9punkt - Die Debattenrundschau

Diese giftige, narzisstische Fernsehpolitik

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2026. Timothy Snyder bleibt auch im FAS-Gespräch bei seinem Faschismus-Vergleich mit Blick auf Trump. Der  bringt Erkenntnisgewinn, beteuert er. Alle Zeitungen arbeiten das Trauma von Minneapolis weiter auf. In der taz erzählt Frauke Brosius-Gersdorf, wie sie die Debatte um ihre Person erlebte. Das Berliner Zeughaus wird renoviert, alles in allem so gut zehn Jahre lang, berichtet der RBB. Und dann ist da noch die Schauspielerin Sarah Maria Sander, die aus ihrem selbst geschriebenen Film rausgeschmissen wurde  - wegen ihrer proisraelischen Haltung, vermutet sie.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2026 finden Sie hier

Politik

Das Thema Iran verschwindet langsam aus den Zeitungen. In der FAS findet sich noch ein ganzseitiger Brief einer jungen iranischen Autorin unter dem Pseudonym Nila, die von Familien erzählt, die in den Leichenhallen nach ihren Kindern suchen müssen:  "Auf den Säcken stehen keine Namen. Deshalb muss jeder den Reißverschluss eines jeden Sacks öffnen, bis er das Gesicht seines eigenen geliebten Menschen findet. Das ist das brennendste und schmerzlichste Feuer im Leben der Iraner." Unglücklich ist sie auch über die Gespaltenheit der Opposition. Aber kann man den Pahlevi-Anhängern wirklich trauen, fragt sie sich: "Derzeit sind alle Monarchisten der Ansicht, dass die übrigen Protestierenden - im Sinne der Einheit - zugunsten der monarchistischen Strömung besser auf Kritik am monarchischen System oder an der Person des Reza Pahlavi und seinem Umfeld verzichten sollten. Aber ist diese Aufforderung zum Schweigen, sind diese versöhnlichen Formen der Nachsicht nicht vergleichbar mit dem Aufruf zum Aushalten und Abwarten, den die Anhänger Khomeinis im Jahr 1357 (1979) an die anderen Oppositionsgruppen richteten?" In der SZ ruft Sara Maria Behbehani die unversöhnlich zerstrittenen Fraktionen der iranischen Exilopposition zur Versöhnung auf.

Warum konzentriert Trump seine Angriffe auf Minnesota? Der kanadische Autor Stephen Marche hat im taz-Gespräch mit Sebastian Moll eine Theorie dazu: "Minnesota ist einer der letzten Orte, wo noch überparteiliche Entscheidungen getroffen werden. Dort sind die Republikaner nicht alle wahnsinnig, es gibt konservative Menschen, die Kompromisse eingehen, so, wie Politik gedacht ist. Minnesota ist einer der am wenigsten gespaltenen Staaten in der Union. Große Teile Amerikas sind heute Einparteienstaaten. Minnesota ist das nicht. Ich glaube, Trump geht es darum, das zu zerstören, um den Gedanken von verhandelbarer Politik auszuhöhlen. Er will sicherstellen, dass niemand unpolitisch bleibt. Er will alle radikalisieren. Er will, dass es nirgendwo in den Vereinigten Staaten einen Ort außerhalb dieser giftigen, narzisstischen Fernsehpolitik gibt, die alles antreibt."

Moll erzählt in einer Reportage außerdem, dass sich die Bürger von Minnesota nach den starken Protesten und Widerständen Hoffnung auf ein Nachgeben Trumps machten - nebenbei erfährt man in Molls Artikel übrigens, dass Barack Obama viel mehr Menschen abschob als Trump. "Die Tatsache, dass Obama so viele Menschen abschob, müssen sich Trump-Kritiker immer wieder vorhalten lassen. Der einzige Unterschied, wird behauptet, sei die Optik gewesen." "Im Kampf um die öffentliche Meinung haben die Menschen von Minneapolis vorerst gesiegt", schreibt Mitsuo Iwamoto ebenfalls in der taz.

"Trumps Ziel, alle Ausländer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis abzuschieben, trifft indessen nicht nur auf massiven Widerstand, es ist auch juristisch wie logistisch unrealistisch", erläutert Frauke Steffens in der FAZ, die auch daran erinnert, das "Undokumentierte" in den USA für ein Steueraufkommen von hundert Milliarden Dollar stehen. Auch in der FAS schreibt Steffens ausführlich zum Thema.

Die Bürger von Minneapolis demonstrieren nicht nur gegen Trump, meint Hilmar Klute in einem kleinen SZ-Essay: "Die Frauen und Männer, die sich den Paramilitärs auf den Straßen ihrer Stadt entgegenstellen, haben nämlich auch kein Vertrauen mehr in die Entschlusskraft der Opposition. Zu wenig haben die Demokraten dem Treiben des Präsidenten entgegengesetzt; beinahe jeden Kompromiss, der die Maga-Maschine in Gang gehalten hat, sind sie eingegangen, jeden der abenteuerlichen Haushaltsentwürfe Trumps haben sie am Ende durchgewinkt." Andrian Kreye fürchtet ebenfalls in der SZ Zensur in den Medien und bei Tiktok (das jetzt dem Trumpisten Larry Ellison gehört) durch das MAGA-Lager.

Timothy Snyder bleibt auch im FAS-Gespräch mit Konrad Schuller bei seinem Faschismus-Vergleich mit Blick auf Trump. Die Parallelisierung bringt Erkenntnisgewinne, beteuert er: "Hitler zum Beispiel hatte nach 1933 das Problem zu lösen, wie eine nationale Polizei mit paramilitärischen Elementen geschaffen werden kann. Wenn wir erkennen, dass das ein wichtiger Schritt hin zur totalitären Herrschaft war, verstehen wir besser, was die Sondermiliz ICE bedeuten kann. Auch hier geht es um die Schaffung einer nationalen Polizeimacht in einem föderal organisierten Staat." Schullers Hinweis, es gebe in Deutschland eine Scheu bei Nazi- und Holcaust-Vergleichen kontert er mit der Diagnose, dies sei ein "negativer nationaler Exzeptionalismus". "Die Tendenz, von der Sie sprechen, hat eine ernste Folge: Sie droht die historische Erforschung des Holocausts nutzlos zu machen. Ja, alles in der Geschichte ist einzigartig, das ist eine sehr simple Feststellung. Aber wir müssen uns vor dem Fehlschluss hüten, dass deshalb aus dem Holocaust nichts gelernt werden kann."
Archiv: Politik

Ideen

Der Erziehungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich möchte in der taz herausfinden, warum es Rechtsextremen so leicht fällt, Denkfiguren sich als links lesender "Identitätspolitik" für sich zu kapern und in ihrem eigenen Kampf zu instrumentalisieren. "Dabei sei schon an dieser Stelle festgehalten, dass es abwegig ist, eine verdeckte Nähe zwischen linker Identitätspolitik und einem rechten Politikstil herzustellen, wie das manche tun." Er hält fest: "Tritt emanzipatorische Identitätspolitik dafür ein, Privilegien abzubauen und der Ungleichbehandlung entgegenzutreten, Diskriminierung zu bekämpfen und Ideologien der Ungleichwertigkeit die Stirn zu bieten, betreiben rechte, autoritäre Bewegungen das Gegenprogramm."
Archiv: Ideen

Medien

Die ARD hat zum 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, auftragsgemäß ein "ARD extra" zum Thema Antisemitismus in Deutschland ausgestrahlt. Henryk Broder protokolliert die Sendung für die Welt: Da ist zum Beispiel die Rede davon, dass sich die Zahl antisemitischer Straftaten von 2022 bis 24 verdoppelt habe. Aber der Kontext wird an diese Stelle nicht benannt, so Broder: "Wäre es nicht hilfreich, an dieser Stelle daran zu erinnern, was zwischen 2022 und 2024 passiert ist? War da nicht was am 7. Oktober 2023, das den Judenhass in Berlin, Frankfurt und München gewaltig befeuert hat? Eine kurze Bildsequenz von einer Palästina-Demo in einer deutschen Großstadt würde reichen." Ein jüdischer Bürger sagt, dass die Schwelle für Antisemitismus niedriger geworden sei, "ob er von links kommt oder von rechts kommt oder aus dem islamistischen Background". Broder dazu: "Und das ist und bleibt das einzige Mal, dass ein 'islamistischer Background' im Zusammenhang mit Antisemitismus angedeutet wird. Eine Stimme aus dem Off 'verortet' das Problem ganz woanders: 'Vertrauen ist verloren gegangen, weil der gesellschaftliche Aufschrei fehlt.'"

In der taz porträtiert Nicholas Potter den Springer-Hierarchen und Radaubruder Ulf Poschardt, der neuerdings zum Herausgeber einer neuen 'Premiummarke' der Axel Springer SE, zu der neben Welt auch Politico Deutschland und Business Insider Deutschland gehören, erklärt wurde: "Worin Poschardts Aufgabe im Verlag genau besteht, bleibt auch nach einem Jahr diffus. 'Das Geile an dem Job des Herausgebers ist, jeder spielt die Rolle anders', sagt Poschardt auf Nachfrage."
Archiv: Medien

Gesellschaft

Sarah Maria Sander ist Schauspielerin, aber auch Journalistin und Ko-Autorin eines Drehbuchs für einen Film, in dem sie selbst die Hauptrolle spielen sollte. Ihr Ko-Autor ist Rainer Begoihn, der ebenfalls in dem Film mitspielt. Der Film wird zur Zeit gedreht - aber Sander wurde aus der Produktion herausgeschmissen, außerdem wurde das Drehbuch verändert. Sander prozessiert. Sie vermutet, dass der Produktionsfirma ihr proisraelisches Engagement nicht behagt - denn Sander hatte im letzten Jahr in einem vielbeachteten Video einen israelkritischen deutschen Künstlerbrief kritisiert. Die Feuilletons berichten bisher nicht - nur in der Bild-Zeitung kann man die Geschichte nachlesen: "Die Filmschaffenden von Soilfilms Media weisen alle Anschuldigungen zurück. Über ihren Anwalt ließen sie erklären, die Umbesetzung habe keine politischen Gründe gehabt. Sie sei wegen Besetzungsproblemen, Risiken für Förderung und Festivals sowie Sanders mangelnder Verfügbarkeit erfolgt." Hier spricht Henryk Broder bei welt.tv über diese Geschichte.

Jannis Holl versucht in der FAS zu erklären, wer die "Antideutschen" sind. Anlass sind die Scharmützel zwischen proisraelischen und "propalästinensischen" Aktivisten in Leipzig, wo die "Antideutschen" eine lange Tradition haben. Entstanden seien sie in der Gegnerschaft zur Wiedervereinigung, als die späteren "Antideutschen" fürchteten, Deutschland werde sich zum Faschismus zurückentwickeln. Das "Der Schoß ist fruchtbar noch" wurde zu ihrem Leitgedanken (der sie, wie Holl nicht erwähnt, in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien auch vehement proserbisch machte). "Innerhalb der westlichen Linken nehmen sie so eine Sonderstellung ein: Nur in Deutschland und Österreich hat sich eine eigenständige linke Strömung herausgebildet, die Israelsolidarität ausdrücklich zum Kern ihres politischen Selbstverständnisses machte. In den meisten anderen Ländern gilt eine solche Positionierung als unvereinbar mit linker Identität."
Archiv: Gesellschaft

Europa

Frauke Brosius-Gersdorf sollte 2025 zur Bundesverfassungsrichterin gewählt werden. Man erinnert sich an die giftige Debatte, die dann, offenbar sehr virtuos von einigen interessierten Kriesen lanciert, entbrannte. Im taz-Gespräch mit Kersten Augustin und Patricia Hecht. erklärt sie den eigentlichen Zweck der Kampagne so: "Man hat versucht, die bestehende Regierung auseinanderzutreiben. Wäre die Koalition zerbrochen, hätte die Option bestanden, dass die Unionsfraktion eine Minderheitsregierung bildet oder in eine Koalition mit der AfD gedrängt wird. Man wollte die Unionsfraktion dazu bringen, mich nicht zu wählen, während die Fraktionen der SPD, Grünen und Linken geschlossen hinter mir standen. Ich habe meine Kandidatur auch deshalb zurückgezogen, weil ich verhindern wollte, dass die Regierung scheitert. Denn: Was wäre dann gekommen?"
Archiv: Europa
Stichwörter: Brosius-Gersdorf, Frauke

Wissenschaft

Rettet die Zettelkataloge in den Bibliotheken, ruft der Bibliothekswissenschaftler Ulrich Johannes Schneider in der FAZ. Er erinnert daran, wie Nicholson Baker schon um die Jahrtausendwende gegen die Auflösung dieser Kataloge im Zeichen der Digitalisierung protestiert hatte. "Damals, am Ende des 20. Jahrhunderts, war der Platzbedarf in den Bibliotheksmagazinen tatsächlich noch groß, ganz anders als heute, wo die Digitalisierung der Zeitschriften den Bibliotheken neue räumliche Ressourcen schenkt. Daher wäre zu wünschen, dass den nicht nur in Deutschland noch zahlreich vorhandenen Zettelkatalogen dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird, die mittelalterliche oder frühneuzeitliche Katalogwerke genießen."
Archiv: Wissenschaft

Kulturpolitik

Berlin! Angesichts der Schließung des Pergamon-Museums, die gefühlt noch einige Jahrzehnte dauern wird, ist fast gar nicht aufgefallen, dass das Zeughaus, Hauptgebäude des Deutschen Historischen Museums, mit seiner Dauerausstellung seit vier Jahren wegen einer Sanierung leer steht. Ursprünglich sollten die Arbeiten "Ende 2025 abgeschlossen sein", berichten Luis Babst und Lukas Haas im RBB, doch geschehen ist bislang nichts, "noch nicht einmal die Planungen dazu sind beendet. ... Museumsleiter Raphael Gross ist im Moment angesichts des Planungsstands nicht sehr optimistisch, was eine baldige Wiedereröffnung angeht. 'Ich fände es im Moment leider schon positiv, wenn es 2031 wirklich eröffnet werden könnte', sagte Gross gegenüber rbb24. ... Für das Museum ein herber Schlag, denn dessen Kernaufgabe ist es, die deutsche Geschichte zu vermitteln. Aktuell befinde man sich in einem historischen Bruch, zum Beispiel gegenüber den USA oder Russland, sagt Museumsdirektor Raphael Gross. 'Insofern ist historische Orientierung etwas, das eine riesige Bedeutung hat.' Genau dafür sei eine Dauerausstellung essenziell."
Archiv: Kulturpolitik