9punkt - Die Debattenrundschau

Den Neokortex aufstocken

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.08.2025. Man kann mit Putin nicht verhandeln, erklärt der ukrainische Journalist Sergey Maidukov in der SZ, er ist zu sehr von seiner Herrschaft berauscht. In der FAZ  fragt sich die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies, warum der Historiker Alexei Miller, der Putin hilft, die Geschichte umzuschreiben, bei westlichen Wissenschaftlern so akzeptiert ist. In der Zeit hofft Ray Kurzweil auf ein Implantat, um mit KI zu verschmelzen. In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek für ein durch "prinzipentreuen Pragmatismus" dosiertes "gewisses Maß an Terror", wenn sich der Faschismus anders nicht aufhalten lässt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2025 finden Sie hier

Europa

Der Westen und sogar Donald Trump macht den Fehler zu glauben, "man könne mit Putin vernünftig verhandeln. Dass Logik Pathologie bändigen könne", aber das ist ein Irrtum, erklärt der ukrainische Journalist Sergey Maidukov in der SZ. "Putin ist kein Staatsmann. Kein Stratege. Kein Schachspieler. Er ist ein Serienmörder mit Atomwaffen. Er führt Krieg nicht wegen der Nato, nicht wegen Grenzen, nicht einmal aus strategischem Kalkül. Sondern, weil er es will. Weil er es kann. Weil ihn die Herrschaft berauscht. Zerstörung bestätigt ihn. Der Schmerz ist kein Kollateralschaden. Er ist der Zweck. Seit Februar 2022 wurden laut westlichen Geheimdiensten mehr als 250 000 russische Soldaten getötet und bis zu eine Million verwundet. Die Ukraine hat rund 43 000 Soldaten verloren und über 370 000 wurden verletzt - die Gesamtzahl der Gefallen und Versehrten auf beiden Seiten übersteigt nun eine Million."

"Der Gulag 2.0 ist fertiggestellt und technisch überlegen ausgestattet", meldet Irina Rastorgujewa, die für die FAZ die neuen Gesetze zusammenfasst, die in Putins Russland der verstärkten Überwachung missliebiger Stimmen dienen sollen. So wird das Extremismusgesetz erweitert: "Als extremistisch gelten neben rassistischen, antisemitischen und radikalen religiösen Organisationen auch die Erwähnung einer Dekolonisierung Russlands oder des im Februar 2024 im Straflager getöteten Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj und mit ihm verbundener Organisationen." Kulturinstitutionen wie das Goethe Institut werden zu Geheimdienstorganisationen umgedeutet, so dass die Zusammenarbeit mit ihnen bestraft werden kann. Und schließlich "verabschiedete die Staatsduma obendrein ein Gesetz zur Einführung eines eigenen russischen Messengers namens 'Max'. ... Der Telegram-Kanal 'Red Binder' berichtet, der Messenger funktioniere wie ein Spionageprogramm."

Aber Wladimir Putin sichert sich nicht nur nach vorne ab, sondern auch nach hinten, indem er die Geschichte umschreiben lässt, berichtet die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies in der FAZ. Eine große Hilfe dabei ist ihm Alexei Miller, Professor in St. Petersburg und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, der immer behauptet hat, die von Russland eroberten Völker seien nie kolonisiert oder diskriminiert worden, da sie ja russifiziert worden seien. "Millers Karriere als Kreml-Propagandist sollte die westliche Russland-Forschung nachdenklich stimmen. Denn bis kurz nach der russischen Vollinvasion der Ukraine gehörte er auch im Westen zu den einflussreichsten Historikern im Feld der Imperiumsforschung, besonders mit Blick auf die russisch-ukrainischen Beziehungen." Und dies, obwohl er seit Jahrzehnten Narrative verbreite, "die, wenn auch weniger primitiv formuliert, die heutigen Einlassungen der russischen Staatsführung vorwegnahmen und in der Tradition der russischen Ideologie des neunzehnten Jahrhunderts standen, wonach es eine eigene ukrainische Identität nicht gebe." Also warum fanden "Millers Thesen in der westlichen Imperiumsforschung Anschluss", fragt Davies.

"Nichts trennt Serben und Bosniaken in Srebrenica mehr als der Bosnienkrieg mit seinen Folgen", erfahren Ksenija Cvetković-Sander und Martin Sander bei einem Besuch dort für die NZZ. Der Bosniake Almir Dudić zum Beispiel "sitzt dem Gemeindeparlament von Srebrenica vor. Mit den Serben lebe und arbeite man im Alltag alles in allem gut zusammen, findet er. Über das Heute und Morgen lasse sich gut miteinander sprechen. Aber wenn von der jüngeren Geschichte die Rede sei, komme man auf keinen gemeinsamen Nenner. 'Wie viel Zeit man dafür noch braucht, weiß ich nicht', sagt Dudić. Während die Kinder ohne Probleme gemeinsam die Schulbank drückten, besuchten sie den Geschichtsunterricht dennoch separat."
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Digitalisierung

KI wird immer besser, und sie wird uns auch nicht überrennen, wenn wir mit ihr verschmelzen, behauptet der amerikanische Wissenschaftler und Erfinder Ray Kurzweil im Interview mit der Zeit. Das könnte durch Implantate geschehen: "Das hört sich an wie Science-Fiction, aber man muss sich das so vorstellen, wie wir heute mit unseren Handys agieren: Wenn uns etwas nicht einfällt, schauen wir auf unserem Handy nach. Das Handy ist nicht in unserem Körper - wobei, wenn ich mir anschaue, wie die Menschen heute schon mit ihrem Handy gewissermaßen verschmolzen sind ... In wenigen Jahren wird das, was heute das Handy ist, ein Chip in uns drin sein. Wenn man nach einem Datum oder einem Namen sucht, wird man nicht mehr sagen können, ob die Antwort aus dem eigenen Gehirn oder dem KI-Assistenten auf dem Chip stammt. Das mag heute seltsam klingen, aber es wird so kommen. Mit den simulierten Neuronen können wir den Neokortex aufstocken, und so wird eine immer größere kognitive Leistung möglich. Die Größe des Gehirns wird nicht mehr dadurch begrenzt sein, was durch den Geburtskanal passt."
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Ideen

In der FAZ vergleicht der Schriftsteller Christian Kortmann die Folgen der KI für das Schreiben mit den Folgen der Quarzuhr für die stolzen Schweizer Uhrmacher: Sie konterten mit der Swatch und profitierten später von einem neuen Interesse an mechanischen Luxusuhren. "Folgt man der Analogie, könnten sich die Kreativen der Gegenwart, wie die Uhrmacher damals, darauf besinnen, was das eigene Werkstück ausmacht und die Qualitätsansprüche nachschärfen. Wofür die Swatch steht, liegt auf der Hand: mit der Zeit zu gehen und die neuen technologischen Möglichkeiten spielerisch für allerlei Gebrauchstexte zu nutzen und mit einer individuellen Note zu versehen, also eine Art Mainstream-Maßkonfektion. Doch auch einer selbstbewusst anachronistischen 'Haute Ecriture', die dem Austauschbaren das Unverwechselbare einer eigenwilligen Autorschaft entgegen setzt, könnten goldene Zeiten bevorstehen - die Eleganz der künstlerischen Intelligenz und meisterlichen Gedankenführung als Statussymbol."

In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek dafür, die Hoffnung aufzugeben, Faschismus und Zusammenbruch der Welt seien zu verhindern (so ganz klar wird er da nicht): "Meine Utopie ist also eine stille Allianz zwischen moderaten Konservativen, die das Tagesgeschäft steuern, und einer leninistischen Elite, die uns auf den bevorstehenden Zusammenbruch vorbereitet - doch ich weiß genau, dass beide Akteure heute zunehmend von der politischen Bühne verschwinden. Die moderaten Konservativen werden von den Trump-Populisten hinweggefegt, während das, was von der radikalen Linken übrig geblieben ist, in einem trügerischen pazifistischen Utopismus gefangen ist. Selbst wenn dieser verrückte Traum allzu utopisch ist - was sollten wir also tun? Meine Antwort lautet: prinzipientreuer Pragmatismus. Wir müssen uns auf zentrale Ziele konzentrieren, die unser Überleben sichern, und dabei ist alles erlaubt, was diesen Zielen dient - Demokratie, wenn sie funktioniert; autoritäre staatliche Kontrolle, wenn sie notwendig ist, Volksmobilisierung, wenn sie gebraucht wird, sogar ein gewisses Maß an Terror, wenn die Lage wirklich verzweifelt ist."
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Politik

19 ehemalige israelische Sicherheitsbeamte, darunter "drei ehemalige Chefs des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, fünf ehemalige Leiter des Inlandsgeheimdiensts Schin Bet und der ehemalige Regierungschef Ehud Barak", forderten am Sonntag abend Benjamin Netanjahu in einem Brief auf, den Krieg in Gaza zu beenden, berichtet der ORF. "Die israelische Armee habe ihre beiden mit Gewalt zu erreichenden Ziele, 'die Zerschlagung der militärischen Strukturen und der Regierung der Hamas', längst erreicht, hieß es in dem Brief. Das dritte, und wichtigste Ziel, nämlich 'alle Geiseln nach Hause zu bringen', könne nur über ein Abkommen erreicht werden. Ein ehemaliger Leiter des Schin Bet, Ami Ajalon, betonte in einem Video, das gemeinsam mit dem offenen Brief veröffentlicht wurde: 'Zuerst war dieser Krieg ein gerechter Krieg, ein Verteidigungskrieg, aber als wir alle militärischen Ziele erreicht hatten', sei es kein gerechter Krieg mehr gewesen. Der seit fast 22 Monaten andauernde Krieg führe dazu, dass der 'Staat Israel seine Sicherheit und Identität verliert', warnte Ajalon." Mehr dazu in der Times of Israel. Fast zeitgleich veröffentlichte die Hamas ein Video der ausgehungerten israelischen Geisel Evjatar David (unser Resümee), der in die Kamera sagt, dass er hier sein Grab aushebt. Es veranlasste Netanjahu, eine Ausweitung der Kämpfe in Gaza anzukündigen.

Auch der israelische Schriftsteller Etgar Keret fordert in der Zeit: "Der Krieg in Gaza muss jetzt enden."


Dieses Foto zirkuliert international auf Twitter, seit es von der Bild-Zeitung als Beleg für manipulierte Bilder im Gazastreifen thematisiert wurde. Den mit ihren Töpfen und Schüsseln schwenkenden Palästinensern steht nicht eine Essensausgabe gegenüber, sondern ein Fotograf, der das Foto in Szene setzt. Das heißt selbstverständlich nicht, dass in Gaza keine Nahrungsmittelkrise herrscht und die vielen Bilder von Essensausgaben nicht echt sind. Zuerst gezeigt wurde das Foto gar nicht in der Bild, sondern in einer Reportage Nicolas Freunds für die SZ, die am Montag erschienen ist. Freund hat mit dem Foto-Historiker Gerhard Paul gesprochen, der über Fotos aus Kriegen geforscht hat: "'Der palästinensischen Seite geht es vor allem um eine Emotionalisierung der westlichen, pazifizierten Gesellschaften. Und das funktioniert hervorragend', sagt Paul. 'Die Bilder haben außerdem eine zusätzliche Funktion: Sie sollen die brutalen Bilder vom Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 überschreiben. An diese Bilder erinnern sich viele schon gar nicht mehr. Die Hamas ist ein Meister im Inszenieren von Bildern.' Aber nicht jeder, der in Gaza ein Foto macht und es anschließend verbreitet, steht in den Diensten der Hamas. Christopher Resch von 'Reporter ohne Grenzen' ist es wichtig, das zu betonen... Resch sieht auch in den Inszenierungen mancher Bilder kein großes Problem. 'Ich finde es nicht verwerflich, wenn ein Fotograf die Leute anweist, sich mal hier und da mit ihren Töpfen hinzustellen. Solange es die Wirklichkeit annähernd beschreibt.'"

Michael Oren, ehemaliger Botschafter Israels in Washington, beschreibt Yahya Sinwar in The Free Press als Spieler. Er hatte darauf gewettet, dass der von ihm inszenierte Mordkarneval vom 7. Oktober Nachahmer in arabischen Staaten und den besetzten Gebieten finden würde - und sich mehr oder weniger geirrt. In einem aber, so Oren, hat er richtig gewettet. Aus älteren Attacken der Hamas auf Israel hatte er geschlossen, "dass es keinen Terroranschlag gab, der so mörderisch war, dass er nicht durch Israels Reaktion verdrängt - wenn nicht sogar rückwirkend gerechtfertigt - worden wäre. Er muss erkannt haben, dass der Westen zwar Israels Recht auf Selbstverteidigung bekräftigte, der jüdische Staat dies jedoch nur passiv tun durfte und in dem Moment verdammt wurde, in dem er davon abwich. Jede Runde des Kampfs führte überdies dazu, dass Israel international immer isolierter war und in den Augen der amerikanischen und europäischen Jugend, der Gebildeten und der Eliten immer toxischer wurde. Als Chef der Hamas... muss Sinwar bemerkt haben, wie die Kritik an Israel zunehmend von klassischen antisemitischen Tropen durchdrungen war."
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Religion

An 176 Schulen in NRW werden muslimische Gebetsräume unterhalten, hat sich neulich herausgestellt (mehr hier und hier). Dilek Engin, schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag NRW, wendet sich bei den Ruhrbaronen gegen diese Praxis: "Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, das in unserer Verfassung verankert ist - und sie gilt selbstverständlich auch für Schülerinnen und Schüler. Doch sie findet ihre Grenze dort, wo sie das schulische Miteinander in Frage stellt oder strukturell neue Konflikte schafft. Schulen dürfen nicht gezwungen werden, zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften zu unterscheiden oder gar konkurrierende religiöse Räume einzurichten. In § 2, Absatz 7 und 8, des NRW-Schulgesetzes ist die weltanschauliche und religiöse Neutralität unserer Schulen unmissverständlich geregelt."
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Medien

Louise Otterbein stellt in der FAZ ein deutsch-französisches Joint-Venture vor, das eine europäische Suchmaschine, Ecosia, entwickelt, um Europa von amerikanischen Suchmaschinen unabhängiger zu machen: "Die Idee dahinter ist, das Web auch von europäischer Seite zu indizieren. Sprich: für mehr Unabhängigkeit zu sorgen. Den Beginn macht Frankreich. Dortige Nutzer können von jetzt an einen Teil ihrer Suchergebnisse direkt aus dem unabhängigen, europäischen Index von EUSP erhalten. 'Der französische Index bei Qwant ist bei 50 Prozent, die Hälfte der Suchergebnisse werden dort also aus unserem Index geliefert', sagt der Ecosia-Chef Kroll. Deutschland sei zurzeit noch in einem niedrigeren Prozentbereich, doch komme man schrittweise voran."

Weitere Artikel: Über hundert Journalisten fordern einen Zugang zum Gazastreifen, um unabhängig berichten zu können, berichtet Majd El-Safadi in der FAZ: "Deshalb fordern sie sowohl Israel als auch die islamistische Terrororganisation Hamas auf, die Einreise nach Gaza zu gestatten, um ausländischen Journalisten eine freie Berichterstattung zu ermöglichen." Carolin Gasteiger ist in der SZ enttäuscht von der ARD-Doku über Alex Karp, Gründer des Konzerns Palantir, dessen viel kritisierte Überwachungssoftware auch deutsche Behörden gern einsetzen: Der Film komme zwar "zur richtigen Zeit. Aber mit dem Fokus auf Karp, den die Filmemacher einfach nicht zu greifen kriegen, trägt die Doku eher zur Legendenbildung rund um den Palantir-Mitgründer bei, denn zur Aufklärung über dessen Software."
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Stichwörter: Hamas