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9punkt - Die Debattenrundschau

Das ist keine schöne neue Welt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2021. Viel Ärger um Sahra Wagenknecht: Am Wochenende sollte sie zur Bundestagskandidatin gekürt werden. Aber nun sorgt ihr vorzeitig zirkulierendes neues Buch in der Linkspartei laut taz für hellste Empörung: Dort kritisiert sie die modische Linke und verteidigt Gelbwesten und "Querdenker". #FoucaultToo? Viele deutsche Zeitungen setzen sich mit Pädophilie-Vorwürfen gegen den Urvater der Postmoderne auseinander. Nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa "bahnt sich eine Krise der akademischen Freiheit an", schreibt der Politikwissenschaftler Liviu Matei  im Tagesspiegel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2021 finden Sie hier

Europa

Tücken der Indiskretion! Am Wochenende wollte sich Sahra Wagenknecht zur Spitzenkandidatin der Linkspartei in NRW wählen lassen. Dann erst sollte ihr viel erwartetes Buch "Die Selbstgerechten" erscheinen (das Sie bei eichendorff21 natürlich vorbestellen können). Nun zirkulieren aber bereits Vorabexemplare, und die sorgen in der Partei, die sie küren soll, für hellste Empörung, berichtet Pascal Beucker in der taz. Ähnlich wie ihr "Aufstehen"-Weggefährte Bernd Stegemann in seinem Buch "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" attackiert sie hier nämlich die modische kulturalistische Linke. Die eigene Partei beschuldigt sie, dass sie sich auf einen "Irrweg des Linksliberalismus" begeben habe. "Größere Sympathien hegt Wagenknecht hingegen für die Gelbwesten-Proteste in Frankreich. Da die Gelbwesten 'die Vorgaben des linksliberalen Weltbildes beherzt ignorierten, wurden sie insbesondere von deutschen Lifestyle-Linken sofort rechtsradikaler Sympathien verdächtigt', ärgert sich Wagenknecht - und zitiert als Beleg ihren Fraktionskollegen Bernd Riexinger. Ohne ihn allerdings namentlich zu erwähnen: Für Wagenknecht ist er nur 'der damalige Vorsitzende einer deutschen linken Partei, dessen Name heute zu Recht vergessen ist'."

Stefan Reinecke bespricht Wagenknechts Buch dann auch gleich in der taz und ist nicht zufrieden: "Der Linksliberalismus, dessen toxische Wirkungen hier mannigfach besungen werden, bleibt dabei eine vage Erscheinung. Mal wird er mit radikaler Identitätspolitik gleichgesetzt, mal mit urbanen Milieus, mal mit allen Mitte-links-Parteien. So werden alle Katzen grau."

Beim Reden über die Mafia gibt es beide Phänomene: Verharmlosung und Alarmismus, sagt die Soziologin Zora Hauser mit David Klaubert von der FAZ. Das hat einen Grund. Auf die Frage, ob Forschung zum Thema in Deutschland existiere, antwortet sie: "Gar nicht. Es gibt keine Forschung, die die 'ndrangheta und auch die anderen italienischen Mafiagruppierungen in Deutschland systematisch analysiert. Es wird immer wieder darüber geschrieben, auch in internationalen Publikationen, weil die 'ndrangheta-Präsenz in Deutschland besonders stark ist. Aber niemand hat das Phänomen bisher empirisch erforscht. Das heißt, wir verstehen es nicht wirklich. Es gibt unglaublich viele Mythen."

Die Konstellation ist für Russland günstig, den Ukraine-Krieg neu anzufachen, um von innenpolitischen Problemen abzulenken, fürchtet Jan C. Behrends bei den Salonkolumnisten: "Die Biden-Administration sitzt noch nicht fest im Sattel, Berlin, Paris und Kiew sind mit der Pandemiebekämpfung überfordert und eine gemeinsame Strategie des Westens zur Verteidigung der Ukraine ist weiterhin nicht zu erkennen. Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre haben die russische Seite zudem unnötig gestärkt: NordStream2 und der Neo-Gaulismus Macrons spielen dem Kreml in die Hände. Wenn der Gegner schwach aufgestellt ist, dann steigt in Moskau die Bereitschaft, zu handeln. Zurückhaltung wird dort als Schwäche interpretiert: Deshalb sollte es kein Tabu sein, nun öffentlich über schärfere Sanktionen zu reden. Es braucht deutliche Signale." Die BBC malt das Szenario schon mal aus: "Moskau könnte Moskau-treue Rebellen 'verteidigen'." Und Richard Herzinger erklärt in seinem Blog am Modell des Genscherismus, wie die deutsche Rhetorik der Beschwichtigung funktioniert.

Außerdem: Klaus-Helge Donath berichtet in der taz kurz, dass sich Alexei Nawalnys Umkreis nach wie vor sehr große Sorgen um seine Gesundheit macht. Er soll wegen seines Hungerstreiks inzwischen 13 Kilo abgenommen haben und klagt nach wie vor über Schmerzen und Husten. Im FR-Gespräch mit Peter Riesbeck erklärt der Philosoph Dieter Thomä, "Warum Demokratien Helden brauchen" - so auch der Titel seines neuen Buches.
Archiv: Europa

Gesellschaft

Im März bezichtigte der liberale Publizist Guy Sorman in einer französischen Kultursendung Michel Foucault des sexuellen Missbrauchs an minderjährigen Jungen. Weder die Moderatoren noch die französischen Medien schenkten der Anschuldigung zunächst viel Aufmerksamkeit, auch der von Sorman in seinem neuen Buch "Dictionnaire du Bullshit" erhobene Vorwurf, Foucault habe tunesische Jungs zwischen acht und neun Jahren 1969 bei Vollmond auf dem Friedhof von Sidi Bou Said, wurde nicht in Frankreich, sondern nur von der Sunday Times aufgegriffen, resümiert Martina Meister in der Welt und fragt: Was ist dran an dieser "Bombe"? Und muss Foucault jetzt gecancelt werden? Vorerst wohl nicht: In Sidi Bou Saïd "hat sich jetzt die Korrespondentin der Wochenzeitung Jeune Afrique auf Spurensuche begeben. Und das Bild, das Frida Dahmani malt, ist sehr viel nuancierter als die Erinnerungen Sormans. Sie trifft dort auf Moncef Ben Abbes, eine Art lebendiges Dorfgedächtnis: 'Foucault war kein Pädophiler, aber er fühlte sich angezogen von jungen Epheben, von Knaben zwischen 17 und 18, die er in den Büschen unterhalb des Leuchtturms nahe des Friedhofs traf', wird Ben Abbes zitiert."  Sorman lehnte Interviewanfragen ab,  derweil "nutzen die rechten Medien den Vorwurf, um den Alt-68ern den Prozess zu machen. Die Linken schweigen."

Auch die SZ eröffnet ihr Feuilleton heute mit den Vorwürfen gegen Foucault. Willi Winkler hat bei Didier Eribon, dem ersten Foucault-Biografen, nachgefragt, aber keine Reaktion erhalten. Dafür antwortet Ulrich Johannes Schneider, Philosophieprofessor am Institut für Kulturwissenschaften in Leipzig und Mitherausgeber des "Foucault-Handbuchs": Für ihn, "ist es 'eher nicht vorstellbar, dass Foucault minderjährige Araber sexuell ausgebeutet hat. Ich habe 1982 Foucaults Vorlesungen in Paris besucht; er hat mich beeindruckt als jemand, der an sein eigenes Verhalten - als Professor, als Intellektueller - hohe Maßstäbe anlegt. Der Versuch, Foucault als drogenlustigen Maverick oder als sexwütigen Schwulen zu charakterisieren, sind früher geäußerte Bilder, die eine Verbindung von Leben und Werk insinuieren.' Schneider hält eine solche Verbindung für kurzschlüssig."

Bereits gestern hatte Georg Blume in der Zeit - in einem heute hinter Paywall online stehenden Artikel - über die Vorwürfe berichtet. Blume hat Sorman erreicht, der möchte aber nicht konkreter werden: "Diese Affäre Foucault interessiert mich gar nicht. Ich bin nicht Teil der Pariser Intelligenzija. Ich lebe zurückgezogen, bin Franzose und Amerikaner. Ich spreche über Foucault nur aufgrund der Doppelmoral, die in Frankreich seit Jahrhunderten existiert." (…) "Allerdings räumt Sorman ein, dass er selbst Foucault nie auf diesem Friedhof gesehen habe. Doch bekam er mit, wie damals unter Intellektuellen über Foucault gesprochen wurde, vor allem in der Entourage des Chefredakteurs des linken Pariser Wochenmagazins Nouvel Observateur, Jean Daniel. Der verbrachte viele Urlaube in Sidi Bou Saïd und traf dort auf Foucault. Diese Gruppe, so erinnert sich Sorman, habe über die sexuellen Eskapaden Foucaults gelästert, man habe über seine nächtlichen Friedhofsabenteuer mit kleinen Jungen gelacht. 'Alle wussten es.'"

In der taz erklärt Sigrid Graumann vom Ethikrat, warum sie bereits gegen Corona Geimpften ihre Rechte (in der taz "Privilegien" genannt) erst zurückgeben will, wenn ein sehr viel größerer Anteil der Bevölkerung geimpft ist. Im Interview mit Jasmin Kalarickal sagt sie: "Wir müssen aufpassen, dass die Solidaritätszumutung, die wir den Bürgerinnen und Bürgern auferlegen, nicht überstrapaziert wird. Wenn bei 11 Prozent Geimpften darüber diskutiert wird, dass diejenigen, die geimpft sind, Dinge tun dürfen, die andere nicht tun dürfen, und gleichzeitig nicht allen ein Impfangebot gemacht werden kann, wird das zu Recht als ungerecht empfunden."

"Das nächste Virus könnte ein Viertel der Bevölkerung auslöschen", sagt der griechische Epidemiologe und Soziologe Nicholas Christakis im NZZ-Gespräch mit Christine Brinck. Spätestens 2024 sieht er Licht am Ende des Tunnels, vorher gelte es aber die Trümmer zu beseitigen: "Millionen Menschen haben Jobs oder Geschäfte verloren, Millionen Kinder und junge Leute haben Unterricht verpasst. Millionen, die die Krankheit überstanden haben, sind angeschlagen. Das ist keine schöne neue Welt. Etwa fünfmal mehr Menschen, als gestorben sind, werden langfristig behindert sein. All dieser soziale, psychische, ökonomische und medizinische Schutt muss erst einmal abgetragen werden. Wenn man sich die Geschichte der Pandemien anschaut, braucht das etwa zwei Jahre. (…) Ende 2023, Anfang 2024 beginnt die postpandemische Phase. Das Leben kehrt zu einer Art Normalität zurück. Es könnte sogar so aussehen wie die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts nach der Spanischen Grippe."
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Ideen

Nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa "bahnt sich eine Krise der akademischen Freiheit an", schreibt Liviu Matei, Politikwissenschaftler und Kanzler der Central European University in Wien, im Tagesspiegel: Das liege auch daran, dass nie ein europäisches Konzept Konzept für akademische Freiheit entwickelt wurde. "Stattdessen wurde sie einfach vernachlässigt, und es mangelt sogar an Einigkeit darüber, was sie eigentlich bedeutet. So gibt es in der Hochschulpolitik oder an den Universitäten selbst weder eine gemeinsame Definition dieses Konzepts, noch eine Übereinkunft darüber, warum es benötigt wird."

Aus der Opferrolle müssen sich jene, die sie sich gern zuschreiben, eigentlich selber befreien, schreiben der Theologe Mouhanad Khorchide und der Soziologe Detlef Pollack in einem gemeinsamen FAZ-Text zu den Widersprüchen von Identitätspolitik: "Es ist keine Frage, dass es in unserer Gesellschaft Hass gegen Muslime gibt. Indem sich manche Muslime als nichts anderes denn als Opfer stilisieren, verdrängen sie jedoch die Diskriminierung, die von ihnen selbst ausgeht. Identitäre Kategorien lassen keinen Platz für Selbstkritik, denn schuld sind stets die anderen."
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Archiv: Ideen

Medien

Die Schikanen gegen die Medien durch die polnische Regierung sind ein europäisches Thema, mahnt Timothy Garton Ash im Guardian: "Die Methoden stammen direkt aus dem Drehbuch von Viktor Orbán in Ungarn. Unabhängigen Medien werden staatliche Werbung und Abonnements entzogen. Alle Arten von regulatorischen Schikanen werden gegen sie eingesetzt. Öffentliche Gelder werden in das staatliche Fernsehen und Radio gepumpt. Eine 'Pandemie-Steuer' auf die Werbeeinnahmen der Medien vorgeschlagen. (...) Die kritischsten Zeitungen werden mit Prozessen bombardiert. Die Gazeta Wyborcza zählt mehr als sechzig Klagen, darunter eine vom Justizminister persönlich. Und, wie europäische Justizbehörden wiederholt festgestellt haben, ist die Unabhängigkeit der polnischen Gerichte so weit ausgehöhlt, dass man sich nicht mehr auf einen fairen Prozess verlassen kann.

Erica Zingher
berichtet in der taz über den Streit zur Presseförderung. Die Bundesregierung will nur Zeitungen und Anzeigenblätter mit 220 Millionen Euro fördern. Dagegen legen die Krautreporter rechtliche Schritte ein: "Im aktuellen Modell für die Presseförderung wird das Geld nach dem Gießkannenprinzip verteilt. Wer eine hohe Reichweite und Auflage hat, erhält Subventionen. 'Nur Verlage, die drucken, werden gefördert. Wir und viele andere rein digitale Medien werden benachteiligt', sagt Krautreporter-Vorstand Leon Fryszer der taz. Die Förderung greife also in den freien Wettbewerb der Medien und somit in die Pressefreiheit ein. 'Das sollte sie nicht.'"
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Geschichte

In der Diskussionen über den Kolonialismus ist viel von der wirtschaftlichen Ausbeutung aber wenig vom Faktor der Missionierung die Rede. Der  Historiker Heiko Wegmann erzählt im Gespräch mit Tim Körner von der taz die Geschichte des Caritas-Gründers Lorenz Werthmann, der ein starker Befürworter des Kolonialismus war, natürlich ganz im Sinne der katholischen Kirche. Wegmann hat die Dokumente eines Kongresses gelesen, an dem Wertmann teilnahm und wo die katholische Position zu den Kolonien skizziert wurde. "Bei den Referaten über sogenannte 'Rassenmischehen' in deutschen Kolonien wurden Gleichheitsvorstellungen ebenso wie Kolonialrassismus deutlich: Es hieß, die Bibel gelte für alle Menschen, so wie sie vor Gott gleich seien. Formelle Verbote von 'Mischehen' lehnte man also ab. Sie würden das 'Zutrauen der schwarzen Zöglinge' und damit das Missionswerk stören. Katholische Geistliche seien deshalb in Einzelfällen dazu gezwungen, in den Kolonien solche Eheschließungen vorzunehmen."
Archiv: Geschichte