Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2026. Warum hat sich Europa immer noch nicht entschlossen, russische Oligarchen konsequent zu sanktionieren, fragt sich ein entgeisterter Garri Kasparow in der Welt. In der FAZ stellt der Politologe Christian Stecker angesichts einer fragmentierten Politiklandschaft die Fünfprozentklausel in Frage. In Zeit online schildert der Germanist Steffen Martus die immer weiter zunehmende Macht der Literaturagenten. Und die FAZ hat herausgefunden: Man kann bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zwar Programmbeschwerde einlegen - aber es wird nix bringen.
"Seit Beginn des Krieges - nun schon viereinhalb lange Jahre - schreibe ich darüber, wie kläglich unzureichend die Reaktion Europas (und übrigens auch der USA) auf die russische Aggression gewesen ist", konstatiert der russische Oppositionspolitiker Garri Kasparow in der Welt. Europa scheue sich bis heute davor, wirksam und konsequent alle Oligarchen und die russische Wirtschaft zu sanktionieren. "Ich nehme es Putin nicht übel, dass er all das nicht ernst nimmt. Solange Europas Taten nicht mit seinen zahlreichen Erklärungen und Verlautbarungen übereinstimmen, werden die Bedrohung und die erforderlichen Gegenmaßnahmen nur weiter zunehmen. (...) Ich hoffe, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs die Fehler der Geschichte nicht wiederholen und aufwachen, bevor der Krieg auf ihrem Boden Einzug hält und ihnen keine andere Wahl mehr lässt."
Je fragmentierter die Politik ist, desto mehr Stimmen sind wegen der Fünfprozentklausel im deutschen Wahlrecht "verloren" - das kann bis zu zwanzig Prozent gehen, warnt der Politologe Christian Stecker in der FAZ. Er plädiert für eine Absenkung auf drei Prozent. "Freilich sollte der Fokus auf die Sperrhürde nicht verdecken, dass man den Herausforderungen eines fragmentierten Parteiensystems nicht durch einfache Regeländerungen gerecht wird. Offenbar taugt weder die Sperrhürde dazu, Regierungsfähigkeit mechanisch herzustellen, noch garantiert ihr Wegfall, dass die Vielfalt im Parlament konstruktiv bearbeitet wird. Auch den Parteien ist in diesen fragmentierten Zeiten mehr Innovation bei der Mehrheitssuche und Konstruktivität abverlangt. Dänemark, Schweden oder die Niederlande zeigen, dass Regieren mit vielen Parteien im Parlament zwar schwierig, aber möglich ist."
Tim Rhön blickt für die Welt auf das Versagen vieler Medien in ihrer Berichterstattung über Ceuta. Kurz nachdem etwa 50.000 Menschen unkontrolliert die spanische Exklave Ceuta betreten hatten, titelten schon viele Zeitungen, dass der Großteil der Menschen schon nach Marokko zurückgekehrt sei. Die Zahlen stimmen aber nicht, rund 20 Prozent befinden sich aktuell noch in Ceuta. "Nicht gut, dass viele Medien solche Angaben nicht hinterfragten, sondern unkritisch verbreiteten. Fakt ist auch: Rund um das völlig überfüllte Aufnahmelager herrschte auch am Sonntagabend noch Ausnahmezustand, kam es zu Gewalt, berichteten Anwohner einem Lokalmedium von Einbruchsversuchen in ihren Häusern. (...) Die Krise ist noch nicht vorbei, selbst wenn einige schon selbstbewusst Bilanz gezogen hatten. Die Linken dahingehend, dass die Aufregung überzogen war. Und die Rechten, dass nun die gesamte EU mit Illegalen aus Afrika geflutet wird. Beides ist Quatsch."
Am Beispiel Ceuta könne man sehen, wie stark sich Europa von den großen Solidarisierungsbekundungen mit Geflüchteten im Jahre 2015 entfernt hat, schreibt Sonja Zekri in der SZ. "Das zutiefst menschliche Entsetzen in Deutschland, als 2015 der syrische Flüchtlingsjunge Alan Kurdi ertrank, als 71 Menschen in einem Transporter erstickten, gilt heute als fatale Gefühlsduselei. Menschenrechtserwägungen wurden in der Debatte über Migration fast vollständig abgelöst durch Warnungen vor 'Messermännern', 'Kopftuchmädchen' oder vor dem Risiko von Attentaten wie jüngst auf dem CSD in Berlin." Michael Hesse schließt sich Zekri gedanklich in der FR an, Geflüchtete seien längst "zu Symbolfiguren gesellschaftlicher Ängste geworden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Man müsse lernen, "mit dem Klimawandel zu leben", Europa könne nicht alleine das Klima retten, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kürzlich. Damit glaubt Merz, gesellschaftlichen Konflikten in Hinblick auf den Klimawandel zu entgehen, sagt der SoziologeJens Beckert im FR-Interview mit Markus Decker. "Dem ist aber nicht so. Die Konflikte verlagern sich nur auf den Bereich der Klimaanpassung. Und hier kann man sich nicht mit Verweis auf fehlende internationale Kooperation herausreden. Maßnahmen zur Klimaanpassung sind ebenso konfliktträchtig und werden sehr viel Geld kosten. Beim Klimaschutz kann man sich vorstellen, dass es sehr langfristig zur Abnabelung von den fossilen Energien kommt - aus ökonomischen Gründen und mit Hilfe neuer Technologien. Aber das wird viel zu langsam sein, um die Erwärmung hinreichend zu begrenzen. Der Klimawandel wird unsere Gesellschaften daher immer mehr beherrschen - auch wenn wir im Moment glauben, das Problem einfach an den Rand schieben zu können."
Eine Studie der Universität Konstanz (hier der Link dazu) offenbart, dass Schüler auf dem Gymnasium eher zu linken und bürgerlichen Parteien tendieren, während Schüler aller anderen Schulformen die AfD gut finden, resümiert Alan Posener in der Welt. Dabei sei klar: Kinder auf dem Gymnasium kommen eher aus wohlhabenderen Haushalten, Schüler anderer Schulformen nicht. Es liege also nicht am Mangel an Aufklärung in der Schule, so Posener, "wenn Kinder aus kleinen und prekären Verhältnissen Zuwanderer nicht als Bereicherung, sondern als Konkurrenten um Aufmerksamkeit in der Schule und später um Jobs, Wohnungen, Aufmerksamkeit und Sozialleistungen erleben. (...) Die ganze Hilflosigkeit des Bildungsbürgertums angesichts solcher Ergebnisse offenbart die Stellungnahme der Studienautoren", die mehr politische Bildung an nicht-gymnasialen Schulen fordern. "Nichts dagegen. Aber wenn das darauf abzielt, den Kindern der Unterprivilegierten einzureden, sie sähen die Welt falsch, die Kinder der Privilegierten hingegen richtig, also auf ideologischen Klassenkampf von oben, so haben die Autoren ihre eigene Studie nicht verstanden."
Der Queerbeauftragte Berlins Alfonso Pantisano (SPD) rückte nach dem Anschlag auf den CSD den Islamismus in die Nähe des Konservativismus, empört sich Clemens Wergin in der Welt. Das verkenne auch die historische Realität, dass der Islamismus vor allem in der Nazi-Ideologie wurzele - die Nazis prägten während des Zweiten Weltkrieg viele spätere Muslimbrüder. "Wenn man den Islamismus jedoch einordnen wollte in das westliche politische Koordinatensystem, dann ist Islamo-Faschismus der am ehesten zutreffende Begriff - und das hat mit Konservativismus eben gar nichts zu tun. Der Vergleich von Pantisano, der von manchen Linken begierig aufgegriffen wurde, ist damit nur ein weiteres Element der anhaltenden Verharmlosung der islamistischen Gefahr in Teilen der Linken." Es seien auch eben jene Teile der Linken, die sich laut Wergin propalästinensisch bis Hamas-unterstützend zeigten und damit den Islamismus herunterspielen.
Mohamed Ibrahim, der als Kind palästinensischer Flüchtlinge 1973 nach West-Berlin kam, erzählt in der taz seine komplizierte Geschichte und seine Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt. "2005 sprach mich ein jüdisch-israelischer Bekannter an. Seine Idee war, als palästinensisch-israelisches Trainertandem gemeinsame Workshops zum Nahostkonflikt in Bildungseinrichtungen anzubieten und durchzuführen. So ein Projekt gab es in dieser Form zu jener Zeit noch nicht, und viele Lehrer klammerten das Thema im Unterricht lieber aus. Im Jahr 2006 führten wir an einer Berliner Schule unseren ersten gemeinsamen Workshop als palästinensisch-israelisches Tandem. Einerseits ging es uns darum, den Schüler zuzuhören. Andererseits hatten viele Schüler dort vorher noch nie einen Israeli kennengelernt, geschweige denn mit ihm gesprochen. Manche Vorurteile schienen unüberbrückbar zu sein. Unser empathischer Zugang trug dazu bei, sie zu hinterfragen." Seit dem 7. Oktober, schreibt er, fühle er sich wegen des "antipalästinensischen Rassismus" in Deutschland, nicht mehr als Deutsch-Palästinenser, sondern nur nach als Palästinenser.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Stadt verlangt zwar, vom Land versorgt zu werden, hat jedoch keine Vorstellung davon, dass dies eben nicht mit verkehrsberuhigten Straßen oder besonders nachhaltig geht, meint der AutorAndreas Möller im NZZ-Interview mit Birgit Schmid. Städte sollen entschleunigt werden, das Land auf der anderen Seite industrialisiert. "Aus städtischer Perspektive möchte man das Land nicht als Wirtschaftsraum sehen, der marktwirtschaftlich funktioniert. Aber die Bauern sind gezwungen, Pflanzenschutzmittel einzusetzen oder bei den Tieren eine gewisse Herdengröße zu haben, wenn sie nicht nur am Tropf der Subventionen hängen wollen. Das wollen manche Berliner nicht sehen, für die die Uckermark zu einer Art Bullerbü geworden ist. Das Land soll wie der Schwarzwald um 1900 aussehen, während sonst alles digitalisiert und mit KI beschleunigt wird."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auf Zeit Online blickt der LiteraturwissenschaftlerSteffen Martus mit Hilfe von BuchwissenschaftlerinLaura McGraths Buch "Middlemen - Literary Agents and the Making of American Fiction" (bisher nicht auf Deutsch erhältlich, hier in Englisch) auf die Spezies der Literaturagenten. Sie sind es, die an zustandegekommenen Vertragsabschlüssen nochmal ordentlich mitverdienen. "Vorschüsse sind das wesentliche Verhandlungsobjekt von Literaturagenturen. Sie steigen derzeit für einige wenige Autoren - Caroline Wahl soll für ihren letzten Roman einen Vorschuss in Millionenhöhe erhalten haben. Der Wettbewerb wird in Zeiten schwindender Buchkäufer härter. Verlagstreue versteht sich nicht von selbst. Entscheidend ist: Mit einem lukrativen Vorschuss verpflichtet sich ein Verlag auf weitere Investitionen, um die Erfolgsprognosen auch wahr werden zu lassen. Ziel ist ein Dominoeffekt. Hohe Vorschüsse generieren idealerweise hohes verlegerisches Engagement; die Werbemaßnahmen sorgen für Aufmerksamkeit; dieser Erfolg weckt das Interesse ausländischer Verlage; und am Ende wartet die Verfilmung."
Die Jury für den deutschen Verlagspreis wurde neu von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zusammengesetzt und hat eine Erklärung abgegeben, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Im Frühjahr diesen Jahres hatte es noch um den deutschen Buchhandlungspreis einiges an Aufregung gegeben (unsere Resümees). In der Erklärung spricht sich die Jury gegen das Haber-Verfahren, nach welchem der Verfassungsschutz Buchhandlungen auf mögliche Einträge überprüft, aus. Auch ein neu eingesetztes Beratungsgremium, das bei kritischen Fällen vermitteln soll, stößt auf wenig Gegenliebe. Pikant ist, dass nur die Jury-Mitglieder Alexander Cammann, Isabele Cole, Ines Dettmann, Katharina Holzmann und Deniz Utlu die Erklärung unterzeichneten. "Es fehlen der Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx und ausgerechnet auch der Vorsitzende Jörg Thadeusz, der zu seinem Jury-Amtsantritt schon von 'Zauselbuchhandlungen' sprach, die da von Weimer beim Buchhandlungspreis nicht berücksichtigt worden sind. Und der, anders als bei vielen Jurys üblich, nicht von der Jury als Vorsitzender gewählt wurde, sondern von Wolfram Weimer höchstpersönlich." Doch weder Thadeusz, noch Marx noch die anderen Juroren möchten sich zu dieser Unstimmigkeit äußern. "Möglich also, dass nicht alles gut wird mit dem Deutschen Verlagspreis und es noch einiges an Reibung gibt."
In Israel sind demnächst Wahlen. Sehr streng urteilt FAZ-Korrespondent Christian Meier über Benjamin Netanjahu: "Dass Netanjahu jüngst zur Einheit aufrief und verkündete, er wolle nach der Wahl eine 'breite nationale Regierung' bilden, ist ein bitterer Witz. Er hat die Rechtsradikalen um Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir erst salonfähig gemacht. Er hält Verschwörungsmythen am Köcheln, die Sicherheitsbehörden steckten hinter dem 7. Oktober. Und er versucht jetzt wieder, die jüdischen Israelis gegen die rund 20 Prozent palästinensischen Bürger aufzuhetzen. Zur traurigen israelischen Realität gehört allerdings auch, dass ein Großteil der zionistischen Opposition sich dieser Propaganda nicht widersetzt, sondern sie nachbetet."
Überhaupt, was Israel angeht, sind sich die deutschen Zeitungen heute mal wieder einig und entwickeln viel Verve. In der tazfordert der italienische Rechtsprofessor Alberto Allemanno, dass Waren aus Siedlungen des nach seiner Auffassung widerrechtlich besetzten Westjordanland in der EU endlich boykottiert werden. Das gehe nach bestimmten Regeln auch mit einer qualifizierten Mehrheit der EU-Länder. "Staaten wie Deutschland und Italien, die vorgeben, ein Importverbot für Waren aus illegalen Siedlungen zu unterstützen, sind genau jene, die eine Einstimmigkeit fordern. Nicht aus rechtlicher Überzeugung, sondern aus politischem Kalkül: Da ein Konsens fast unmöglich zu erreichen ist, können sie behaupten, die Maßnahme prinzipiell zu unterstützen, ohne jemals die Verantwortung für deren Scheitern übernehmen zu müssen." Ebenfalls in der tazbeschuldigt Sebastian Moll die Proisraelische Organisation Aipac, den antiisraelischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed verhindern zu wollen.
Die Times-of-Israel-Kolumnistin Mimi Gewirtz besucht eine christliche Familie in Bethlehem, das im Westjordanland liegt: "Im Jahr 1950 waren etwa 86 Prozent der Einwohner von Bethlehem Christen, heute nur noch etwa ein Zehntel davon." Gewirtz gibt der israelischen Politik Schuld an diesem Bevölkerungsrückgang (über den möglichen Beitrag der Muslime spricht sie nicht): "Christen wandern in viel größerer Zahl aus als Muslime, einfach weil sie es können. Sie haben Verwandte in Chile oder Michigan, haben in der kirchlichen Schule Englisch gelernt, besitzen einen zweiten Pass und wissen, wo sie unterkommen können." Ein völliger Verlust der Christen im Westjordanland wäre für alle Seiten eine Katastrophe, so Gewirtz: "Warum ist ihre Auswanderung so schädlich? Weil palästinensische Christen einen enormen Teil des Westjordanlands am Laufen halten. Palästinensische Christen machen etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus. Ein Drittel des Gesundheitssystems im Westjordanland wird entweder von der Kirche betrieben oder unterstützt. Es gibt 71 kirchliche Schulen im gesamten Westjordanland und in Ostjerusalem. Diese Einrichtungen stehen allen offen, und viele ihrer Schüler sind Muslime. Das ist keine Wohltätigkeit für eine winzige Minderheit. Es ist öffentliche Infrastruktur."
Durch eine "Programmbeschwerde" sind die öffentlich-rechtlichen Sender praktisch nicht antastbar. Das Instrument existiert zwar, ist aber rein juristisch gedacht und wird in den meisten Fällen nicht verfangen, hat Helmut Hartung für die FAZ herausgefunden. "Verstößt eine Zeitungsredaktion gegen journalistische Pflichten und erhält dafür vom Deutschen Presserat eine Rüge, muss diese veröffentlicht werden. Bei privaten Rundfunkveranstaltern reicht die Reaktion der Landesmedienanstalten von einem Hinweis oder einer Beanstandung gegenüber dem Anbieter bis hin zu Auflagen, Bußgeldern oder, in besonders gravierenden Fällen, zu Konsequenzen für die Zulassung. Bei öffentlich-rechtlichen Sendern existieren solche Instrumentarien bisher nicht: Beschwerden können nur abgelehnt oder im Einzelfall akzeptiert werden. In der Redaktion wird das Bemängelte zumeist ausgewertet, die Zuschauer oder Hörer erfahren von der Maßregelung jedoch nichts."
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