9punkt - Die Debattenrundschau

Bis in die Kapillaren des Seelenlebens

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2022. In der Welt erklärt amerikanische Ethnologe Benjamin R. Teitelbaum, was es mit dem "Eurasianismus" auf sich hat: kein Putinismus ohne Duginismus. Nicht nur die SPD, auch das bürgerliche Lager hat ein Putin-Problem, meint Richard Herzinger: Wolfgang Kubicki ist das abstoßende und dioch kaum kritisierte Beispiel. In der Welt platzt der Schriftstellerin Mirna Funk der Kragen: Mahmud Abbas relativiert neben dem schweigenden Olaf Scholz den Holocaust, aber wen juckt's? In der FR erklärt der Postkolonialist Aram Ziai, wie ein korrekter, postkolonialer, Antisemitismusbegriff aussieht. Nachgedacht wird auch über den ÖRR. Ist da noch was zu machen?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2022 finden Sie hier

Europa

Alexander Dugin war nie ein enger Vertrauter Putins, sagt der amerikanische Ethnologe Benjamin R. Teitelbaum im Welt-Gespräch. Aber Dugins Version des "Eurasianismus" habe Putin seine philosophische Rechtfertigung gegeben: "Putins Ablehnung des Westens ist ein Ausdruck der Vorstellung, dass es nicht Russlands Schicksal ist und niemals sein wird, sich an einem liberalen Staat europäischer oder amerikanischer Art zu orientieren. Ein Credo des Eurasianismus ist, selbst keinen Anspruch auf Gebiete außerhalb Eurasiens zu erheben. Aber anderen Kräften in der Welt unterstellt man, diese geopolitische Zurückhaltung nicht zu teilen. Den Willen zu globaler Vorherrschaft sieht man in gewisser Weise genetisch im Liberalismus verankert. Denn der erhebt ja einen universellen Anspruch, er duldet daher auch keine geografische oder geistige Begrenzung. Damit der Eurasianismus also in seiner eigenen Sphäre überleben kann, muss er dem Liberalismus und seinen globalen Ambitionen entgegentreten. Das Ergebnis: keine globale, russische Hegemonie, sondern eine 'multipolare Welt'. Diese Rhetorik ist dem Putin-Regime keineswegs fremd."

Dass die SPD ein Russland-Problem hat, ist bekannt, wenn auch kaum verinnerlicht, wie die triumphale Wiederwahl Manuela Schwesigs zur Parteivorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommmern zeigt - trotz der von ihr gedeckten Gazprom-Korruption. Aber auch im bürgerlichen Lager ist der Putinismus weit verbreitet, als seinen  abstoßenden Repräsentanten nennt Richard Herzinger in seinem Blog den FDP-Granden Wolfgang Kubicki. Auch hier funktioniert diie Öffentlichkeit nicht: "Niemand hat bis dato Anstoß daran genommen, dass der notorische Kreml-Apologet Kubicki als Bundestags-Vizepräsident weiterhin eines der höchsten Staatsämter der Republik bekleidet. Dabei pflegt er sich ausgerechnet als Gralshüter der bürgerlichen Freiheiten und als unbeugsamen Kämpfer gegen vermeintliche staatsdiktatorische Unterdrückungsinstrumente wie die Maskenpflicht zu inszenieren. Und die von Amnesie und Nichtwissenwollen befallene deutsche mediale Öffentlichkeit schluckt das alles weitgehend unkritisch und feiert diesen Steigbügelhalter einer mörderischen Diktatur bisweilen sogar noch als eine Art nonkonformistischen Paradiesvogel ab."

Im Tagesspiegel (hinter Paywall) skizziert die Historikerin und Politologin Liana Fix drei Szenarien, wie es im Krieg gegen die Ukraine weitergehen könnte. Einen Sieg hält sie dank der Waffensysteme des Westens und der Moral der ukrainischen Truppen für ebenso wenig unrealistisch wie eine Patt-Situation. Am schlimmsten aber wäre ein Krieg, der in Vergessenheit gerät, schreibt sie: "Die klare Unterscheidung zwischen Aggressor und Opfer, zwischen Recht und Unrecht, könnte verschwimmen. Für die Ukraine wäre es eines der schlimmsten Szenarien - aber keineswegs unrealistisch. Es entspricht genau dem, was Russland in Syrien erreicht hat. Zwar wird über den Krieg weiterhin ab und zu in den Medien berichtet, aber die Öffentlichkeit ist angesichts täglicher Schreckensnachrichten abgestumpft. Die internationale Gemeinschaft hat sich auf Schadensbegrenzung fokussiert, etwa darauf, den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu verhindern. In diesem Szenario hätte Russland gewonnen - nicht militärisch, aber politisch. Damit dies eine unwahrscheinliche Möglichkeit bleibt, ist Europas Solidarität entscheidend, nicht nur in den nächsten Monaten, sondern als verlässlicher Partner in der Zukunft."

Auch die russischen Universitäten werden gleichgeschaltet, schreibt der russische Germanist Alexander Estis in der FAZ: "Wer an Protestaktionen teilnimmt, kann sich nach einem Gerichtsverfahren seiner Exmatrikulation sicher sein, bisweilen folgt sogleich auch die Einberufung zum Militärdienst. Die Universitäten üben in vorauseilendem Gehorsam öfter Selbstjustiz und bestellen ihre abtrünnigen Studenten noch vor etwaigen gerichtlichen Urteilen zu 'Erziehungsgesprächen' ein, verpflichten sie, Erklärungsschreiben zu verfassen und ihre politische Haltung zu revidieren." Estis hofft aber, dass es an den Unis nach wie vor Protestpotenzial gibt.

Tayyip Erdogan feierte gerade den Geburtstag seiner Regierungspartei AKP und lobte den Zustand der Demokratie. Alles sei besser als vor zwanzig Jahren. Wirklich alle?, fragt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "In einer Stadt in Anatolien bewarben sich 1948 Personen auf eine einzige freie Stelle als Reinigungskraft."

Der Schriftstellerin Anna Yeliz Schentke dreht sich auf ZeitOnline der Magen um, wenn sie in Deutschland an den "GoTürkiye"-Plakaten vorbeigehen muss, auf denen das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus für "unvergessliche Sommer" und "neue Welten" wirbt. "Man muss es vielleicht noch mal in aller Deutlichkeit sagen: Urlaub in einem autoritären Staat generiert Geld für den autoritären Staat. Geld, das unter anderem an deutsche Firmen fließt, um Waffen zu kaufen. Waffen, die unter anderem dazu verwendet werden, um Kurd:innen (in der Türkei, in Syrien oder anderswo) zu töten. Menschen, die in die Türkei reisen, weil sie gerade Lust darauf haben, weil die Lira gerade so billig, weil das Wasser so klar, weil Istanbul so 'cool' ist, weil sie einfach können, sind Teil des Problems."
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