Tag 9 in
Putins Krieg gegen die Ukraine ist angebrochen. Putin scheint fest entschlossen, eine Apokalypse anzurichten. Laut
New York Times (
hier),
Guardian (
hier) und
Spiegel online (
hier) lässt der russische Diktator die
Atomanlage Saporischschja (englisch Zaporizhzhia) beschießen. Laut
Zeit online (
hier) ist das AKW inzwischen von den Russen besetzt, die Brände sollen gelöscht sein.
Auf Twitter schlägt die Stunde der
Militärexperten. Laut dem ehemaligen General Mick Ryan könnte ein
Häuserkampf oder zumindest ein intensiver
Krieg in Städten bevorstehenden, der auch bei Soldaten extrem gefürchtet ist, wie Ryan in einem
langen Thread darlegt. Putin hat in
Grosny und Idlib gezeigt, mit welchen Mitteln er ihn zu führen bereit ist. "Wir werden eine
Eskalation der Gewalt erleben, wenn die Russen diese Schlacht um die Städte fortsetzen. Wir haben gesehen, wie verzweifelt sie in den letzten 24 Stunden mit dem Einsatz von Artillerie, Raketen und möglicherweise
thermobarischen Waffen in und um zivile Gebiete nach taktischen Erfolgen suchten."
Auch Kenneth Roth
fürchtet im
Guardian eine
Brutalisierung des Krieges in den Städten, gerade wenn die Gegenseite sich wehrt: "Das russische Militär hat in der Vergangenheit einen solchen Widerstand mit schwerwiegenden
Verstößen gegen das Kriegsrecht beantwortet, einschließlich der absichtlichen Bombardierung von Zivilisten, die wahllosen und unverhältnismäßigen Angriffen ausgesetzt waren... 2015 und 2016 haben russische und syrische Bombenangriffe die von der Opposition gehaltenen Teile von
Ost-Aleppo, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, weitgehend verwüstet. Die Bewohner litten unter einer schweren Belagerung und wahllosen Angriffen mit
Streumunition und Fassbomben, Brandwaffen und hochexplosiven Bomben, so dass die Oppositionskräfte schließlich kapitulierten."
Nach innen betreibt Putin ebenfalls totale Repression. Die letzten
unabhängigen Medien werden ausgeschaltet (
mehr dazu im
Tagesspiegel), Friedensdemos ziehen schärfste Strafen nach sich,
schreibt Barbara Oertel in der
taz: "Doch ob alle diese Maßnahmen die gewünschte Wirkung entfalten, darf bezweifelt werden. So wenig, wie Präsident Wladimir Putin die Ukrainer*innen kennt, die seine Truppen zur Begrüßung
nicht mit Brot und Salz empfangen haben, so schlecht kennt er offensichtlich auch seine eigenen Landsleute. Will heißen: Offensichtlich hat das
Lügengebäude, die 'Spezialoperation' diene der Demilitarisierung und 'Entnazifizierung' der Ukraine, erste Risse bekommen."
Auch
FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt berichtet: "Trotz der Gefahren reißen die Proteste in russischen Städten nicht ab. Tausende sind schon festgenommen worden. Die Generalstaatsanwaltschaft warnt nun vor der Teilnahme an den Aktionen, die gar
als '
extremistisch' gewertet werden könnten. Das würde bis zu
sechs Jahre Haft bedeuten und ist offenbar eine Reaktion auf einen Protestaufruf des inhaftierten Oppositionsführers
Alexej Nawalny, dessen Strukturen unter solchen Vorwürfen verboten worden sind."
Dennoch wird sich die Mehrheit der russischen Bevölkerung
nicht gegen Putin stellen,
fürchtet Ulrich M. Schmid in der
NZZ, obwohl unerwartet viele gegen den Krieg protestieren. Aber es ist einfach zu gefährlich. Und auch "die Propaganda in den Staatsmedien läuft auf vollen Touren und hämmert den Zuschauern seit Jahren ein
westliches Aggressionsszenario ein. Die Gesellschaft befindet sich in einem geistigen Belagerungszustand: Innere und äußere Feinde bedrohen angeblich die Sicherheit Russlands. Eine satte Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass die
Nato eine aggressive Organisation ist und dass der Euromaidan vom CIA ins Leben gerufen und gesteuert wurde. Eine weitverbreitete Selbstschutzstrategie lautet: 'Wir alle wollen Frieden.' Allerdings getrauen sich nur wenige, den russischen Überfall auf die Ukraine vorbehaltlos zu verurteilen."
Schafft die
Atomwaffen ab, fordern in der
SZ die Friedensnobelpreisträger
Beatrice Fihn und
Dmitri Muratow: "Das Schicksal der Menschheit hängt heute von der Besonnenheit einiger weniger Regierungen ab, die über fast 13 000 Atomwaffen verfügen. Ein furchterregendes Potenzial, das die Erde um ein Vielfaches zerstören könnte. ... Solange es Atomwaffen gibt, besteht auch die
Gefahr ihres Einsatzes. Die Welt kann nicht länger den Atem anhalten und sich auf die Vernunft einer Handvoll Staatsoberhäupter verlassen, die die Macht haben, uns alle zu vernichten. Wir müssen diese Massenvernichtungswaffen abschaffen."
In der
taz erzählt Anastasia Magasowa, wie sie die Nacht auf gestern
in Kiew erlebte: "Es gibt immer noch nicht genügend
Lebensmittel und Medikamente, aber morgens ist es mir gelungen, frisches Brot, Butter und ein bisschen Trinkwasser zu bekommen. Auch das sind gute Nachrichten. In der Stadt gibt es auch immer noch Strom, Heizung, Wasserversorgung und Internet. Wären keine russischen Raketen am Himmel und Panzer auf den Zufahrtsstraßen, könnte man denken, es sei alles wie gewöhnlich."
Die
Welt publiziert das - immer wieder aktualisierte - Tagebuch des Übersetzers
Juri Durkot, der den Krieg in
Lemberg erlebt. Die Galizier waren schon immer immuner gegen die russische Propaganda als der Westen, notierte er gestern abend: "Die relative Immunität der Galizier gegen die Sowjetlügen wurzelt in der Geschichte ... Im heutigen Russland gibt es keine kommunistische Ideologie mehr. Es hat sich aber erwiesen, dass ein Cocktail aus Staatskapitalismus, Korruption, Revanchismus und von Lügen getränkten sozialen Netzwerken viel aggressiver und ansteckender ist als der Kommunismus mit seiner recht primitiven Propaganda. Es scheint, dass der Westen mittlerweile diese Lektion gelernt hat. Ob die neu gewonnene Immunität gegen die russischen Lügen die Welt retten wird, ist schwer zu sagen. Die Ukrainer zahlen heute den höchsten Preis für die jahrzehntelange
Blindheit westlicher Demokratien."
Durkot ist auch der Übersetzer des ukrainischen Dichters
Serhij Zhadan. Wer Ukrainisch lesen kann oder versteht,
findet hier Zhadans Instagram-Einträge zum Krieg.
David Klion
zeichnet in der linken jüdischen Zeitschrift
Jewish Currents ein ausführliches und faszinierendes Porträt des Oligarchen
Roman Abramowitsch, der als ein enger Verbündeter Wladimir Putins gilt. Durch die Sanktionen gerät er unter Druck. Gerade hat er seinen britischen Fußballclub
Chelsea zum Verkauf gestellt. Das Porträt dürfte sich auch für
manche jüdische Organisationen ungemütlich lesen, denn er gilt als der wichtigste Spender für jüdische Belange - über eine
halbe Milliarde Dollar soll er ausgegeben haben, etwa "für das Gedeihen großer
jüdischer Museen von Russland bis nach Israel, für eine Reihe von Anti-Antisemitismus-Programmen, an denen führende amerikanische und britische jüdische Organisationen beteiligt sind, und für die Ausweitung
israelischer Siedlungen in Ost-Jerusalem. Nun, da Putins Russland zu einem globalen Paria wird, ist die jüdische Welt gezwungen, mit ihrem innigen Verhältnis zu Abramowitsch und mit den moralischen Kosten der Annahme seines Geldes zu abzurechnen."
Der
Westen muss mehr tun. Selbst die bisherigen Sanktionen reichen nicht aus,
findet Michail Chodorkowski im
Guardian: "Es reicht nicht, die Banken zu sanktionieren. Es reicht nicht, Putin zu sanktionieren. Es ist Zeit, die
Sanktionen gegen die Oligarchen, die sein Geld besitzen, zu verschärfen. Wir alle kennen ihre Namen, so sehr sie auch die englischen Gerichte missbrauchen, um uns daran zu hindern, sie zu verwenden. Niemand sollte davon ausgenommen sein. Es gibt keine moralische Legitimität für halbgare, zweideutige Plattitüden darüber, dass 'Krieg keine Lösung ist', wenn man das Geld des Mannes besitzt, der ihn führt."
Françoise Thom
erinnert in
Desk-Russie.fr an
die Anfänge des lange Zeit in Deutschland und Frankreich so beliebten Wladimir Putin - die direkt in die Aktualität weisen: "Unmittelbar nach seiner Ernennung zum Regierungschef durch Jelzin nahm er sich vor, die
Hemmschwelle der russischen Bürger, Gewalt anzuwenden, zu beseitigen. Dies gelang dank der
Terroranschläge vom September 1999, die ohne Beweise den Tschetschenen angelastet wurden (während der FSB von den Bewohnern eines Gebäudes bei der Platzierung von Sprengstoff ertappt wurde) und es Putin ermöglichten, einen
verheerenden Krieg gegen Tschetschenien zu beginnen. Dieser Krieg diente ihm als Wahlkampfmunition im Jahr 2000. Er führte zu Hassreden im russischen Fernsehen und löste eine Welle des Chauvinismus aus, auf der Putin bis heute reitet."
"
Das Schlimmste steht noch bevor." So verlautete es aus dem französischen Außenministerium nach einem Gespräch, das
Emmanuel Macron mit Putin führte. Michaela Wiegel
resümiert in der
FAZ: " In dem neunzigminütigen Gespräch, das von '
klinischer Kälte' gekennzeichnet war, habe Putin sein Kriegsziel formuliert: die
totale Unterwerfung der Ukraine. Es gebe keinerlei Anlass zur Hoffnung mehr, dass der Kreml-Herrscher etwas anderes als die vollständige Eroberung des ukrainischen Staatsgebietes zum Ziel habe, hieß es im Elysée." Putin war an Verhandlungsergebnissen nie interessiert, meint im
Interview mit
Zeit online auch der Russland- und Ukraine-Experte
Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations: "Er hat alle Verhandlungen und Kompromisse ausgeschlagen, weil er
den Krieg wollte. Und dieser Krieg zielt auf die
ganze Ukraine, auf die Errichtung eines Satellitenregimes und auf eine Eingliederung der Ukraine in den russisch-belarussischen Unionsstaat. Das ist, was Putin haben will."
Außerdem: In der
taz erklärt der Jurist
Christian Marxsen im Gespräch mit Christian Jakob die Chancen,
völkerrechtlich gegen Russland vorzugehen - allzu groß scheinen sie nicht zu sein. Ebenfalls in der
taz macht sich Thomas Gerlach Sorgen um
Weltkulturerbestätten in Kiew und Charkiw. In der
FAZ kommt Markus Wehner nochmal auf den
von Putin beauftragten Mord an einem Tschetschenen vor zwei Jahren in Berlin zurück - die Bundesregierung habe damals falsch reagiert. Bei den russischen Raketenangriffen auf die Ukraine wurde auch die Holocaust-Gedenkstätte
Babi Jar bei Kiew getroffen. Dabei sind fünf Menschen ums Leben gekommen. Im
Interview mit der
NZZ erklärt deren künstlerischer Leiter
Ilja Chrschanovski bitter, es sei nicht die Ukraine, die "entnazifiziert" werden müsse. Aber dann geht es etwas durch mit ihm, wenn er meint, dass Putin "sozusagen die Deutschen von ihrem Gefühl der Schuld erlöst und diese Schuld nach Russland gebracht" habe. In der
FAZ erzählt Joseph Croitoru, wie groß die allgemeine
Bewunderung für Israel in der Ukraine sei. Die Selbstverteidigung Israels werde als Vorbild gefeiert, allerdings auch in rechtextremen Kreisen in der Ukraine. Ebenfalls in der
FAZ durchleuchtet Stefan Herwig die Aktionen der
Hackergruppe Anonymous gegen die russischen Propaganda.