9punkt - Die Debattenrundschau

Grauzone der unzuverlässigen Bücher

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2025. Dass Donald Trump den Antisemitismus an Universitäten als Ausrede nutzt, diese gleichzuschalten, bedeutet leider ganz und gar nicht, dass und es ihn nicht gibt, schreibt Christoph David Piorkowski im Philomag. Mehrere Zeitungen befassen sich heute mit immer weiter verschärfter Repression im russischen Kulturbetrieb. Die Feuilletons sind unzufrieden mit Wolfram Weimer, der gestern in der SZ die Linke und die Rechte kritisierte, aber die Linke zu sehr. Sandra Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl, Aleida Assmann, die Foroutans, Bjarne Mädel und Harald Welzer werfen Israel auf den Seiten von Amnesty Völkermord vor: schon seit dem 7.Oktober.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2025 finden Sie hier

Ideen

Dass Donald Trump den Antisemitismus an Universitäten als Ausrede nutzt, diese gleichzuschalten, bedeutet leider nicht, dass und es ihn nicht gibt, schreibt Christoph David Piorkowski im Philomag in einem langen und ambitionierten Essay zum Phänomen. Im Gegenteil, es ist sogar die Frage zu stellen, "warum es aktuell die Universitäten sind, in denen sich der Judenhass so grell artikuliert". Piorkowski schildert zunächst nochmal, wie massiv und brutal die "propalästinensischen" Proteste an den vornehmsten Unis in Amerika wüteten und schafft es am Ende, die infamen und irrationalen Atavismen freizulegen, die in modischen Diskursen wie etwa dem Postkolonialismus pulsieren: "Ein regionaler Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen bekommt eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Auf den erhofften Sieg der Palästinenser gegen die israelische Besatzungsmacht wird der Wahnglaube einer Befreiung der Menschheit von einem vermeintlich global agierenden Zionismus projiziert. 'Palestine will set us free' ist an den Unis eine gängige Parole. Der Weltverschwörungsmythos klingt hier unverhohlen an, erlösungsantisemitischer Wahn wird als Sorge um die Welt ausgegeben. Wie im klassisch-völkischen Antisemitismus verzahnt sich die vermeintliche Sorge um die Welt mit der Hoffnung auf das Ende des 'kollektiven Juden', als welcher der jüdische Staat nun erscheint. Der Antisemitismus gab stets zu Protokoll, sich sehr um das Wohl dieser Welt zu bemühen, die man vom sie angeblich knechtenden Übel, der Judenheit, zu befreien gedachte. Auch völkische oder islamistische Kräfte meinen dieses Wohl der Welt zu verfolgen. Die wohlfeile Phrase von der 'Sorge um die Welt' erweist sich als hohler Containerbegriff, in den man alles mögliche hineinfüllen kann, selbst pathisch-projektive Vernichtungsintentionen."

Dazu passt ein Artikel von Ingo Elbe und Sven Ellmers in der Jüdischen Allgemeinen, die erklären, "wie die 'Jerusalemer Erklärung' Antisemitismus verharmlost".
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Europa

In Russland werden queere Autoren und Aktivistinnen verfolgt. Jedes Buch, das in Verdacht steht, queere Themen anzusprechen kann zu Anlass für Repression werden, erzählt Inna Hartwich in der taz. "Mal durchsuchten Ermittler einen unabhängigen Buchladen in Nowosibirsk in Sibirien, mal einen in Sankt Petersburg und immer wieder Buchläden in Moskau. Polizisten übergaben Listen an die Betreiber*innen, welche Werke aus ihren Regalen zu verschwinden hätten. Es gibt längst eine Grauzone der 'unzuverlässigen Bücher'. Von den Behörden gibt es keine klaren Vorgaben. So versucht jede/r, sich selbst zu schützen, weil alle zu wissen glauben, was lieber im Verborgenen bleiben sollte."

Auch Silke Bigalke beobachtet in der SZ eine weitere Verschärfung in der russischen Kulturszene: "Wer geblieben ist, hatte bislang zwei Optionen, musste Putins Krieg entweder unterstützen oder schweigen. Inzwischen verlangt der Kreml aber immer häufiger von Russlands Stars, dass sie Stellung beziehen. Er will, dass seine 'Spezialoperation' im Theater bejubelt wird, Museen seine Propaganda verbreiten, Regisseure patriotische Filme drehen."

In Georgien treibt das herrschende Oligarchenregime zur Gleichgültigkeit der europäischen Öffentlichkeit ebenfalls die Opposition in die Enge. Ende Mai trat ein Gesetz in Kraft, das 'ausländische Agenten' verpflichtet, sich innerhalb von zehn Tagen bei der Antikorruptionsbehörde zu registrieren", berichtet Reinhard Veser in der FAZ. "Ein ähnliches Gesetz, das einem russischen Vorbild folgt, hat der Georgische Traum schon voriges Jahr beschlossen. Es richtet sich gegen zivilgesellschaftliche Organisationen, die Unterstützung aus dem westlichen Ausland erhalten, und droht für den Fall der Nichtbeachtung mit hohen Geldstrafen. Das neue Gesetz kann auch gegen Privatpersonen angewandt werden, Nichtbefolgung kann mit Gefängnis von bis zu fünf Jahren bestraft werden."

Der Historiker Pawel Machcewicz, der einst als Direktor des Museums für den Zweiten Weltkrieg in Danzig von dem neu gewählten Präsidenten Karol Nawrocki gefeuert wurde, versucht im Gespräch mit Sonja Zekri von der SZ einige Hintergründe zur Stimmungslage in Polen zu erläutern. So stimmt es zwar, dass Polen einen unglaublich rasanten wirtschaftlichen Aufstieg erlebt hat, der neulich im Economist gefeiert wurde: "Aber wir haben keinen Sozialstaat. Gesundheitssystem, Wohnungsbau, Bildung - alles eine Katastrophe. Die urbane Mittelschicht schickt ihre Kinder auf Privatschulen, sie benutzt fast nur ein kommerzielles privates Gesundheitssystem. Auf dem Land geht das nicht."

Außerdem: Ob Renteneintrittsalter (demnächst 70 Jahre), Restriktion der Immigration oder Digitalisierung der Verwaltung: Dänemark findet oft Lösungen für Probleme an denen die anderen europäischen Länder verwzeifeln, beobachtet Jügen Kaube in der FAZ.
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Stichwörter: Georgien, Nawrocki, Karol

Kulturpolitik

Der neue Staatsminister für Kultur, Wolfram Weimer, hat sich gestern in der SZ gegen die Politisierung von Kunst durch die Linke und die Rechte ausgesprochen (unser Resümee). taz-Redakteur Dirk Knipphals ist mit dem Beitrag nicht zufrieden: "Links und rechts rücken bei Weimer sowieso zusammen, Hufeisentheorie, klar. Wie wenig sie zur Klärung der Sachlage beiträgt, zeigt sich in Weimers Text: Sensivity Reading und rechtsradikaler Kulturkampf, moralische Bedenken und tatsächliche Verfolgung von Intellektuellen - sollte man da nicht differenzieren?"

Im Tagesspiegel findet Gerrit Bartels, dass Weimer völlig ungerechtfertigter Weise die Linke viel härter kritisiert als die Rechte: "Brav und vermeintlich um Ausgleich auf der rechten Seite bemüht, erwähnt er zweimal den Furor von Donald Trump (dessen Angriff auf Harvard, Buch- und Bilderverbote), die 'rechten und rechtsradikalen bis rechtsextremen Kulturkampfreflexe', scheint aber hierzulande auf dem rechten Auge eine sehr verminderte Sehkraft zu haben. ... Die Mitte dürfe nicht an die Ränder verloren gehen, schreibt Weimer, und bei solchen Aussagen liegt der Verdacht nahe, dass er in dieser Mitte auch problemlos die AfD-Wählerinnenschaft verortet."

Auf Zeit online hätte sich Dirk Peitz den Text des Kulturstaatsministers etwas gehaltvoller gewünscht: "Statt in dem Gastbeitrag einen Kulturbegriff zu entwickeln, aus dem sich seine künftigen politischen Entscheidungen ableiten ließen oder seine Idee von Kulturförderung zum Beispiel, spielt Wolfram Weimer lieber hohe Töne und holt 'das Tafelsilber abendländischer Aufklärung' hervor ... Wie sehr der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Freiheit der Kunst noch verteidigen will, wenn zum Beispiel der nächste Antisemitismusskandal kommt, darauf darf man gespannt sein."
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Gesellschaft

Auf den Seiten der antiisraelischen Organisation Amnesty International rufen eine Reihe deutscher Prominenter, darunter Sandra Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl, Aleida Assmann, die Foroutans, Bjarne Mädel und Harald Welzer die Bundesregierung zu Maßnahmen gegen Israel auf. Wie viele israelkritische Akteure sahen die Autoren die Gefahr eines Völkermords bereits in den Tagen unmittelbar nach dem 7.Oktober gegeben, noch bevor Israel überhaupt agiert hatte - und als sei dies Israel gewissermaßen eingeschrieben: "International renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen warnen bereits seit dem 15. Oktober 2023 vor einem möglichen Genozid - und zwar auf Basis dokumentierter höchstgerichtlich fixierter Aussagen der israelischen Regierung und Armeeführung. Seitdem hat sich die Katastrophe vor den Augen der Weltöffentlichkeit und der deutschen Politik immer weiter verschärft. Die Verantwortung, trotz dieser eindringlichen Warnungen nicht den völkerrechtlichen Verpflichtungen zur Verhinderung eines Völkermordes nachgekommen zu sein, wiegt schwer." Die eigentliche genozidale Tat in dem Kontext, die Pogrome vom 7.Oktober, wird dagegen zu "Kriegsverbrechen des 7. Oktober 2023" herabgestuft. Die historische Schuld der Deutschen gegenüber den Juden führe zu einer besonderen Verantwortung für das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung.


Die israelische Armee hat die Leichen der Geiseln Gadi und Judi Weinstein-Haggai gefunden und konnte sie repatriieren, berichtet Serena Bilanceri in der taz: "Gadi Haggai war zum Zeitpunkt des Todes 72 Jahre alt, Judi Weinstein-Haggai 70. Der Kibbuz Nir Oz schreibt, das Ehepaar habe vier Kinder und sieben Enkelkinder. Gadi sei ein aufgeweckter Mann gewesen sowie ein talentierter Blechbläser. Im Alter von drei Jahren habe er mit der Musik angefangen. Er ernährte sich vegan und hatte eine Leidenschaft für die Natur, das Kochen und den Sport. Judi Weinstein-Haggai war Englischlehrerin, spezialisiert auf Kindern mit Förderbedarf und Aufmerksamkeitsdefiziten."

Der Antisemitismus hat sich unterdessen eingepegelt, wenn auch auf einem seit dem 7.Oktober sehr viel höheren Niveau, konstatiert Ronen Steinke im Leitartikel der SZ und er nennt zwei Taten, die hierzulande kaum wahrgenommen wurden: "In den USA werden Juden, die in einer Fußgängerzone an die armen Hamas-Geiseln erinnern, von einem Mann mit einem Flammenwerfer attackiert, so geschehen am Sonntag. In Deutschland sticht ein Mann auf einen Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin ein, sein Ziel nach eigenen Angaben: 'Juden töten'. So geschehen im Februar."

In Israel ist alles politisch, schreibt Richard C. Schneider in der NZZ, selbst die Wahl des Supermarkts, vom Militärdienst ganz zu schweigen: "Die Armee ist der Ort, wo politische Identitäten geschmiedet oder intensiviert werden. In welcher Einheit man dient, wird zur politischen Visitenkarte. Ebenso wie die Weigerung des ultraorthodoxen Sektors, Militärdienst zu leisten. Auch das ist eine politische Aussage, die von den meisten israelischen Regierungen bislang hingenommen wurde, weil man die Frommen als Koalitionspartner brauchte. Diese Verweigerungshaltung schürt nun die Wut der Dienenden in diesem nicht enden wollenden Krieg noch mehr als sonst und spiegelt die tiefe Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft. ... Europa, das aus seinem Dornröschenschlaf derzeit brutal erwacht, sollte genau hinschauen, wie die Menschen in Israel mit dem schwankenden Boden unter ihren Füßen umzugehen versuchen. Es könnte, im Guten wie im Schlechten, der Blueprint für die Zukunft des alten Kontinents werden."

In The Diasporist stimmt die österreichische Autorin Eva Menasse eine lange Klagearie darüber an, dass deutsche Feuilletons Deborah Feldmans Attacke gegen Philipp Peyman Engel, den Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen kritisiert haben. Feldman hatte behauptet, Engel sei nicht jüdisch, weil Angehörige seiner Familie mal zum Bahaitentum übergetreten seien (unsere Resümees hier, hier und hier). Menasse findet die Sache zwar "ziemlich lächerlich", aber Engel solle sich mal nicht so haben: Er sei nämlich "einer der lautesten digitalen Radaubrüder eines so eindimensionalen wie folgenreichen Narrativs, in dem die deutschen Feuilletons mehrheitlich seit Jahren festhängen". Im Tagesspiegel wiederum fragt sich Debora Antmann, ob Feldman vielleicht unter einer false flag segelt: "Engel und seine Mutter sind beide jüdisch geboren und Deborah Feldman ist wohlgemerkt die Person, die Fabian Wolffs vollständig erlogene jüdische Identität nicht weiter dramatisch fand. Die Ironie: Weil Feldman ihre wilden Diffamierungseskapaden als linke Politikerin rahmt, spielt sie vor allem konservativen Kräften in die Hände und schadet linker Bewegung. Bin ich die einzige, die sich insgeheim fragt, ob Feldman eine False-Flag-Operation durchzieht?"

In der NZZ amüsiert sich Zelda Biller über Greta Thunbergs messianische "Freedom Flotilla Coalition", die gerade Richtung Gaza segelt. Dass sie dort voraussichtlich nie ankommen werden, wissen sie selbst, aber das ganze wirft einfach unwiderstehliche Fotos für Instagram ab: "Thunberg gibt mit zitternder Stimme Interviews im Live-Stream, in denen sie stolz erklärt, dass sie gerade ihr Leben riskiere und so schnell hintereinander Genozid, ethnische Säuberung und Besatzung sagt, dass sie sich verschluckt. Die anderen Crewmitglieder filmen sich währenddessen gegenseitig in 'I Love Gaza'-T-Shirts und fangen immer wieder an zu weinen, wenn sie von ihrer unumgänglichen Mission erzählen, den Menschen in Gaza Solidarität und Liebe zu bringen. Außerdem gibt es stündliche Updates zu bedrohlichen Situationen. In dicke Rettungswesten gehüllt erzählen die Guerillakämpfer, dass sie seit Dienstagabend immer wieder von furchteinflößenden Drohnen umsurrt werden, und fordern panisch mehr mediale Aufmerksamkeit, weil das ihr einziger Schutz vor den Israeli sei. Dabei wird ihr einziger Schutz am Ende vermutlich die sie sicher an Land begleitende israelische Küstenwache sein."
Archiv: Gesellschaft

Medien

Bei Springer wird allenthalben gekürzt. Bei der alles krönenden Holding fallen ein Drittel der Stellen weg, berichtet Moritz Baumstieger in der SZ. Aber auch "bei der Tageszeitung Welt etwa, die von Konzerngründer Axel Cäsar Springer einst als publizistisches Aushängeschild gepäppelt wurde, läuft ein Freiwilligenprogramm. Das wurde im Frühjahr aufgelegt, um eine 'hohe zweistellige Zahl' an Mitarbeitern loszuwerden, wie aus dem Konzern zu hören ist - und eben weil das Programm schon einige Wochen läuft, werden derzeit seine Ergebnisse sichtbar: einerseits in der kürzer werdenden Mitarbeiterliste, andererseits durch eine momentane Häufung an Abschiedsmails und Abschiedspartys." Nicht Gegenstand des Artikels sind die Kürzungen bei der Süddeutschen Zeitung, über die neulich etwa Horizont berichtete.
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Stichwörter: Springer Verlag