Magazinrundschau

Ich war hübsch, und sie hat mich nicht verlassen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.07.2021. Die LRB recherchiert die Umstände der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse. Die Hedgehog Review erkundet die dunkle Seite des Fortschrittsidealismus. Harper's erzählt an einem Beispiel aus Alabama, wie schwierig es in den USA ist, einen Betriebsrat zu gründen. Die Islamisten sprechen jetzt woke, erzählt Ayaan Hirsi Ali in Unherd. New Frame und Africa is a country analysieren die Gewaltwelle in Südafrika. In Quietus erzählt Stephen Thrower von der Post-Punk/Industrial-Band Coil, wie konservativ die schwule Musikpresse zu Beginn der Achtziger war. In Atlantic beschreibt der uigurische Dichter Tahir Hamut Izgil die furchteinflößende Atmosphäre in Xinjiang.

London Review of Books (UK), 19.07.2021

Wo war eigentlich die Präsidentengarde, als Haitis Präsident Jovenel Moïse und seine Frau, aber niemand sonst von einer Todesschwadron niedergeschossen wurden? Und warum konnte der zuständige Ermittlungsrichter keinen einzigen Zeugen befragen? Pooja Bhatia würde dem verhassten Moïse keine Tränen nachweinen, wenn seine Ermordung nicht der bloße Auftakt wäre zu einer neuen Runde von Korruption und Verbrechen: "Sein Wahlsieg war durch die Unterstützung des scheidenden Präsidenten Michel Martelly gesichert, dem die Verfassung eine direkte zweite Amtszeit verbot. Die Idee war wahrscheinlich, dass Moïse Martelly den Platz warmhält und ihn vor Korruptionsverfahren schützt, die ihm nach dem Veruntreuung der Erdbebenhilfe und des venezolanischen PetroCaribe-Programms drohten. Dann hätte Martelly 2021 wieder kandidieren dürfen. Aber Moïse hatte bald genug mit seinen eigenen Vergehen zu tun. Mehr als fünfhundert Menschen wurden seit 2018 in mindestens einem Dutzend Massaker getötet, vor allem in den armen Vierteln von Port-au-Prince. Eine richterliche Untersuchung verband ihn mit dem Missmanagement von zwei Milliarden Dollar Hilfsgeldern. Er weigerte sich zurückzutreten, als seine Amtszeit im Februar endete, fälschlicherweise behauptend, dass die Verfassung ihm ein weiteres Jahr im Amt erlaube (zur Zeit seiner Ermordung plante er ein Referendum, dass Präsidenten zwei direkt aufeinander folgende Amtszeiten erlauben sollte). Diejenigen, die sich seiner Interpretation des Rechts zu lautstark entgegenstellten, wurden verhaftet oder gekidnapped. Viele Journalisten und Aktivisten, die ich vor zehn Jahren kennengelernt hatte, als ich in Haiti lebte, sind geflohen. Allein seit Juni hat die Gewalt mehr als vierzehntausend Menschen aus Port-au-Prince vertrieben. In der Woche vor Moïses Ermordung wurden fünfzehn Zivilisten von Unbekannten aus unbekannten Gründen erschossen. Zu den Opfern gehörten die Aktivistin Antoinette Duclair und der Journalist Diego Charles, beide 33 Jahre alt."
Stichwörter: Moise, Jovenel, Haiti

The Hedgehog Review (USA), 20.07.2021

In einem Beitrag des Kulturmagazins erkundet die Politikwissenschaftlerin Elizabeth Currid-Halkett die in mehrfacher Hinsicht dunkle Seite des Fortschrittsidealismus einer ehrgeizigen kulturellen Elite (in den USA): "Es ist eine einfache Tatsache, dass die meisten von uns, das heißt 90 Prozent der Bürger der USA, nicht mit fünf Jahren Klavierspielen lernen, eine Privatschule oder eine der Top-25-Schulen besuchen oder promovieren. So lobenswert diese Dinge sind, sie basieren auf Wohlstand und kulturellem Kapital. 35 Prozent der Amerikaner besuchen die Uni, aber nur 0,5 Prozent schließen in Yale oder Princeton ab. Der Harvard-Ökonomist Raj Chetty hat herausgefunden, dass Studenten, deren Eltern zu den Bestverdienern gehören, 77-mal eher eine Eliteuni besuchen als Studenten mit Eltern aus den unteren Einkommensklassen. Kurz: Man braucht Geld und muss wissen, wofür man es ausgibt … Die Wahrheit ist: Meritokratie und Privileg sind tief verwurzelt und werden über Generationen reproduziert. Doch weil Mühe und Einsatz nötig sind, um Geige zu lernen, einen Platz im MIT zu ergattern, Partner in einer Anwaltskanzlei zu werden oder eine Anstellung an der Uni zu bekommen, entwickeln die Mitglieder der aufstebenden Klasse ein falsches Bewusstsein. Trotz ihres Verständnisses sozialer Strukturen und Dynamiken glauben sie, Teil einer leistungsorientierten Elite zu sein, weil es sie Arbeit gekostet hat, das zu werden, was sie sind. Das Märchen der Meritokratie lautet, dass man sich die Mitgliedschaft durch Mühe allein verdient … Abgesehen von diesem Widerspruch ist das größte Problem der aufstrebenden Klasse ihr moralisierendes Beharren darauf, dass sich alle Amerikaner gleich engagiert für die Bedürfnisse einsetzen, die ihnen am Herzen liegen. Dass viele das nicht tun oder andere Bedürfnisse äußern (regelmäßiges Gehalt, Kinderbetreuung, bezahlbare Gesundheitsvorsorge, bestimmte 'unverletzliche' Rechte oder religiöse Werte), erklärt teilweise, wie aus kulturellen Unterschieden Kulturkämpfe entstehen."

A2larm (Tschechien), 14.07.2021

Das Magazin A2 veröffentlicht in diesem Sommer ein interessantes dickes Doppelheft zum Thema "Slawen", in dem laut Editorial die Kritik an "aufgeblähtem und gehässig identitärem Slawentum" überwiege, "wir aber auch die inspirierenden Momente und emanzipativen Aspekte nicht vernachlässigen wollen". Leider sind die meisten Artikel kostenpflichtig verlinkt, aber das kooperierende Nachrichtenportal A2larm.cz schaltet einen Beitrag des Historikers Jakub Rákosník frei, der einen historischen Überblick über das Verhältnis der Tschechen zum Slawentum bietet. Die meisten Tschechen seien von der Grundschule an von den "Alten böhmischen Sagen" des Schriftstellers Alois Jirásek beeinflusst und hätten eher nicht im Kopf, dass das "Slawentum" eigentlich im 18. Jahrhundert von Johann Gottfried Herder "erfunden" wurde, ausgerechnet einem Deutscher. Schon vorher habe man natürlich in der Wissenschaft den Zusammenhang zwischen den slawischen Sprachen gesehen. Im 19. Jahrhundert sei für die slawischen Länder an den Grenzen des Habsburger Reiches der austroslawistische Gedanke eher attraktiver gewesen als ein panslawistisches Konzept. Eine Annäherung ans großrussische Imperium habe sich, so Rákosník, immer nur in Notsituationen als Verteidigungstaktik gegen Deutschtum oder Austriazismus ergeben. Entsprechend in den beiden Weltkriegen: "Die kleineren slawischen Nationen Mitteleuropas wurden aus Angst vor den Folgen des deutschen Expansionismus in die russischen/sowjetischen Arme getrieben." Für einen Panslawismus sieht Rákosník auch heute keine Grundlage: "In der Pluralität der Identifikationen, die sich den Tschechen historisch anbieten, spielt das Slawentum auch weiterhin nur eine marginale Rolle. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich das in naher Zukunft ändert. (…) Die heutigen Versuche, die slawische Karte gegen die europäische Integration auszuspielen, bewegen sich an der Grenze zur politischen Marginalität und bieten höchstens für Fernsehkameras eine gewisse attraktive Extravaganz."
Anzeige
Archiv: A2larm

Dissent (USA), 19.07.2021

"Die neue Begeisterung der Linken, böse Bücher aus den Regalen zu nehmen, ist fatal. Es ist im Interesse aller, aber vor allem im Interesse der Linken, einen möglichst breiten Diskurs zu führen", warnt Katha Pollit, nachdem Verlage oder Buchhändler mehrere Bücher gecancelt haben - wie Blake Baileys Philip-Roth-Biografie, Woody Allens Memoiren, "When Harry Became Sally" oder frühe Kinderbücher von Dr. Seuss. Viele Positionen der Linken werden vom größten Teil der Amerikaner abgelehnt, erinnert Pollit. Aber sie dürfen sie zur Diskussion stellen. Das könnte sich ganz schnell ändern, wenn das Canceln sich plötzlich gegen Linke richtet: "Die libertäre Strömung in der amerikanischen Kultur wird zu Recht für viele unserer Probleme verantwortlich gemacht. Aber sie hat auch eine positive Seite. Sie erlaubt es Menschen, die Abtreibung für moralisch falsch halten, zu glauben, dass Frauen dennoch ihre eigene Entscheidung treffen können sollten, und sie erlaubt es Menschen, die Atheisten (oder jeden mit einer anderen Religion) verachten, sich dem religiösen Zwang und sogar der Kriegsführung zu widersetzen, die in anderen Teilen der Welt üblich sind. Ihretwegen können sich amerikanische Sozialisten einen Sozialismus vorzustellen, der persönliche Freiheiten bewahrt, einschließlich der Redefreiheit. Die Frage ist, wie immer, wer entscheidet, was erlaubt ist und was jenseits von gut und böse ist. Und wer, wie das lateinische Sprichwort sagt, die Wächter bewacht. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Verantwortlichen so denken wie man selbst, aber die Geschichte der Bücherverbote in den westlichen Demokratien legt etwas anderes nahe."
Archiv: Dissent
Stichwörter: Cancel Culture, Abtreibung

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.07.2021

Vor sieben Jahren wurde in Budapest das "Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung" aufgestellt. Die Soziolinguistin Ágnes Huszár (Universität Pécs) erinnert an die damit verbundene Kontroverse: "In dem Mahnmal wurde die Einheit des Inhalts und der Form verwirklicht. Der lügnerische Inhalt erhielt eine kitschig-horrorhafte, erschreckende Form. Die in ihm formulierte Lüge - dass für den Massenmord der ungarischen Juden ausschließlich die Deutschen verantwortlich wären - verkünden seitdem die Mitglieder der Regierung und ihre Medien. Beim diesjährigen Gedenktag der ungarischen Opfer des Holocaust sprach im Namen der Regierung auch die Justizministerin: Welche tragischen Konsequenzen es hat, wenn eine Nation ihre Freiheit verliert, wird sie zitiert, obgleich sie auch die Präambel der Verfassung hätte zitieren können. (...) Die Übermalung der historischen Erinnerung, die lügnerische Selbstbestätigung nehmen jene Menschen nicht hin, die sich seit sieben Jahren und so auch jetzt wieder am Freiheitsplatz versammelten und die 'Gruppe des lebendigen Mahnmals' bildeten."

Harper's Magazine (USA), 19.07.2021

Bevor Gewerkschaften in einem amerikanischen Betrieb tätig werden dürfen, muss die Mehrheit der Belegschaft dem zugestimmt haben. Vor diesen Abstimmungen finden in den jeweilen Betrieben heftige Wahlkämpfe statt: Gewerkschaften schicken Organiser in die Stadt, die Konzerne halten mit Überwachungskameras, "Fortbildungskursen" und Kampagnen ("Unions can't, we can.") dagegen. Daniel Brook erzählt in einer lehrreichen Reportage von dem fast schon historischen Kampf in Bessemer in Alabama aus diesem Frühjahr, mit einem bewundernswert vielschichtigen Protagonisten und bitteren Pointen: "Als Amazon 2018 beschloss, auf einem Gelände in Bessemer, das einst U.S. Steel gehört hatte, ein Logistikzentrum zu errichten, war die Stadt am Boden. Die Armutsrate lag bei 30 Prozent, der Median für Häuserpreise stand bei 86.500 Dollar. Um den Handel perfekt zu machen, ließ sich die Stadt auf große Konzessionen ein: Sie würde in dem Lager die einprozentige Einkommenssteuer erheben, davon aber 50 bis 65 Prozent an Amazon zurückzahlen, je nach dem wie viele Menschen das Unternehmen einstellte. Das Lieferzentrum nahm im März 2020 den Betrieb auf, genau zu dem Zeitpunkt also, da die Pandemie den Online-Handel in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Um schnell expandieren zu können, stellte Amazon eine Belegschaft zusammen, die in großer Mehrheit schwarz war, obwohl eine solche Homogenität nach Einschätzung des Konzerns selbst die Wahrscheinlichkeit der Gewerkschaftsbildung erhöhen könnte. Wie der Business Insider berichtet hatte, zeigten Dokumente von Amazons Biokette 'Whole Foods', dass das Unternehmen das Potenzial zur gewerkschaftlichen Organisierung in seinen Läden mit einer Heatmap-App einschätzt, die unter anderem das Maß der Diversität am Arbeitsplatz misst. Arbeitsstätten, die einen hohen Diversitätsindex aufweisen werden als weniger gewerkschaftsanfällig eingeschätzt, vermutlich weil Solidarität oft an ethnischen Grenzen oder bei der Hautfarbe aufhört."

Unherd (UK), 13.07.2021

Der radikale Islamismus, wie ihn der IS verkörpert, die Taliban oder das Mullah-Regime in Teheran wird heute von den meisten Muslimen wegen seiner Brutalität abgelehnt, schreibt Ayaan Hirsi Ali. Um davon abzulenken, wenden die Islamisten im Westen eine neue Taktik an, erklärt sie: Dawa, die Missionierung mit politischen Mitteln. Um dieses Konzept durchzusetzen, sprechen die Islamisten jetzt auch "woke": "Der islamistische Präsident der Türkei, Erdogan, mag eines der brutalsten und repressivsten Regime der Welt führen, aber das hat Ilhan Omar, die demokratische Kongressabgeordnete aus Minnesota, nicht davon abgehalten, ihre Unterstützung für ihn zu bekunden. Zweifellos wurde sie dazu letztes Jahr inspiriert, als Erdogan verkündete, dass 'soziale Gerechtigkeit in unserem Buch steht' und dass 'die Türkei die größte Chance für westliche Länder im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, kulturellen Rassismus und Extremismus ist'. Erdogan bediente sich in der Tat explizit progressiver Rhetorik. Es ist ein Schritt, der seitdem im Iran gespiegelt wurde. Die Teheran Times - die sich selbst als 'laute Stimme der islamischen Revolution' bezeichnet - griff kürzlich den ehemaligen US-Außenminister Mike Pompeo für seine 'tief verwurzelte Islamophobie' an. Und im März lobte der iranische Außenminister Zarif 'die Entschlossenheit der islamischen Länder, die Islamophobie als eine der größten Herausforderungen für die islamische Ummah [Gemeinschaft im Westen] anzugehen'. Mit anderen Worten: Die Islamisten werden immer geschickter darin, sich in einen Mantel aus wohlklingenden Worten zu hüllen, während sie in ihren eigenen Ländern systematische Brutalität und Unterdrückung betreiben."
Archiv: Unherd

New Frame (Südafrika), 15.07.2021

Die Unruhen in Südafrika waren hier angesichts von Corona, Baerbock-Gate und Hochwasser nur ein Randthema - aber sie waren das gewalttätigste Ereignis seit dem Ende der Apartheid. Angehörige des Zulu-Ethnie protestierten und plünderten Geschäfte, weil der korrupte ehemalige Präsident Jacob Zuma ins Gefängnis muss. Die ethnischen Hintergründe der Proteste wurden in deutschen Artikeln wenig benannt. Der südafrikanisch-indische Autor Niren Tolsi stellt sie in den historischen Kontext - denn Aufstände von Zulus, richteten sich in der Geschichte und auch heute vor allem gegen die indischstämmige Community, die als Sündenbock für alles herhalten müssen. "Es ist ein ethnischer Konflikt, dem die Regierung mit ihren versagenden Informationssystemen erst jetzt Aufmerksamkeit widmet, Teil eines größeren Konflikts, dessen Glut von einigen Leuten, darunter Jacob Zumas Tochter Duduzile Zuma-Sambudla und ihr Zwillingsbruder Duduzane in den sozialen Medien eifrig geschürt wurde. Ein ethnischer Konflikt, der schon seit Jahren von der 'anti-indischen' Demagogie von Leuten wie Julius Malema, dem Anführer der 'Economic Freedom Fighters' (EFF) angeheizt wird."
Archiv: New Frame

Africa is a Country (USA), 15.07.2021

Wenn man die Kameralinse in die entgegengesetzte Richtung dreht, sieht es allerdings nicht besser aus. Mohammed Jameel Abdulla beschreibt, wie ein indischstämmiger Mann aus seinem Haus vertrieben wird. Aber dann auch dies: "Bewaffnete indische und weiße Milizen fahren herum und erschießen afrikanische Menschen, die sie für Plünderer halten. Sie jagen sie, während sie bösartige Videos aufnehmen, und schlagen sie mit Sjamboks, während die Person um ihr Leben betteln. Diese Videos werden immer wieder in den sozialen Medien geteilt und angeschaut. Die rassistisch aufgegeilten Zuschauer haben ihren Spaß, wenn eine rassische Gruppe die andere leiden und bluten sieht." Sehr lesenswert auch Kenan Maliks Observer-Kolumne zu Südafrika.
Stichwörter: Südafrika, Soziale Medien

Time (USA), 07.07.2021

Simon Shuster berichtet von Dokumenten, die Pläne des amerikanischen Unternehmers und Gründers der Söldnerfirma Blackwater Erik Prince offenbaren, in der Ukraine eine private Armee aufzubauen: "Der Bericht über Princes Ambitionen in der Ukraine gründet auf Interviews mit sieben Quellen, darunter jetzige und ehemalige US- und ukrainische Beamte und Personen, die unmittelbar mit Prince zusammengearbeitet haben, um seine Pläne in der Ukraine umzusetzen. Diese Pläne wurden von vier der Quellen auf beiden Seiten bestätigt. Die Dokumente beziehen sich auf eine Reihe von Vorhaben, die Prince zu einer zentralen Figur in der ukrainischen Militärindustrie und im anhaltenden Konflikt mit Russland machen würden. Die Dokumente beziehen sich auf mehrere bisher nicht bekannte Vorhaben, die Prince sich von der ukrainischen Regierung genehmigen lassen wollte, darunter eine private Armee aus Veteranen des Krieges in der Ostukraine, eine Munitionsfabrik sowie die Zusammenführung der ukrainischen Luft- und Raumfahrtunternehmen zu einem Konsortium, das in einer Liga mit Boeing und Airbus spielen könnte. Zumindest eins der Angebote an die Ukraine scheint mit den geopolitischen Interessen der USA komform zu gehen. Wie das Wall Street Journal erstmals im November 2019 berichtete, konkurriert Prince mit einem chinesischen Unternehmen um den Kauf einer ukrainischen Fabrik namens Motor Sich, die Flugzeugmotoren herstellt. China wollte die Triebwerke für seine Luftwaffe. Die USA bitten die Ukraine seit langem, dem Verkauf an China nicht zuzustimmen. Prince trat als amerikanische Alternative in Erscheinung und bot an, die Fabrik aus den Fängen Chinas zu retten." Allerdings gibt es in der Ukraine Vorbehalte gegen die Zusammenarbeit mit Prince. Einer seiner engsten Partner vor Ort wird der Spionage für Russland bezichtigt.
Archiv: Time
Stichwörter: Prince, Eric, Ukraine

Hakai (Kanada), 13.07.2021

Wenn in dem abgelegenen Ort Vāsco Da Gāma an der Küste des touristisch ansonsten gut erschlossenen indischen Staats Goa Regen fällt, ist das Wasser schwarz, berichtet Disha Shetty. Der Grund: der nahe Kohleabbau. Während weltweit Pläne für den Kohleausstieg geschmiedet werden, sieht die Zukunft für die Region eher noch buchstäblich schwärzer aus: In den nächsten 15 Jahren könnte sich die Menge an abgebauter Kohle noch um ein Vielfaches ansteigen, legt ein Bericht der Regierung nahe. "Dieser Bedarf könnte von der Stahlindustrie herrühren", die bei ihrem Fertigungsprozess Kohle verbrennt, schreibt Shetty. "'Die Rolle der Regierung besteht derzeit darin, private Profite zulasten nationaler Ressourcen zu vermitteln', sagt Abhijeet Prabhudesai, Mitbegründer der Protestgruppe Goyant Kollso Naka ('Wir wollen keine Kohle in Goa'). 'Sie scheint nicht den geringsten Ansporn zu haben, den Klimawandel zu bekämpfen.' Er behauptet, dass die entwickelten Industrienationen bei sich zuhause zwar keine Kohle mehr verbrennen wollen, aber eifrig Stahl importieren, der in anderen Ländern wie Indien durch Kohleverbrennung aus Eisenerz gewonnen wird - und die Regierung ermögliche dies. 'Unsere Ressourcen gehen dahin und was uns bleibt ist Umweltverschmutzung und Zerstörung', sagt er. ... Die Regierung argumentiert, dass Kohle essenziell für die Entwicklung Goas sei. Das nimmt ihr auch Gabriel Coutinho, der Gemeindepfarrer von Vāscos Kirche Heiliger Andreas, nicht ab. Bei seinen Hausbesuchen in Vāsco treffe er häufig Leute mit Lungenkrankheiten und Atemproblemen, sagt er. Und trotz der ständigen Kohleimporte habe er in den letzten 20 Jahren keine Anzeichen für eine Entwicklung der Region beobachten können. Er zweifelt an der Weitsicht einer solchen Entwicklung, die jene Kosten nicht berücksichtigt, die mit dem Verfall der allgemeinen Gesundheit einhergehen."
Archiv: Hakai

New York Times (USA), 17.07.2021

Elaine Sciolino porträtiert die Kunstexpertin Emmanuelle Polack, die sich im Louvre um die verbliebenen geraubten Kunstwerke kümmert: "Im März stellte der Louvre einen Katalog seiner gesamten Sammlung online - fast eine halbe Million Kunstwerke. Es gibt eine separate Kategorie für eine Mini-Sammlung von mehr als 1.700 gestohlenen Kunstwerken, die nach dem Zweiten Weltkrieges nach Frankreich zurückgebracht wurden und die das Museum immer noch besitzt, weil sich keine rechtmäßigen Besitzer gemeldet haben. Andere französische Museen besitzen mehrere hundert weitere Werke. Ihr Vorhandensein ist immer noch eine Peinlichkeit für Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden etwa 61.000 gestohlene Gemälde, Skulpturen und andere Kunstwerke zurückgegeben; die Nachkriegsregierung übergab 45.000 von ihnen rasch an Überlebende und Erben, verkaufte aber Tausende weitere und behielt den Erlös."

Außerdem in der New York Times: Abdi Latif Dahir stellt neue afrikanische Literaturzeitschriften vor.
Stichwörter: Louvre, Raubkunst

Quietus (UK), 13.07.2021

Heute kennt man den britischen Autor Stephen Thrower vor allem als Filmhistoriker und Spezialist für abseitige filmische Themen. Für eine Weile in den 80ern spielte er aber auch in der stilbildenden Post-Punk/Industrial-Band Coil mit, über die er anlässlich der Wiederveröffentlichung des Albums "Love's Secret Domain" zum 30-jährigen Jubiläum ausführlich spricht. Die kommerzielle Popwelt hatte damals wenig Interesse an ihnen, erinnert er sich: "Wir waren zu offensichtlich schwul. Unsere Sexualität war eine klarer und präsenter Faktor in unserer Ästhetik, in unserer Musik und in unserem Stil war - insofern war Coil eine seltene Band. Damals steckten nahezu alle schwulen Musiker entweder noch völlig im Schrank oder waren, nun ja, sehr zurückhaltend, was das Thema betrifft. ... Eine Sache, die insbesondere Geff - Sleazy wohl eher nicht so, denke ich - ziemlich nervte, war, dass die schwule Presse von uns kaum einmal Notiz nahm. Es entsprach wirklich dem Klischee: Wenn Du Discohasen- oder House-Musik spielst, dann wurde in der schwulen Presse über Dich vielleicht berichtet. Aber wenn Du nichts spieltest, was dieser ziemlich oberflächlichen Ästhetik entsprach, die damals in der schwulen Musik einfach üblich war, dann würdigten sie Dich keines Blickes. ... Man würde ja denken, dass der politische Akt, eine Single wie 'Tainted Love' zu veröffentlichen, deren Erlöse 1985 an den Terrence Higgins Trust ging, zu mehr Respekt und Anerkennung führen würde. Aber dem war nicht so. Für diese Welt waren wir nahezu unsichtbar, zumindest in der geschrieben Form. Sicher hatten wir schwule Fans, die die schwule Presse nicht brauchten, um sich sagen zu lassen, für was sie sich interessieren sollten. Aber es stimmt schon, die schwule Presse damals war einfach ziemlich konservativ, was ihren Blick auf Musik betrifft." Hier die ziemlich düstere Coverversion des Soulklassikers "Tainted Love", in der wirklich der Schmerz einer ganzen Generation steckt:

Archiv: Quietus
Stichwörter: Thrower, Stephen, 80er, Coil, Queer

New Yorker (USA), 26.07.2021

Rachel Aviv erzählt im New Yorker die Geschichte von Marco, der noch 1988 im Alter von fünf Jahren zu einem pädophilen Pflegevater, dem Ingenieur Fritz Henkel, gegeben wurde. Das Konzept, verwahrloste Jugendliche bei Pädophilen unterzubringen, war von dem renommierten Sexualpädagogen Helmut Kentler in den Siebzigern entwickelt und vom Berliner Senat gebilligt worden (mehr dazu auch in der FAZ). Marco lebte bis weit in seine Zwanziger mit seinem Pflegevater und anderen Jungen, die ebenfalls sexuell missbraucht wurden, zusammen. Die Geschichte, die Aviv ganz nüchtern und ohne moralisierenden Unterton erzählt, ist wirklich unglaublich. Heute wohnt Marco bei seiner Freundin, mit der er ein Kind hat, und versucht, ein ganzer Mensch zu werden. Dabei geholfen hat ihm auch eine Fotografin, die ihn für einige Zeit als Fotomodell fotografiert hat: "Die Arbeit als Model inspirierte ihn dazu, sich die Haare kürzen zu lassen. Im Friseursalon schnitt ihm eine glamouröse Frau mit einer fröhlichen Ausstrahlung, die ich Emma nenne, die Haare. Marco neigt dazu, sein Aussehen für die entscheidenden Ereignisse in seinem Leben verantwortlich zu machen: Er glaubt, dass es der Grund dafür war, dass Henkel ihn auswählte - viele von Henkels Söhnen hatten dunkle Haare und Augen - und, zwanzig Jahre später, die Erklärung für seine erste ernsthafte Beziehung ist. 'Ich war hübsch, und sie hat mich nicht verlassen', erzählte er mir von Emma. Er fügte hinzu, nur teilweise scherzhaft: 'Manche Frauen stehen einfach auf Arschloch-Typen, und ich war einer dieser Arschloch-Typen.' Zuerst war er gegen eine Beziehung, aber allmählich fand er Emmas Hingabe überzeugend. Mehr als einmal schlief sie vor seiner Wohnungstür. 'Ich habe gemerkt, dass sie mich wirklich liebt, und dass es im Leben wahrscheinlich nur einen Menschen gibt, der wirklich für dich kämpft', sagte er. Er versuchte, seine antisozialen Impulse abzustumpfen, indem er sich daran erinnerte, dass sie nicht angeboren waren, sondern durch seine Erziehung konditioniert worden waren. 'Ich habe mich sozusagen umprogrammiert', sagte er. 'Ich habe versucht, mich selbst neu zu erziehen.'"

Außerdem: Masha Gessen porträtiert die unglaublich mutige Juristin, Politikerin und Nawalny-Mitarbeiterin Lyubow Sobol.
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 16.07.2021

Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht Regisseur Kornél Mundruczó u.a. über seinen neuen Film "Evolution", der dieses Jahr in der Sektion "Cannes Premières" gezeigt wurde. "Wir behielten die dreiteilige Struktur mit den polnischen, Budapester und Berliner Schauplätzen bei. Der erste Teil spielt im Januar 1945 in Birkenau, als das polnische Rote Kreuz anfängt in den Todeslager die Überlebenden einzusammeln. Der zweite Teil spielt 2013 in Budapest, der dritte in einer nicht so fernen postpandemischen Zukunft in Berlin. Es kein gängiges filmisches Narrativ, wonach wir drei ziemlich gleich lange Teile aus unterschiedlichen Epochen sehen, die über Sickerströmungen doch zusammenhängen. Mit 'Evolution' möchten wir ein über Generationen reichendes Problem zeigen, sowohl über die Aufarbeitung von Traumata, als auch über den Hass. (...) Wir wollten keinen Holocaustfilm machen, sondern einen Film über Identität im Wandel, darüber, was wir in uns tragen und was wir weitergeben."
Archiv: HVG

The Atlantic (USA), 20.07.2021

Der uigurische Dichter Tahir Hamut Izgil floh 2017 mit seiner Familie aus China in die USA. In Atlantic stellt der Übersetzer Joshua L. Freeman ihn vor und erzählt, wie er Izgil in China kennenlernte. Dann übergibt er ihm das Wort: Izgil erzählt, dass er und seine Frau schon lange überlegt hatten, China zu verlassen, als sie auf dem Weg ins Wochenende angerufen und aufgefordert wurden, auf die Polizeistation zu kommen und ihre Fingerabdrücke abzugeben. "Die Antragsformulare mussten vom stellvertretenden Chef der Polizeiwache für nationale Sicherheit unterschrieben werden. Als ich in seinem Flur stand, sagte mir ein Han-Polizist, ich solle warten, da der stellvertretende Chef im Keller jemanden befragen würde. Ich nahm auf einer Eisenbank im Korridor Platz. Bald hörte ich die Stimme eines Mannes, der jämmerlich schrie. Ich schauderte. Der diensthabende Beamte eilte herbei und schloss die Metalltür, die in den Keller führte. Normalerweise hatten Treppenhäuser keine solchen Türen. Es war klar, dass diese Polizeistation einen Verhörraum eingerichtet hatte. Nun mussten meine Frau und ich durch diese Metalltür gehen ... Güljan, von unserem Nachbarschaftskomitee, wartete auf uns. Sie ließ uns ein Register unterschreiben. Zusätzlich zu unseren Fingerabdrücken sagte sie nun, dass sie auch Blutproben, Stimmproben und Gesichtsbilder nehmen würden. Meine Frau schaute mich ängstlich an. Fast alle, die ich aus dem Arbeitslager kannte, in dem ich zwei Jahrzehnte zuvor inhaftiert gewesen war, waren bereits wieder verhaftet worden. Ich würde offensichtlich bald an der Reihe sein."
Archiv: The Atlantic