9punkt - Die Debattenrundschau
Sinn-, Werte- und Orientierungsfragen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2026. Es will hier zwar niemand hören: Aber auch Russland war und ist eine Kolonialmacht, stellt die taz fest. In Frankreich treiben es linke Antisemiten so weit, dass selbst Linke dagegen protestieren, notiert Nora Bussigny in Le Point nach einem Angriff auf die DJane Barbara Butch. Die NZZ klopft Pierre Bourdieu, die FR Hannah Arendt auf ihre Aktualität ab. Die EU hat eine Strafe gegen Google verhängt, richtig so, findet die SZ, aber die europäische Abhängigkeit ist damit nicht beendet.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
24.07.2026
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Ideen
Pierre Bourdieu hatte einst herausgefunden, wie die "feinen Unterschiede" zwischen den Klassen jede Form von Chancengleichheit zunichte machen. Bourdieu wurde mit dieser These berühmt, aber rückblickend zeigen sich doch Mängel, meint in der NZZ der Soziologe Tilman Allert. "Sie betreffen die Frage, wie menschliches Handeln zu verstehen sei - eines der grundlegenden Themen für alle Sozial- und Kulturwissenschaften. Obwohl er den Kanon der Disziplin umfassend rezipiert - Erwin Panofskys Habitusbegriff spielt eine Schlüsselrolle -, unterliegt sein theoretischer Zugriff einer Engführung mit erheblichen Folgen: Handeln ist Kampf, Handeln ist Konkurrenz... Bourdieu wird ein Theoretiker des Verdachts, und die Soziologie schrumpft auf eine vereinseitigende Position der Sozialkritik. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang sein Verständnis von Sozialisation. Erfahrungsräume in der Eltern-Kind-Beziehung, deren inhärenter Dynamik ein Innovationspotenzial eigen ist, bleiben unteranalysiert. Der herrschaftstheoretischen Prämisse gemäß erscheinen Eltern als 'Indoktrinationsinstanzen', ein Urteil, das allein mit Bourdieus eigenem Aufstieg aus einem bildungsfernen Milieu zum Star-Professor Lügen gestraft wird."
Der Philosoph Christian Lotz liest für die FR nochmal Hannah Arendts letzte Rede, die sie vor etwa fünfzig Jahren zum 200. Geburtstag der USA hielt. Ihre kulturkritischen Bemerkungen zum Begriff des "Image" von Politikern findet er prophetisch: "Um sein Image besorgt zu sein bedeutet, dass die Lüge nicht nur als individuelles Vergehen oder als Strategie benutzt wird, sondern dass sie strukturell in den politischen Diskurs einzieht, weil die Handelnden nicht mehr meinen, was sie sagen, und innen und außen auseinanderfallen. Dieses Auseinanderfallen von Inhalt und Form ist ein Hindernis für die öffentliche Urteilsbildung. Das genau ist die Krise."
Es ist vielleicht noch nicht allen aufgefallen, aber die KI-Revolution stellt auch deutsche Diskurse über die "Postwachstumsökonomie" radikal in Frage, meint Ruhrbaron Stefan Laurin in einem kleinen Essay: "Nach sieben Jahren ohne Wachstum, sich beschleunigender Deindustrialisierung und zunehmender technologischer Rückständigkeit werden die Folgen dieser Politik, die auch durch eine ideologische Energiepolitik und Technikfeindlichkeit verursacht wurde, immer deutlicher: sinkender Wohlstand, zunehmende Verteilungskonflikte, der Siegeszug autoritärer Parteien wie AfD und Linke sowie technologische Abhängigkeiten. Während die USA und China durch Investitionen in neue Technologien in ihrer ganzen Bandbreite wachsen, fällt das Green-Deal-Europa zurück."
Der Philosoph Christian Lotz liest für die FR nochmal Hannah Arendts letzte Rede, die sie vor etwa fünfzig Jahren zum 200. Geburtstag der USA hielt. Ihre kulturkritischen Bemerkungen zum Begriff des "Image" von Politikern findet er prophetisch: "Um sein Image besorgt zu sein bedeutet, dass die Lüge nicht nur als individuelles Vergehen oder als Strategie benutzt wird, sondern dass sie strukturell in den politischen Diskurs einzieht, weil die Handelnden nicht mehr meinen, was sie sagen, und innen und außen auseinanderfallen. Dieses Auseinanderfallen von Inhalt und Form ist ein Hindernis für die öffentliche Urteilsbildung. Das genau ist die Krise."
Es ist vielleicht noch nicht allen aufgefallen, aber die KI-Revolution stellt auch deutsche Diskurse über die "Postwachstumsökonomie" radikal in Frage, meint Ruhrbaron Stefan Laurin in einem kleinen Essay: "Nach sieben Jahren ohne Wachstum, sich beschleunigender Deindustrialisierung und zunehmender technologischer Rückständigkeit werden die Folgen dieser Politik, die auch durch eine ideologische Energiepolitik und Technikfeindlichkeit verursacht wurde, immer deutlicher: sinkender Wohlstand, zunehmende Verteilungskonflikte, der Siegeszug autoritärer Parteien wie AfD und Linke sowie technologische Abhängigkeiten. Während die USA und China durch Investitionen in neue Technologien in ihrer ganzen Bandbreite wachsen, fällt das Green-Deal-Europa zurück."
Geschichte
Der Historiker Felix Ackermann setzt in der FAZ die Debatte um die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" fort - hier ist bekanntlich die Zuständigkeit zum CDU-geführten Innenministerium übergegangen. Ackermann wirft den CDU-Politikern Christoph de Vries und Bernd Fabritius vor, eine "Reethnisierung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung" betreiben zu wollen. Die komplexen Zusammenhänge der Vertreibung sollen für ein Geschichtsbild geopfert werden, in dem die Vertriebenen bloße Opfer sind. Aber die Vertreibung stand im Kontext mit der Politik des Nazi-Regimes, insistiert Ackermann. Ein Beispiel: "Nur 300 Kilometer östlich von Berlin folgte im annektierten Warthegau unmittelbar auf Deportationen von Juden und Polen ins Generalgouvernement die erzwungene Ansiedlung von Deutschen aus Litauen und Bessarabien. Die Forderung von Bernd Fabritius und anderen Vertriebenen-Vertretern, an die im Herbst 1944 einsetzende Zwangsmigration von Deutschen aus dem östlichen Europa ohne diesen nationalsozialistischen Kontext der gewaltsamen Schaffung eines deutschen Ostens zu erinnern, versucht eine geschichtspolitische Sicht zu etablieren, die bereits 1953 den Geist des Bundesvertriebenengesetzes prägte. In dieser Weltsicht sind Flucht und Vertreibung der Deutschen keine Folge des deutschen Vernichtungskriegs."
Noemi Smolik folgte für die taz einer Tagung über russischen Kolonialismus in der ukrainischen Stadt Uschhorod. "Wer weiß schon, dass in Zentralasien Millionen Menschen gezwungen waren, ihre Namen zu russifizieren, ihre arabische Schrift zugunsten der russischen aufzugeben und dass alle, die nicht Russisch schreiben konnten, zu Analphabeten erklärt wurden? Was für sie fatale Folgen hatte. Und wer weiß, dass in den 1930er Jahren in Kasachstan an die 40 Prozent der Bevölkerung verhungert sind, prozentual gesehen noch mehr als in der Ukraine? Von den Deportationen der Krimtataren oder der Tschetschenen hat man schon gehört, aber es wurden auch Burjaten, die in der Sowjetunion an der koreanischen Grenze lebenden Koreaner, oder auch Tscherkessen deportiert. Schon während des Transports sind bis zu ein Drittel der Menschen gestorben. Und kaum ist im öffentlichen Bewusstsein, dass in einigen zentralasiatischen Ländern die expansive sowjetische Landwirtschaft zur Zerstörung des gesamten Wassersystems führte - der Aralsee ist mittlerweile fast völlig ausgetrocknet -, was katastrophale ökologischen Folgen nach sich zieht, mit denen die betroffenen Länder jetzt fertig werden müssen."
Noemi Smolik folgte für die taz einer Tagung über russischen Kolonialismus in der ukrainischen Stadt Uschhorod. "Wer weiß schon, dass in Zentralasien Millionen Menschen gezwungen waren, ihre Namen zu russifizieren, ihre arabische Schrift zugunsten der russischen aufzugeben und dass alle, die nicht Russisch schreiben konnten, zu Analphabeten erklärt wurden? Was für sie fatale Folgen hatte. Und wer weiß, dass in den 1930er Jahren in Kasachstan an die 40 Prozent der Bevölkerung verhungert sind, prozentual gesehen noch mehr als in der Ukraine? Von den Deportationen der Krimtataren oder der Tschetschenen hat man schon gehört, aber es wurden auch Burjaten, die in der Sowjetunion an der koreanischen Grenze lebenden Koreaner, oder auch Tscherkessen deportiert. Schon während des Transports sind bis zu ein Drittel der Menschen gestorben. Und kaum ist im öffentlichen Bewusstsein, dass in einigen zentralasiatischen Ländern die expansive sowjetische Landwirtschaft zur Zerstörung des gesamten Wassersystems führte - der Aralsee ist mittlerweile fast völlig ausgetrocknet -, was katastrophale ökologischen Folgen nach sich zieht, mit denen die betroffenen Länder jetzt fertig werden müssen."
Europa
Die DJane Barbara Butch wurde bei einem Auftritt in Grenoble von propalästinensischen Aktivisten und Anhängern von Mélenchons "La France Insoumise" mit Flaschen und Steinen beworfen und musste ihren Auftritt abbrechen. Sie ist nicht nur lesbisch und links, sondern auch jüdisch und verleugnet Israel nicht. Die brutalen Szenen haben selbst in der französischen Linken für einige Irritation gesorgt, notiert die Autorin Nora Bussigny in Le Point. So wurde etwa in Libération eine Solidarisierung mit der DJane publiziert. Allerdings lohnt es sich, genauer hinzusehen, meint Bussigny (die für ihr Buch "Les Nouveaux Antisémites" undercover in propalästinensischen Kreisen recherchiert hat): "Im Internet verteidigen ihre Anhänger die 'Insoumis' gegen alle Widerstände. So auch die radikale Aktivistin Charlotte Ensaigne, eine Unterstützerin von 'La France insoumise', die auf Instagram mehr als 160.000 Follower hat und seit dem Angriff auf Barbara Butch ununterbrochen Argumente veröffentlicht, um die mutmaßlichen Angreifer zu entlasten und die Legitimität des ausgeübten Drucks zu betonen: 'Barbara Butch wird kritisiert, weil sie die Loi Yadan unterzeichnet hat und weil sie 2025 an einer Veranstaltung in der französischen Botschaft in Israel teilgenommen hat. Ich wiederhole: im Jahr 2025. Mitten im Genozid. GENOZID.'" (Die Loi Yadan sollte israelbezogenen Antisemitismus unter Strafe stellen, das Gesetzesprojekt wurde aber zurückgezogen.)
Seit Lenin ist es in Russland immer dasselbe: "Der Kreml entscheidet zunächst, wie die Realität aussehen soll, und zwingt die Menschen dann, sich dieser Vision anzupassen - koste es, was es wolle", meint Nina L. Chruschtschowa in der NZZ. Das gelte auch für den Krieg gegen die Ukraine, der die Russen inzwischen einiges kostet: "ein Haushaltsdefizit von mehr als sechs Billionen Rubel (83,5 Milliarden Dollar), eine galoppierende Inflation und von Moskau bis Wladiwostok lange Schlangen an den Tankstellen". Dennoch wird Putin nicht einlenken, ist Chruschtschowa überzeugt, denn das würde einen Bruch mit dem Putinismus voraussetzen, und der wiederum "würde eine politische Abrechnung in der Größenordnung von Chruschtschows Verurteilung von Stalins Personenkult im Jahr 1956 erfordern. Mit anderen Worten: Um den Krieg zu beenden, müsste das Putin-Regime aufhören, das Putin-Regime zu sein. Ohne eine derartige politische Abrechnung bleibt nur eine realistische Chance für eine Verhandlungslösung: der G-20-Gipfel im Dezember in Miami. Putin setzt womöglich noch immer auf sein gutes Verhältnis zu Donald Trump, der eine Art Lösung vermitteln könnte. Sollten die USA ihn jedoch ebenso brüskieren wie damals, als Putin anbot, in der Iran-Krise zu vermitteln, könnte Russland durchaus auf die sogenannte 'nukleare Option' zurückgreifen - eine extreme Form der Eskalation -, um einen Frieden zu seinen Bedingungen zu erzwingen."
Seit Lenin ist es in Russland immer dasselbe: "Der Kreml entscheidet zunächst, wie die Realität aussehen soll, und zwingt die Menschen dann, sich dieser Vision anzupassen - koste es, was es wolle", meint Nina L. Chruschtschowa in der NZZ. Das gelte auch für den Krieg gegen die Ukraine, der die Russen inzwischen einiges kostet: "ein Haushaltsdefizit von mehr als sechs Billionen Rubel (83,5 Milliarden Dollar), eine galoppierende Inflation und von Moskau bis Wladiwostok lange Schlangen an den Tankstellen". Dennoch wird Putin nicht einlenken, ist Chruschtschowa überzeugt, denn das würde einen Bruch mit dem Putinismus voraussetzen, und der wiederum "würde eine politische Abrechnung in der Größenordnung von Chruschtschows Verurteilung von Stalins Personenkult im Jahr 1956 erfordern. Mit anderen Worten: Um den Krieg zu beenden, müsste das Putin-Regime aufhören, das Putin-Regime zu sein. Ohne eine derartige politische Abrechnung bleibt nur eine realistische Chance für eine Verhandlungslösung: der G-20-Gipfel im Dezember in Miami. Putin setzt womöglich noch immer auf sein gutes Verhältnis zu Donald Trump, der eine Art Lösung vermitteln könnte. Sollten die USA ihn jedoch ebenso brüskieren wie damals, als Putin anbot, in der Iran-Krise zu vermitteln, könnte Russland durchaus auf die sogenannte 'nukleare Option' zurückgreifen - eine extreme Form der Eskalation -, um einen Frieden zu seinen Bedingungen zu erzwingen."
Digitalisierung
Die EU hat Google zu einer Geldstrafe von 890 Millionen Euro verurteilt, wegen Missbrauchs seiner Marktmacht. Richtig so, findet Alexander Mühlauer in der SZ. Doch das löst nicht das Grundproblem: die erdrückende Abhängigkeit Europas von den amerikanischen Tech-Konzernen. "Amerikanische Anbieter beherrschen die Märkte für Suchmaschinen, Betriebssysteme, soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz. Trump nutzt diese technologische Überlegenheit für seine Zwecke. Er weiß, dass er sie in Konflikten mit der EU einsetzen kann. Das gilt nicht nur für handelspolitische Streitereien, sondern auch für sicherheitspolitische Auseinandersetzungen. Für die EU gibt es deshalb nur einen Ausweg: Sie muss alles daransetzen, digital unabhängiger zu werden. Das wird nicht leicht, aber wenn die EU es ernst damit meint, eine Rolle im technologischen Wettstreit zwischen den USA und China zu spielen, geht es nicht anders. Europa muss digital souverän werden. Dafür braucht es nicht nur mehr Geld für Chip-Fabriken und neue Rechenzentren auf europäischem Boden, um den Schutz sensibler Daten zu garantieren. Es braucht auch weniger Regulierung, um Raum zu schaffen, in dem Firmen innovativ werden können. Und es braucht nicht zuletzt ein faires Wettbewerbsrecht." In der taz findet Eric Bonse die Strafe zu zahm fürchtet aber auch amerikanische Vergeltung.
Medien
Der Deutschlandfunk plant bekanntlich eine Programmreform. Der ziemlich starke Religionsbezug des Senders scheint dabei aber nicht in Frage gestellt zu werden, fürchtet Ralf Nestmeyer im Humanistischen Pressedienst. Auffällig sei, "was weitgehend fehlt: Religionskritik. Während religiöse Perspektiven regelmäßig ihren festen Platz im Programm finden, kommen säkulare Humanisten, religionskritische Philosophen oder konfessionsfreie Verbände nur selten zu Wort. Eine kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Privilegien oder der Rolle der Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft bleibt die Ausnahme. Dadurch entsteht der Eindruck, Religion sei auch heute noch der selbstverständliche Bezugspunkt für Sinn-, Werte- und Orientierungsfragen."
Gesellschaft
Der belgische Autor und in Gent lehrende Philosoph Maarten Boudry macht keinen Hehl aus prosiraelischen Ansichten. Riskiert er damit etwas? Nicht wirklich, anders als jüdische Kollegen oder IslamkritikerInnen muslimischer Herkunft, schreibt er in seinem Blog. Gewiss, ehemalige Freunde schneiden ihn neuerdings, hier und dort stellt er fest, dass er nicht zu Konferenzen oder Vorträgen eingeladen wurde (wenn er's mitkriegt). "Ja, manches davon tut weh. Aber keine Sorge, ich habe immer noch jede Menge gute Freunde. Selbst diese treuen Freunde stehen mittlerweile unter dem Druck ihrer eigenen Freunde, sich von mir abzuwenden und den Kontakt abzubrechen - so funktioniert die Kettenreaktion der Feigheit. Vielleicht sollte ich auch dankbar sein für die Erkenntnis, dass die anderen von vornherein nie wirklich Freunde waren. Außerdem habe ich in den letzten zwei Jahren viele neue Freunde gewonnen, oft Menschen mit ähnlichen (oder noch schlimmeren) Erfahrungen mit sozialer Ausgrenzung. Natürlich habe ich mir damit auch meine Karrierechancen in der Wissenschaft so gut wie ruiniert. Aber das ist in Ordnung."
Es ist kompliziert mit der Leihmutterschaft, meint in der Zeit Ijoma Mangold: "Vielen, die sich nicht als medizinethische Experten damit befasst hatten, stand vorher gar nicht so klar vor Augen, wie stark wir bereits unter dem Druck der reproduktionsmedizinischen Fortschritte den Begriff der Mutterschaft dekonstruiert, in seine Einzelteile zerlegt und dann im besten Fall wieder neu zusammengesetzt haben. Die Leihmutter ist ja keineswegs zwingend (meistens sogar gerade nicht) die genetische Mutter des Kindes, das sie austrägt, sondern in den meisten Fällen wird eine Samenspende des genetischen Vaters mit einer gespendeten Eizelle zusammengebracht, die dann von der Leihmutter ausgetragen wird. Wir haben also nicht mehr nur die längst gesellschaftlich absorbierte Aufteilung in soziale und biologische Mutter (oder Vater), sondern eine zusätzliche Unterscheidung zwischen genetischer Mutter, die die Eizelle beisteuert, und biologischer Mutter, die den Embryo austrägt, das seinerseits während dieser Zeit zu einem Teil ihres Stoffwechsels wird." Es wird natürlich noch komplizierter, wenn man sich die Fragen stellt, die Leser Simplicio in den Kommentaren beisteuert: "Was würde ich sagen, wenn ich meine genetische Mutter und / oder Vater nicht kennen würde, auch nie kennenlernen könnte, sie auch kein Interesse an meiner Existenz dokumentierten? Was, wenn ich erfahren würde, dass das Interesse meiner biologischen Mutter ein rein pekuniäres war. Was, wenn mir klar würde, dass meine Existenz Gegenstand eines Vertrags war. Was, wenn ich die einzelnen Klauseln dieses Vertrags zu lesen bekäme, was wenn ich erführe, dass ich Zehn- gar Hunderttausende gekostet habe?"
Außerdem: In der NZZ diskutieren die Publizistin Birgit Kelle und der Medienanwalt Ralf Höcker über Leihmutterschaft.
Es ist kompliziert mit der Leihmutterschaft, meint in der Zeit Ijoma Mangold: "Vielen, die sich nicht als medizinethische Experten damit befasst hatten, stand vorher gar nicht so klar vor Augen, wie stark wir bereits unter dem Druck der reproduktionsmedizinischen Fortschritte den Begriff der Mutterschaft dekonstruiert, in seine Einzelteile zerlegt und dann im besten Fall wieder neu zusammengesetzt haben. Die Leihmutter ist ja keineswegs zwingend (meistens sogar gerade nicht) die genetische Mutter des Kindes, das sie austrägt, sondern in den meisten Fällen wird eine Samenspende des genetischen Vaters mit einer gespendeten Eizelle zusammengebracht, die dann von der Leihmutter ausgetragen wird. Wir haben also nicht mehr nur die längst gesellschaftlich absorbierte Aufteilung in soziale und biologische Mutter (oder Vater), sondern eine zusätzliche Unterscheidung zwischen genetischer Mutter, die die Eizelle beisteuert, und biologischer Mutter, die den Embryo austrägt, das seinerseits während dieser Zeit zu einem Teil ihres Stoffwechsels wird." Es wird natürlich noch komplizierter, wenn man sich die Fragen stellt, die Leser Simplicio in den Kommentaren beisteuert: "Was würde ich sagen, wenn ich meine genetische Mutter und / oder Vater nicht kennen würde, auch nie kennenlernen könnte, sie auch kein Interesse an meiner Existenz dokumentierten? Was, wenn ich erfahren würde, dass das Interesse meiner biologischen Mutter ein rein pekuniäres war. Was, wenn mir klar würde, dass meine Existenz Gegenstand eines Vertrags war. Was, wenn ich die einzelnen Klauseln dieses Vertrags zu lesen bekäme, was wenn ich erführe, dass ich Zehn- gar Hunderttausende gekostet habe?"
Außerdem: In der NZZ diskutieren die Publizistin Birgit Kelle und der Medienanwalt Ralf Höcker über Leihmutterschaft.
Kulturpolitik
In der Welt kann es Dankwart Guratzsch nicht fassen: "Die ruhmreichen sächsischen Landesämter für Denkmalpflege und Archäologie sollen zusammengelegt werden, ihre Kompetenzen auf untere Denkmalämter verteilt und der Landesdirektion unterstellt werden. Deren Direktiven wären die Ämter dann unterworfen und damit praktisch mundtot gemacht." Und das alles nur, um ungestört neu bauen zu können. Dabei sei der Denkmalschutz gerade dafür wichtig, meint Guratzsch. Und zugute kommen die Kulturschätze den Städten auch: So profitieren laut Erhebungen "die zehn größten deutschen Städte von jährlich steigen- den Übernachtungszahlen (die nur in den Corona-Jahren eingebrochen sind) - und zwar nicht obwohl, sondern weil sie mit Kulturschätzen prunken können, die sächsische Landeshauptstadt Dresden geht dabei laut Magic Cities Städtereisemonitor mit einer Quote von 83 Prozent zusammen mit Hamburg, München und Leipzig allen anderen Städten voran."
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