9punkt - Die Debattenrundschau

In den falschen Händen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2020. In der taz erklärt die Richterin Nancy Poser, warum sie wegen der Triage-Leitlinien der Ärzteschaft Verfassungsbeschwerde eingelegt hat. Hanser und dtv ziehen ein Buch, das seit 2002 auf dem Markt war, auf Druck zweier feministischer Blogs aus dem Handel zurück, berichtet das Börsenblatt. BDS ist sehr wohl antisemitisch insistiert die FAZ. Wer BDS fördert, stellt sich gegen die große Mehrheit der Juden, für die Israel Zuflucht bleibt, sagt Alex Feuerherdt bei den Ruhrbaronen. Ratlos steht die NZZ vor dem Berliner Stadtschloss.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Verlage Hanser und dtv haben Robert Greenes Buch "24 Gesetze der Verführung" nach Druck vom Instagram-Konto der Radiosendung "Schwester Suffragette" und des Blogs Feministisches Lesen (hier) aus dem Programm genommen, berichtet Charline Vorherr bei boersenblatt.de. Das Buch gebe Anleitungen zu psychischer Manipulation, sagen die Blogs und zitieren Sätze wie "Schüren Sie Angst und Unzufriedenheit [...] Angespannte Disharmonie müssen Sie dem Geist Ihres Opfers einpflanzen." Die Verlage veröffentlichen eine Erklärung zu dem 2002 zuerst veröffentlichten Buch, wo "Ansprachen im Ton eines Ratgebers" zwischengeschaltet seien. "Das war als Spiel mit der Form gemeint, das Buch wurde wohlwollend aufgenommen." Man reagiere auf eine heute gestiegene Sensibilität. Vorherr kommentiert: "Für die Buchbranche wirft diese Debatte Fragen auf. Ein weiterer Baustein der verschrienen 'Cancel Culture' oder doch eher ein wichtiger Schritt in Richtung einer internen Reflexion? Muss alles veröffentlicht werden, was gesetzlich erlaubt ist? Muss alles weiter verlegt werden, was in der Vergangenheit in Ordnung war und mit der gesellschaftlichen Weiterentwicklung nicht mehr in Ordnung ist und eigentlich noch nie war? Und welchen potenziellen Schaden können Bücher eigentlich anrichten, wenn sie in die falschen Hände geraten?" Hier finden wir noch eine Leseprobe des Buchs als pdf-Dokument.

Amazon ist ein Hotspot für Coronaleugner und QAnon-Anhänger geworden, berichtet Mark Scott bei politico.eu - Hunderte von Selfpublishing-Büchern werden dort publiziert und in den Kommentaren laut gefeiert: "2020 wurde vor allem bei Google, Facebook und Twitter Desinformation über Covid-19 und QAnon beobachtet. Aber da diese Plattformen Schritte unternommen haben, um solches Material zu entfernen, haben Online-Nutzer ihren Fokus auf weniger kontrollierte Teile des Webs verlagert, um Verschwörungstheorien unter ihrem Publikum zu verbreiten. Die hat heikle Fragen über Veröffentlichungsfreiheit aufgenommen, wo Inhalt zwar anstößig, aber nicht gesetzwidrig ist. Die Frage ist auch, ob Tech-Unternehmen gegen Material vorgehen sollten, das politische Spaltungen fördert oder medizinische Antworten auf die globale Pandemie untergräbt."

In der FAZ porträtiert Melanie Mühl den Palästinenser Osama Abu El Hosna, der beim Wiener Terroranschlag einen verletzten Polizisten rettete und daraufhin als Held gefeiert wurde: "2019 war Osama Abu El Hosna noch kein nationaler Held, sondern ein Flüchtling, der acht Jahre zuvor mit seiner Familie aus dem vom Terror gebeutelten Gazastreifen nach Österreich geflohen war. 'Meine zweite Heimat', nennt er das Land im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch Weikendorfs Bürgermeister Johann Zimmermann (ÖVP) interessierten El Hosnas Heimatgefühle offenbar wenig, denn als die Familie vergangenes Jahr in seiner Ortschaft ein Haus kaufen wollte, versuchte er das zu verhindern. Die El Hosnas waren in Weikendorf unerwünscht. Zimmermanns Begründung gegenüber der Grundverkehrsbehörde: Die unterschiedlichen Kulturkreise der islamischen und westlichen Welt lägen in ihren Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen weit auseinander."

Im Interview mit der taz erklärt die Richterin Nancy Poser, warum sie wegen der Triage-Leitlinien der Ärzteschaft Verfassungsbeschwerde eingelegt hat: "Für mich kommt da nur das Prioritätsprinzip infrage: Wer zuerst kommt, bekommt den Platz. Oder das Randomisierungsprinzip", die Entscheidung nach Zufall. "Es ist nicht befriedigend, gerade für Ärzte. Aber es geht hier auch nicht nur um sie. Die Situation ist für alle unbefriedigend, die im Zweifel sterben müssen. Wenn ich aussortiert werde, weil kein Gerät mehr da ist, ist das schlimm, keine Frage. Aber wenn das Gerät jemand anderes bekommt, weil der fitter ist und ich behindert bin, nimmt man mir meine Menschenwürde."
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Ideen

BDS ist nur eine "Maus", ganz unbedeutend und ungefährlich, wie Hanno Loewy gestern in der FAZ behauptet hat (unser Resümee)? Absurd, findet Thomas Thiel dort heute. BDS will schlicht die Zerstörung des Staates Israel: "Das geht klar aus ihrer Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge einschließlich deren Nachkommen hervor, was angesichts der Zahlenverhältnisse das Ende des Staates Israel bedeuten würde. Das ist den Führern der Bewegung bewusst, die von Israel explizit die Aufgabe seiner Staatsgrenzen - und nicht nur der besetzten Gebiete - fordern und vielfach Kontakte in terroristische Kreise unterhalten, die Juden ins Meer treiben wollen. Man darf von den Vertretern der 'Weltoffenheit'-Initiative, die sich aus großen Kulturinstitutionen zusammensetzt, so viel Weltoffenheit erwarten, diesen Kontext im Blick zu haben und wissen zu wollen, mit wem sie das Gespräch suchen."

"Wenn die BDS-Bewegung behauptet, sie richte sich nicht gegen Juden, dann geht sie dabei über die große Mehrheit der heute lebenden Juden hinweg, in deren Selbstverständnis Israel eine große Bedeutung zukommt", sagt Alex Feuerherdt, Autor eines Buchs über die BDS-Bewegung im Interview mit Stefan Laurtin von den Ruhrbaronen. "Und weil die Israel-Boykotteure Zionismus grundsätzlich für verbrecherisch halten, richtet sich ihr Hass zwangsläufig auch gegen den überwältigenden Großteil der Juden außerhalb Israels, sofern diese nicht bereit sind, sich von ihrem Verständnis des Judentums zu verabschieden."
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Kulturpolitik

Ratlos wie die meisten steht NZZ-Kritikerin Claudia Schwartz vor dem wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss und fragt sich, was das soll. Hier die völlig rückwärtsgewandte Architektur, die die Geschichte gleich zwei mal auslöscht, dort ein Anspruch auf Weltläufigkeit, der mit den Rückgabforderungen ethnischer Artefakte schon wieder gefährdet ist. Zwar stelle Generalintendant Hartmut Dorgerloh "eine 'kreative und unerschrockene' Bespielung in Aussicht stellt. Davon zu spüren war allerdings wenig bei der vor Harmlosigkeit triefenden digitalen Eröffnung zwischen Multikulti-Grußworten und einer Kulturbeauftragten der Bundesregierung, die in der 'Annäherung an das Fremde' nochmals 'eine Vision' hochhalten möchte. In Wirklichkeit haben sich die Deutschen seit der Flüchtlingswelle von 2015 so intensiv an das Fremde angenähert wie vermutlich nie zuvor, die Problematik ist im politischen Alltag omnipräsent. Wer ruft da derzeit noch nach multiperspektivischen Visionen der Kunst zum Thema?"
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Europa

Die Bundesregierung hat es in ihrem EU-Ratsvorsitz veräumt, europäische Strukturen zur Bekämpfung des Rechtsterrorismus zu stärken, schreibt Matthias Monroy in Netzpolitik. Nur im Internet würden Umtriebe ein wenig stärker beobachtet: "Europol plant auch ansonsten keine neuen Strukturen zur Verfolgung des gewaltbereiten Rechtsextremismus und -terrorismus. Die Polizeiagentur hat zu verschiedenen Kriminalitätsbereichen sogenannte Analyseprojekte eingerichtet, in denen jeweils auch einschlägige Dateien geführt werden. Für islamistisch motivierte Aktivitäten existieren gleich zwei solcher Analyseprojekte. Die rechten Aktivitäten werden hingegen weiter in der Datei 'Dolphin' gesammelt, in der - mit Ausnahme des islamistischen Terrorismus - Straftaten sämtlicher politisch motivierter Kriminalität gespeichert sind."

Toxisch nennt der Philosoph Florin George Calian in der NZZ die von Erdogan angeordnete Umwidmung der Hagia Sophia zur Feier Mehmeds II. in eine Moschee. Dass selbst einige christliche Geistliche das feiern, weil alles besser ist als Säkularismus, schreibt er fehlenden Geschichtskenntnissen zu: "Man muss es klipp und klar sagen: In einer Zeit, in der im Westen das öffentliche Gedenken zahlreicher historischer Persönlichkeiten als Sklaventreiber in Verruf geraten ist, lobt Erdogan eine historische Figur, die mindestens die Hälfte der Bevölkerung Konstantinopels zu Sklaven gemacht hat, einige sogar für den persönlichen Gebrauch. Laut Schätzungen gab es zwischen 1453 und 1700 insgesamt 2,5 Millionen Sklaven in der Stadt, was zuzeiten fast 20 Prozent der Stadtbevölkerung entsprach. Erst 1846 wurde Istanbuls zentraler Sklavenmarkt geschlossen."
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