Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2025. Gerade jetzt ist die Zeit gekommen, nicht mehr über die Nazizeit zu schweigen, sagt Psychologe Louis Lewitan in der FR. Die humanitäre Krise im Sudan verschärft sich mit jedem Tag, warnt die SZ. In Meduza erfahren wir, wie sich der russische Diskurs über Amerika ändert, welches Putins Propagandisten unter Trump in viel rosigerem Licht erscheint. Und die taz sagt Ja zu "Ja heißt Ja".
Gerade läuft ein weiteres Verfahren gegen Harvey Weinstein (taz-Bericht). Unter dem Eindruck seines Falls sind in vielen Ländern in Europa "Ja-heißt-Ja"-Regelungen erlassen worden. Wenn sich jemand nur passiv verhält, heißt das nicht, dass der Sex einvernehmlich war, erklärt die ehemalige Oberstaatsanwältin Sabine Kräuter- Stockton im Gespräch mit Lotte Laloire in der taz. Denn es muss eine Zustimmung geben und "diese muss frei und aufgeklärt, spezifisch, im Voraus und widerruflich sein". Gerichtsverfahren würden dann anders ablaufen, auch wenn nach wie vor das Opfer im Mittelpunkt stehe: "Von betroffenen Frauen würde dann nicht mehr wie bisher verlangt, sich gegen unerwünschte Sexualkontakte körperlich oder zumindest deutlich erkennbar zur Wehr zu setzen, um sie zu vermeiden. Schließlich läge es am Angeklagten, zu erklären, wie er auf die Idee kam, sie hätte zugestimmt. Verfahren würden weiterhin lange dauern und belastend sein. Aber die Fragen an die Beteiligten wären anders, und vor allem würde sich das Gefühl ändern, mit dem eine betroffene Person, ein Opfer, am Ende aus dem Prozess herausgeht."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Lange Zeit herrschte in deutschen Familien über die Nazizeit, zumal wenn sie wie so oft verwickelt waren, das berühmte "kommunikative Schweigen". Das geht jetzt zu Ende, sagt der deutsch-französische Psychologe Louis Lewitan im Gespräch mit Harry Nutt in der FR - vielleicht auch weil die Täter nun gar nicht mehr leben? Jedenfalls ist es "heute legitim, Zweifel an den Erlebnisberichten der Väter und Großväter zu haben, etwa an der Behauptung, 'danebengeschossen' zu haben oder daran, dass die Großmütter und Mütter von 'alledem nichts gewusst haben'. Achtzig Jahre nach der sogenannten 'Stunde Null' können die in einer Demokratie aufgewachsenen Bürger und Bürgerinnen dieses Landes Fragen stellen, ohne als Verräter gebrandmarkt oder als Lügner abgestempelt zu werden. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Demokratie lebt." Zusammen mit Stephan Lebert legt Lewitan in diesen Tagen das Buch "Der blinde Fleck" vor.
Gestern hatten wir einen Tweet eingebettet, der behauptete, eine Straßburger Bäckerei sei von "propalästinensischen" Demonstranten als "israelisch" belagert worden. Ganz so war es nicht - die Straßburger Stadtverwaltung hat dementiert. Auch die Autorin des Tweets, die Gleichstellungsministerin Aurore Bergé, korrigiert. "Die Bäckerei wurde glücklicherweise nicht, wie es im Video schien, ins Visier genommen. Ich bedaure, es nahegelegt zu haben. Passanten haben dort Sicherheit gesucht. Sie wurden ins Visier genommen. Unter Geschrei - 'Diese Leute sind Kriminelle' - während einer Demonstration des 'Collectif Strasbourg Palestine'."
Von Boualem Sansal ist nach seiner Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis nicht mehr so oft die Rede. Aber leider verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich weiter. Algerien hat jetzt zwölf französische Botschaftsangehörige angewiesen, das Land zu verlassen, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Damit reagiert Algerien auf eine Festnahme von drei Personen in Frankreich, "die im Verdacht stehen, an der Entführung und geplanten Ermordung des algerischen Regimegegners Amir Boukhors alias Amir DZ im April 2024 beteiligt gewesen zu sein. Aus Justizkreisen verlautete der Verdacht, die algerische Staatsführung habe die Entführung in Auftrag gegeben. Die Videos des 42 Jahre alten Influencers, in denen er das algerische Regime kritisiert und Korruptionsskandale aufdeckt, ziehen jeden Tag Zehntausende von Zuschauern an."
Im Bürgerkrieg im Sudan waren im Jahre 2024 150.000 zivile Opfer zu beklagen und die humanitäre Krise verschärft sich mit jedem Tag, schreibt Arne Perras in der SZ. Es wird Zeit, sich auf diese Krise zu konzentrieren: "Klar, die Europäer und andere Staaten sind schwer beschäftigt. Trumps Zölle. Putins Krieg. Netanjahu, Hamas und Gaza. Aber all das macht das Grauen im Sudan nicht kleiner. Und selbst, wenn man es sich so einfach machen möchte, Fragen von Moral und Menschlichkeit aus dem Bündel realpolitischer Interessen auszuklammern, wäre es unklug, diesen Krieg einfach seinem Lauf zu überlassen. Denn so wird er auf die instabilen Nachbarn übergreifen und sie entzünden, was die Probleme zunehmend unbeherrschbar macht. Und noch weit mehr Menschen dürften sich dann auf den Weg gerade nach Europa machen."
Treiber bei großen Protesten der letzten Zeit - in der Türkei, in Serbien, in Hongkong - waren immer die Studenten, die auch die jeweiligen herrschenden Autokraten und Diktatoren herausgefordert haben, schreibt Alexander Görlach in der Welt. "An Universitäten kommen Studenten aus allen Landesteilen zusammen. Was dort diskutiert und gefordert wird, kann sich schnell zu einer Forderung entwickeln, die im ganzen Land erhoben wird."
Der russischen Propaganda ist es nicht schwergefallen, von absoluten Dämonisierung zur Lobpreisung der USA unter Trump zu wechseln, erklärt der russische Journalist Ilya Shepelin im Interview mit dem unabhängigen Medium Cherta Media (Meduzabringt den Text in englischer Übersetzung). So sei zum Beispiel der ehemalige General Andrej Guruljow nicht mehr zu sehen. "Und er sagt ständig verrückte Dinge, wie zum Beispiel, dass wir eine Atombombe auf Großbritannien werfen oder ein Viertel der russischen Bevölkerung auslöschen sollten, weil sie alle westliche Agenten sind. Doch plötzlich landete dieser Mann auf der schwarzen Liste der staatlichen Sender. Er verschwand aus dem Äther, nachdem er Trump einen 'Banditen' genannt hatte, der nicht an einem Tisch [mit Putin] sitzen sollte. Und zu diesem Zeitpunkt hatte Trump bereits angefangen, nette Dinge über Putin zu sagen."
Vielen Journalisten drohen in der Türkei im Moment langjährige Haftstrafen, zum Beispiel dem türkischen Journalisten Cevheri Güven, mit dem Alexandra Welsch für die FAZ spricht. Güven hat 2017 in Frankfurt "den Verein 'International Journalist Association' (IJA) gegründet. 'Unser vorrangiges Ziel ist es, Exil-Journalisten bei der Fortführung ihrer Arbeit zu unterstützen', erläutert er. (...) Es stimmt ihn hoffnungsvoll, dass Exiljournalismus bei allen Repressalien eine wachsende Bedeutung gewinnt und über neue, digitale Kanäle weiter seine Kontrollfunktion wahrnehmen kann. 'Das hat großes Potenzial', glaubt er. Trotzdem würde er gerne möglichst bald wieder von der Türkei aus publizieren," denn "'diese Situation ist nicht normal.'"
In der FAZ geht die Debatte um "Staatsreformen" weiter. Einige Elder Statesmen und die Gruner + Jahr-Abwicklerin Julia Jäkel, die also allesamt für das gegenwärtige Schlamassel mitverantwortlich sind, hatten ein dementsprechendes Papier vorgelegt. Der Rechtsprofessor Florian Meinel hat über deren "Populismus der Mitte" gespottet und mehr Europa gefordert (unser Resümee). Etwas schwammig antwortet heute die ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Angelika Nußberger: "Worum es bei alldem geht, ist, in einer Zeit des Vertrauensverlusts - von Staaten gegenüber Staaten, von Bürgern gegenüber dem Staat, von Bürgern und Staaten gegenüber der internationalen Gemeinschaft -, Vertrauen vorsichtig und realitätsnah wiederzugewinnen."
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