9punkt - Die Debattenrundschau

Diese normativen Dilemmata

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2021. Der afghanisch-amerikanische Autor Tamim Ansary begründet in Zeit online, warum er überhaupt nicht an die "Taliban-Chimäre" glauben will und auf Widerstand hofft. Juli Zeh in der Welt und Anne Applebaum im Atlantic erklären, warum sie Joe Bidens Maxime "Not our tragedy" nicht folgen wollen. Andere Autoren wie Ebrahim Afsah in der NZZ sind pessimistisch. Für sie ist auch die Idee, die "Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen", nunmehr gescheitert. Die taz porträtiert den AfD-Politiker Waldemar Herdt, der den brasilianschen Evangelikalismus importieren will.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2021 finden Sie hier

Politik

Der Abzug mag eine finstere Blamage sein, aber der Afghanistaneinsatz selbst war nicht gescheitert, insistiert Silke Mertins in der taz: "Das Afghanistan von heute ist nicht mehr vergleichbar mit dem von 2001. Die afghanische Gesellschaft hat weithin sichtbare Politikerinnen, Rechtsanwältinnen und Journalistinnen erlebt, Menschenrechtsaktivist*innen und halbwegs demokratische Wahlen. Es hat bisher Orte relativer Freiheit gegeben, eine weibliche Fußballnationalmannschaft und Medienvielfalt. All das ist nicht nichts. Gerade die jüngeren Afghan*innen haben in den zwei Jahrzehnten eine Vorstellung davon bekommen, wer sie sein könnten und welches Potenzial ihr Land hat."

Ähnlich sieht das auch die Schriftstellerin Juli Zeh, die in der Welt fragt, wer sich eigentlich für dieses Potenzial interessiert hat. Bestimmt nicht die, die jetzt der amerikanischen und deutschen Regierung Versagen vorwerfen: "Statt sich darüber aufzuregen, auf welche Weise die Mission beendet wurde, könnte man erörtern, welcher Geist sie in den letzten Jahren geprägt hat. In den westlichen Demokratien ist eine regressive Tendenz zu beobachten, die meint, man könne internationale oder globale Probleme irgendwie auch zu Hause lösen. Mit den Worten Joe Bidens: Not our tragedy. Wenn wir ehrlich sind, drückt der amerikanische Präsident aus, was die meisten von uns heimlich denken. Nur dass in einer globalisierten Welt so ziemlich alles 'our tragedy' ist oder werden kann. Die Haltung 'Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass' ist gewiss bequem. Man fordert internationalen Frieden und weniger Flüchtlinge und ist gleichzeitig nicht zu echtem internationalen Engagement bereit. Der paradoxen Einstellung kommt zugute, dass sich unangenehme Fragen im Dauerwirbel der Aufmerksamkeitsspirale ganz gut verdrängen lassen. Aber Verdrängung löst eben keine Probleme, was sich derzeit in Afghanistan auf besonders hässliche Weise zeigt."

Kein Satz ist dümmer als der, dass es keine militärische Antwort auf ein Problem gebe, schreibt Anne Applebaum im Atlantic. Denn das Militär ist in Demokratien auch dazu da, Regimes wie dem der Taliban, denen nebenbei eine "militärische Lösung" serviert wurde, Grenzen zu setzen. Die Gegner dieser Erkenntnis schätzt sie so ein: "Sie tun so, als gäbe es immer friedliche Lösungen, die nicht in Betracht gezogen wurden, als gäbe es immer eine gewaltfreie Antwort, die irgendwie ignoriert wurde, und als sei die 'Solidarität' mit den Frauen in Afghanistan ohne physische Präsenz eine sinnvolle Idee. 'Haltet durch, Schwestern', schrieb der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis in einem Tweet, der den Fall des 'liberalen Neocon-Imperialismus' feierte und damit unabsichtlich zeigte, in welchem Wahn die Antikriegs-Linke lebt."

Im Interview mit der Literarischen Welt hält es der Historiker Heinrich August Winkler einerseits für blanke Selbsttäuschung zu glauben, man könne einem Land wie Afghanistan zur Demokratie verhelfen. Andererseits schilt er den Sonderweg Deutschlands, das lieber auf Moral setze als in der großen Politik mitzumischen: "Wir haben uns - schon in der alten Bundesrepublik - sehr daran gewöhnt, dass für die ganz große Politik der große Bruder in Amerika sowie die ehemaligen westeuropäischen Besatzungsmächte und späteren Verbündeten zuständig sind. Viele haben wohl geglaubt, durch einen mehr oder weniger konsequenten Pazifismus unserer militaristischen Vergangenheit entkommen zu können. Der Drang, Deutschland als ein Land mit einer höheren Moral zu präsentieren, als man sie den westlichen Verbündeten attestiert, hat etwas von einem neuen Nationalismus an sich. Was die Tendenz zur moralischen Selbstüberhöhung angeht, könnte man fast schon von einem neuen deutschen Sonderweg sprechen."

Für Reinhard Mohr (Welt) ist "der deutsche Bullerbü-Pazifismus" eher ein "Ohne-Michel-Reflex der Sorte 'Hauptsache, ich bin nicht schuld'", der mit einer provinziellen Verengung des Blicks einhergeht: "Von Mali und Mauretanien bis zum Sudan, von Somalia über den Jemen, den Maghreb und den Libanon, vom Irak über den Iran bis nach Afghanistan, Pakistan und Bangladesch führt ein gigantischer Krisenbogen durch die halbe Welt, aber wir starren aufs zentrale Mittelmeer, wo ein Bruchteil der noch zu erwartenden Flüchtlinge in Schlepperbooten Leib und Leben riskiert. Dort also soll sich 'unsere Schande' abspielen, so auch die Mehrheit der deutschen Medien, die sich im Übrigen so gut wie gar nicht um die Zustände in Venezuela, auf Kuba oder in Simbabwe scheren, dort also, wo seit Jahrzehnten sozialistische Machthaber ihr Volk ins Elend stürzen. Diese selektive Moral mag ideologische Gründe haben, aber letztlich ist sie Folge einer Realitätsverleugnung, in der sich das Weltgeschehen vornehmlich in der schuldaffinen Empfindsamkeit der deutschen Seele spiegelt."

Der afghanisch-amerikanische Autor Tamim Ansary (Autor einer "Globalgeschichte aus islamischer Sicht") begründet in Zeit online, warum er überhaupt nicht an "Taliban-Chimäre" glauben will: Ein paar tausend Marodeure versuchen, "ein Land mit 39 Millionen Einwohnern zu regieren. Von einem Hauptquartier aus in einer Stadt mit fünf bis zehn Millionen Einwohnern, von denen die meisten die Taliban und den Talibanismus hassen." Für Ansary kommt die Hoffnung aus dem Norden: "In Pandschir, einem nördlich von Kabul gelegenen Tal, formiert sich jetzt glaubwürdiger Widerstand. Einer seiner Anführer ist der Sohn des legendären Ahmad Schah Massoud. Massoud war der afghanisch-muslimische Guerillakommandant, der die Sowjets bekämpfte und wahrscheinlich mehr als jeder andere zum Sturz des Sowjetimperiums beigetragen hat. Er wurde zwei Tage vor dem 11. September von Al-Kaida ermordet. Sein Sohn Ahmad scheint mir heute der Richtige zu sein, er hat die Eloquenz und das Charisma seines Vaters geerbt."

Ebrahim Afsah, Professor für islamisches Recht an der Universität Wien, der jahrelang in Afghanistan gearbeitet hat, warnt dagegen in der NZZ, sich Illusionen zu machen. Wenn die Taliban obsiegen, dann auch, weil sie gewollt werden, meint er. Jene, die das in diesem Land nicht aushalten, werden flüchten. Und nebenbei ist auch die Idee, die "Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen", gescheitert: "Die Implosion der Kabuler Regierung zeigt, dass dies ein frommer Wunsch ist, eine problematische Präferenz, also ein Ziel, zu dessen Erreichung ein gangbarer Weg fehlt. Schlimmer, unseren Universitäten und Forschungseinrichtungen fehlt die intellektuelle Redlichkeit, diese schwierigen Fragen und normativen Dilemmata zu thematisieren. Hierzu gehört ausdrücklich auch eine kritische Beschäftigung mit dem problematischen Erbe der Religion."

Friederike Böge und Thomas Gutschker haben für die FAZ mit afghanischen und alliierten Offizieren gesprochen und ihnen die Frage gestellt, wie es zu einem derart widerstandslosen Sieg der Taliban kommen konnte. Als einen der Gründe definieren sie ein Gerücht, die Amerikaner hätten bei den von Donald Trump initiierten Verhandlungen mit den Taliban diesen das Land versprochen. Aber es gibt auch allgemeinere Faktoren: "In der afghanischen Bürgerkriegsgeschichte hat schon fast jeder mit und gegen jeden gekämpft. Die wichtigste Lehre, die die Gesellschaft daraus gezogen hat, ist, dass man am Ende eines jeden Krieges möglichst auf der Seite der Gewinner stehen muss. Aus dieser Sicht waren die vergangenen zwanzig Jahre eine Episode, in der alle sich in Richtung der westlichen Mächte orientierten, weil von dort das Geld kam und der Einfluss. Mit dem Abzug der westlichen Truppen haben sich die Spielregeln geändert."

Mena-watch.com bringt den Text eines ehemaligen amerikanischen Offiziers, der vom fruchtlosen Versuch, eine afghanische Armee aufzubauen, berichtet - unmöglich in einer Gesellschaft, die in Stämme zerfällt, schreibt er: "Es gibt kein Afghanistan. Unsere Unfähigkeit, dies zu verstehen, war die ganze Zeit das Problem. Das Volk, das wir fälschlicherweise als Afghanen bezeichnen, wird wieder zu dem, was es die ganze Zeit war, bevor wir von ihm verlangten, die gleichen politischen Verkleidungen anzunehmen, in die wir unser politisches System kleiden."

Viktor Jerofejew bekennt zwar in einem Text für die FAZ, dass er nicht an westliche Werte glaube, und er findet den Abzug den Amerikaner schändlicher als seinerzeit den der Russen. Aber die Amerikaner tun ihm leid. Und bald auch die Russen, denn er fürchtet, dass sich nun das "Krebsgeschwür des Terrors" ausbreitet: "Afghanistan wird vielleicht nicht sterben, aber es wird auf viele Jahre hinaus ein unglücklicher Leidgeprüfter bleiben. Und Doktor Westen wird ihm nicht helfen. Er ist bereits vor dem Patienten weggelaufen. Russland und China tun so, als sei der Krebs nicht bösartig, als handle es sich nur um eine 'Kinderkrankheit" der Staatswerdung. Greift aber die Krankheit auf das ehemals sowjetische Mittelasien über, wird Russland selbst in der Falle sitzen."

Außerdem: In der Literarischen Welt fordert Alice Schwarzer - wie kürzlich schon in der Emma - nur weibliche Flüchtlingen aus Afghanistan aufzunehmen.
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