9punkt - Die Debattenrundschau

Das Layout seit Urzeiten nicht geändert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.03.2017. Die NZZ beobachtet mit Entsetzen, wie bereitwillig sich die Türken in Deutschland von Erdogan in Identitätskonflikte stürzen lassen. Der FAZ geht es ähnlich beim Blick auf die neuen Emojis, die Musliminnen jetzt mit Hidschab repräsentieren. Der Guardian fürchtet, dass Theresa May Schottland aus dem Vereinigten Königreich treibt. Im Blog NYRB erklärt Sue Halpern den Unterschied zwischen Julian Assange und Edward Snowden. In der taz fordert Tabea Rößner für freie Kulturschaffende Mindesthonorare.

Europa

Die Meinungsfreiheit ist ein Bürgerrecht, ein Abwehr-Recht gegen die Staatsmacht, nicht umgekehrt, erinnert Joachim Güntner in der NZZ und versucht sich einen Reim darauf zu machen, dass Deutschtürken selbst in zweiter und dritter Generation auf Erdogans absurde Propaganda reinfallen: "Paradox ist, dass laut der Münsteraner Studie die Deutschtürken der zweiten und dritten Generation weniger beten und seltener in die Moschee gehen als ihre Altvorderen, sich jedoch für religiöser halten. Der Verdacht liegt nahe, ihre Religiosität als 'Identitätsmarker' anzusehen, als ein demonstratives Bekenntnis zur eigenen kulturellen Herkunft. Das macht die Sache nicht einfacher. Identitätskonflikte lassen sich leichter entfesseln als lösen. Ihre kulturalistische Aufladung erzeugt größere Reibungshitze als ein politischer Dissens. Erdogan, der bei einem Deutschland-Besuch 2010 zwar Integration bejahte, aber absurderweise die Assimilation gleich als ein 'Verbrechen' gegen die Menschlichkeit bezeichnete, versteht zu zündeln."

Theresa May lässt sich ihre starre Haltung gegenüber Schottland von der Daily Mail diktieren, schimpft Jonathan Freedland im Guardian, damit setze sie die Einheit der Nation aufs Spiel: "That the country voted only narrowly for Brexit and that two of these islands' four nations - Scotland and Northern Ireland - rejected it outright, May seems to have forgotten. By that simple failure, May has allowed a situation to arise which imperils the integrity of the United Kingdom. Whatever the legal position, political reality says she cannot deny an elected Scottish parliament a referendum if that's what it wants. The only argument is over the timing. When, not whether... Such is the madness of Brexit: wilfully endangering the survival of our own country - and calling it liberation."

Marc Zitzmann berichtet in der NZZ vom Eklat um die Hasstiraden des Bloggers Mehdi Meklat, der als authentische Stimme aus der Banlieue lange vom Pariser Kulturbetrieb gehätschelt wurde (unser Resümee). Im Guardian lästert Marina Hyde über den früheren britischen Schatzkanzler George Osborne, der als Abgeordneter und Escort-Man für einen Investmentfund auch noch Chefredakteur des Evening Standards werden soll: "Er ein Mann von Substanz? Von welcher? Chrystal Meth?"
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Politik

Hübsch in Politico die Überschrift zu James Rubins Text über Angela Merkels Besuch in Washington: "The leader of the free world meets Donald Trump." Peter Richter besucht für die SZ das Claremont Institute, das sich in Kalifornien als Bollwerk gegen alles Linke, Liberale und Fortschrittliche errichtet hat.
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Stichwörter: Donald Trump

Überwachung

Die jüngsten Aktionen von Wikileaks zeigen Sue Halpern im Blog der NYRB, dass die Überhand nehmende Überwachung durch die Geheimdienste uns alles andere als sicherer macht. Dass Julian Assange jetzt vielleicht über das gesamte Cyber-Arsenal der CIA verfügen könnte, lässt sie schaudern. Denn Julian Assange ist nicht Edward Snowden, meint sie und wird sehr kategorisch: "Snowden war der Leaker, nicht der Veröffentlicher. Als er erst einmal seine Dokumente an eine Gruppe von Journalisten übergeben hatte, damit diese sie untersucht und darüber entschieden, was öffentlich und was geheim bleiben sollten, hat er sich als Quelle zu erkennen gegeben. Das spielt eine Rolle, denn so konnte sich Snowden direkt an die Öffentlichkeit wenden." Assange dagegen schließe nicht einmal aus, die gehackten Codes und Algorhitmen weiterzuverbreiten - an wen auch immer. "Das heißt Julian Assange ist nicht nur auf der Flucht, er bewaffnet und gefährlich."
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Medien

Auf Politico verneigt sich Pierre Briançon vor dem französischen Satireblatt Canard enchainé, das mit seinen Recherchen François Fillon zu Fall gebracht hat: "Der Canard widersetzt sich jeder Technologie, er gibt nichts auf den 24-Stunden-Nachrichtenzyklus. Acht Zeitungsseiten ohne Fotos. Er hat das Layout seit Urzeiten nicht geändert, und trotzdem alles, was die französische Presse nicht hat, inklusive ein Gespür für die Geschichten, die der Nation unter die Haut gehen."
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Stichwörter: Canard Enchaine

Kulturpolitik

Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh fordert die Grünen-Politikerin Tabea Rößner für freie Kulturschaffende Mindesthonorare in Analogie zum Mindestlohn: "Über die Freien in Teilbranchen wie Mode, Design, Theater, Film, Sound oder Journalismus liegen kaum systematische Daten vor. Doch sehr viele dieser Soloselbstständigen und Kleinstunternehmer leben in finanziell prekären Verhältnissen. Selbstständige mit weniger als 17.500 Euro Umsatz machen über 13 Prozent aller Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft aus. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der klassischen Kulturschaffenden, die über die Künstlersozialkasse (KSK) versichert sind, liegt bei unter 16.000 Euro."

Gesellschaft

In der FAZ weist der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch auf die Kulturkämpfe hin, die im Unicode-Konsortium um die Emojis geführt werden: Müssen Frauen und Schwarze repräsentiert sein und wenn ja wie? Heikel wird es besonders bei Muslimen: "Auf Initiative der in Saudi-Arabien geborenen Hamburger Schülerin Rayouf Alhumedhi und nach breiter medialer Unterstützung wird es in der nächsten Version des Emoji-Standards eine Frau mit Hijab geben. Alhumedhi und andere kopftuchtragende Muslimas argumentieren, dass sie ohne eine solche Figur in der Emoji-Welt unsichtbar seien, und folgerichtig wird die Einführung des Hijab-Emoji als antidiskriminatorischer Akt gefeiert. Allerdings wird der Hijab damit für Frauen zum Symbol des muslimischen Glaubens schlechthin. Die siebzig Prozent gläubiger Muslimas in Deutschland, die kein Kopftuch tragen, könnten sich gezwungen sehen, sich in Zukunft piktografisch mit Kopftuch zu präsentieren, um den Vorwurf zu vermeiden, nicht zu ihrem Glauben zu stehen."
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