Efeu - Die Kulturrundschau

So war Kunst einmal

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28.04.2021. Kein Wunder, dass niemand die Oscars schaut, wenn kaum jemand die nominierten Filme kennt, meint die Zeit. Mit weiterer Exklusion ist niemandem geholfen, entgegnet die FAZ den Polterern, die fordern, die Geschichte der klassischen Musik einer Kolonialkritik zu unterziehen. Die taz tanzt mit den Tänzerinnen der Weimarer Republik entrückt durchs Georg Kolbe Museum. Hyperallergic tarnt sich mit Heu und bewundert bei der Triennale "Estamos Bien" in New York lateinamerikanische Kunst jenseits von Stereotypen. Und die NZZ klettert in Rom auf brutalistische Baumkronen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Maria Gaspar. Quelle: El Museo del Barrio, New York

"Hoffnung und Bitterkeit" erlebt Valentina Di Liscia (Hyperallergic) bei der Triennale "Estamos Bien" im New Yorker El Museo del Barrio, die Werke von 42 KünstlerInnen aus der lateinamerikanischen Diaspora zeigt, die sich den allgegenwärtigen Stereotypen von "Latinx-Kunst" widersetzen: "María Gaspars 'Disappearance Suits' (2012-20), Fotografien der Künstlerin in Kostümen, die sich in der Umgebung tarnen, zeigen einen der poetischsten Momente der Ausstellung. Auf einem nahe gelegenen Regal hängen die von der Künstlerin entworfenen Kleidungsstücke - zum Beispiel ein mit Heu bedeckter Strampler, den sie in den grasbewachsenen Marin Headlands in Kalifornien trug. Das Konzept lässt an Ana Mendietas Erdarbeiten denken, aber anstatt ihren Körper in die Landschaft zu zeigen, macht sich Gaspar unsichtbar und erinnert an die chamäleonartigen Strategien, von denen schwarze und braune Latinx-Frauen angewiesen sind, um zu überleben."

Die kommende Ausstellungssaison wird sich aller Voraussicht nach im Freien abspielen, vermutet Catrin Lorch in der SZ und tröstet sich mit dem Ausblick auf den zweiten Balkonrundgang der Kuratorinnen Joanna Warsza und Övül Durmuşoglu im Prenzlauer Berg oder Olafur Eliassons Ausstellung "Life" in der Basler Fondation Beyeler, für die der Künstler den Boden der Ausstellungsräume abgedichtet, das Museum geflutet und die Glasscheiben im Saal herausgenommen hat: "Ólafur Elíassons ausgreifendes Werk ist vor allem deswegen in diesem Frühjahr überraschend und eindringlich, weil es sich auch in den Park hinein erstreckt. (...) So versinken die Besucher fast andächtig in der Betrachtung der schlierigen Stellen, an denen sich so etwas wie mikrobiotische Aktivität abzeichnet, folgen den Wellenbewegungen mit zögerlichen Schritten und positionieren sich an immer wieder anderen Stellen vor dem Panorama - bevor sie andächtig die Laufstege ins Haus betreten. So war Kunst einmal."

Weiteres: In der FAZ entdeckt Paul Ingendaay den niederländischen Maler Marinus von Reymerswale, der die Gesichter des Frühkapitalismus malte, in Vergessenheit geriet und dem das Prado in Madrid nun eine Ausstellung widmet.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Eliasson, Olafur

Film

Stell Dir vor, es ist Oscar und keiner schaltet ein - so geschehen am Wochenende: Die schon seit Jahren in der Publikumsgunst schwächelnde Oscarverleihung hat in diesem Jahr nochmal kräftige Einbußen hinnehmen müssen: Von etwa 24 auf gerade mal knapp 10 Millionen Zuschauer sind die Quoten in den USA gesunken. Kein Wunder, meint Wenke Husmann auf ZeitOnline, es kennt ja auch kaum jemand die nominierten Filme und Stars: David Finchers zwar zehnfach nominierter Netflix-Film "Mank" ist dem Titel nach lediglich 18 Prozent der Amerikaner bekannt, "was ungefähr dem Anteil von Netflix-Abonnenten an der US-Bevölkerung entspricht. Der Film hat über diese hinaus also offenbar keinerlei Breitenwirkung entfaltet. Streamingdienste mögen auch pandemiebedingt zuletzt von einem Aborekord zum nächsten geschritten sein, doch (film-)kulturell bleiben sie überschaubar große Silos: Außerhalb bekommt kaum jemand etwas von ihren Eigenproduktionen mit."

"Warum beharrt die Academy auf ihrer Fehlentscheidung von 2018, getroffen am Ende eines übersichtlichen Twitter-Aufruhrs, die Show ohne Moderator stattfinden zu lassen", fragt sich auch Susan Vahabzadeh entgeistert in der SZ angesichts des "Quoteninfernos" und erinnert sich dabei an Ricky Gervais' köstlich das Publikum im Saal abwatschende Golden-Globes-Moderationen. Aber: "Die Stars sind heute reicher und mächtiger als je zuvor, aber die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, ist weltweit stark gesunken, und wie dann erst in der eitlen, teils sogar narzisstisch schwer gestörten Filmbranche."

Außerdem: Für die NZZ porträtiert Andreas Scheiner die israelische Schauspielerin Gal Gadot, die als Wonder Woman derzeit die Schweizer Kinos wieder eröffnet. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl der Schauspielerin Ann-Margret zum 80. Geburtstag.
Archiv: Film
Stichwörter: Oscars 2021, Oscar, Netflix

Bühne

Laban Gruppe von Hertha Feist, Tanzstudie "Berufung", Fotografie aus Silbergelatinepapier, Suse Byk © Staatliche Museen zu Berlin. 

Beschwingt schreibt Katrin Bettina Müller in der taz über die Ausstellung "Der absolute Tanz" im Berliner Georg Kolbe Museum, die sich in künstlerischen Werken elf Tänzerinnen aus der Zeit der Weimarer Republik widmet: Georg "Kolbe besuchte etwa die Aufführungen der von ihm bewunderten Charlotte Bara (1901 -1986). Ihren Tänzen wurde etwas Inbrünstiges zugeschrieben, eine Entrückheit, die Zeitgenossen auch als 'gotisch' beschrieben. Es gibt eine Mappe mit Federzeichnungen und eine Holzskulptur, 'Die Nonne', die unterschiedliche Facetten ihres Bewegungsspektrums zeigen. In den Zeichnungen steht das Flüchtige und Überraschende im Vordergrund, das Aufbrechen tradierter Körperachsen; in der 'Nonne' dagegen liegt die Betonung auf dem Strengen und Geschlossenen der Form. (...) Der Maler Heinrich Vogeler wiederum malte ihr Gesicht und ihre flehend und zögernd erhobenen Hände vor blauem Grund. So sieht man, wie die Inspiration, die von den Tänzerinnen ausging, Impulse in unterschiedliche Richtungen sandte."

Außerdem: Im Theaterpodcast von Dlf Kultur und nachtkritik sprechen Guy Dermosessian vom Düsseldorfer Schauspielhaus und Florian Fiedler vom Theater Oberhausen über (Anti-)Rassismus am Theater. In Kürze können Museen, Theater und Konzertsäle in Großbritannien wieder öffnen, aber die Vorfreude und die einzelnen Öffnungsankündigungen sind verhalten, meldet Sebastian Borger im Tagesspiegel. Denn: "Fast scheint es, als trauten die gebeutelten Theatermacher und Konzertveranstalter dem neuen Covid-Frieden noch nicht so recht."

Besprochen wird Immo Karamans Inszenierung von Benjamin Brittens Horroroper "The Turn of the Screw", im Stream am Staatstheater Hannover (SZ), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Hendrik Ibsens "Peer Gynt" (Standard) und Axel Ranischs Inszenierung der Kurzoper "Il segreto di Susanna" an der Münchner Staatsoper (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Als Tanja Maljartschuk vor einigen Jahren Deutsch zu lernen begann, wurde ihr erst bewusst, wie viele deutsch anmutende und jiddische Begriffe ihre Eltern aus dem ostgalizischen Dorf in ihr Leben trugen, erinnert sich die Schriftstellerin in der FAZ. Ein jiddisches Wörterbuch half weiter: Sie "las es Wort für Wort, Wort für Wort, wie eine geheime Offenbarung. ... Erstaunlicherweise fand ich jede Menge ukrainischer Wörter darin, die, so meine ich, in keiner anderen slawischen Sprache vorkommen, zum Beispiel 'Zuzik' (Welpe) oder 'Zwit' (Baumblüte). Es war so, als hätten die vergessenen Toten mir durch die Jahrzehnte zugewunken, dem zum Naturgenuss und Milchtrinken verurteilten Mädchen ein Zeichen gegeben, dass es sie doch gibt, und zwar in unmittelbarer Nähe. Als ihre Welt vollkommen vernichtet wurde, konnte sich nur ihre Sprache retten. Sie hat sich in der Sprache der Übriggebliebenen versteckt. Nach einer kurzen Recherche stellte sich heraus, dass zwei Drittel aller Bewohner im Dorf meiner Eltern Juden gewesen waren."

Außerdem: Shirin Sojitrawalla berichtet in der taz von den Litprom-Literaturtagen. In den "Actionszenen der Weltiteratur" erinnert Gisela Trahms daran, wie Signor Svevo beim Zahlen einer Hotelrechnung einmal sehr klamm war. Arno Widmann liest für die FR die Geschichte der Piratin Mary Read.

Besprochen werden unter anderem Judith Hermanns "Daheim" (taz, NZZ, Dlf Kultur, FAZ), Joachim Lottmanns "Sterben war gestern" (ZeitOnline), Claudia Durastantis "Die Fremde" (NZZ), Max Dax' "Dissonanz" (Dlf Kultur), Alem Grabovacs "Das achte Kind" (FR), Jenny Offills "Wetter" (Standard, SZ), neue Krimis von Bernd Ohm und Lutz Wilhelm Kellerhoff, die vom Nimbus der RAF zehren (Freitag), und Kate Atkinsons "Weiter Himmel" (Freitag).
Archiv: Literatur

Musik

Der Druck auf die Musikinstitutionen, die Geschichte der klassischen Musik einer Kolonialkritik zu unterziehen, wächst, schreibt Christiane Wiesenfeldt in der FAZ und versucht, beide Seiten ins Gespräch zu bringen: Das Kind mit dem Bade auszukippen und einfach Beethoven und Bach zu streichen, hält sie für Quatsch, unpraktikabel und als Forderung auch einfach oft sehr verlogen. "Fruchtbarer sind jene Maßnahmen, die dem ideologischen Gepolter seriöse, wissenschaftlich fundierte Sichtbarmachung von und Beschäftigung mit unkanonisierter Musik entgegensetzen. Etwa Datenbanken zu 'Music by Black Composers' (seit 2001), das 'Black Opera Research Network' (seit 2020) oder Künstler-Netzwerke wie das 'Alternative Orchestra Southafrica' (seit 2020) - vergleichbare Initiativen auf deutschen Portalen wie dem Musikinformationszentrum sucht man bislang vergeblich. Das wichtigste Mittel ist, Offenheit und Diversität zentral zu fördern und unsere musikalische Moderne als perspektivendifferent anzuerkennen. Es wäre fatal, den Rechenfehler zu begehen, erlittene Exklusion mit neuer Exklusion kompensieren zu wollen, denn minus eins plus minus eins ergibt minus zwei und damit zwei Verlierer."

Weitere Artikel: Die Auswertung des Konzertexperiments in Barcelona, bei dem sich 5000 Maske tragende und vorab getestete Menschen in einer Halle einfanden, gibt Anlass zur Hoffnung, dass Konzerte mit Schutzbedingungen glücken können, berichtet Reiner Wandler in der taz. Michael Fischer erinnert in der FAZ an Eugène Pottier, der vor 150 Jahren "Die Internationale" dichtete.

Besprochen werden ein Buch über den im letzten Jahr verstorbenen DJ Andrew Weatherall (taz), das neue Album von Haftbefehl (Tagesspiegel, ZeitOnline) und neue Popveröffentlichungen, darunter eine Kollaboration von Marianne Faithfull und Warren Ellis - Brian Eno und Nick Cave winken auch mal zur Tür herein -, die SZ-Popkolumnist Max Fellmann allerdings nur ziemlich lauwarm umspült: Mitunter "stehen die Klaviertöne zaunpfahlmelancholisch im Hall rum wie in einem Sat1-Film-Abspann".
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Architektur

Im Januar rief die EU-Kommission das "Neue Europäische Bauhaus" mit dem Ziel einer klimagerechten Architektur aus. Es bleibt "Konsumkapitalismus" rief der Architekt Hans Kollhoff in der FAZ den Propagandisten des NEB kürzlich entgegen und setzte sich stattdessen für den Erhalt von Gründerzeitbauten ein (Unser Resümee). Einen "Paradigmenwechsel von einem auf kurzfristige Rendite abstellenden Neubau zum langfristigen Bestandsdenken", fordert heute auch die Architektin Susanne Wartzeck, Präsidentin des Bundes Deutscher ArchitektInnen in der FAZ: "'Erhalte das Bestehende' lautet das Postulat des BDA, ein Aufruf zu einer reduktiven Strategie in der Architektur, die frei von Geschmacks(vor)urteilen Sorge für die Weiternutzung historischer Gebäude genauso wie für Bauten aus den fünfziger bis achtziger Jahren trägt. Umbau und Renovierung scheinen allzu oft den Aufwand nicht wert zu sein. Jedenfalls dann, wenn es sich für all die rechnen soll, die mit billigem Bauen verdienen wollen."

Ökologischen Brutalismus entdeckt in der NZZ indes Andres Wysling in einem Wald in der Nähe von Rom, wo die Architekten Giovanni Perugini und Uga De Plaisant gemeinsam mit ihrem Sohn Raynaldo Perugini Ende der Sechziger die heute verfallene Casa Albero errichteten."Das Haus heißt so, weil es wie eine Gruppe von Bäumen nur punktuell am Boden verankert ist und die 'Krone' seiner Räume sich hoch über dem Boden ausbreitet. Das Haus kann, wie ein Baum, auch noch weiterwachsen, man könnte weitere Räume hinzufügen. (…) Bezüglich Konstruktion und Material verwirklichten sie wegweisende Ideen der Moderne, die derzeit in der Architektur neu diskutiert werden. Alle Räume wurden am Boden vorgefertigt und dann in einem Rahmen aus armiertem Beton aufgehängt. Mit dem Kran lassen sie sich schnell montieren, man kann sie verschieben, entfernen, ersetzen. (…) Die Raumelemente könnten auch in einem andern Gebäude wiederverwertet werden, was neuerdings unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit als großes Plus gilt."
Archiv: Architektur