9punkt - Die Debattenrundschau

Abwarten, ob ein "echter" Krieg kommt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.04.2021. Alles dicht. Alles schlicht. Alles klar? Die Aktion #allesdichtmachen, in der sich bekannte Fernsehsehschauspieler gegen die Corona-Politik der Bundesregierung wenden, ist eindeutig daneben gegangen, findet etwa rnd.de. Aber es gibt ja auch schon die Gegenaktion #allesschlichtmachen, tröstet der Tagesspiegel. Für die Kultur ist die Saison mal wieder gelaufen, konstatiert der Tagesspiegel - und die Politik kümmert's nicht.  Die taz erklärt, warum die Forschung über den Genozid an den Armeniern Lücken hat.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

Eine Gruppe bekannter Fernsehstars wie Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Meret Becker und Volker Bruch macht in einer Videoreihe unter dem Titel "Alles dicht machen" (Hashtag  #allesdichtmachen) Stimmung gegen die Coronapolitik der Bundesregierung - und stößt eher nicht auf die Begeisterung von Imre Grimm bei rnd.de: "Das Ergebnis ist eine Katastrophe für die Solidargemeinschaft Deutschland. Und es ist eine Unverschämtheit. In 53 kurzen Videos lästern die Damen und Herren zu leiser Klaviermusik über die Angst vor dem Virus. Sie raunen Wirres. Sie machen sich lustig über Menschen, die vor Erschöpfung am Gitterbett ihres Kindes hängen und weinen. Sie mokieren sich voller Häme über jene, die die Maßnahmen gegen Corona möglicherweise auch nicht durchgehend logisch, verständlich, supertoll und wirkungsvoll finden, die aber immerhin bereit sind, ihr Ego für ein paar Monate zurückzustellen." Mehr bei den Salonkolumnisten.

Hier das zweifelhaft humorige Video von Jan Josef Liefers:



Inzwischen gibt es schon eine Gegenaktion unter dem Titel "Alles schlicht machen" berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel. "'Ich bin fassungslos', reagierte Alexandra Maria Lara ('Der Untergang''). Die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Laura Tonke wandten sich ebenfalls gegen die #allesdichtmachen-Aktion." Und Heike Makatsch hat ihr #allesdichtmachen-Video auch schon wieder zurückgezogen. Mehr auch bei turi2, das demnächst sicher ein Liveblog eröffnet, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten.

Deutschlands Corona-Politik ist ein "Anschlag auf die Vernunft" und auf die moderne liberale Demokratie, ärgert sich der Philosoph Markus Gabriel in der Welt. Wissenschaftliche Fragen, wie man die Pandemie "differenziert und interdisziplinär" bewältigen könne, interessieren die "postfaktisch" agierende Politik nicht, meint er: "Es werden Maßnahmen zur Beeinträchtigung des menschlichen Lebens getroffen, ohne dass erläutert wird, wie man diese Maßnahmen sinnvoll (also unter Berücksichtigung der viralen Gefahr) wieder aufheben kann. Dazu reicht die Befristung eines Gesetzes nicht, es bedarf vielmehr einer echten, durchdachten Langzeitstrategie, die bereits jetzt die postpandemische Ordnung mit in Betracht zieht. Ob auf dem Weg in eine postpandemische Ordnung eine Strategie des kontrollierten Öffnens (die ich präferiere) oder ein kurzer, wirklich scharfer, aber für alle gut begründeter und mit Eigenverantwortung umzusetzender Lockdown besser ist, steht auf einem anderen Blatt - beide sind jedenfalls besser als dieser faule, mut- und perspektivenlose Kompromiss."

Die Pandemie hat die soziale Ungleichheit noch verschärft, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge im SZ-Gespräch mit Alex Rühle. Laut dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des Nettogesamtvermögens, dagegen haben laut Statistischem Bundesamt "15,9 Prozent ein Einkommen, das geringer als 60 Prozent des mittleren Einkommens ist. Demnach verfügen 13,2 Millionen Menschen in Deutschland über weniger als 1074 Euro im Monat. Die Armut frisst sich mittlerweile in die Mitte der Gesellschaft hinein, und das wird durch den zweimaligen Corona-Lockdown verstärkt. Kurzarbeiter, Soloselbständige, Kleinunternehmer sind an den Rand des Ruins geraten, was beim Gang durch die Stadt am wachsenden Leerstand zu erkennen ist."

Auf Zeit Online versucht die Schriftstellerin Nele Pollatschek zwischen Anhängern der Identitätspolitik und deren Kritikern, die sie die Universalisten nennt, zu vermitteln. Den Universalisten stellt sie die Frage, wie soziale Gerechtigkeit denn anders als durch Sichtbarmachung geschafft werden soll, aber auch die Gegenfrage an die Identitätspolitik müsse erlaubt sein: "Wenn auch die kleinsten Identitäten benannt sind, wenn jeder mit Geschlecht, sexueller Orientierung, race, Behinderung und so weiter beschriftet wurde und ihr es also geschafft habt, dass alles feinst säuberlich quotiert und dadurch vielleicht sogar gerecht ist, was dann? Soll das dann so bleiben?"

Außerdem: Für die Welt hat sich die Diplombiologin Rieke Hümpel drei Gesetzesentwürfe zu Geschlechtsumwandlungen und -identitäten bei Minderjährigen durchgelesen und ärgert sich besonders darüber, dass hier von "Geschlecht" statt von "gefühlter Geschlechtszugehörigkeit" gesprochen werden.
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Kulturpolitik

Für die Kultur dürfte die Saison gelaufen sein, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Die Politik hat das nicht weiter gekümmert. In der leidenschaftlichen Bundestagsdebatte wurde die erhebliche Einschränkung der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit nicht einmal erwähnt, anders als die Ausgangssperre. (…) Dass das Aus für die Künste im Parlament der Kulturnation Deutschland weiter keinen scherte, erschüttert dann doch."

Die beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts hat empfohlen, das wichtige Gemälde "Füchse" von Franz Marc (1913) an die Erben früheren jüdischen Eigentümer Kurt Grawi zurückzugeben, obwohl dieser das Bild nicht zwangsweise in Deutschland, sondern später im Exil verkaufte. Hiergegen hatte sich schon Patrick Bahners in der FAZ vor einigen Tagen gewandt (unser Resümee). Der Richter Friedrich Kiechle stimmt ihm heute ebenfalls in der FAZ zu - auch mit Blick auf die Käufer: "Selbst nach vielen Jahrzehnten und vielen seinem Erwerb vorausgegangenen und unbeanstandet gebliebenen Veräußerungen müsste ein Eigentümer befürchten, sein Eigentum wieder zu verlieren, obwohl der Verfolgte sowohl sich als auch den Vermögenswert ins Ausland gerettet hatte."
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