9punkt - Die Debattenrundschau
Dass die Geschichte manchmal die falschen Lehren erteilt
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2024. In der FAZ erzählt Lennart Laberenz, wie sich die Ukraine auf dem Winter vorbereitet, nachdem Putin die Kraftwerke systematisch beschossen hat und ein Großteil der Heizkapazität fehlt. Die taz fürchtet nach den Wahlen in Georgien, wo sich die putinistische Seite der Transparenz verweigert, das Schlimmste - und auch die EU ist in der Bredouille. Welt-Autor Thomas Schmid erinnert an den Holocaust-Historiker Joseph Wulf, der sich vor fünfzig Jahren das Leben nahm. In Zeit online wirft der Publizist Robert Levine dem Autor Ta-Nehisi Coates brutale Vereinfachungen vor.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
28.10.2024
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Europa
Georgien hat gewählt, aber sowohl der regierende und prorussische "Georgische Traum" als auch die Opposition reklamieren den Sieg für sich. Barbara Oertel fürchtet in der taz "schreckliche Konsequenzen" aus dieser Situation. Und "auch die EU steckt in einem Dilemma. Schon jetzt liegt der Beitrittprozess auf Eis. Nach Lage der Dinge dürfte das erst einmal so bleiben, will Brüssel sein Gesicht wahren. Schlimmer noch: Weitere Sanktionen stehen im Raum, wie die Abschaffung der Visafreiheit. Auch wenn dieser Schritt aus EU-Perspektive geboten scheint, würde vor allem die junge Generation nach den Wahlen ein zweites Mal bestraft."
Der Autor und Filmemacher Lennart Laberenz ist für die FAZ in die Ukraine gereist und bewundert, mit welcher Widerstandskraft - er spricht von "Resilienz" - man sich dort auf den Winter vorbereitet. Putin hat systematisch Kraftwerke und Heizkraftwerke in Schutt und Asche gehauen. Die Ukraine ist zentralistisch regiert und schafft es nicht immer, die Strukturen vor Ort wiederherzustellen, also setzen an manchen Orten die Bürger selbst Sonnenkollektoren auf die Dächer. "In der Ukraine haben russische Bomben seit dem Frühjahr Kapazitäten von etwa neun Gigawatt Energieerzeugung zerstört. Im Winter, wenn der Verbrauch am höchsten ist, benötigt das Land rund 24 Gigawatt. Nun sind Wasserkraftanlagen zerbombt, von dreizehn Heizkraftwerken des Landes funktionieren noch zwei; DTEK, das größte private Energieunternehmen, hat neunzig Prozent seiner Kapazitäten verloren. Das Defizit der Produktion beträgt landesweit mehr als ein Drittel."
Ganz ausgestanden ist die Debatte um die SPD-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoguz nicht. Der CDU-Politiker Jens Spahn hat sie in einer Rede aufgegriffen und zog eine scharfe Nazi-Parallele - seit Reichstagspräsident Göring habe man so etwas im Parlament nicht erlebt. Die SPD findet Spahns Zitat viel empörender als den von Özoguz geteilten Instagram-Post, der Israel Völkermord vorwarf. Karin Christmann legt den Streit im Tagesspiegel nochmal dar und erklärt darin, was eine "Nonpology" ist, "eine Stellungnahme, die als Entschuldigung ('apology') daherkommt, im Kern aber keine ist. Als ihr Kritik entgegenschlug, ließ sich Özoguz mit folgenden Worten zitieren: 'Ich habe erkannt, dass durch den geteilten Beitrag Gefühle von Mitbürgerinnen und Mitbürgern verletzt wurden, die für ein friedliches Zusammenleben einstehen. Das war nicht meine Absicht und das bedauere ich zutiefst.' Und in der Tat: Genau so funktioniert klassischerweise eine Nonpology. Özoguz nimmt inhaltlich nichts zurück. Sie sagt zum Beispiel nicht, das Bild sei antisemitisch und sie hätte es nie teilen dürfen. Sondern sie spricht nur davon, es seien Gefühle verletzt worden." Özoguz war schon früher wegen ihres eher entspannten Verhältnisses zum Islamismus kritisiert worden, Emma hat einen alten Artikel von Necla Kelek mit Hintergründen wieder online gestellt.
Der Soziologe Ruud Koopmans kritisiert im Gespräch mit Hans Monath vom Tagesspiegel die Ankündigung der Bundesregierung, illegale Migration durch Grenzkontrollen verringern zu wollen, als Augenwischerei. Er plädiert für Abkommen mit Drittstaaten über Asylverfahren: So könne man "über humanitäre Kontingente etwa in ihren Heimatländern wirklich bedrohten Familien mit Kindern Schutz geben. Der Mehrheitsbevölkerung könnten wir versichern, dass alle Menschen, die hierherkommen, eine Sicherheitsprüfung durchlaufen haben, in der genau untersucht wird, ob sie etwa Verbindungen zu islamistischen Organisationen unterhalten. Das würde die Akzeptanz für Asylbewerber enorm erhöhen - und im besten Falle den Populisten ihr stärkstes Mobilisierungsthema wegnehmen."
Der Autor und Filmemacher Lennart Laberenz ist für die FAZ in die Ukraine gereist und bewundert, mit welcher Widerstandskraft - er spricht von "Resilienz" - man sich dort auf den Winter vorbereitet. Putin hat systematisch Kraftwerke und Heizkraftwerke in Schutt und Asche gehauen. Die Ukraine ist zentralistisch regiert und schafft es nicht immer, die Strukturen vor Ort wiederherzustellen, also setzen an manchen Orten die Bürger selbst Sonnenkollektoren auf die Dächer. "In der Ukraine haben russische Bomben seit dem Frühjahr Kapazitäten von etwa neun Gigawatt Energieerzeugung zerstört. Im Winter, wenn der Verbrauch am höchsten ist, benötigt das Land rund 24 Gigawatt. Nun sind Wasserkraftanlagen zerbombt, von dreizehn Heizkraftwerken des Landes funktionieren noch zwei; DTEK, das größte private Energieunternehmen, hat neunzig Prozent seiner Kapazitäten verloren. Das Defizit der Produktion beträgt landesweit mehr als ein Drittel."
Ganz ausgestanden ist die Debatte um die SPD-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoguz nicht. Der CDU-Politiker Jens Spahn hat sie in einer Rede aufgegriffen und zog eine scharfe Nazi-Parallele - seit Reichstagspräsident Göring habe man so etwas im Parlament nicht erlebt. Die SPD findet Spahns Zitat viel empörender als den von Özoguz geteilten Instagram-Post, der Israel Völkermord vorwarf. Karin Christmann legt den Streit im Tagesspiegel nochmal dar und erklärt darin, was eine "Nonpology" ist, "eine Stellungnahme, die als Entschuldigung ('apology') daherkommt, im Kern aber keine ist. Als ihr Kritik entgegenschlug, ließ sich Özoguz mit folgenden Worten zitieren: 'Ich habe erkannt, dass durch den geteilten Beitrag Gefühle von Mitbürgerinnen und Mitbürgern verletzt wurden, die für ein friedliches Zusammenleben einstehen. Das war nicht meine Absicht und das bedauere ich zutiefst.' Und in der Tat: Genau so funktioniert klassischerweise eine Nonpology. Özoguz nimmt inhaltlich nichts zurück. Sie sagt zum Beispiel nicht, das Bild sei antisemitisch und sie hätte es nie teilen dürfen. Sondern sie spricht nur davon, es seien Gefühle verletzt worden." Özoguz war schon früher wegen ihres eher entspannten Verhältnisses zum Islamismus kritisiert worden, Emma hat einen alten Artikel von Necla Kelek mit Hintergründen wieder online gestellt.
Der Soziologe Ruud Koopmans kritisiert im Gespräch mit Hans Monath vom Tagesspiegel die Ankündigung der Bundesregierung, illegale Migration durch Grenzkontrollen verringern zu wollen, als Augenwischerei. Er plädiert für Abkommen mit Drittstaaten über Asylverfahren: So könne man "über humanitäre Kontingente etwa in ihren Heimatländern wirklich bedrohten Familien mit Kindern Schutz geben. Der Mehrheitsbevölkerung könnten wir versichern, dass alle Menschen, die hierherkommen, eine Sicherheitsprüfung durchlaufen haben, in der genau untersucht wird, ob sie etwa Verbindungen zu islamistischen Organisationen unterhalten. Das würde die Akzeptanz für Asylbewerber enorm erhöhen - und im besten Falle den Populisten ihr stärkstes Mobilisierungsthema wegnehmen."
Geschichte
Welt-Autor Thomas Schmid kommt in einem längeren Essay auf den Historiker und freien Autor Joseph Wulf zurück, einen Pionier der Holocaustforschung, der sich vor fünfzig Jahren aus dem Fenster seiner Wohnung in der Berliner Giesebrechtstraße stürzte. In 18 Büchern hat er die Nazifizierung der deutschen Gesellschaft in allen Bereichen akribisch dokumentiert - peinlich für viele, die damals längst wieder zu Honoratioren geworden waren. Er war es, der zuerst das Projekt entwickelte, "aus der Villa am Großen Wannsee, in der im Januar 1942 die Konferenz zur Koordinierung des Holocaust stattgefunden hatte, ein internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus zu machen". Die Berliner SPD wehrte sich mit provinzieller Sturheit. Dann kam der Siebentragekrieg, und es wandte sich nicht nur die bürgerliche Seite, sondern auch die Linke gegen Israel: "Jetzt störte ein Projekt, in dessen Zentrum auch die deutschen Verbrechen an den Juden standen. Seinem Freund, dem Theologen Helmut Gollwitzer, der später eine führende Figur der Friedensbewegung wurde, warf Wulf im Januar 1974 vor, er spreche zwar mit Elan über das Leid der Palästinenser, sage 'aber kaum etwas Wesentliches über Nationalsozialismus, Israel und Juden'. Er fügte hinzu: 'Jetzt müssen wir mit Erstaunen und Verzweiflung feststellen, dass via Antiisraelismus auch die Linke zum Antisemitismus kommt.'" Wie deutsche Historiker nach dem Krieg die oft nicht an Universitäten abgesicherten jüdischen Holocaustforscher wie Wulf oder auch Raul Hilberg drangsalierten, hat Götz Aly vor einigen Jahren auch im Perlentaucher erzählt.
Politik

Das Völkerrecht hat Konjunktur, den internationalen Gerichtshöfen werden die Pforten eingerannt. Vor allem weil es Aufmerksamkeit schafft, denn Konsequenzen hat es keine, stellt Ronen Steinke in der SZ fest, und das gilt auch für den Krieg in Gaza: "Die Gaza-Kriegsparteien ignorieren den Internationalen Gerichtshof - komplett. Und so kann das augenscheinlichste Problem jeder deutlich sehen: Der Gerichtshof verfügt über keine Polizei und keine Gerichtsvollzieher, die er losschicken könnte, um seine Urteile durchzusetzen. Die hat auch nicht sein Zwilling, der Internationale Strafgerichtshof, der nicht Staaten, sondern Individuen anklagt, etwa einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin erlassen hat."
Medien
Alexander Kluge ist lange dabei. Hubert Spiegel spricht mit ihm in der FAZ über Lage und vor allem Mentalität in den Öffentlich-Rechtlichen. Kluge warnt vor der Schleifung von Kultursendern: "Heute ist Arte unter anderem ein Rettungsanker für bestimmte Produktionen. Wie viele Opernübertragungen von den Salzburger Festspielen haben Sie je im WDR gesehen? Dort hat einmal ein Redakteur namens Bernd Alois Zimmermann gearbeitet. Von ihm stammt die Oper 'Die Soldaten' nach Jakob Michael Reinhold Lenz. Was durfte er beim WDR machen? Zwischenmusiken für Hörspiele? Unter einer anderen Obrigkeit als dem WDR, sagen wir mal dem Erzbischof von Salzburg, wäre eine weitere Oper dabei herausgekommen. Oder zumindest eine Messe." Wer Arte und 3sat fusionieren will, so Kluge, "haut am Ende alles kaputt".
Jeff Bezos, Eigner der Washington Post, und Patrick Soon-Shiong, Besitzer der Los Angeles Times, haben offenbar verhindert, dass ihre Zeitungen eine Wahlempfehlung für Kamala Harris aussprechen. Ist es Feigheit, fragt Heike Buchter, in Zeit online: "Angesichts der kurzfristigen Entscheidung der beiden Milliardäre kann man zu dem Schluss kommen, dass sie mit einem Wahlsieg Donald Trumps rechnen. Beide sind an Unternehmen beteiligt, die viel zu verlieren hätten, sollten Aufsichtsbehörden und Regierung in Washington ihnen plötzlich feindlich gesinnt sein. Trump hat während der Kampagne wiederholt klargemacht, dass er seine politischen Gegner bestrafen will. Mit Bezos hatte er schon während seiner ersten Amtszeit Zusammenstöße, weil ihm die Berichterstattung von dessen Post nicht gefiel." In der SZ berichtet Willi Winkler.
Jeff Bezos, Eigner der Washington Post, und Patrick Soon-Shiong, Besitzer der Los Angeles Times, haben offenbar verhindert, dass ihre Zeitungen eine Wahlempfehlung für Kamala Harris aussprechen. Ist es Feigheit, fragt Heike Buchter, in Zeit online: "Angesichts der kurzfristigen Entscheidung der beiden Milliardäre kann man zu dem Schluss kommen, dass sie mit einem Wahlsieg Donald Trumps rechnen. Beide sind an Unternehmen beteiligt, die viel zu verlieren hätten, sollten Aufsichtsbehörden und Regierung in Washington ihnen plötzlich feindlich gesinnt sein. Trump hat während der Kampagne wiederholt klargemacht, dass er seine politischen Gegner bestrafen will. Mit Bezos hatte er schon während seiner ersten Amtszeit Zusammenstöße, weil ihm die Berichterstattung von dessen Post nicht gefiel." In der SZ berichtet Willi Winkler.
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