Magazinrundschau

Fotografie mit Aura

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.06.2016. Propublica lernt in Guatemala, warum man bei den Einwanderungsbehörden so gut verdient. Die Österreicher werden ganz gern parafeudal regiert, erklärt der Merkur. In La vie des idees erläutert der Sozialtheoretiker Marc Angenot die Vorzüge der Ideengeschichte. In Guernica beschreibt Magnum-Fotograf Stuart Franklin den verheerenden Einfluss des Kunstbetriebs auf den Fotojournalismus. The Nation betrachtet die letzten nicht kopierbaren Fotos. Aktualne feiert das tschechische Familienhaus "Typ V". Superreiche wollen keine Nachbarn, erzählt die New York Times.

Merkur (Deutschland), 01.06.2016

Österreich hält nicht nur ein bisschen an seinem höfischen Zeremoniell fest, erklärt Peter Stachel, das ganze Land wird parafeudal regiert, mit den Parteien als absolutem Souverän und dem Staat als ihrem Besitz: "Der Umgang der Bürger mit diesem System ist in der Theorie distanziert und ablehnend, in der Praxis pragmatisch bis zynisch: Wer die Möglichkeit sieht, die Rahmenbedingungen für seine Zwecke zu nutzen, tut dies ohne schlechtes Gewissen; wo diese Möglichkeiten nicht bestehen, wird das System als ungerecht kritisiert. Der Aufstieg der FPÖ ab Mitte der 1980er Jahre verdankte sich wesentlich dem Umstand, dass es Parteichef Jörg Haider gelang, seine Partei erfolgreich als Alternative zu diesem politischen System der von ihm so genannten 'Altparteien' SPÖ und ÖVP zu präsentieren; unterstützt wurde diese Selbstvermarktungsstrategie paradoxerweise auch dadurch, dass die Massenmedien des Landes sich in teilweise fast hysterischer Form einhellig gegen Haider positionierten."

Matthias Dell fällt auf, wie herablassend die deutsche Kritik über Ai Weiwei berichtet, seit er nicht mehr in China lebt und Pekings Politik angreift, sondern die westliche Flüchtlingspolitik. Ob das etwas mit Dissidenz und Konformität zu tun hat? "Ais Suche nach einer neuen Rolle unter veränderten Vorzeichen fällt vermutlich auch deshalb schwer oder wird von Teilen der hiesigen Kritik mit Ignoranz quittiert, weil diese Suche zum einen der Kritik selbst ihren Platz streitig machen würde. Zum anderen macht sie sichtbar, dass es bei einem Transfer wie dem von Ai - von China nach Deutschland, von der Repression in die Freiheit - zu Übersetzungsschwierigkeiten kommt. Dissidenz ist keine Kategorie, in der Künstlertum hierzulande gedacht würde."
Archiv: Merkur

Guernica (USA), 01.06.2016

In einem ausführlichen Interview mit Ratik Asokan spricht der Fotograf und frühere Magnum-Präsident Stuart Franklin über die Subjektivität in der Fotografie, den dokumentarischen Impuls und heutigen Fotojournalismus: "Fotos in Zeitungen sind heutzutage zutiefst tautologisch. Wenn es in einem Artikel darum geht, einen Krieg zu beenden, dann ist das Foto daneben eigentlich nur ein Poster mit der Parole 'Stoppt den Krieg'. Bei einer Geschichte über eine Cash-Krise in Barcelona, bekommen wir als einziges einen Bankautomaten in Barcelona zu sehen. Das Problem liegt im System. Auf der einen Seite gibt es das Foto mit einer Limonaden-Büchse, um die Gefahr gezuckerter Getränke zu illustrieren. Auf der anderen Seite wird alles Vernünftige im Fotojournalismus von der Kunstwelt weggeschnappt und wir sehen es nie wieder. Guy Tillims Bilder wurden von der Tate gekauft, aber nie der Öffentlichkeit gezeigt."

Außerdem: Dwyer Murphy rekapituliert das jahrelange Tauziehen um eine Auslieferung des mexikanischen Drogengangsters El Chapo an die USA, seine Fluchten aus dem Gefängnis und seinen anhaltenden Marktwert: "Univison und Netflix kündigten an, dass sie zusammen eine Serie für 2017 produzieren, mit dem 'El Chapo'. Telemundo entwickelt auch eine." Und der dänische Filmemacher Andreas Koefoed spricht über seine Dokumentation "At Home in the World", die einen zehnjährigen Flüchtlingsjungen aus Tschetschenien porträtiert.
Archiv: Guernica