Göttingen hat entschieden, dass die Kündigung der privaten Bibliothek des Konservatismus (BdK) (unsere Resümees) durch den Gemeinsamen Bibliotheksverbund der norddeutschen Bundesländer (GBV) rechtens war, berichtet Christian Fuchs auf ZeitOnline auf - und informiert über die Gründe, warum der BdK überhaupt gekündigt worden war: "Mitarbeiter der BdK haben seit März 2025 in dem Bücherkatalog 143 Löschungen und Datenmanipulationen vorgenommen - teilweise an Werken, die gar nicht aus ihrem eigenen Bestand stammen. Ein klarer Verstoß gegen die Regularien des Verbunds. Mal machten BdK-Bedienstete aus der Spiegel-Journalistin Lisa Duhm eine 'Lisa Dumm'. Damit versuchten sie, Duhms Sachbuch 'Sie sind überall: Gegen Faschismus in deinem Feed' zu diffamieren. Bei anderen Werken löschten die rechten Bibliothekare Schlagwörter, die Bücher waren damit schwerer auffindbar. Oder sie fügten stark wertende rechte Kampfbegriffe und Verschwörungserzählungen wie 'Gender-Gaga', 'Verdummung', 'Klimaschwindel' oder 'Bevölkerungsaustausch' als Schlagworte hinzu."
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