Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.04.2026. Um Trump zu bekämpfen, sollten sich die Amerikaner mit der Geschichte ihrer Verfassung auseinandersetzen, ruft die Historikerin Jill Lepore im FAS-Interview. Peter Sloterdijk sieht in der MAGA-Bewegung den Ausdruck eines "kontrafaktischen Minderwertigkeitsgefühls", wie er im SZ-Gespräch erklärt. Der taz wird in einer Ausstellung in Berlin mit VR-Brille das Grauen des syrischen Foltergefängnisses Sednaya vor Augen geführt. In der SZ versichert die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub: Früher war es auch nicht besser!
Bestellen Sie bei eichendorff21!Zwar wird in den USA viel von der Verfassung geredet, was wirklich drinsteht, wissen aber die wenigsten, hält die HistorikerinJill Lepore, die ein großes Buch über die Geschichte der Verfassung geschrieben hat, im FAS-Interview fest. Dabei ist es zu Zeiten von Trump besonders wichtig, seine Rechte zu kennen, betont sie, denn es "gibt in der amerikanischen Geschichte keine Trennung zwischen sozialen Bewegungen und der Verfassungsgeschichte. Die Sklaverei wurde durch eine Verfassungsänderung abgeschafft. Die Verfassung legitimierte die Sklaverei. Um sie aus der Verfassung zu streichen, musste diese geändert werden." Gleiches gilt beispielsweise für die Frauen - und Bürgerrechtsbewegung. Gleichzeitig wundert sie sich über das Schweigen der amerikanischen Zivilgesellschaft "aber ich frage mich schon, wo sind die Verantwortlichen der kulturellen, religiösen und zivilgesellschaftlichen Institutionen? Warum tun sie nichts, um das Land aus dieser gefährlichen Lage herauszuholen?"
Ein Besuch der lange nachhalt: Ella Rendtorff hat sich für die taz die Ausstellung "Sednaja. Die Architektur von Repression und Tod in Syrien" in der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen angesehen. In Zusammenarbeit mit dem syrischen Journalisten Amer Matar, der sechs Jahre lang im syrischen Foltergefängnis Sednaja inhaftiert war, wird hier versucht, die Schrecken zumindest im Ansatz bewusst zu machen: "Der Blick von außen wird im Kern der Ausstellung dann zur Innensicht: Auf einem Podest liegen VR-Brillen bereit. Das ehemalige Gefängnis dreidimensional zu erfassen, ist der Versuch des kuratorischen Teams, die Topografie der Anlage nicht nur zu dokumentieren, sondern auch in ihrer Wirkung begreifbar zu machen. Setzt man die Brille auf, erscheinen in der VR-Ansicht ehemalige Insassen und schildern die traumatisierende Gewalt, die ihnen an der jeweiligen Stelle im Gebäude widerfahren ist, an der man sich als Betrachterin befindet. Die Eindringlichkeit des virtuellen Raumes lässt einen erstarren. Sich zu entziehen, wird zwischen den bröckelnden Innenwänden der Folterräume nahezu unmöglich. Was Amer Matar und sein Team hier leisten, ist wichtige aufklärerische Arbeit."
Der Schriftsteller Arnon Grünberg unternimmt eine Reise durch Israel, Deutschland und Österreich, um Fragen zu Zionismus und Antisemitismus zu stellen. In einem ausführlichen SZ-Dossier dokumentiert er seine Erlebnisse: "Sind wir, sind die Juden, Sklaven der Vergangenheit?", fragt er den Historiker Amos Goldberg. "Goldberg antwortet: 'Wenn Sie von Sklaven der Vergangenheit sprechen, weisen Sie den Juden eine Opferrolle zu, die nach dem Holocaust nach und nach und ganz besonders seit den 1990er-Jahren pathologische Formen angenommen hat. Aber wir sind nicht nur Opfer. Wir Israelis haben verstanden, wie die Opferrolle in ein moralisches und politisches Instrument umgewandelt werden konnte, das so gut wie jedes politische Ziel für uns erreichbar gemacht hat, auch äußerst brutale Ziele. Die Tatsache, dass die ersten zionistischen Siedler Flüchtlinge waren, die sich vor Antisemitismus und Holocaust gerettet hatten, macht die ganze Unternehmung nicht automatisch zu einer gerechten Sache', sagt Goldberg. 'Man kann im palästinensisch-israelischen Kontext nicht vom Holocaust sprechen, ohne auch auf die Nakba einzugehen, wenn man nicht zum Monster werden will.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem neuen Buch versucht der Philosoph Peter Sloterdijk dem Phänomen Trump anhand einer Re-Lektüre von Machiavellis "Der Fürst" auf die Sprünge zu kommen. Im SZ-Interview mit Jens-Christian Raabe sieht er in der MAGA-Bewegung die Verkörperung eines amerikanischen Minderwertigkeitskomplexes: "Durch Trumps Parole 'Make America great again' sind die Reflexe des Ressentiments in das Selbstgefühl der Weltmacht eingesickert und höhlen sie jetzt aus. Trump und seine Gefolgschaft benehmen sich, als wären sie gekränkt, weil sie nicht genug anerkannt worden sind für ihre Großartigkeit. Vor allem das zweite 'a' in Maga, das 'again' klingt völlig erbärmlich. Wozu braucht eine Militärmacht, die 900 Militärbasen auf der Welt unterhält, die Formel, sie wolle 'wieder' groß gemacht werden? Offensichtlich hat das Gift des Ressentiments ein kontrafaktisches Minderwertigkeitsgefühl erzeugt. Doch diesen Effekt haben die Amerikaner ja nicht allein. Auch in Europa ist die Stimmung ins Viktimistische gekippt. Hier fehlt ein Dostojewskij, der erklärt, warum alle Welt in die Rolle von Erniedrigten und Beleidigten drängt."
Früher war alles besser? So ein Quatsch, meint die französische Politikwissenschaftlerin Florence Gaub in der SZ. Nie war die Welt beispielsweise einem Atomkrieg näher, als in den Achtziger Jahren. Doch Untergangs-Ängste haben auch eine wichtige Funktion: "Die Nato verbrachte Jahrzehnte damit, sich den schlimmstmöglichen Krieg mit der Sowjetunion vorzustellen und sich darauf vorzubereiten - der dann genau wegen dieser Bereitschaft ausblieb. Und schließlich die Angst um die Demokratie, ein ständiges Merkmal derselben, seit dieses System entstanden ist. Jedes einzelne Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war von tiefer Besorgnis geprägt, wann immer das toxische Dreigestirn aus gesellschaftlicher Polarisierung, wirtschaftlichem Abschwung und verfassungsrechtlicher Verwundbarkeit zusammenkam. Und obwohl wir uns heute erneut in einer solchen Phase befinden, vergessen wir leicht, dass die Demokratie vor hundert Jahren noch ein Minderheitensystem war, das gegen verschiedene Diktaturen ankämpfte - und dennoch ihren Weg machte. Sie hat sich nicht nur als widerstandsfähig erwiesen, sondern auch als fähig zur Erneuerung nach Rückschlägen, etwa in Malawi, Polen oder Brasilien."
In der FAZ erinnert der Kulturwissenschaftler Detlev Schöttker an die massiven Eingriffe, die Adorno und das Institut für Sozialforschung an der ersten Druckversion von Walter Benjamins Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vornahmen.
In Ungarn richten sich alle Hoffnungen auf den Vorsitzender der Partei TISZA, Péter Magyar, der Orbán bei den Wahlen am 12. April wirklich gefährlich werden kann, berichtet in der taz Florian Bayer: "Magyars Tisza ist wie Orbáns Fidesz rechtskonservativ. Die beiden Parteien unterscheiden sich ideologisch kaum, wobei Magyar nach Kräften versucht, alle Lager zu erreichen. In vielen Streitfragen, etwa zu LGBTQI-Rechten und zum Verhältnis zur Ukraine, bleibt er bewusst vage. Der Hauptunterschied zu Orbán ist jedoch, dass Magyar die Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit wiederherstellen will. Ebenso schließt er Ukrainehilfen nicht pauschal aus und will das Verhältnis zur EU wieder normalisieren. Zu den größten Wahlversprechen seiner Partei Tisza gehören eine Steuerreform, höhere Renten, Investitionen ins Gesundheits- und Sozialsystem."
Wer ist der Osteuropa-Historiker Roland Borchers, der der neue Leiter der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" wird, fragt in der FAS Jochen Buchsteiner. Der Wahl gingen Streitigkeiten mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) voraus (unsere Resümees), weshalb der Historiker wohl kein leichtes Erbe antritt. "Spannungsfrei" dürfte sein Verhältnis zum BdV nicht werden: "Im Kreis der Vertriebenengruppe in der Unionsfraktion wird er als 'Linker' eingeschätzt, aber das werden andere im Stiftungsrat, etwa die Kirchenleute, anders sehen. Borchers hat persönliche Berührung zu seinem neuen Thema, weil seine Mutter als Mädchen aus dem früheren Westpreußen, einer Kleinstadt bei Danzig, floh. Er will sich nicht pädagogisch erheben über Betroffene, die ihr Schicksal einfach nur als ungerecht empfinden. Im Gespräch bemüht sich Borchers um eine Mittellage, die Verständnis für verschiedene Positionen zeigt. Während er die Vertreibung durch die Rote Armee am Ende des Krieges als unmittelbare Antwort auf das vorangegangene Wüten deutscher Soldaten und SS-Männer in Osteuropa sieht, betrachtet er die Vertreibungen nach 1945, die zuletzt auf der Potsdamer Konferenz den Segen der Alliierten erhielten, in einem anderen Licht."
Im FR-Interview blickt der Theologe Michael Seewald auf die Rolle des Christentums innerhalb der MAGA-Bewegung. Ja, religiöse Botschaften werden hier verfälscht und instrumentalisiert - aber der Religion wohnt auch selbst ein destruktives Moment inne, erinnert er: "Diese Zerstörungskraft ist nicht einfach eine von außen kommende Instrumentalisierung der Religion, sondern sie wohnt Religionen inne. Dort werden die Ambivalenzen des Christentums politisch geschickt genutzt. Ein Bibelzitat hier, ein Augustinus-Wort dort, verbunden mit Schlagwörtern wie dem Schutz der Religionsfreiheit oder dem Ziel, eine vermeintlich natürliche Gesellschaftsordnung zu bewahren. So entsteht ein politisches Gemisch aus christlichen Versatzstücken. Umso wichtiger ist es, dass christliche Akteure widersprechen und nicht nur ein politischer, sondern auch ein innerkirchlicher Disput geführt wird. Papst Franziskus und Leo XIV. haben kein Hehl daraus gemacht, dass sie die Lage in den USA mit Sorge betrachten." Grundsätzlich müsse "die Theologie prüfen, ob die scheinbar christlichen Begründungen, die für ein bestimmtes Handeln vorgebracht werden, plausibel sind."
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