9punkt - Die Debattenrundschau

Nur harte Boomer demonstrieren kritische Distanz

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2025. Was passiert, wenn die AfD in einigen Bundesländern die Mehrheit gewinnt? In der SZ malt Politik-Professor Andreas Petrik aus, welche Institutionen die Partei zuerst abwickeln würde. Deutsche Medien setzten sich nur ungern mit ihrer Vergangenheit auseinander, konstatiert die taz am Beispiel der Oldenburger Nordwest-Zeitung. Nicht NGOs wie "HateAid" sind das Problem, sondern die Tendenzen, die sie bekämpft, meint Zeit online.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2025 finden Sie hier

Europa

Was würde in den Schulen und Unis passieren, wenn die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewinnt? Der Politik-Professor Andreas Petrik will im SZ-Interview keine Katastrophen-Szenarien beschwören: Eine Landesregierung kann nicht einfach Hochschullehrer entlassen. Sie kann jedoch starken Druck ausüben, zum Beispiel durch Kürzung von Mitteln: "Die AfD wird allen Initiativen das Geld streichen, die für demokratischen Zusammenhalt sorgen: zum Beispiel 'Schule ohne Rassismus', 'Aktion Courage' oder die 'Partnerschaften für Demokratie'. Sie wird die Landeszentrale für politische Bildung mit einem Federstrich erledigen und den Medienstaatsvertrag kündigen." Das von der AfD angeführte Argument des Neutralitätsgebots in der Schule ist Unsinn, meint Petrik: "Es ist in einer Demokratie weder möglich noch wünschenswert, Politik aus der Schule rauszuhalten (...) Die wehrhafte Demokratie steht über dem Neutralitätsgebot."

Jarosław Ćwiek-Karpowicz, Direktor des Polnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, plädiert in der Welt für eine starke Rolle Deutschlands bei der Verteidigung der Nato-Grenzen gegen Russland und eine stärkere Zusammenarbeit mit Polen: "So sollte Deutschland sein Potenzial nutzen, um Lücken in Bereichen zu schließen, die auf europäischer Ebene nach wie vor eine zentrale Herausforderung darstellen, wie beispielsweise die Luft- und Raketenabwehr. Zudem ist zu betonen, dass eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Polen unerlässlich ist, um die Verteidigungspläne der Nato zu erfüllen. Damit die Verbündeten die Flankenstaaten wirksam unterstützen können, ist die Entwicklung der militärischen Mobilität von entscheidender Bedeutung. In diesem Zusammenhang könnte sich Deutschland am Ausbau der Transport- und Logistikinfrastruktur beteiligen. Nur durch solche praktischen Investitionen kann die Sicherheit unseres Teils Europas wirklich gestärkt und eine wirksame Abschreckung gegenüber einem zunehmend aggressiven Russland gewährleistet werden."
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Stichwörter: Russland, Nato, Polen

Politik

Mirco Keilberth porträtiert für die taz die schwarze Tunesierin Saadia Mosbah, die sich gegen Rassismus im Land einsetzt und dafür unter Vorwänden (sie nehme Geld aus dem Ausland) im Gefängnis sitzt. Tunesien sei zwar stolz auf seinen Antirassismus, so Keilberth, und Tunesien habe anders als andere kolonisierte Länder von sich aus im Jahr 1845 die Sklaverei abgeschafft. "Doch nur wenige hörten wirklich, was Mosbah zu sagen hatte. Von ihren nachrevolutionären Touren durch den Süden Tunesiens kam sie oft wütend nach Tunis zurück. Auf Djerba fanden sie und ihre Freiwilligen Geburtsregister, in denen Familiennamen ehemaliger Leibeigener noch immer mit dem Zusatz 'befreit von' geführt wurden. In dem Dorf Gosba bei Medenine traf sie auf schwarze Schulkinder, die bis heute nicht denselben Bus wie ihre hellhäutigen Mitschüler nutzen dürfen. Als sie hörte, dass Hotelbesitzer ihre Angestellten aus dem verarmten Hinterland 'Oussifi' - also Diener - riefen, platzte Mosbah in tunesischen Fernseh-Talkshows der Kragen."

Im SZ-Interview erklärt Rich Logis, ein früherer MAGA-Anhänger und politischer Influencer, wie es zu seinem Bruch mit der Bewegung kam. Das Konsumieren einseitig rechter Medien war bei ihm ein Hauptgrund, sich der Bewegung anzuschließen, meint er: "Sie bringen die Menschen dazu, zu glauben, dass jeder, der nicht ihre Überzeugungen teilt, eine Bedrohung für unser Leben, unsere Existenz, unsere Familien und unser Land darstellt." Eine der Lösungen sei also "ein diversifizierter Medienkonsum. Bei mir ging es los, als ich angefangen habe, traditionelle Tageszeitungen zu lesen, die New York Times, die Washington Post, USA Today. Der Auslöser war Ron DeSantis, unser Gouverneur in Florida. Er hatte sich in den ersten anderthalb Jahren der Corona-Pandemie relativ vernünftig verhalten. Und dann plötzlich trat er mit Leuten auf, die behaupteten, die Impfung verändere die DNA und sei tödlicher als das Virus. Das hat mich zutiefst schockiert. Ich war nie gegen Impfungen. Ich gehörte nicht zu den Leuten, die dachten, Covid sei eine Biowaffe. Und als DeSantis das tat, veranlasste es mich, mich nach anderen Informationsquellen umzusehen. Und so kam es dazu, dass ich irgendwann ausgestiegen bin."

Melanie Mühl beschreibt in der FAZ, wie Trumpianerinnen ihr Aussehen gestalten. Das "Mar-a-Lago-Face" gestaltet sich demnach wie folgt: "Dessen Look zeichnet sich durch eine bewusste Überspritzung mit Fillern, eine kantige Jawline - niemand spricht mehr von Kinnlinie -, eine kleine Nase, straffe Haut, Augenbrauen, die wie festgetackert wirken und für 'foxy eyes' sorgen, grellweiße Zähne, gewelltes Haar sowie voluminöse Lippen und ein starkes Make-up aus. Als Vorbild dient Trumps Ehefrau Melania. Man wundert sich, dass die First Lady bei dieser Botox-Menge im Gesicht noch blinzeln kann."
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Geschichte

FAZ-Korrespondent Johannes Leithäuser stellt Forschungen der britischen Historikerin Amy Williams zu den "Kindertransporten" um das Jahr 1938 vor. Meist auf Initiative jüdischer Organisationen wurden Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Großbritannien und in andere Länder verschickt. Die Forschungen zeigen, dass die Verschickungen "keinesfalls dem Szenario einer überstürzten Massenflucht folgten, sondern in bürokratischen Verfahren organisiert wurden, mit Schreibmaschinenlisten, Durchschlägen, Ankündigungen, Genehmigungen, Fahrkarten, Pässen, Nummern und Stempeln", so Leithäuser. Und die Deutschen überwachten die Aktion genau: "Die Akten enthalten auch Hinweise, dass Adolf Eichmann, der später zum Organisator der Vernichtungstransporte wurde, zu jener Zeit in Wien im Hintergrund agierte und gelegentlich eingriff, um die Kindertransporte nach England zu beschleunigen. Williams zeigt in ihren Dokumenten Beispiele aus dem Schriftverkehr mit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) - die in jedem einzelnen Fall ihr Einverständnis zur Ausreise eines jüdischen Kindes zu geben hatte. Und die später, falls die Fluchtadressen der Kinder nicht in Dänemark, sondern in den Niederlanden oder Belgien lag, nach der Besetzung dieser Länder versuchte, der Kinder dort wieder habhaft zu werden."
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Stichwörter: Kindertransporte

Gesellschaft

Michael Moorstedt stellt in der SZ die sogenannten "Prediction Markets", die bekanntesten sind "Polymarket" und "Kalshi", vor: "Hybride aus Wett- und Aktienbörsen", auf denen man online nicht nur auf den Ausgang von Sportereignissen, sondern auch auf politische Ereignisse Geld setzen kann, "wann Israel Libanon bombardieren wird oder wann die USA in Venezuela einmarschieren werden. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW), Livekarten zu den Frontverläufen im Ukraine-Krieg manipuliert hatte, um den Ausgang einer Wette auf Polymarket zu beeinflussen." Zyniker "haben schon immer vermutet, dass Politik zu einem Großteil nur Show ist. Nun folgt mit den Wahrscheinlichkeitsmarktplätzen die logische und ebenso zynische Konsequenz. Genau wie Sportwetten zu Skandalen um bestochene Schiedsrichter und absichtlich zu Boden gehende Boxer führen, könnte auch die Welt der Politik durch den Einfluss der Glücksspieler korrumpiert werden."

Darauf sind wir erst im Nachhinein gestoßen: In der taz vom Samstag verteidigt Klaus Walter den Anglizismus vor der Sprachpolizei von links wie rechts. Dabei brachten Angloamerikanismen einst mal frischen Wind in die Bude, etwa zu Zeiten der popkulturellen Explosion in den Sechzigern. "Weniger bornierte Linke hatten kapiert, welchen Beitrag Jazz, Rhythm & Blues, Soul & Hollywood zur Zivilisierung soldatischer Körperpanzer und Entnazifizierung der Gesellschaft leisteten, ohne darüber die Verbrechen des US-Imperialismus zu vergessen." Doch heute "haben wir vergessen, wie viele Begriffe, die wir routinemäßig benutzen, importiert wurden: Manager, Trainer, Fitness, Jogging, Party, Service, Drink, Soundcheck, you name it. Auch den Quantensprung zum Digitalk made in Silicon Valley haben wir easy hinbekommen. Mit Laptop und Tablet organisieren wir Chats und Meetings über Zoom und Whatsapp, ertragen Shitstorms und No Go's auf Social Media. Nur harte Boomer demonstrieren kritische Distanz und reden immer noch von 'unsozialen Medien'. ... Neudenglische Begriffe stehen also nicht nur für Veränderungen der Sprache, sondern für die Kritik an und den Bruch mit tradierten Normen."
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Stichwörter: AfD, Demokratie, Anglizismen, Sprache

Medien

Deutsche Medien halten zwar gerne Vorträge über die Aufarbeitung von Vergangenheit, in eigener Sache sind sie damit aber nicht so engagiert. Der Fall des Donaukurier-Verlegers Wilhelm Reissmüller, der jahrelang wie der König von Ingolstadt agierte, und seine Nazivergangenheit kaschiert hatte, ging vor einigen Jahren durch die Presse (unsere Resümees). Nicht viel anders ist es in Oldenburg, wo der einstige Chef Fritz Bock bis heute von seinen Nachfolgern als einer gefeiert wird, der Juden gerettet habe - nach Kriegsende hat er die noch heute erscheinende Nordwest-Zeitung (NWZ) gegründet. In Wahrheit verbreiteten "die Oldenburger Nachrichten antisemitische Hetze und Kriegspropaganda in Reinform - unter anderem von Edith Ruß, deren NS-Vergangenheit die taz öffentlich machte. Regelmäßig befürwortet die Zeitung Hinrichtungen von 'Verrätern', 'Volksschädlingen' oder Juden. 1939 führt sie die Kriegsbeilage 'Der Waffenträger' ein. 1943 ist zunächst Schluss für die Oldenburger Nachrichten. NWZ-Verantwortliche fabulieren heute, die Zeitung sei von den Nazis 'verboten' worden. Tatsächlich wurde sie wegen Materialmangels mit dem örtlichen NSDAP-Blatt zusammengelegt. 'Verlag und Schriftleitung leisten damit einen besonderen Beitrag, um dem Kriege und dem Siege zu dienen', erklärt die Zeitung in 'demselben Verantwortungsbewusstsein, mit dem sie bisher ihre Aufgaben für Führer, Volk und Reich erfüllt hat'."

Die US-Regierung hat Einreise-Verbote gegen die Geschäftsführerinnen der Organisation "HateAid", Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon, erlassen. Jene Stimmen, denen die NGO schon lange ein Dorn im Auge war, triumphieren nun, seufzt Johannes Schneider bei Zeit Online: "In der Realität ist HateAid eine Organisation, die Hass im Netz bekämpfen will, indem sie Opfer berät, juristischen Beistand leistet und digitalen Plattformen, die mutmaßlich Hass fördern, auf die Pelle rückt. Beziehungsweise indem sie diejenigen unterstützt, die das tun und deshalb in Schwierigkeiten geraten." Es gibt aber auch berechtigte Kritikpunkte, meint Schneider, deshalb muss eine Debatte "geführt werden - und Organisationen wie HateAid brauchen überzeugende und unmittelbar kommunizierte Kriterien, wem sie nicht helfen und warum. Aber sie darf auch nie so geführt werden, als wäre eine solche Organisation das zentrale Problem oder der Staat, der sie unterstützt - und nicht die zersetzenden Kampagnen, denen sie entgegenwirken will."

Ludwig Greven kritisiert bei den Ruhrbaronen, dass die staatlich geförderte Organisation "HateAid" daran arbeite, auch "Meinungen und Ansichten unterhalb der Grenze des Strafbaren und unzweifelhaft Verfassungswidrigen aus dem Bereich des Sagbaren auszuschließen… Politische Programme zur Förderung der Demokratie und zur Überwachung von Meinungsäußerungen oder Falschaussagen sind daher, auch wenn sie auf den ersten Blick wertvoll erscheinen mögen, mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Denn Politiker und Regierungen maßen sich damit an zu bestimmen und zu sanktionieren, was demokratisch zulässig sei und was nicht."
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Ideen

Martin Sökefeld, Professor für Ethnologie in München, hofft auf eine Abschaffung der Grenzen in westlichen Ländern. In der taz vergleicht er den Kampf hierfür mit dem Kampf gegen die Sklaverei: "Nehmen wir die langwierige Abschaffung des Rechts auf Sklaverei mit allen Rückschlägen als eine Parabel für die Abschaffung des Grenzrechts. Es gab nicht nur ethische Gründe gegen Sklaverei. Adam Smith, der schottische Vordenker des Liberalismus, brachte ökonomische Argumente vor. Er hielt die Arbeit freier Menschen für effizienter als Sklavenarbeit. Sklavenarbeit ist am Ende die teuerste Arbeit, schrieb er 1776. Heute könnte man mit den ungeheuren Kosten des Grenzschutzes argumentieren: Könnten diese vielen Milliarden Euro nicht sinnvoller eingesetzt werden? Heute würde Adam Smith vermutlich schreiben, dass es ökonomisch sinnvoller wäre, angesichts des Arbeitskräftemangels Flüchtlinge arbeiten zu lassen, anstatt sie oft zu Untätigkeit zu verdammen."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Sklaverei, Offene Grenzen