9punkt - Die Debattenrundschau

So erschreckend eifrig

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2026. Der Antisemitismus der Moderne ist häufig als eine Art umgeleitete Selbstkritik zu lesen, erklärt Armin Nassehi in Zeit online. Michel Foucault hasste staatliche Fürsorge, ist er also überhaupt als links zu lesen, fragt die taz. Der israelische Staat wird die New York Times wegen Verleumdung verklagen, berichtet die Times of Israel. Will die AfD die Eugenik wieder gesellschaftsfähig machen, fragt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in der SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 finden Sie hier

Europa

Zwar sind Internetblockaden in Russland nichts Neues, aber sie tragen erheblich zu einer neuen Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung bei, notiert der belarusische, in Berlin lehrende Politologe Alexander Libman in der taz. "Gerade im Frühling 2026 haben sie massiv an Intensität und Verbreitung zugenommen. Auf diese Weise macht die Regierung Russlands etwas zunichte, was sie selbst - und auch russische Bevölkerung - als eine große Errungenschaft der letzten Jahre wahrgenommen haben - einen hohen Grad der Digitalisierung des Landes, zum Teil viel höher als in Deutschland. Insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen sind Internet-Shutdowns und Telegram-Blockaden mehr als nur eine Unannehmlichkeit. Restaurants, Friseursalons oder Fotostudios kommunizieren in Russland mit ihren Kund*innen oft primär über Telegram. Die Blockaden führen zu gewaltigen Umsatzeinbußen."

Eine der Folgen von Erdogans desaströser Wirtschaftspolitik ist eine sinkende Geburtenrate, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "Mittlerweile verzichten die Leute selbst auf ein zweites Kind, weil die hohe Inflation sowie die steigenden Ausgaben für Unterkunft, Lebensmittel und Bildung die Familienbudgets schwer belasten. Vor zehn Jahren lag die durchschnittliche Kinderzahl bei 2,11 pro Familie, heute ist sie auf 1,51 gesunken und damit auf das niedrigste Niveau der 103-jährigen Geschichte unserer Republik. Aufgrund der Politik des Palastregimes haben wir zudem den Vorteil eingebüßt, über eine junge Bevölkerung zu verfügen, auf den wir so stolz waren. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir nur mit der Hälfte unserer zurzeit 86 Millionen Einwohner ins 22. Jahrhundert gehen."
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Medien

Die israelische Regierung will eine Verleumdungsklage gegen die New York Times anstrengen, berichtet unter anderem Lazar Berman in der Times of Israel. Es geht um einen Artikel Nicholas Kristofs auf der Meinungsseite der New York Times (wo offenbar nicht so strenge Factchecking-Regeln herrschen wie auf den anderen Seiten der Zeitung, mehr hier). Der Kolumnist trägt unter anderem unter Bezug auf Hamas-nahe Quellen Gerüchte weiter, dass Israel palästinensische Gefangene systematisch durch abgerichtete Hunde vergewaltigen lasse (unser Resümee). Weitere Belege für diese Behauptungen legt er nicht vor, während andere Aussagen anonym befragter Zeugen in seinem Artikel plausibler klingen mögen. Kristofs Artikel erschien vielleicht nicht von ungefähr einen Tag vor dem großen Abschlussbericht der "Civil Commission on October 7 Crimes by Hamas against Women and Children" zur sexuellen Gewalt am 7. Oktober (unser Resümee). "Ich habe heute meine Rechtsberater angewiesen, die strengsten rechtlichen Schritte gegen die New York Times und Nicholas Kristof zu prüfen", zitiert Berman aus einem Tweet Benjamin Netanjahus. Die New York Times verwahrt sich gegen die Anschuldigungen. Die Drohungen gegen "Nicholas Kristofs fundiert recherchiertem Meinungsbeitrag" seien Teil eines "altbekannten politischen Spiels, das darauf abzielt, unabhängige Berichterstattung zu untergraben und Journalismus zu unterdrücken, der nicht in ein bestimmtes Narrativ passt".
Archiv: Medien
Stichwörter: New York Times

Gesellschaft

Der Vorschlag der AfD, an den Schulen die Inklusion abzuschaffen und Behinderte auszuschließen (mehr dazu in der taz), lässt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog befürchten, dass der Rassenwahn der Nazis immer noch in deutschen Köpfen steckt und Eugenik wieder gesellschaftsfähig gemacht werden soll. Dabei hätten die Deutschen lange gebraucht, die in der Nazizeit verinnerlichte Behindertenfeindlichkeit zu überwinden, schreibt sie in der SZ: "Der revolutionäre Paradigmenwechsel, der in den 1980er-Jahren stattfand - dank der militanten 'Krüppelbewegung' und deren Zusammenarbeit mit Scharen von jungen Radikalen in allen Bereichen des Bildungs- und Gesundheitswesens, der Sozialarbeit, und in Journalismus und Wissenschaft - mündete in die grundlegende Transformation der Standards der Care- und Bildungs-Praxis und eben auch in die Sprache der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Und es ist just dieser Paradigmenwechsel, welchen die AfD (bedauerlicherweise zusammen mit Teilen der CDU) so erschreckend eifrig rückgängig machen will."

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Im Interview mit Zeit online überlegt der Soziologe Armin Nassehi, warum der Antisemitismus hierzulande links und rechts wieder so stark geworden ist. Um Juden gehts dabei eigentlich gar nicht, sondern um ein gestörtes Selbstverhältnis, meint er. In seinem Buch zum Thema interessierten ihn "weniger die historischen Texte, sondern die Denkfiguren darin, die sehr aktuell sind. Sie sind in einer Zeit der Krisen und Umbrüche entstanden, in denen vor allem alte vermeintliche Sicherheiten schwanden und Misstrauen vor allem als Misstrauen in das Eigene auftrat, als Kulturkritik, als Entfremdungserfahrung, als Verlust authentischer Erfahrungen. All das gibt es heute ganz ähnlich, ein Vertrauensverlust, die Entstehung von 'Misstrauensgemeinschaften', um ein treffendes Bild des Soziologen Aladin El-Mafaalani zu bemühen. Wagner, Marx und Schmitt waren Denker der Moderne, die diese Moderne scharf kritisierten. Ihr Antisemitismus ist also eine Art umgeleitete Selbstkritik."
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Ist Michel Foucault überhaupt als "links" zu lesen, fragt Julian Nicolai Hofmann in der taz-Serie zum hundertsten Geburtstag des Philosophen. Dessen Kritik am Staat bereitet ihm jedenfalls Unbehagen, denn sie betrifft ein klassisches Betätigungsfeld der Linken: "Sie verfährt nicht einfach antiautoritär, sondern richtet sich besonders gegen jene Institutionen, in denen Macht im Namen der Vorsorge, in Form von Sozial- und Sicherheitsprogrammen auftritt. Im Laufe weniger Jahre entwickelt sich Foucault auf diese Weise von einem Intellektuellen der radikalen Linken zu einem entschiedenen Kritiker des Sozialismus, der in den revolutionären Bestrebungen der Linken eine bedrohliche Fetischisierung des Staates erblickte. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?"

In der SZ versucht der Soziologe Heinz Bude, den Deutschen Mut zu machen, die trotz gegenteiliger Befürchtungen immer noch wüssten, dass nur ein kollektives Wir die Zukunft gestalten kann: "Man muss niemandem lange erklären, dass sich die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten von Amerika in einem Konflikt um die Weltherrschaft befinden - der nur auf den ersten Blick mit der Anzahl von Flugzeugträgern ausgefochten wird. Es geht vielmehr um Routen der Wertschöpfung zu Land, auf dem Meer und im Weltall der digitalen Ströme." Da scheint Europa kaum konkurrieren zu können, doch werde "weder in den USA noch in China die Mehrheit der Werktätigen wirklich mit in die Zukunft genommen", meint Bude. "Ob das gut geht? Ungewiss. Europa hat es in der Hand, hier mit freundlicher Kaltblütigkeit seine Stärken auszuspielen. Wir haben in verheerenden Religionskriegen gelernt, dass die Legitimität staatlichen Handelns auf Voraussetzungen beruht, die es selbst nicht garantieren kann. Wir haben erkannt, dass der Kapitalismus ohne Bürgertum auf Dauer nicht existieren kann. Wir glauben an die irreduzible Bedeutung des Individuums als Quelle des Neuen und als Anker eines persönlichen Gewissens. Aber wir wissen auch, dass auf die Massen im Zweifelsfall kein Verlass ist."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Foucault, Michel

Geschichte

Gerade jene Firmen, deren Namen die Wirtschaftswunderzeit prägten, waren es oft gewesen, die unter den Nazis von Zwangsarbeit und Arisierung profitiert hatten. So auch die Schuhmarke Salamander, deren Geschäfte in den sechziger Jahren überall zu finden waren-. Stefan Hunglinger berichtet in der taz über Forschungen der Historikerin Anne Sudrow: "Den Namen Salamander und das Logo mit dem Feuersalamander hatte sich der Berliner Lederhändler Rudolf Moos, ein Verwandter Albert Einsteins, 1899 als Warenzeichen eintragen lassen... Während des Zweiten Weltkriegs betrieb Salamander in Berlin-Kreuzberg ein Reparaturwerk, das, wie Sudrow schreibt, 'mehrere Hundert Zwangsarbeiter beider Geschlechter und vieler Nationen einsetzte'. Auch Tote seien dokumentiert... Salamander, schreibt Anne Sudrow, habe außerdem zu den ersten, häufigsten und längsten Nutzern der 'Schuhprüfstrecke' im KZ Sachsenhausen gehört. 'Für die zahlreichen Todesfälle unter den Häftlingen, die dort mit Foltermethoden der SS gequält und gegen ihren Willen als 'Schuhläufer' missbraucht wurden, war die Unternehmensleitung der Salamander AG mit verantwortlich.'"

Londa Valja Rathgeb erzählt in der taz, warum Ulrike Meinhof zweimal bestattet wurde, einmal vor genau fünfzig Jahren in Berlin-Mariendorf und einmal 2002 im engen Kreise ebendort - wo  allerdings nur ihr Gehirn beigesetzt wurde. Es war seziert worden. Meinhof hatte zu Lebzeiten eine Gehirnoperation erleiden müssen, ein Blutschwamm wurde mit Stahlklammern abgeklemmt, und die Frage war, ob das ihre Persönlichkeit verändert hatte - schon zu Lebzeiten: 1973 wurde "diskutiert, Frau Meinhof erneut neurologisch zu untersuchen. Es sollten ein Szintigramm erstellt und weitere, eventuelle Zwangseingriffe durchgeführt werden, um Frau Meinhof den Kopf quasi wieder richtig herum auf die Schultern zu setzen. Dagegen sprach eine Klage von dreißig Universitätsärzten, die freundlicherweise darauf hinwiesen, dass ein solcher Eingriff bei fehlender akuter Gesundheitsgefahr gesetzeswidrig sei. Der Prozess in Stammheim fand also statt, trotz geistig ungeklärter Zustände und mal mit, mal ohne die abgemagerte Angeklagte."

Ebenfalls in der taz würdigt Jens Uthoff den Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der im Alter von 101 Jahren gestorben ist.
Archiv: Geschichte