Efeu - Die Kulturrundschau

Der Sound der unbarmherzig summenden Mücken

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18.03.2017. Plattensammlungen werden endlich zum Forschungsgegenstand von Ivy-League-Universitäten, freut sich die SZ. Felix Mitterers verhinderte Robinsonade "Galápagos" im Theater an der Josefstadt lässt die Kritiker ratlos zurück. Bei den Nominierungen für den Deutschen Filmpreis finden die Kommentatoren Licht und Schatten. SZ und Welt gratulieren Martin Walser zum Neunzigsten. Und in der Welt weiß David Wnendt: Mit Ambitionen kommt man beim Tatort-Dreh nicht weit.

Film


Für den Deutschen Filmpreis nominiert: "Wild" von Nicolette Krebitz.

In Berlin wurden die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis bekanntgegeben. Dass es neben dem obligatorischen "Toni Erdmann" auch Nicolette Krebitz' "Wild" auf viele Nominierungen gebracht hat, sieht FR-Kritiker Daniel Kothenschulte als Anzeichen einer "Trendwende" in der Geschichte des Preises, dessen Nominierungs- und Vergabeverfahren in den letzten Jahren eher Konsens- und Erfolgsfilme begünstigten: "Aus einem durchschnittlichen Kinojahr wurden mit 'Toni Erdmann' und 'Wild' zwei seltene Perlen gefischt. Und noch ein zweiter erfreulicher Paradigmenwechsel bahnt sich an: Die Hälfte der für den 'Besten Film' nominierten Filme wurde von Frauen inszeniert."

Andreas Busche vom Tagesspiegel reagiert trotz aller Freude über die "Wild"-Nominierung um einiges skeptischer. Dass der problematische Naziaufarbeitungsfilm "Blumen von Gestern" und die Geflüchtetenkomödie "Willkommen bei den Hartmanns" ebenfalls besonders berücksichtigt wurden, empfindet er als ziemlichen Makel. Mit diesen Nominierungen "tut sich die Akademie keinen Gefallen."

Im Welt-Interview berichtet David Wnendt gegenüber Hanns-Georg Rodek von der Mühsal, sich als Kinoregisseur an einem "Tatort" zu versuchen. Mit Ambitionen komme man gar nicht erst weit. Er habe "die Grenzen zu spüren bekommen. 'Wenn wir uns hier besonders anstrengen, wird das vom NDR auch beim nächsten Fall verlangt', hat ihm einer von der Produktion offen erklärt. 'Tatorte' sind auch eine Art Jobsicherung, wie es sie im Filmbetrieb selten gibt. Beim Südwestrundfunk sind Kameraleute und Schnittmeister sogar noch fest angestellt, der Regisseur hat gar keine Wahl."

Weiteres: Sehr ärgerlich - und sehr symptomatisch - findet es Joachim Kurz von kino-zeit.de, dass Jeff Nichols' neuer Film "Loving" nach ersten Ankündigungen nun doch nicht in Deutschland ins Kino kommen, sondern direkt auf DVD ausgewertet wird. Für den Standard spricht Michael Pekler mit Filmemacher Pablo Larraín über dessen Biopic "Neruda" (hier unsere Kritik). Dietmar Dath gratuliert in der FAZ Glenn Close zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Michael Dudok de Wits Animationsfilm "Die rote Schildkröte" (SZ, unsere Kritik).

Außerdem hat das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt ein 90-minütiges Filmgespräch mit Dominik Graf über dessen Essayfilme "Verfluchte Liebe Deutscher Film" und "Offene Wunde Deutscher Film" online gestellt: Im folgenden der erste Teil, hier der zweite.

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Musik

Für Vinylfreude gibt es heute um die Printausgabe der SZ kein Herumkommen: Das gesamte Buch Zwei der Wochenendausgabe ist der Renaissance des klassischen Musikträgers gewidmet. Unter anderem geht es in Andrian Kreyes großer Reportage auch um den Wert, den historisch gewachsene Plattensammlungen etwa von zentralen Hiphop-Protagonisten auch für die Forschung haben: "Einen ersten Versuch, das Erbe der DJs zu verarbeiten, gibt es schon. Die Abteilung für seltene Bücher und Manuskripte an der Cornell University in Ithaca, New York, bekam vor vier Jahren die Sammlung von Afrika Bambaataa, dem zweiten DJ im Triumvirat der Hip-Hop-Pioniere... An der Harvard University hat der Kulturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr. das Hip Hop Archive and Research Institute gegründet, das gerade daran arbeitet, einen Kanon klassischer Vinyl-Alben zu erstellen. Kein Zweifel, Vinylplatten haben nun denselben kulturellen Status wie Bücher. Sie sind Artefakte, die Geschichte transportieren." Dazu passend spricht Frank Jödicke von skug mit dem Künstler Uwe Bressnik, der in seinen (derzeit in Wien ausgestellten) Arbeiten das Motiv der Schallplatte verarbeitet.

Weiteres: Für die Zeit heftet sich Ulrich Stock an die Fersen des israelischen Jazztrios von Omer Klein, das in seinem Heimatland wenig Aussicht auf Erfolg hat und sich deswegen auf eine internationale Karriere konzentriert. Die Zeit hat Christine Lemke-Matweys große Reportage zur Eröffnung von Daniel Barenboims Pierre-Boulez-Saal online nachgereicht. In der SZ porträtiert Sonja Zekri die Sängerin Yasmine Hamdan. Außerdem stellt Marc Vetter in der neuen Rolling-Stone-Serie über die besten Soundtracks den der italienischen Progrock-Band Goblin zu Dario Argentos Horrormeisterwerk "Suspiria" vor.

Besprochen werden der neue Konzertfilm von Rammstein (critic.de) und Spoons neues Album "Hot Thougts" (Spex). Für einen prächtigen Farbenrausch am Samstagmorgen sorgt im übrigen das neue, von der Spex präsentierte Video von Minni:


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Stichwörter: Hiphop, Vinyl

Bühne

"Hass, Neid, Ärger, Tuberkulose" erlebt Martin Pesl (Nachtkritik) bei der Premiere von Felix Mitterers "Galápagos" im Theater in der Josefstadt. Das Stück verarbeitet die wahre Begebenheit von sieben in den 1930ern auf die Galapagos-Inseln ausgewanderten Europäern, von denen die meisten nach kurzer Zeit tot oder verschwunden waren. "Eine hineinerfundene Figur, der Ermittler Pasmino vom Festland, lässt sich die Ereignisse in Rückblenden aufrollen. Anfangs haben wir eben noch das Gefühl, irgendetwas daraus lernen zu sollen - vielleicht weil der Sound der unbarmherzig summenden Mücken so etwas Mahnendes an sich hat. Je weiter Mitterer uns aber diese verhinderte Robinsonade erzählt, desto doofer scheint sie ihm selbst vorzukommen. So wie Ljubiša Lupo Grujčić als Pasmino alles fabelhaft amüsant findet, so sieht auch Mitterer von oben herab höhnisch diesen Menschen zu, die statt einem Garten Eden ihr Unglück anpflanzen."

Als "Kasperltheater ohne Krokodil, dafür mit Riesenschildkröte" beschreibt Martin Lhotzky in der FAZ den Abend: "Mitterers Stammregisseurin Stephanie Mohr setzt dieses etwas behäbige, durch allzu zähes Kleben an den Zeugenberichten wenig überraschende Werk auf der mit zerknülltem Papier übersäten Bühne in den nicht vorhandenen Sand." Immerhin "handwerklich schön gelungen" nennt Michael Wurmitzer das Stück im Standard, doch "die 130 Minuten reine Spielzeit ziehen sich zuweilen. Wenn man wenigstens mehr wüsste, wozu."

Besprochen werden Frank-Lorenz Engels Inszenierung von Niccolo Machiavellis "Mandragola" am Frankfurter Rémond-Theater (FR) und Eleonore Herders "Are You There?" an den Frankfurter Landungsbrücken (FR).
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Kunst

Äußerst angeregt berichtet Judith von Sternburg in der FR von der von Christian Spies und Birgit Sander kuratierten Ausstellung "Ersehnte Freiheit" im Frankfurter Museum Giersch, das sich mit der Abstraktion in den 1950er Jahren befasst: "Offensichtlich eindrucksvoll ist die Vielfalt, trotz des hier auf eine kleine Personenauswahl und ein einziges Jahrzehnt reduzierten Blicks. Groß und ungemein frisch wirkt die Experimentierfreude, überdeutlich ist der expressive und brachiale Anteil, der sich oft aber einer sehr sorgfältigen Oberflächenbehandlung verdankt. Zum Maximalismus gesellt sich Minimalismus."
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Stichwörter: Abstrakte Kunst

Literatur

Mit einer ganzen Seite gratuliert Burkhard Müller Martin Walser in der SZ zum 90. Geburtstag, den jener allerdings erst am kommenden Freitag begeht. Dass der Schriftsteller im Laufe seines Lebens und Schaffens auch für manche Kontroverse gut war, sieht ihm Müller heute nach: "Wen außer Martin Walser gäbe es in der deutschen Literatur, der so für die gesamte lange Epoche seit Gründung der Bundesrepublik bis heute einsteht? Er ist, so ungern das einige Zeitgenossen hören mögen, unser schlechthin klassischer Autor. Mit neunzig hat mancher sich selbst überlebt. Walser ist seine Hochbetagtheit zum Segen geworden wie einem biblischen Patriarchen. Und er schreibt weiter." (Auf dem Bild: Martin Walser, 2013. Gemeinfrei)

Deutlich skeptischer ist da schon Richard Kämmerlings' Essay über Walser, der heute in der Welt veröffentlicht wird: "Gerade der Autor, der fast obsessiv darum bemüht ist, sich nicht festlegen, nicht auf den Begriff bringen, fixieren und petrifizieren zu lassen, dessen Ideal eine 'Entblößungsverbergungssprache' ist, erscheint inzwischen wie ein Gulliver, der sich durch sein ständiges Winden und Zappeln in einem grandiosen Seiltrick selbst gefesselt hat."

Die FAZ dokumentiert Ilija Trojanows Laudatio auf seinen Kollegen Abbas Khider, der in diesen Tagen seine Residenz als Stadtschreiber von Mainz bezieht. Khiders Romane eignen sich als Antidot zum gesellschaftlichen Klima, sagt Trojanow: "Wenn eine ganze Gesellschaft sich eines Themas annimmt, verselbständigen sich die diskursiven Wahrheiten. Es dominieren Weltanschauungsfakten und gefühlige Argumente. Wer dem entkommen will, könnte Zuflucht finden in den Gegenwelten von Romanen."

Weiteres: Die Literatur entdeckt die Natur wieder, schreibt Jörg Magenau im Freitag. In Frankfurt las Paul Auster aus seinem neuen Roman "4321", berichtet Judith von Sternburg in der FR. Nico Bleutge (SZ) und Bruno von Lutz (NZZ) schreiben zum Tod des Nobelpreisträgers Derek Walcott. Außerdem hat das ZeitMagazin Stefan Willekes große und sehr lesenswerte Reportage über Maxim Biller online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem Lorenz Jägers Biografie über Walter Benjamin (NZZ), Zsuzsa Bánks "Schlafen werden wir später" (NZZ), Karlheinz Stierles "Montaigne und die Moralisten" (NZZ), Anne Webers "Kirio" (taz), Chris Kraus' "Das kalte Blut" (Literarische Welt), die Memoiren des "Daily Show"-Moderators Trevor Noah (taz), Michela Murgias "Chirú" (FAZ) sowie neue Lyrik von Tom Schulz und Steffen Popp (NZZ).

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