9punkt - Die Debattenrundschau

Zutiefst linkenfeindliche Ideen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2025. Was nur fasziniert die liberale Linke so am radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Wer den Ukrainekrieg gewonnen hat, wird nicht in einem "Friedensplan" entschieden, sondern in der Zeit danach, meint Timothy Garton Ash in der SZ. Warum neuerdings in der Türkei Fotojournalisten verhaftet werden, erklärt in der taz der Fotograf Yasin Akgül. Im Spiked Magazine plädiert der polnisch-nigerianische Autor Remi Adekoya nicht für eine Dekolonisierung der Geschichte, sondern für eine Erweiterung des Lehrplans, die das Osmanische Reich, das Mogulreich und das Königreich Ashanti neben dem britischen Empire einbezieht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2025 finden Sie hier

Ideen

Warum schlägt sich die liberale Linke so oft auf die Seite des radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Er vermutet: weil die Linke den Islam als Verbündeten im Kampf gegen den Kapitalismus und amerikanische Hegemonie sieht. "Das führt zu einem Paradoxon: Während säkulare und feministische Bewegungen im Westen für Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+-Rechte kämpfen, vermeiden sie es im Namen antikolonialistischer Solidarität zugleich, islamistische Bewegungen zu verurteilen, die diese Rechte systematisch verweigern und alle, die sich dafür einsetzen, terrorisieren bis hin zur physischen Eliminierung. Die weitgehend für die Tragödie Gazas verantwortliche Hamas verkörpert zutiefst antihumanistische und linkenfeindliche Ideen. Diese 'Asymmetrie der Empathie' führt zu moralischer Verwirrung. Die liberale Linke überzieht Konservative in ihren eigenen Gesellschaften mit harscher Kritik, schweigt aber zu theokratischem Extremismus, wenn der unter dem Banner eines 'Widerstands' gegen den Westen auftritt."

Theorien der Dekolonisierung sind sicher wichtig, meint im britischen Spiked Magazin der polnisch-nigerianische Autor und Politikwissenschaftler Remi Adekoya, aber deshalb jedes Ergebnis des Kolonialismus in die Tonne zu treten, sei kein Weg in eine Zukunft, in der auch ethnische Minderheiten stolz auf ihre Geschichte und Kultur sein können. Dazu sei vielmehr eine Verbreiterung des Wissens nötig, nicht seine Dekolonisierung, die vor allem dazu führe, "afrikanische oder asiatische Denker hervorzuheben, die den Kapitalismus, das Empire und die westliche Moderne verurteilen ... An diesem Punkt erscheint 'Dekolonialisierung' weniger als ein Versuch, auf die Bedürfnisse ehemals kolonialisierter Völker einzugehen, sondern eher als eine neue Front im Kampf der westlichen Linken gegen die westliche Rechte, in dem die Geschichte und Identität anderer erneut instrumentalisiert werden. Die dekolonialen Denker der Unabhängigkeitsära versuchten nicht, ihre Völker vom breiteren Spektrum menschlichen Denkens abzuschneiden. Sie lasen sowohl Edmund Burke als auch Robespierre. In dem von mir angestrebten Lehrplan würde der britische Imperialismus neben der Expansion des Osmanischen Reiches, des Mogulreichs und des Königreichs Ashanti behandelt werden. Das ist keine 'Dekolonialisierung' im heute modischen Sinne, denn es geht nicht darum, zu bereinigen, sondern um mehr Verständnis."

Das mit dem Sprechen läuft ja in letzter Zeit nicht mehr so. Eher liegen wir miteinander im Clinch. Vielleicht könnte die Psychoanalyse hier von Nutzen sein und so etwas wie eine neue Verständigung zum Vorschwein bringen, notiert Elke Schmitter in ihrer Perlentaucher-Kolumne "ein wort gibt das andere". Denn Analytiker sind "Experten, die sich fürs Zuhören bereitsetzen, während der Patient eben liegt. Das Liegen, dieses setting selbst löst ja schon etwas aus, eine Beruhigung, man legt sich ab, und es gibt kein Gegenüber mehr, aber dennoch eine Art des zusammen Seins - was eine Konzentration erlaubt, die es im Alltag nicht gibt. Keine Beobachtung des anderen, keine fortwährende Deutung der Mimik, kein vorauseilendes Reagieren auf Zeichen der Ungeduld, des Besserwissens, des Unmuts oder der Besänftigung. Man spricht; die modulierte Luft trifft auf das Ohr..."

Gut gesprochen und zugehört wurde laut SZ-Kritiker Nils Minkmar bei einem Diskussionsabend zwischen der Soziologin Eva Illouz und der Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander in den Münchner Kammerspielen. Differenziert und ohne Tabus wurde über das Thema Nahost diskutiert, so Minkmar, dabei ging es auch um den Vorwurf des "Genozid", dessen historischen Kontext Illouz erläuterte: "Schon 1948 erhob ihn der französische Autor Maurice Bardèche gegen Israel, später wurde der Vorwurf immer wieder erneuert, und zwar bei jedem Konflikt Israels. Nebenbei sei es ein fester Bestandteil der sowjetischen Propaganda gewesen, Zionisten als die neuen Nazis darzustellen. Der Begriff sei also noch zu klären, sehr sicher aber habe es Hunderte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza gegeben, so Illouz. Die Lage der Menschen in Gaza erfordere sofortiges Handeln - die Debatte darüber, ob ein Genozid stattgefunden habe oder nicht, beschäftige die Linke zwar weiter massiv, trage derweil nur nicht dazu bei, die Situation der palästinensischen Zivilisten zu verbessern."

Dieser Abend wäre vielleicht auch interessant gewesen für jene linken Intellektuellen, die sich am selben Wochenende in Zürich trafen (unser Resümee), um zu klagen, dass man in Deutschland nicht mehr frei reden dürfe (wenigstens eine Ansicht, die sie mit Trump teilen). Von Wissenschaftlichkeit war hier wenig zu spüren, bedauert Thomas Ribi in der NZZ: "Kritisiert wurden ausschließlich Deutschland und Israel. Der Rest war gegenseitiges Schulterklopfen. Ein Selbstvergewisserungsritual von linken Intellektuellen, die zu wissen glauben, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Die Frage, ob in Gaza ein Genozid an der palästinensischen Bevölkerung stattfinde, wurde als Tatsache vorausgesetzt. Die historischen Bedingungen der deutschen Staatsräson wurden ausgeblendet, und dass die deutsche Bundesregierung trotz dem Bekenntnis zu Israel die Kriegführung Israels in Gaza mehrfach kritisiert hat, wurde schlicht unterschlagen." 

Michael Hesse fühlte sich hingegen gut informiert von diesem Abend, wie er in einem langen Artikel in der FR schreibt. Er sieht bestätigt, dass Deutschland bereits weit nach rechts abgeglitten ist: "Wer nun erklärt, sie hätten doch mal auch die einladen sollen, die eine Gegenposition vertreten, übersieht, dass genau dies der Vorwurf an die Adresse war, die dies einfordert. Und wer jetzt im persönlichen Empörungsmodus über die Linke herfällt, muss sich vielleicht fragen, was Empörung mit vernünftiger Analyse zu tun hat. Es war keine Abschiedsfeier vom Holocaustgedenken, sondern ein Symptom für eine tieferliegende Unruhe: Das Treffen in Zürich von jenen Köpfen, die das Leben der politischen Linken in Deutschland entscheidend ausmacht, sollte eher als Hinweise einer Eruption zu verstehen sei, was gerade passiert." In der taz schreibt Stefan Reinecke.
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Europa

Wer den Krieg in der Ukraine gewonnen hat, wird nicht "in dem Moment entschieden, in dem die Waffen schweigen", meint der Historiker Timothy Garton Ash in der SZ, sondern in den Jahren danach: "Wenn im Jahr 2030 der Großteil der Ukraine souverän und sicher ist, eine Art Panzersperre, die jeden zukünftigen russischen Angriff abschrecken kann; wenn es eine dynamische Wirtschaft hat, die ausländische Investitionen anzieht, gute Arbeitsplätze für Veteranen bietet und junge Ukrainer dazu bewegt, aus dem Ausland zurückzukehren; wenn es außerdem eine halbwegs anständige Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft hat und ernsthaft auf dem Weg ist, Mitglied der EU zu werden, dann hat die Ukraine gewonnen." Europa könne das schaffen, "wenn es den Willen dazu hat", ist er überzeugt.

In seiner "National Security Strategy" tritt Trump Europa mit seinem Bestehen auf Regeln und Ausgleich in die Tonne, meint CDU-Politiker Roderich Kiesewetter auf Twitter. Dieses muss jetzt "mit maximaler Effizienz" daran arbeiten, die Ukraine zu sichern: Denn "wenn die Ukraine fällt, steht Russland an unserer Grenze - und Washington wird nicht kommen, um uns zu retten. Die Ukraine jetzt als Teil europäischer Verteidigung zu integrieren und so zu unterstützen, dass sie Russland zurückdrängen kann, ist Teil dieser nötigen Effizienz. Das kostet uns nur die Hälfte von dem, was ein Erfolg Russlands kosten würde."
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Medien

Der türkische Fotojournalist Yasin Akgül war im Frühjahr 2025 verhaftet worden, weil er einen Protest gegen die Festnahme des Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu fotografierte hatte. Obwohl er inzwischen freigesprochen wurde, sieht er in der Verhaftung eine neue Qualität, denn auf der Polizeiwache traf er noch mehr Fotojournalisten: Das ist neu, meint er im Interview mit der taz. "Fotojournalisten galten lange als diejenigen, die zwar dokumentieren, aber politisch nicht 'mitgemeint' sind. Jetzt wird schon das Fotografieren selbst als politischer Akt interpretiert." Die Regierung habe nach den Gezi-Protesten begriffen, dass Bilder heute gefährlicher sind als Worte. Darum würden Fotojournalisten heute gezielt herausgepickt: "Früher war man gefährdet, aber man galt juristisch nicht als Beteiligter. Heute reicht die Anwesenheit. Wenn ein Staat Fotojournalisten wie Demonstrierende behandelt, dann geht es nicht mehr um Einzelfälle. Dann hat sich das Verständnis von Presse grundlegend verändert: Bildjournalismus wird als Gefahr begriffen. Das ist ein historischer Bruch."
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Stichwörter: Türkei

Geschichte

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Wer waren die Nazis?, fragt der britische Historiker Richard J. Evans in seinem neuen Buch. Im SZ-Interview mit Joachim Käppner gibt er schon mal ein paar Antworten. Auffallend sei, dass in der oberen NS-Riege die Arbeiterschicht nicht vertreten gewesen sei, alle seien aus bürgerlichen Verhältnissen gekommen. Das widerlege den Spruch vom "Beefsteak-Nazi": "Er sei außen braun und innen rot, wie das Beefsteak. Aber das ist falsch. Es ist nicht das, was wir finden, wenn wir die entscheidenden Leute im Nationalsozialismus ansehen. Ehemalige Kommunisten gab es hier gar nicht. Nicht in der Breite, wohl aber an der Spitze war der Nationalsozialismus eine Bewegung der middle classes, der Mittelschichten. Selbst Ernst Röhm, der Führer der SA, der Sturmtruppen, inszenierte sich selbst als eine Art Landsknecht, als harten Soldatentypen, aber er kam aus einer bürgerlichen, monarchistisch gesonnenen Familie."
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