Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2024. In der taz schildert Irina Scherbakowa von Memorial ihre Enttäuschung über die russische Öffentlichkeit und den Westen nach dem Einmarsch Putins in der Ukraine. In der Welt bezweifelt Anne Applebaum, dass es Netanjahu und Khamenei zu einem richtigen Krieg kommen lassen, beide seien zu sehr an ihrer persönlichen Macht interessiert. Tagesspiegel und taz recherchieren zu internationalen Netzwerken, die hinter "propalästinensischen" Aktivisten in Berlin stecken, Russland mischt auch mit. Und auch die Suhrkamp-Krise beschäftigt die Zeitungen weiter.
Nicholas Potter untersucht für die taz das Berliner MedienportalRed, das bei vielen linken Aktivisten beliebt sei. Es sticht vor allem mit krass antiisraelischen Videos hervor, war bei Uni-Besetzungen "propalästinensischer" Aktivisten zugegen, die für andere Medien gesperrt waren, und feierte den 7. Oktober als "prisonbreak" - und sehr vieles spricht dafür, dass enge, auch finanzielle Verbindungen zu Russland bestehen, bis hin zur Übernahme alter Russia-Today-Strukturen. "Die undurchsichtige Finanzstruktur von Red hat wohl auch Gründe: 'Russland betreibt eine Vielzahl 'verdeckt unterstützter Medien' und Red scheint auf den ersten Blick eine davon zu sein', sagt Florian Töpfl der taz. Er ist Professor an der Universität Passau und forscht zur ausländischen Medienstrategie Russlands. Seit Jahren versucht der Kreml, alles zu verstärken, was die liberale, westliche Demokratie destabilisiert. Im September analysierte die taz interne Papiere der russischen Propagandafabrik SDA, die mit Desinformation die deutsche Öffentlichkeit beeinflussen will. Teils seien solche Medien sogar mehrsprachig, sagt Töpfl. Dazu gehört auch das Portal Red, das inzwischen auch Artikel auf Spanisch oder Türkisch veröffentlicht."
Auch der Tagesspiegel recherchiert zu "propalästinensischen" Aktivisten. Julius Geiler und Claudia von Salzen kommen auf die Besetzung von Räumen der Humboldt-Universität im Mai zurück. Sie zeigen, dass die Aktivisten zum Teil keineswegs Studenten waren, sondern aus der verbotenen Organisation Samidoun kamen. Heute organisieren sie sich bei "Masar Badil", wie die Tagesspiegel-Autoren einem Dossier des Vereins "democ" entnehmen: "'Masar Badil' versucht den Recherchen von democ zufolge ... auch, in mehreren Ländern ein breites Bündnis zusammenzubringen, dessen gemeinsamer Nenner die Ablehnung Israels ist. Konferenzen fanden beispielsweise in Madrid, Brüssel und im kanadischen Ottawa statt. Für dieses Netzwerk veranstaltet 'MB' Online-Seminare und Videokonferenzen, in denen mehrfach Vertreter der Terrororganisation Hamas als Redner geladen wurden." Auf seiner Webseite stellt sich "democ" als "Zusammenschluss von Journalisten, Wissenschaftlern und Medienschaffenden vor, die gemeinsam demokratiefeindliche Bewegungen beobachten, dokumentieren und analysieren".
Die "propalästinensischen" Protestgruppen an der Columbia Universität in New York und anderen amerikanischen Unis radikalisieren sich immer weiter, stellt Frauke Steffens in der FAZ fest: "Der Ableger von 'Jewish Voice for Peace' (JVP) an der Hochschule, der zeitweise suspendiert wurde, teilte am Jahrestag des 7. Oktober einen Post von Autor Dan Cohen bei X, in dem es hieß, dass im Oktober 1944 hunderte Juden im Vernichtungslager Auschwitz den Aufstand gewagt hatten und dass 'die Palästinenser' 79 Jahre später 'eine ähnliche Attacke gegen ihre zionistischen Unterdrücker' unternommen hätten. Um den Jahrestag des Hamas-Massakers veranstaltete JVP gemeinsam mit 'Students for Justice in Palestine' (SJP) eine 'Mahnwache für unsere Märtyrer, die von der zionistischen Einheit massakriert wurden.' SJP schrieb dazu bei X, man gedenke auch des Jahrestags der 'historischen Al-Aksa-Flut-Operation' - das ist die Bezeichnung der Hamas für das Massaker an israelischen Juden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die britische Essayistin Olivia Laing denkt in ihrem neuen Buch "Everybody - Warum unser Körper politisch ist" über Beziehungen einiger Autoren, aber auch politischer Aktivisten wie Malcom X zu ihrem Körper nach. Im Gespräch mit Sylvia Staude von der FR fordert sie, das Denken neu im Körper zu grundieren, und erklärt, warum sie soziale Medien deshalb heute problematisch findet: "Meine Gefühle den sozialen Medien gegenüber haben sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Als ich 'The Lonely City' geschrieben habe, dachte ich noch, das seien positive Orte, in denen man in Kontakt treten kann. Jetzt denke ich, ein Grund, warum sie so gefährlich sind, ist, dass sie körperlos sind, dass sie keine Körper einbeziehen. ... Menschen sprechen dort miteinander, wie sie es nie täten, wenn sie zwei Körper in einem Raum wären - wegen des sozialen Umfelds und der Vorsicht, die herrscht, wenn wir mit einem anderen Menschen zusammen sind."
Die Germanistin Irina Scherbakowa von Memorial lebt heute im deutschen Exil. Sonntag in einer Woche wird sie die Laudatio für Anne Applebaum bei der Friedenspreisverleihung halten. Andreas Fanizadeh interviewt sie für die taz. Nein, sie vermisst Russland nicht, sagt sie, und schildert ihre Enttäuschung über die russische Öffentlichkeit, aber auch über den Westen nach Putins Einmarsch in die Ukraine: "Ich hoffte, mehr Menschen würden auf die Straße gehen und protestieren. Es gab Demonstrationen, Tausende wurden verhaftet, aber wir waren nicht stark genug. Ich hätte mir gewünscht, dass der Westen viel schneller, viel entschlossener reagiert. Ich habe Russland nicht aus Furcht, sondern aus Zorn verlassen. Wegen der Unmöglichkeit, meine Arbeit fortsetzen zu können. Viele Menschen, die gegen Putin und den Krieg sind, haben Russland verlassen. Ich wollte mich auch nie wieder zum Schweigen bringen lassen, wie das in der Sowjetzeit war. Mein Mann und ich haben uns nie in die Emigration zwingen lassen. Nicht in den 1970ern, nicht in den 1980ern. Dieses Mal haben wir die Koffer gepackt, den Hund genommen und sind raus."
Gerade die Länder Mitteleuropas driften immer weiter in den Rechtspopulimus, konstatiert der schwedische Autor Richard Swartz in der NZZ: "Die Solidarität mit der Ukraine zum Beispiel ist bedenklich lau, auch in der Schweiz. Und in Österreich? Dort liebt man seine Neutralität, während die Slowaken und Tschechen von ihr träumen, ohne das offen zuzugeben. Die Länder der Mitte pflegen so weiterhin die Tradition einer Habsburger Sonderstellung, seit langem als fast unbewussten Phantomschmerz, heute bereits mit einer eigenen Fraktion im Europaparlament, die noch weitere Mitglieder bekommen dürfte."
Die Gambetta-Carnot-Sekundarschule im nordfranzösischen Arras hat gestern an den Lehrer Dominique Bernard erinnert, der vor einem Jahr von einem Islamisten erstochen wurde. Die Schüler bildeten die Figur einer weißen Taube - die Farbe Weiß entsteht durch die Seiten von Büchern, die sie hochhielten.
C'était un vendredi. C'était il y a un an. À Arras. Hier et aujourd'hui, la cité scolaire Gambetta-Carnot a rendu hommage à Dominique Bernard. Le blanc de la colombe, ce sont les livres tendus vers le ciel par les élèves. Ensemble, debout ! pic.twitter.com/LtecKzClIe
Im Interview mit Andrea Seibel von der Welt spricht die designierte Friedenspreisträgerin Anne Applebaum auch über den Nahostkonflikt, was sie nicht so häufig tut. Ihr Blick ist nicht opmistisch: Die Lage sei viel komplizierter als in der Ukraine. "Dass Netanjahu eine Regierung mit den extremsten Figuren der israelischen Gesellschaft bildete, hat sein Land ebenso verwandelt wie die Art Israels, zu kämpfen. Gleichzeitig erleben wir, wie unpopulär der Krieg für Millionen Iraner ist, die so gerne eine andere Art von Regierung hätten. Auf beiden Seiten hat man Führer, die hoffen, dass der Krieg sie an der Macht hält. Mit anderen Worten: Ich sehe derzeit nicht, dass beide Seiten motiviert wären, den Kampf zu beenden."
Hat Israel die Solidarität Deutschlands jenseits einer pflichtschuldigen Betroffenheit nach dem 7. Oktober verdient? Nein, findet die ehemalige taz-Korrespondentin Hanna Voß, heute für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut ist, pünktlich zu Jom Kippur in der taz: "Das real existierende Israel wollen große Teile der politisch-medialen Elite in Deutschland weiterhin nicht wahrnehmen. Vielmehr ergeht man sich in der Wohlfühlprojektion der bunten Demokratie. Dabei wird das Land längst von einer breit verankerten, rassistischen Siedlerbewegung geprägt. Früher noch als 'Irre' abgetan, sitzen sie heute an den Schalthebeln der Macht. Der Libanonkrieg ist äußerst populär im Land, auch die zionistische Linke trägt ihn mit."
Der tunesische Präsident Kais Saied war einmal bei der Bevölkerung beliebt. Nun hat er sich mit 91 Prozent wiederwählen lassen und schaltet das Land, in dem einmal der Arabische Frühling begann, gleich. "Die Erinnerung an die Revolution wird bleiben", sagt die Nordafrikaexpertin Monica Marks im Gespräch mit Dunja Ramadan vom Spiegel, "aber man muss sagen: Saied hat die demokratischen Strukturen, die sich die Tunesierinnen und Tunesier nach der Revolution so hart erarbeitet hatten, komplett zerstört. Er ist jetzt Alleinherrscher. Ich reise seit 17 Jahren in dieses Land, habe sechs Jahre dort gelebt, so viel Polizei wie jetzt habe ich noch nie in den Straßen gesehen. So viele kluge Menschen sitzen mittlerweile im Gefängnis. Es ist tragisch."
Die Buchbranche ist in der Krise, aber war sie das nicht immer? Die Suhrkamp-Krise ist nicht so akut, wie sich hochgejazzt wurde. Aber natürlich ist das Geschäft nicht einfacher geworden, schreibttaz-Literaturredakteur Dirk Knipphals vor der Buchmesse: "In dieser Lage ruft die Kurt Wolff Stiftung, in der sich die unabhängigen Verlage zusammengetan haben, nach dem Staat. Aus ihrer Sicht verständlich. Aber auch problematisch, nicht nur weil einer staatlichen Verlagsförderung hohe rechtliche Hürden entgegenstehen. Denn es mag ja stimmen, dass die Kleinverlagsszene insgesamt 'systemrelevant' ist, wie die Stiftung schreibt, doch das gilt eben nicht für jeden einzelnen Verlag. Und was, wenn wir wirklich einmal eine sehr rechte Regierung bekommen sollten? Wenn die Verlage erst einmal existenziell von der Politik abhängig sind, kann die, wie derzeit in der Slowakei, kulturpolitisch stark durchgreifen."
Der neue Suhrkamp-Besitzer Dirk Möhrle argumentiert im Gespräch mit Gerrit Bartels vom Tagesspiegel angenehm ökonomisch. Natürlich gehe es auch darum, bei möglichen Bestsellern mitbieten zu können und diese Happen nicht einfach den Konzernverlagen zu überlassen. Da nützt eine klare Eigentümerstruktur: "Ich denke, für den Verlag ist das durchaus ein kleiner Befreiungsschlag, er kann aus den bisherigen Begrenzungen heraustreten. Bei mehreren Aktionären, die alle immer sehr genau geschaut haben, war vieles schwieriger. Jetzt ist es leichter geworden. Natürlich ist es trotzdem nicht so, dass jetzt auf einmal alles möglich wäre. Mir geht es vor allem um Stabilität und Ruhe, aber auch darum, ein bisschen mehr mit den Muskeln spielen zu können." In der Welt schreibt Dirk Schümer unter dem etwas melodramatischen Titel "Der Untergang des Hauses Unseld".
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Natascha Strobl: Kulturkampfkunst Ein "Zuschauer*innen" in den Nachrichten, und das Internet kocht. Ein Verlag zieht zwei Winnetou-Bücher zurück, und die Angelegenheit weitet sich fast zu einer Staatsaffäre…
Daniel Bax: Die neue Lust auf links Die freundliche Revolution "Wir sind die Brandmauer!", schleuderte Heidi Reichinnek Friedrich Merz im Bundestag entgegen, als dieser im Januar 2025 mit den Stimmen der AfD…
Gabriel Zucman: Reichensteuer Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff. Gabriel Zucman gehört zu den bekanntesten und renommiertesten Ökonomen weltweit. Seit Jahren forscht er zu Steuergerechtigkeit…
Katharina Zweig: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? Schon bald sollen wir alle lästigen Aufgaben von intelligenten Chatbots wie ChatGPT und Co. in Form von KI-Agentensystemen erledigen lassen können. Doch wie genau funktionieren…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier