9punkt - Die Debattenrundschau

Fast weltgeistartig

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2021. Demontage oder Selbstdemontage einer Politikerin? Die Frage, ob Annalena Baerbock in ihrem schnell auf den Markt geworfenen Buch "Jetzt" plagiiert hat, ist Thema Nummer 1 in den Feuilletons. Die Zeit erklärt, was der chinesische Begriff "Chàbuduō" heißt, so etwas wie "Passt schon". Alan Posener kommt in starke-meinungen.de nochmal auf die Debatten um Carolin Emcke und A. Dirk Moser und auf Aleida Assmanns Unterscheidung zwischen einem guten und einem falschen Antisemitismusbegriff zurück.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2021 finden Sie hier

Politik

Xifan Yang erklärt in der Zeit, was der chinesische Begriff "Chàbuduō" heißt, so etwas wie "Passt schon". Eine Kultur des Provisorischen tritt an die Stelle der Perfektion - und das gilt auch für das chinesische Reich im Jahr des hundertsten Geburtstags der Partei: "Das Bild einer monolithischen, allmächtigen Zentralregierung war über weite Strecken der chinesischen Geschichte eine geschickte Projektion, um Untergebene wie Feinde einzuschüchtern. In den unteren Etagen des Apparates wiederum hat sich bewährt, Gehorsam vorzutäuschen, tatsächlich aber nach eigenem Ermessen zu handeln. So wahren alle Beteiligten im System nicht nur den Schein, sondern auch Stabilität."

Während Xi Jinping noch vergangenes Jahr verkündete, China wolle bis 2060 klimaneutral sein, berichtet Franka Wu bei Zeit Online, wie China gegen Klimaaktivisten und Proteste gegen Umweltverschmutzung vorgeht: "Die Stimmen von wütenden Dorfbewohnern oder Aktivistinnen werden stets aus dem Netz gelöscht, stattdessen wird offizielle Propaganda verbreitet, die Protestierende als 'Unruhestifter' oder 'ausländische Agenten' bezeichnet. Troll-Brigaden in Regierungsdiensten verbreiten üble Nachrede. In den vergangenen Jahren haben junge chinesische Netzbürger - nationalistisch erzogen und ohne andere Möglichkeiten zu politischer Betätigung - leider begonnen, sich an diesem schmutzigen Spiel zu beteiligen. Sie werden 'Little Pinks' ('die kleinen Rosaroten') genannt, weil sie so manches mit ihren Großeltern gemeinsam haben, die einst mit ihren kleinen Roten Büchern herumwedelten. Für sie sind alle, die über Umweltschutzfragen reden, ohne zugleich die chinesische Regierung zu preisen, aus dem Ausland gesteuert oder verdorbene Elemente oder schlicht Idiotinnen."
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Stichwörter: China, Klimaschutz, Xi Jinping

Europa

Demontage oder Selbstdemontage einer Politikerin? Groß und wahlkampfgemäß und ein bisschen vielleicht auch dem Sommerloch geschuldet ist die Aufregung um Annalena Baerbocks Buch "Jetzt - Wie wir unser Land erneuern". Auch in den Feuilletons ist es Thema Nummer 1. Die Grünen reagieren auf die Plagiatsvorwürfe gegen das Buch sehr scharf, wundert sich Ulrich Schulte in der taz: "Sie haben mit Christian Schertz einen der prominentesten Medienanwälte Deutschlands beauftragt, sie empören sich reihenweise auf Twitter. Wahlkampfmanager Michael Kellner fasst die grüne Gefühlslage so zusammen: 'Es ist der perfide Versuch eines Rufmordes aus Angst vor einer grünen Kanzlerin.'"

Aber vielleicht sollte man erstmal den "Plagiatsjäger" Stefan Weber selber zitieren, der die wortgleichen Absätze gefunden hat - es handelt sich nicht nur um Sätze. Weber argumentiert in seinem Blog durchaus gelassen. "Vollkommen klar: Ein Sachbuch einer Politikerin im Ullstein-Verlag ist keine Dissertation." Auch heute früh präsentiert Weber eine teilweise gedoppelte Passage, diesmal aus einem taz-Interview mit Maja Göpel. Hier werden nicht einfach  Fakten wiederholt, so Weber. Man könne von einer Art "Libretto-Plagiarismus" sprechen. "Unter Vorlage anderer Texte hat sie eigene Kopfarbeit simuliert." Für taz online hat Ulrich Schulte mit Weber gesprochen: "Die Frage einer Urheberrechtsverletzung ist gegenüber dem Plagiatsvorwurf sekundär. Mir geht es um Zitierethik, nicht ums Urheberrecht, dessen Kritiker ich sogar bin."

In der SZ erkennt Constanze von Bullion klar auf Demontage: "Richtig ist (…), dass der österreichische Plagiats- und Baerbock-Jäger Stefan Weber bei seiner ausdauernden Hatz auf die grüne Kanzlerkandidatin wissenschaftliche Distanz vermissen lässt. Die von ihm wichtigtuerisch angekündigten, schwerwiegenden Verfehlungen bei Baerbock sind so gravierend eben nicht. Wer aufzählt, welche osteuropäischen Staaten 2004 der EU beigetreten sind oder welche Holzhochhäuser wann und wo gebaut wurden, begeht keinen Urheberrechtsbruch, sondern greift auf öffentlich zugängliches Wissen zu. Das kann und sollte man geschickter machen. In einem nicht-akademischen Text aber ist das nicht verboten und auch kein Ausweis der Kanzlerinnenuntauglichkeit." Auch Stefan Niggemeier verteidigt Barbock in den Uebermedien.

Baerbocks eigentliches Problem ist: Sie hält sich für perfekter als sie ist und steht damit für ein politisches Milieu, das  nicht nur, aber besonders bei den Grünen zu finden ist, meint indes Thomas Schmid in der Welt: "Es handelt sich um junge Menschen, denen insofern alle Türen offenstehen, als es heute ein weitgefächertes, man könnte auch sagen: aufgeblähtes System von Jobs in Parteien, parteinahen Stiftungen, Parlamenten und NGOs gibt. Wer es in dieses System schafft, kann hoffen, von Station zu Station weiterzukommen - ohne je Erfahrungen mit einer Wirklichkeit außerhalb der bubble zu machen... Kommt dann noch, wie häufig bei den Grünen, die felsenfeste Überzeugung hinzu, man verkörpere fast weltgeistartig ein weit über den Wassern des unaufgeklärten Mittelmaßes schwebendes Moralwissen: Dann besteht in der Tat die Gefahr der großen Selbstüberschätzung."

Paul Ingendaay fragt sich in der FAZ, wie dieser Fehler überhaupt passieren konnte: "Hier wurde abgeschrieben, nicht mehr und nicht weniger. Und so entsteht leider nur der Eindruck, die Autorin Annalena Baerbock habe ein paar Abkürzungen genommen und viel zu spät begriffen, dass sie unter Beobachtung steht. " Und Gustav Seibt weist in der SZ auf das insgesamt windige Genre des Politikerbuchs hin, an das man inhaltlich und sprachlich nicht so hohe Ansprüche stellen dürfe. Aber als Empfehlung liest sich, was er er schreibt, auch nicht ganz: "Baerbock macht gern etwas mehr aus sich, als von ihren nachprüfbaren Qualifikationen gedeckt ist, das weiß man jetzt. Aber das ist weniger eine Frage des wissenschaftlichen Ethos als der persönlichen Glaubwürdigkeit."
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Ideen

Alan Posener kommt in dem Blog starke-meinungen.de nochmal auf die Debatten um Carolin Emcke und A. Dirk Moses und auf Aleida Assmanns Unterscheidung zwischen einem guten und einem falschen Antisemitismusbegriff zurück. Laut Assmann ist allein Antisemitismus von rechts relevant und  zu bekämpfen (mehr auch hier). "Auf Fakten kommt es Assmann gar nicht an. Es kommt ihr, wie ich gezeigt habe, darauf an, den Antisemitismus als etwas hinzustellen, das in der Vergangenheit liegt. Das in der Gegenwart allenfalls bei Ewiggestrigen auf der extremen Rechten zu finden sei, weshalb es ja nicht angehe, dass die 'Springer-Presse serienmäßig' auf Erscheinungsformen des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft hinweise. Denn der Vorwurf des Antisemitismus sei 'ungeheuerlich und das schlimmste Stigma, das für ernsthafte Deutsche denkbar ist.'"

Die Zeit inszeniert ein Streitgespräch zwischen A. Dirk Moses und Volkhard Knigge, dem ehemaligen Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, über Gedächtniskultur in Deutschland. Moses wiederholt seine inzwischen bekannten Thesen. Knigge (der sich übrigens zur "Jerusalem Declaration" bekennt) antwortet: "Ich fürchte mich vor einer identitätspolitisch instrumentalisierten Erinnerungskultur, die nicht historisch begreifen will, was geschehen ist, sondern sich in Analogien erschöpft und dann nur noch sagen kann: Allen Menschen soll es gut gehen. Das käme mir vor, als würde ein Arzt sagen: Krank sein ist schlecht. Es muss in einer globalisierten Welt doch um Erkenntnisgewinne, Anteilnahme und Verantwortung gehen."

Und noch ein Streitgespräch in der Zeit (die diese Form schon immer liebte). Diesmal über die Frage "schwul" oder "queer", über die der schwule taz-Redakteur Jan Feddersen und die queere Transfrau Kaey Kiel aus Neukölln diskutieren. Jan Feddersen sagt: "Rechte haben wir erkämpfen müssen - und können. Rechte sind etwas anderes als Identitäten. Das eine ist privat wichtig, das andere begründet die Codes für ein Zusammenleben." Kaey Kiel antwortet: "Ich bin 20 Jahre jünger. Wir haben seit 40 Jahren ein rückschrittliches Transsexuellengesetz, das mir nicht die Freiheit lässt, über meinen Körper und meine Identität zu entscheiden."

Ohne Anlass, aber angesichts der Friedensrhetorik gegenüber Putin aktuell, erinnert Richard Herzinger in seinem Blog an Manès Sperber, der in seiner Friedenspreisrede 1983 gegen einseitige Abrüstung argumentierte und dafür von der damals so starken Friedensbewegung heftig attackiert wurde: "Der großartige Manès Sperber kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn Putin-Trolle, Islamistenversteher und andere glühende Liebhaber des Weltfriedens von links bis rechts wieder mal jeden als 'Kriegshetzer' brandmarken, der sich angesichts neuer Bedrohungen für die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der freien Welt einsetzt."
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Kulturpolitik

Die Benin-Bronzen sollen zurück nach Nigeria gehen. Aber was ist mit den ca. 16.000 Wachswalzen mit Aufnahmen aus der Kolonialzeit, die im Phonogramm-Archiv im Humboldt Forum lagern, fragt Merle Krafeld im VAN-Magazin bei den Ethnologen Maurice Mengel, Lars-Christian Koch und Albrecht Wiedmann nach. Die werden bei Nachfrage zurückgegeben, Kopien bleiben aber im Besitz des Museums, erfährt sie. Wiedmann konkretisiert: "Häufig haben wir Anfragen von Musiksammlungen - auch nationalen -, die mit diesem Material in die eigene Vergangenheit zurückblicken wollen. In Europa haben wir in diesem Zusammenhang engeren Kontakt mit baskischen Organisationen gehabt und in Lateinamerika beispielsweise Anfragen zu den Aufnahmen aus der argentinischen Provinz Tierra del Fuego ('Feuerland'). Das können wir gut oder schlecht finden. Oft ist gar nicht ganz klar, was dann genau mit den Aufnahmen passieren wird, aber der Bedarf, selbst zu sammeln, ist da. Unterschwellig schwingt dabei mit, dass man wieder Herr über die eigene Kultur werden will. Es gibt dazu keine konkrete Verpflichtung unsererseits, die Aufnahmen zurückzugeben, aber wir machen das eigentlich immer."