9punkt - Die Debattenrundschau

Risiken sind die Kehrseite von Handlungsfreiheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2021. Horst Bredekamp bleibt im Tagesspiegel bei seinen Vorwürfen gegen den Postkolonialismus, der den jüdischen Anteil an einer "antikolonialen" Ethnologie unterschlage. Die FAZ fragt, warum die Historikerin Hedwig Richter in den akademischen Rezensionsdiensten Sehepunkte und H-Soz-Kult so scharf angegriffen wird. Die australische Linksteuer kommt vor allem Rupert Murdoch zugute, berichtet die taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2021 finden Sie hier

Ideen

Als einen neuen Historikerstreit will Charlotte Wiedermann in der taz die aktuelle Debatte um Achille Mbembe und co. nicht bezeichnen, und die Singularität des Holocaust will sie persönlich gar nicht in Zweifel stellen, es sei denn doch: "Problematisch ist der Begriff Singularität .., wenn daraus eine Exklusivität jüdischer Opfer resultiert. Und eine Hierarchisierung zeigt sich, fern von Kolonialvergleichen, bereits durch die Vernachlässigung des Porajmos, dem eine halbe Million Roma und Sinti zum Opfer fielen. Nach einer Formulierung von Goebbels wurden sie wie die Juden 'schlechthin vernichtet', 'artfremden Blutes' auch sie. Kaum auffindbar ihr Gedenkort im Berliner Tiergarten, unweit des monumentalen Mahnmals für die jüdischen Opfer. Wer heute insistiert, Antisemitismus und Rassismus seien nicht wesensähnlich, mag an dieser Architektur der Differenz Gefallen finden."

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldtforums, hat dem Postkolonialismus neulich in der FAZ vorgeworfen, den jüdischen Anteil an einer "antikolonialen" Ethnologie, wie ihn Aby Warburg oder Franz Boas repräsentieren, zu unterschlagen (unsere Resümees). Der Artikel hat bei Twitter Empörung ausgelöst (unter anderem seltsamer Weise, weil er am Internationalen Frauentag publiziert worden war). Im Gespräch mit Caroline Fetscher und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel bleibt Bredekamp bei seinem Plädoyer für Boas und Warburg: "Beide sind herausragende Beispiele für eine Tradition, deren Andenken totgeschwiegen wird. Als ich 2010 bei der Eröffnung der Ausstellung 'Anders zur Welt kommen' betonte, dass der Weg zum Humboldt-Forum auch als Wiederhinwendung zu den liberalen und antikolonialen Traditionen beschritten werden müsse, ertönte inmitten der zahlreichen Zuhörer der Ruf: 'Heil Hitler!' Solcher Logik zufolge ist die deutsche Geschichte gemäß dem Diktum 'Von Luther zu Hitler' so absolut mit dem Bösen verknüpft, dass jeder Hinweis darauf, dass es Alternativen gab, als Verharmlosung gilt."
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Geschichte

Die FAZ ist alles andere als ein Waisenknabe, wenn es um Uni-Politik über Rezensionen geht (schon dass meist nicht benannt wird, wenn ein Uni-Professor eine Rezension in der FAZ schreibt, ist ein Problem). Heute aber greift Patrick Bahners zwei Rezensionsportale im Internet an, H-Soz-Kult und Sehepunkte, weil auf beiden Hedwig Richters historischer Bestseller "Demokratie - Eine deutsche Affäre" verrissen wurde, Auf H-Soz-Kult schreibt der Trierer Historiker Christian Jansen, in den Sehepunkten (hier) Andreas Wirsching, der immerhin Chef des Instituts für Zeitgeschichte ist. Besonders Wirsching ist extrem scharf: "Jenseits des Neides erklärt eine doppelte Provokation den maßlosen Widerspruch, den Hedwig Richter bei Fachkollegen auslöst. In der Form stört das Spielerische, die gewagte Kombination von Thesenbildung und Enthusiasmus. Freudlos wird von Jansen 'emotionaler Überschwang' gerügt, 'ein Verstoß gegen das Gebot als Wissenschaftlerin, möglichst objektiv, nüchtern und kritisch zu schreiben'. In der Sache ist das Skandalträchtige, dass für Hedwig Richter auch der Nationalsozialismus ein Kind aus der Verbindung der Deutschen mit der Demokratie ist."

Das Kaiserreich war niemals modern, antwortet in der SZ Joachim Käppner auf Hedwig Richter. Schon die Reichsgründung 1871 hatte einen "verhängnisvollen Geburtsfehler", denn der Einheit fehlte "das Pendant, ihre Zwillingsschwester: die Freiheit. Diese hatten die Bajonette der Fürstenarmeen mitsamt der Revolution von 1848/49 im Blut erstickt. In den USA, Großbritannien, Italien ist die Geschichte der staatlichen Einigung auch immer die des Kampfes für die Freiheit und Selbstbestimmung gewesen. Die nationale Einheit der Deutschen aber von 1871 war nicht das Werk freier Bürger, sondern eines brutalen Obrigkeitsstaates."
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Medien

Die australische Linksteuer, die Rupert Murdoch gegen Google und Facebook erstritten hat, kommt tatsächlich im wesentlichen Murdochs Zeitungen in Australien zugute, die in dem Land ohnehin eine übermächtige Stellung haben, schreibt Peter Weisenburger in der taz: "News Corp stärkt gleichzeitig seine quasimonopolistische Stellung, indem es sich sämtliche Gelder sichert, die die australische Regierung aus Google und Facebook herausgepresst hat. Vor einem solchen Effekt hatten Kritiker*innen bereits gewarnt. Hier offenbart sich die Schwäche des Gesetzes: Es tut so, als wäre News Corp ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen, dem an einer vielfältigen Medienlandschaft gelegen ist. News Corp hat aber erst im vergangenen Jahr auf einen Schlag über hundert lokale Titel stillgelegt oder die Papierausgaben eingestellt." Dass Murdoch kein Herold der Pressefreiheit ist, sondern der Demokratie mehr schadete, als es sich Mark Zuckerberg je erträumen könnte, zeigt die BBC-Dokumentation über ihn, die in der Arte-Mediathek immer noch zu sehen ist.

Ebenfalls in der taz meldet Klaus-Helge Donath, dass auf die Zeitung Nowaja Gaseta ein Giftanschlag verübtr wurde - zu Schaden kam niemand.
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Internet

Die Türkei geht voran in der Regulierung der sozialen Medien, erzählt K. Zeynep Sariaslan bei geschichtedergegenwart.ch. So muss jedes Netzwerk künftig "mindestens einen bevollmächtigten Vertreter oder eine Vertreterin in der Türkei benennen, der von der Justiz bestraft werden kann, wenn das Netzwerk nicht innerhalb von 48 Stunden auf offizielle Aufforderungen zur Entfernung von Inhalten reagiert, die der Staat für unerwünscht hält. Außerdem muss der Vertreter des entsprechenden Internetunternehmens nun alle sechs Monate bei den Behörden einen Bericht mit Informationen über dessen Nutzer in der Türkei einreichen."
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Gesellschaft

In Deutschland gibt es praktisch täglich "Femizide" oder versuchte Morde. Männer reagieren mit tödlicher Gewalt, wenn ihre Frauen sich von ihnen trennen. Verhindert werden können sie nur, wenn das ganze Umfeld wachsam ist, sagen die Journalistinnen Laura Backes und Margherita Bettoni im Gespräch mit Carolina Schwarz in der taz: "In Rheinland-Pfalz gibt es runde Tische für Hochrisikofälle von Gewalt in engen Beziehungen. Dafür füllen Betroffene einen Fragebogen aus. Gab es eine Steigerung der Gewalt? Oder: Hat er Sie schon einmal gewürgt? Je öfters eine Frau 'Ja' ankreuzt, desto höher das Risiko. Dann kommt es zu einer Fallkonferenz mit dem Jugendamt, Frauenhäusern, der Krisenintervention, Polizei und Staatsanwaltschaft, die gemeinsam nach den besten Möglichkeiten suchen, die Frau zu schützen. Bei einer Evaluation des Pilotprojekts kam heraus, dass nach diesen Interventionen nur ein Viertel der Täter wieder gewalttätig wird. Das ist der richtige Weg." Die beiden sind Autorinnen des Buchs "Alle drei Tage - Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen".

Gerade hat der Bundesgesundheitsminister im ungeimpften Deutschland einen AstraZeneca-Impfstopp verkündet, weil bei sieben von 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland Thrombosen in Hirnvenen auftraten. Das sind 0,00044 Prozent, rechnet Andreas Rosenfelder in der Welt vor. Verstehen wir eigentlich noch, was ein Risiko ist, fragt ebenfalls in der Welt der Philologe Jonas Grethlein: "Vor allem die Bilder aus Bergamo und die tägliche Hypostasierung eigentlich interpretationsbedürftiger Zahlen zu Fakten und Sachzwängen haben Angst erzeugt. Die Angst ist deswegen so groß, weil es ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft ist, Risiken auszuschließen. Aber Risiken sind die Kehrseite von Handlungsfreiheit, das zeigt der Begriff der Kontingenz. Negiert man Schicksalskontingenz, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen, beraubt man sich am Ende der Handlungsfreiheit. In der gegenwärtigen Krise tritt diese Dialektik der Kontingenz mit besonderer Klarheit zu Tage."

Nein, wir leben nicht in einer Corona-Diktatur, meint in der NZZ Roman Bucheli auf Caspar Hirschi (unser Resümee), wir fliegen in der Pandemie nunmal auf Sicht und können das nur mit Hilfe der Wissenschaftler. Über die Kosten reden sollte man aber schon, findet Bucheli: "Obgleich all dies mit schwerwiegenden menschlichen, psychischen und wirtschaftlichen Folgen verbunden ist, hat sich die Gesellschaft bis heute nicht darauf verständigt, ob diese Kosten irgendwie gegeneinander aufgerechnet werden sollten und unter welchen Gesichtspunkten dies allenfalls geschehen könne. Verspätet sind wir also auch in der Grundsatzdiskussion, ob und wie wir uns eine Wertehierarchie vorstellen könnten. Da wir die Kosten erheblicher Folgeschäden in Kauf nehmen, ist in der Frage ihrer Verteilung und den damit verbundenen ethischen Abwägungen dringend ein gesellschaftlicher Konsens zu suchen."

Der Religionskritiker Carsten Frerk prüft auf seiner Seite fowid.de Studien zu Muslimfeindlichkeit, die von islamischen Organisationen wie "Claim" und "Inssan" vorgelegt werden und auf die sich etwa der von der Bundesregierung geförderte "Mediendienst Integration" bezieht. Die dort präsentierten Zahlen erscheinen ihm oft nicht seriös: "In der Bearbeitung des Themas zeigte sich jedoch, dass in den vergangenen zehn Jahren die Diskussion um Diskriminierungen und Muslimfeindlichkeit eine bestimmte Richtung genommen hat, die sich zwar politisch und finanziell durchsetzen konnte, aber einer kritischen empirischen Prüfung nicht standhält. Viele Studien auf diesem Gebiet erlauben nämlich keinen unverzerrten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern vielmehr auf die ideologisch verzerrten Perspektiven derer, die mit diesen Studien ihre eigene gesellschaftspolitische Agenda umsetzen."
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Europa

Alexei Nawalny hat erstmals ein Kassiber aus seinem Gefängnis geschickt: "Ich hätte nicht gedacht dass es möglich ist, nur hundert Kilometer von Moskau entfernt ein veritables Konzentrationslager zu bauen." Es handelt sich um das Gefängnis "IK-2", das tatsächlich als eines der härtesten in Russland gilt, schreibt Benoit Vitkine, der Russland-Korrespondent von Le Monde: "Mehrere Zeugenaussagen, die insbesondere von der Moscow Times gesammelt wurden, berichten über das Ritual der Schläge bei der Ankunft im IK-2. Gleb Dobrilenko, ein ehemaliger Häftling, der von Alexej Nawalnys Team interviewt wurde, beschrieb eine Vergewaltigungsszene mit Stuhlbeinen. Konstantin Kotov sagte, er habe viele Berichte über Schläge gehört und regelmäßig gesehen, wie Häftlinge auf den Boden gelegt und mit Stöcken auf die Fersen geschlagen wurden."
Archiv: Europa
Stichwörter: Nawalny, Alexei