Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2025. Bei Wladimir Putin wird es wohl auf Unsterblichkeit hinauslaufen - im Gespräch mit Xi Jinping bei der Militärparade in Peking hat er laut FAZ über seine diesbezüglichen Hoffnungen geplaudert. Damit greift er sowjetische Traditionen auf, schon damals riet man zu Transfusionen von jungem Blut, informiert Zeit online. Die SZ erklärt mit Ezra Klein, was Wachstum ist. Der Genozidvorwurf gegen Israel wird weiterhin bekräftigt und bestritten.
Wladimir Putin ist sehr am Thema "Unsterblichkeit" interessiert, besonders, was seine eigene Person betrifft, erzählt FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt. Er bezieht sich auf ein Gespräch zwischen Putin und Xi bei der jüngsten Militärparade am Platz des Himmlischen Friedens, wo eine Gesprächspassage zwischen Putin und Xi zum Thema aufgeschnappt wurde. Durch den Austausch von Organen werde man demnächst 150 Jahre alt, Unsterblichkeit sei erreichbar, habe Putin schwadroniert. Eine gewisse Unendlichkeit steht auch so schon in Aussicht, so Schmidt: "In Moskau gilt weiter die Maxime, die im Oktober 2014 Wjatscheslaw Wolodin, damals Erster Stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, mittlerweile Unterhausvorsitzender, formuliert hat: 'Wenn es Putin gibt, gibt es Russland. Ohne Putin kein Russland.' Putin herrscht, seine vier Jahre als Ministerpräsident (2008 bis 2012) mitgezählt, schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert, macht keine Anstalten, das zu ändern, hat sich vielmehr 2020 per Verfassungsreform die Option geben lassen, bis 2036 im Präsidentenamt zu bleiben, und auch dann würde er erst 84 Jahre alt."
Auf Zeit online erinnert Nils Markwardt daran, dass "politische Unsterblichkeitsfantasien ihre bisher größte Konjunktur" nicht in Silicon Valley, sondern in der Sowjetunion hatten: "Vor über hundert Jahren hatten sich dort eine ganze Reihe von Denkern die Abschaffung des Todes auf die (meist roten) Fahnen geschrieben. In ihrem 2005 veröffentlichten Sammelband "Die Neue Menschheit" geben die Kulturwissenschaftler Boris Groys und Michael Hagemeister einen Überblick über die gleichermaßen obskuren wie damals durchaus einflussreichen Ideen ewigen Lebens. Angefangen hat es mit dem 1903 verstorbenen Philosophen Nikolai Fjodorow, der eine Leerstelle im zeitgenössischen Sozialismus erkannt haben wollte. Denn Letzterer müsse sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit ausbreiten. Deshalb sei es geboten, mit dem Fortschritt der Technik die Sauerei des Sterbens zu beenden. (...) Der sowjetische Kampf gegen den Tod blieb nicht nur philosophische Spekulation. Alexander Bogdanow, ein Weggefährte Lenins, gründete Mitte der 1920er-Jahre ein Institut für Bluttransfusionen zur experimentellen Verjüngung der Lebensgeister. In seinem 1927 erschienenen Text 'Der Kampf um die Vitalität' berichtet er von einem 50-jährigen Revolutionär, dem das Blut eines 20-Jährigen zugesetzt wurde. Beim Älteren sei danach angeblich die Arbeitsfähigkeit gestiegen, er konnte wieder besser sehen und habe aufgehört zu schnarchen."
Buch zur Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ezra Klein, Kolumnist der New York Times, hat zusammen mit dem Wirtschaftsjournalisten Derek Thompson ein Buch geschrieben, "Der neue Wohlstand", das die Utopie vom guten Leben für alle schon heute für machbar hält, berichtet in der SZ Andrian Kreye. Umverteilung ist dabei - genau wie ungebremstes Wachstum - nicht die Lösung, weil sie keine Innovation beförderten, und genau die sei nötig: "Die Autoren finden dafür ein hübsches Bild: 'Würde es Ihnen gelingen, einen Blaubeerkuchen wachsen zu lassen, dann hätten Sie mehr Blaubeerkuchen', schreiben sie. 'Ökonomisches Wachstum entsteht aber nicht durch eine Anhäufung des immer Gleichen. Der Unterschied zwischen einer Volkswirtschaft, die wächst, und einer Volkswirtschaft, die stagniert, liegt im Wandel. Veranlassen Sie eine Volkswirtschaft zu wachsen, beschleunigen Sie eine andere Zukunft. Je mehr Wachstum es gibt, desto radikaler unterscheidet sich diese Zukunft von der Vergangenheit.' Aber gerade da scheitere die Konservative, die sich kulturell und gesellschaftlich viel zu sehr in der Vergangenheit verheddert", während die Linken überhaupt jeden Zukunftsglauben verloren hätten.
"Japan stärkt Menschenrechte für Kinder und schwächt religiöse Willkür", berichtet Alexander Wolber bei hpd.de. Japan reagiert damit auf den Mord an dem ehemaligen Premier Shinzo Abe, der der Moon-Sekte nahestand. Der Mörder hatte sich für Missbrauchserfahrungen durch die Sekte rächen wollen. Das neue japanische Gesetz räumt Kindern gegenüber Religionsgemeinschaften mehr Rechte ein, die der Staat notfalls überwacht, so Wolber. Kann Deutschland sich daran ein Beispiel nehmen? Japan "schützt damit Kinder vor ideologischen Einflüssen ihrer Eltern und Religionsgemeinschaften, zumindest solange, bis sie selbst bestimmen können, ob sie sich einer Gemeinschaft anschließen möchten. In einem scheinsäkularen Land wie Deutschland erscheint ein solcher Akt des Kinderschutzes gegenwärtig undenkbar. Sogar ganz im Gegenteil, hier können Religionen ihre Macht nach Belieben ausspielen, ohne Sorge haben zu müssen, dass die Politik ihrer Pflicht zum Schutz der Kinder nachkommt. Beste Beispiele sind die sexuellen Kindesmissbräuche der christlichen Großkirchen, die sukzessive Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts, angetrieben durch Akteure des Politischen Islam oder die Knabenbeschneidung..."
Die neue österreichische Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos plant ein Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren, berichtet David Krutzler im Standard: "Noch liegt kein fertiger Entwurf vor. Details zum geplanten Strafenkatalog kursieren aber bereits. So sollen bei Nichtbeachtung des Verbots laut Krone Geldstrafen von einigen Hundert bis zu mehr als 1.000 Euro - bei Nichteinsichtigkeit oder mehrfachen Verstößen - geplant sein. Vorgesehen ist demnach, dass Lehrkräfte die Nichtbeachtung des Kopftuchverbots ihrer Schülerinnen melden sollen. Die Folge sollen dann in letzter Konsequenz Verwaltungsstrafen für Eltern sein. Plakolm schätzt, dass 'allein in Wien zwischen 9.000 und 12.000 Mädchen' vom Kopftuchverbot betroffen sind. Offizielle Zahlen gibt es nicht."
In der Jüdischen Allgemeinen wird eine neue, sehr umfangreiche Studie zum Genozidvorwurf gegen Israelvorgestellt. Vorgelegt wurde sie vom Begin-Sadat-Center für Strategische Studien (BESA) der Bar-Ilan-Universität. "Das BESA-Papier unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Trennung von moralischer Empörung und juristischen Begriffen. 'Das Wort Völkermord ist kein politisches Schlagwort, sondern ein präziser Rechtsbegriff', so die Autoren. Dieser verlange den Nachweis, dass ein Staat mit systematischer Absicht die Vernichtung einer ganzen Bevölkerungsgruppe plane und betreibe. Im Falle Israels sei das Gegenteil zu beobachten: Die Armee habe wiederholt Korridore für Evakuierungen eingerichtet und humanitäre Hilfslieferungen zugelassen, selbst während intensiver Gefechte." Die 300-seitige Studie ist hier als pdf-Dokument herunterzuladen.
Die Weltpresse berichtete neulich über eine Resolution der "International Association of Genocide Scholars (IAGS)", die den Genozidvorwurf gegen Israel bekräftigte. Die Times of Israel und die deutsche Presse hatten einige der Kritikpunkte daran von vornherein benannt (siehe unsere Resümees). Nun hat sich außerdem herausgestellt, dass jeder bei diesem Club Mitglied werden kann, der 30 Dollar bezahlt, dass achtzig der 500 Mitglieder Iraker sind (offenbar ein Zentrum der Genozidforschung), dass nie eine Unterzeichnerliste der Resolution veröffentlicht wurde, bei der ohnehin nur etwa 20 Prozent der Mitglieder dafür gestimmt hatten. Kein Wunder, denn die Resolution ist schlampig formuliert, meint das proisraelische Blog The Free Press: "Die Resolution erwähnt nicht, dass die Hamas Waffenlager in Wohnhäusern, Schulen und Krankenhäusern unterhält. Auch wird nicht darauf hingewiesen, dass die Kämpfer der Hamas Zivilkleidung tragen. Das ausgeklügelte und riesige Tunnelnetz unter Gaza und die Tatsache, dass die Zugänge zu dieser unterirdischen Stadt oft in Wohngebäuden liegen, werden ebenfalls nicht erwähnt."
Aber Israel ist immer noch eine Demokratie und daher verpflichtet, "mögliche Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit selbst aufzuklären", fordert in der NZZ Richard C. Schneider. "Wenn Israel diese Vorwürfe nicht selbst ernsthaft untersucht, überlässt es die rechtliche und moralische Bewertung seines Handelns anderen: dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der internationalen Öffentlichkeit und ausländischen Gerichten. Darüber hinaus droht der Verlust des eigenen normativen Fundaments. Denn in dem Moment, in dem der Rechtsstaat nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheidet, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Und damit zugleich die Bindungskraft, die ihn im Inneren zusammenhält."
Weiteres: In der SZ kann Ronen Steinke zwar verstehen, dass ungeduldige Aktivisten mit einem Genozidvorwurf gegen Israel nicht warten wollen, bis das juristisches Kleinklein aufgearbeitet ist: "So kann man denken, wenn man Aktivist ist. Wenn man Wissenschaftler ist oder Journalist, aber eher nicht." In der Welt empfiehlt Alan Posener zu lesen, was Mao über den Guerillakrieg geschrieben hat, um die Hamas-Strategie zu verstehen.
"Wir erleben eine Revolution", konstatiert Nikolas Busse im Leitartikel der FAZ mit Blick auf den in allen Demokratien der Welt grassierenden Rechtspopulismus. Als Ursache macht er, gut konservativ, eine entfesselte Liberalisierung der Gesellschaften aus, wobei er überhaupt nicht zwischen einem universalistischen Liberalismus und dem identitären Denken der Diversity-Ideologen unterscheidet: "Nichts kannte in den vergangenen Jahren Grenzen: der Handel nicht, die Wanderung nicht, die Emanzipation nicht. Die erstaunliche Allianz, die in den USA Wirtschaft und Wokeismus eingingen, war der Höhepunkt dieser Entwicklung, und sie schwappte natürlich nach Europa über. Es war die letzte Welle des linksliberalen Zeitgeistes, die nicht mal mehr vor der Biologie haltmachte. Dass die Politik irgendwann anfing, sich ständig mit Ansprüchen sexueller Kleingruppen zu beschäftigen, war einer der Momente, in dem sie auch Teile des Bürgertums verlor."
In der FRerinnert der Autor Fred Breinersdorfer an das erste Treffen von de Gaulle und Adenauer 1958, das wesentlich dazu beitrug, die auch nach dem Ende des Krieges noch virulente "Erzfeindschaft" zwischen Deutschen und Franzosen zu beenden. (In der Arte Mediathek findet man einen Film über dieses Treffen, zu dem Breinersdorfer das Drehbuch geschrieben hat.) Die beiden mochten einander, respektierten einander, auch wenn sie nicht einer Meinung waren, und sprachen beide die Sprache des anderen. "Ein politischer Prozess war angestoßen: Es folgte ein erster Arbeitsbesuch Charles de Gaulles mit seinem Kabinett in Bad Kreuznach, Konsultationen, Visiten und ein triumphaler Staatsbesuch de Gaulles als Präsident der V. Republik in Deutschland. Bewegend ist immer noch die Rede de Gaulles 1962 auf Deutsch vor hunderten Studenten in Ludwigsburg, die ihn geradezu frenetisch feierten."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Magdalena Schrefel: Das Blaue vom Himmel Was, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Erde abzukühlen, der Himmel dadurch aber nie wieder blau wäre? Hannah arbeitet an einer Ausstellung mit, die dieses Blau bewahren soll,…
Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für…
Katja Diehl, Mario Sixtus: Picknick auf der Autobahn Mit zehn Schwarzweiß-Abbildungen. Wie werden die Menschen in Deutschland in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein? Dieses Buch bietet Antworten und ist somit…
Katharina Zweig: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? Schon bald sollen wir alle lästigen Aufgaben von intelligenten Chatbots wie ChatGPT und Co. in Form von KI-Agentensystemen erledigen lassen können. Doch wie genau funktionieren…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier