9punkt - Die Debattenrundschau

Neudefinition von Freiheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2025. In der FR erklärt Anetta Kahane mit Blick auf Omri Boehm, warum ihr "Universalismus" nicht behagt. In der FAZ erzählt Heinrich August Winkler, wie die KPD vor hundert Jahren Hindenburg möglich machte. In der NZZ beschreibt der russische Journalist Andrei Kolesnikow die Pathologie des russischen Blicks auf Amerika. Und in der Jungle World spricht Wolfgang Kraushaar über linken Antisemitismus und eine Einstaatenlösung für Israel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2025 finden Sie hier

Geschichte

Vor hundert Jahren platzierten die Weimarer Rechtsparteien in einem geschickten Schachzug den Feldmarschall Hindenburg als Präsidentschaftskandidaten. Sie kamen damit durch, weil die Linke gespalten war, erzählt Heinrich August Winkler in der FAZ: "Aus dem zweiten Wahlgang am 26. April 1925 ging Hindenburg, der Kandidat des 'Reichsblocks', mit einem Stimmenanteil von 48,3 Prozent als Sieger hervor. Wilhelm Marx, der Bewerber des republikanischen 'Volksblocks', kam auf 45,3 Prozent. Ernst Thälmann, der von der KPD trotz der mageren sieben Prozent, die er in der ersten Runde erhalten hatte, erneut ins Rennen geschickt worden war, verbuchte 6,4 Prozent. Hätten die Kommunisten ihre Anhänger im Sinne einer Politik des kleineren Übels aufgerufen, für Marx zu stimmen, wäre vermutlich dieser Reichspräsident geworden. 'Hindenburg von Thälmanns Gnaden', titelte der sozialdemokratische Vorwärts tags darauf zu Recht." So viel zur These, dass Linke nicht zum Aufstieg von Rechten beitragen können.

Der russische Journalist Andrei Kolesnikow zeichnet in der NZZ die Geschichte des russischen Verhältnisses zu den USA nach, das durchaus ambivalent war: "Selbst in der postsowjetischen Ära führten die übermäßige Aufmerksamkeit für das amerikanische Modell sowie die Mantras vom Verschwinden der unipolaren Welt zu einem Gefühl der unausweichlichen Abhängigkeit von 'ihnen'. So hieß es mitunter, die russische Verfassung von 1993 sei in den Vereinigten Staaten geschrieben worden. Während der Jelzin-Ära war Russland dermaßen abhängig von den USA, dass es nach 2000 einer von Putin initiierten Änderung des Grundgesetzes bedurfte, um das Land wirklich souverän zu machen. Gleichzeitig aber blieb man überzeugt davon, dass Amerika ein wirtschaftlich starkes Land sei, von dem man viel lernen könne, mit dem sich eine Zusammenarbeit lohne und das ein Wohlstandsniveau aufweise, das man selber anstreben müsse." Seit Donald Trump erneut im Amt ist "und den Friedensvermittler gibt, erlebt Russland eine Neuentdeckung Amerikas und verlagert die Lösung seiner Probleme erneut auf die USA, wodurch der Mythos von der absoluten Macht der amerikanischen Supermacht wieder auflebt. Die Verkörperung des Bösen und die Quelle des Wohlstands in der Welt engagiert sich in den Augen der Russen einmal mehr für den Weltfrieden."
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Politik

Trumps Politik besteht aus "einer kraftvollen Mischung aus 'vorwärts' und 'rückwärts'" - das macht sie so attraktiv für viele, erklären die Historiker Lukas Paul Schmelter und Joseph de Weck in der SZ. "Trumps Maga-Futurismus zeichnet eine Vision für eine Bevölkerung, die sich angesichts des oft öden Alltags nach großen Würfen, auch nach Disruption und Action sehnt. Dass Nostalgie sich mit dem Futurismus beißt, tut nichts zur Sache. Aber wenn liberale Kräfte in den USA und in Europa wieder Oberhand gewinnen wollen, müssen auch sie sich erneut erlauben, in Utopien zu denken. Eine Politik, die bloß die Rückkehr zum 'Status quo ante Trump' propagiert, verfängt nicht. Zukunft, nicht Verwaltung der Gegenwart, muss wieder im Zentrum liberaler Politikentwürfe stehen. Auch die Opposition zu Trump muss einen Wandel versprechen, Perspektiven eröffnen, wie das einst etwa die soziale Marktwirtschaft tat. Liberale sollten radikaler an das Versprechen der Aufklärung 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' knüpfen, eine utopische Kraft entwickeln."

Buch in der Debatte

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Der Historiker Wolfgang Kraushaar, der ein Buch über den Nahostkonflikt geschrieben hat (hier unser Vorgeblättert), zeichnet im Interview mit jungleworld die Geschichte linken Antisemitismus nach. Außerdem erklärt er, warum er tatsächlich eine Einstaatenlösung für realistischer hält als eine Zweistaatenlösung: "In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht auch daran erinnern, dass über 20 Prozent der israelischen Staatsbürger arabischer, zumeist palästinensischer Herkunft sind. Dieser Teil der Bevölkerung, immerhin zwei von knapp zehn Millionen, hat während des Gaza-Kriegs mit all seinen fürchterlichen Konsequenzen keine wirklichen politischen Schwierigkeiten bereitet. Das Zusammenleben hat funktioniert, irgendwie scheint es also doch noch Gemeinsamkeiten zu geben. In meinen Augen ist die Zweistaatenlösung vor allem wegen der Lage im Westjordanland unrealistisch. Wir müssen inzwischen von 500.000 bis 700.000 dort lebenden israelischen Siedlern ausgehen, die im Zuge einer sukzessiven Annexion immer mehr Gebäude errichtet und sie zum Teil zu wehrhaften Festungen umgebaut haben. Es erscheint irreal, das rückgängig machen und dort einen palästinensischen Staat aufbauen zu wollen. Vermutlich würde es zu einem Bürgerkrieg führen, wenn man die Siedler zwingen würde, sich wieder aus dem Westjordanland zurückzuziehen. Schon aus diesem elementaren Grund wäre es besser, eine Einstaatenlösung zu favorisieren."

Weiteres: Der Philosoph Smail Rapic erklärt im FR-Interview mit Michael Hesse, warum die "neoliberale Wende" in den siebziger Jahren einen der Hauptfaktoren für das Erstarken des Populismus in Amerika, aber auch hierzulande darstellt.
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Europa

34 Menschen sind bei einem russischen Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Sumy ums Leben gekommen, darunter die Organistin Olena Kohut.

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Kulturpolitik

Trump mischt auch, wo er kann, in der Kulturpolitik mit. Frauke Steffens berichtet in der FAZ darüber, wie missliebiege Bücher aus Bibliotheken etwa der Armee entfernt werden. Und die Trump-Regierung mache "kein Geheimnis daraus, dass es besonders die afroamerikanische Geschichte, die Geschichte des Rassismus und der sozialen Bewegungen sind, die man am liebsten ganz abwickeln würde. Weil das auch aufgrund der Zuständigkeit der Bundesstaaten nicht unmittelbar funktioniert, wird der Finanzhebel umso aggressiver angewandt, wo das möglich ist. Das Museum of the City of New York verlor zum Beispiel eine Bundesfinanzierung in Höhe von 100.000 Dollar für eine Ausstellung über Shirley Chisholm, die erste schwarze Frau, die in den Kongress gewählt wurde und die sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bewarb."
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Stichwörter: Rassismus

Ideen

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Der japanische Philosph Kohei Saito, Autor des Buchs "Systemsturz", ist ein Anhänger der "Degrowth"-Idee. Die Wirtschaft soll umgebaut werden auf eine Art staatliche Planwirtschaft, die den Menschen die Ressourcen in streng reglementierter Mangelwirtschaft zuteilt. Im Gespräch mit Lennart Laberenz von der taz erklärt er, warum er das für eine "Neudefinition von Freiheit" hält: "Mir scheint, eine radikale Neukonzeption von Freiheit ist die erste Voraussetzung für eine Transformation. Und die brauchen wir, weg von der Maximierung der Kapitalakkumulation und hin zu einem System, das sich für etwas entscheidet, das sonst im Kapitalismus marginalisiert wird. Es könnte Freizeit sein, Fürsorge, Natur, oder Gemeinschaft."
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Stichwörter: Saito, Kohei, Degrowth

Gesellschaft

Es ist nicht das erste Mal, dass der Gedenkort Buchenwald für ideologische Zwecke missbraucht wird, erklärt Anetta Kahane in der FR mit Blick auf die Ausladung Omri Boehms als Redner zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZs (unsere Resümees). Seine Theorie des radikalen Universalismus bezeichnet sie als "vergiftete Polemik" und schlägt den Bogen zur DDR: "Der Universalismus der kommunistischen Ideologie ignorierte die antisemitische Grundidee des Nationalsozialismus und erhob stattdessen den Klassenkampf zur universalisierten Erklärung für alles. Das war nicht nur ignorant gegenüber den Juden, die langsam aus der Erinnerung gedrängt wurden, und dem, was Antisemitismus bedeutet. Das war vor allem eines: Erinnerungsabwehr. Die Universalisierung der Opfer entlastet aus jeder Verantwortung. Wenn der Faschismus nur ein Produkt des Kapitalismus ist, dann ist Schuld keine menschliche Konsequenz barbarischen Handelns. Monopolkapitalisten im Westen waren schuld? Und nicht das Volk da unten in Weimar, wo Goethes Haus stets in Ehren gehalten wurde."

Auf das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania Josh Shapiro, der als demokratischer Präsidentschaftskandidat im Gespräch war, ist ein Brandanschlag verübt worden - er und seine Familie sind gerettet worden.


In Straßburg wurde eine Bäckerei von "propalästinensischen" Demonstranten belagert, weil sie angeblich "israelisch" ist.

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