Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2024. Das Wall Street Journal erzählt die Hintergründe des spektakulären Gefangenenaustauschs zwischen Russland, Amerika und Deutschland und verschweigt das moralische Dilemma nicht. In der Berliner Zeitung erzählt Jens Balzer, wie der Antisemitismus in den Antirassismus kam. In Deutschland wurde der Warschauer Aufstand lange ignoriert, in Polen war er lange tabu, erzählt der Historiker Stephan Lehnstaedt in der NZZ. Queernations.de fragt am Beispiel eines Boxkampfs bei den Olympischen Spielen, wie weit Inklusion gehen kann.
So groß die Freude über die Freilassung des Journalisten Evan Gershkovich und Oppositioneller wie Wladimir Kara-Mursa und Olog Orlow ist, es bleibt doch der bittere Beigeschmack, dass westliche Länder auf Putins Erpressung eingegangen sind und einen gedungenen Mörder freiließen. Im Wall Street Journal, für das Gershkovich arbeitet, erzählt eine ganze Reportergruppe die Hintergründe des Gefangenenaustauschs und verschweigt das moralische Dilemma nicht: "Im Mittelpunkt des Kampfes standen die USA und Deutschland, zwei Verbündete, die mit dem moralischen und strategischen Kalkül rangen, schuldige Gefangene freizulassen, um ihre unschuldigen Bürger nach Hause zu bringen. Auch wenn die USA einst behaupteten, keine Zugeständnisse machen zu wollen, wurde dieser Grundsatz durch einen Präzedenzfall nach dem anderen immer weiter ausgehöhlt. Um auf Putin und andere Autokraten, die Geiseln nehmen, zu reagieren, hat das Außenministerium ein ganzes Büro mit etwa zwei Dutzend Mitarbeitern eingerichtet, das von einem ehemaligen Green Beret geleitet wird, der durch Europa und den Nahen Osten jettet, um einen Gefangenenaustausch auszuloten, durch den Gershkovich und andere befreit werden könnten."
"Der Preis, einen verurteilten Mörder freizulassen, dessen besondere Schwere der Schuld gerichtlich festgestellt wurde, ist hoch", kommentiert Holger Stark auf Zeit Online: "Putin wird Krassikows Freilassung als den Erfolg eines großen Staatsmannes feiern, als seinen Erfolg. Er wird Russland als Weltmacht inszenieren, die auf Augenhöhe Geschäfte mit der anderen Weltmacht, Amerika, durchführt. Aber was ist das für eine Symbolik? Die russische Regierung hat einen Pistolenmann heimgeholt und ein Pärchen, das mit falschen Pässen versteckt in Slowenien lebte, dazu einen Spion, der in Polen als Journalist auftrat. Sehen so russische Nationalhelden aus? Und wenn ja: Was ist das für ein Russland?"
Der Westen schaut weg, während der Iran einen "Feuerring" um Israel baut, schreibt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter, der in der NZZ an die Agenda des politischen schiitischen Islam erinnert: "Der jüdische Staat und alle Juden anderswo auf der Erde müssten im Namen Allahs unterworfen oder getötet werden. Das Mandat hat weder ein Enddatum, noch umfasst es so etwas Unislamisches wie das Ziel einer 'Zweistaatenlösung'. Die Anführer der iranischen Hilfsarmeen Hamas, Huthi und Hizbullah sind fanatische Gläubige, die in demselben Zeithorizont denken wie die Führer in Teheran: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist der unvermeidliche Endpunkt. Die schiitischen Führer sind Allahs Diener in einem Kampf, der viel größer ist als der Staat Israel: Die Apokalypse muss näher rücken. ... Durchschnittliche westliche Politiker und Journalisten, allesamt Kinder des Denkens seit der Aufklärung und der industriellen Revolution, haben keine Ahnung, mit wem sie es in Teheran oder Gaza oder in Libanon oder Jemen zu tun haben. Sie können sich nicht vorstellen, dass es im Kampf der religiösen Eliten in Teheran nicht um Land geht, dass kein Kompromiss möglich ist, dass kein Abkommen eingehalten wird, dass ein möglicher Atomkrieg nicht gescheut wird."
Die amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit ist zwar empört darüber, wie amerikanische Medien Joe Biden demontiert hätten, aber andererseits auch erfreut über die Perspektiven, die Kamala Harris bietet - und zeigt sich überzeugt, dass mit schwarzen Wählern nun auch "progressive" Ideen in die amerikanische Politik Einzug halten werden: "Die Mehrheit der Bevölkerung der USA wird bis 2045 nicht weiß sein. Die republikanische Partei hat sich vor längerer Zeit für die unpopuläre Strategie der weißen Dominanz entschieden, die auf nationaler Ebene nur mit antidemokratischen Mitteln erfolgreich sein kann, wie der weitverbreiteten Unterdrückung besonders von schwarzen Wählern und in jüngster Zeit durch regelrechten Wahlbetrug, als Trump nicht anerkennen wollte, dass er die Wahl 2020 um sieben Millionen Stimmen verloren hatte. Sie haben sich gegen die Demokratie gestellt."
Vor zehn Jahren begann das Massaker des "Islamischen Staats" gegen Jesiden in der nordirakischen Stadt Sengal. Die Bundesregierung hat dies Massaker als Völkermord anerkannt. Heute sind Jesiden, die nach Deutschland geflohen sind, von Abschiebung bedroht. In der tazsagen die Aktivistinnen Cicek Yildiz und Ayfer Özdogan: "Die Bundesregierung muss ganz klar festhalten, welche politischen und juristischen Folgen diese Anerkennung hat. Darunter fällt auch die Verfolgung der Täter. Es werden zwar einzelne IS-Kämpfer angeklagt und auch mal verurteilt, weil sie eine Frau versklavt oder ein Kind getötet haben. Im Großen und Ganzen scheitert die Verfolgung aber immer wieder wegen Mangel an Beweisen. Dabei sind es auch deutsche Staatsbürger, die in den Irak und nach Syrien reisten, um Gräueltaten zu verüben." Auf den politischen Seiten der tazbringen Johanna Sagmeister und Caroline Wölfle eine ausführliche Reportage zur Lage der Jesiden.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gestern erschien Jens Balzers neuer Essay "After Woke", in dem er der woken Gemeinschaft nach dem 7. Oktober den "moralischen Bankrott" attestiert. Im Gespräch mit der Berliner Zeitungversucht er unter anderem am Beispiel der amerikanischen Bürgerbewegung zu erläutern, wie der Antisemitismus ins postkoloniale Denken kam: "Da gibt es einen antisemitischen Turn, der bis in die 1960er-Jahre zurückreicht und der zunächst gar nichts mit dem Nahostkonflikt oder Israel zu tun hat. Der geht vielmehr auf die Nation of Islam zurück, die sich gegen moderate Kräfte wie Martin Luther King Jr. an die Spitze der Bewegung setzen wollte - unter anderem dadurch, dass sie die Juden als Hauptgegner auserkoren hat. Anfang der 1990er warnen postkoloniale Theoretiker wie Henry Louis Gates Jr. und Cornel West - ich zitiere das in meinem Buch - dringend davor, dass schwarze Befreiungs-Communitys, die in den Antisemitismus kippen, die moralische Legitimität für den eigenen Befreiungskampf verlieren. Das hat sich fortgepflanzt. (…) Es gibt auch bei Black Lives Matter eine antisemitische Unterströmung, die sehr schnell vom Protest gegen die israelische Militärpolitik und die israelische Regierung zu antisemitischen Attacken auf Juden und Jüdinnen generell geführt hat. Man könnte sagen: Die Bewegung wurde früh von 'antizionistischen' Kräften gehijackt, und beim Import von Black Lives Matter nach Deutschland und Europa wurde das dann einfach mitübernommen." Gleichwohl räumt er ein, es sei falsch, wie es von rechts geschieht, "den gesamten Postkolonialismus unter Antisemitismusverdacht zu stellen".
"Muslimischer Antisemitismus hätte keine Chance, wenn die anderen Teile der Gesellschaft ihm wirklich etwas entgegensetzen würden", sagt die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin im Tagesspiegel-Gespräch: "Wie kann es sein, dass so viele Jahre der Al-Quds-Tag in Berlin stattfinden durfte und dort Israel-Flaggen verbrannt werden konnten? Muslimischer Antisemitismus würde wenig fruchtbaren Boden finden, wenn alle anderen bei sich selbst aufräumen würden." Sie kommt auch auf innerjüdische Konflikte in Deutschland mit Blick auf die russischen Juden, die in den neunziger Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, zu sprechen: "Das Problem ist, viele von ihnen glauben, nur das orthodoxe sei das authentische Judentum. (….) Natürlich haben viele Zugewanderte eine andere Kultur mitgebracht. Zum Beispiel haben sie in Leipzig den 9. Mai gefeiert, den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, und standen dann mit ihren sowjetischen Militäruniformen und -orden in der Gemeinde. Und sie hatten deutlich konservativere Ansichten - zum Beispiel musste schnell eine Trennwand in die Synagoge, weil sie durchgesetzt haben, dass Frauen und Männer getrennt beten sollen. Man muss allerdings sagen: Ohne die neuen Mitglieder gäbe es viele jüdische Gemeinden nicht mehr. Oft wird von einer Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland nach 1989 gesprochen. Das stimmt so einfach nicht. Es gibt jetzt ein ganz neues Judentum."
Auf Twitter gibt es im Moment nur ein Thema: den Sieg der intersexuellen Boxerin Imane Khelif (Algerien) gegen die Italienerin Angela Carini. Till Randolf Amelung fasst die Debatte in queernations.de sehr sachlich zusammen. Khelif wuchs zwar als Frau auf, aber hat die Testosteron-Werte eines Mannes, für einen Boxkampf mit einer Frau keine idealen Bedingungen, der Kampf war nach 46 Sekunden beendet: "Der aktuelle Fall von den Olympischen Spielen in Paris zeigt: Inklusion hat Grenzen, und biologische Faktoren können bei Geschlecht weder wegdiskutiert noch kleingeredet werden. Schon gar nicht sollte mit Inklusion die Toleranz anderer strapaziert werden, deren Wettbewerbe mit solchen Belastungen für faire Bedingungen ruiniert werden."
Die Frage, die zu selten gestellt wird, ist, weshalb sich Viktor Orban mit seiner Anti-EU-Politik so lange an der Macht halten kann, schreibt Thomas Schmid, der in der Welt daran erinnert, dass viele "EU-Staaten keineswegs schlechte, sondern recht kommode Erfahrungen mit ihrer nationalstaatlichen Verfasstheit gemacht hatten. Zum Beispiel Belgien, die Niederlande, Großbritannien sowie die skandinavischen Staaten. Unter dem Eindruck der verheerenden Folgen des NS-Nationalismus wurde übersehen, dass in Europa die 'Erben vieler Vergangenheiten' zusammenleben (Hannah Arendt). Diesen etwas germanozentrischen Drall hat die europäische Einigung nie verloren. Weil es so wichtig war, den Deutschen ihren martialischen Nationalismus auszutreiben, sollten gleich alle Staaten Europas 'das Nationale' überwinden. Die EU wurde so zu einem Staatenbund, in dessen Logik, wenn auch unausgesprochen, als Ziel die Überwindung der Nationen angelegt war. Nicht überall leuchtete das ein, vor allem in den neuen EU-Staaten Osteuropas nicht, die sich freuten, endlich wieder Nationen geworden zu sein."
Putin überzieht nicht nur die Ukraine mit Krieg, er nutzt diesen Krieg auch, um jede Abweichung in der russischen Gesellschaft rigoros zu bestrafen, erzählt der Schriftsteller Igor Saweljew in der FAZ - besonders brutal wird gegen Homosexualität vorgegangen: "Im November 2023 erklärte der Oberste Gerichtshof Russlands LGBT-Personen zu einer 'extremistischen und terroristischen Organisation' und nannte sie eine 'internationale soziale Bewegung'. Überflüssig zu sagen, dass es keine 'LGBT-Organisation' gibt. Doch nun muss jede Aussage zum LGBT-Thema mit dem Hinweis einhergehen, dass es sich um eine Terrororganisation (wie ISIS) handelt. Jede positive Erwähnung von LGBT kann als 'Rechtfertigung von Terrorismus' qualifiziert werden. Jedes Coming-out kann als Beteiligung an einer Terrororganisation interpretiert werden."
Am 1. August vor achtzig Jahren begann der Warschauer Aufstand, erinnert in der NZZ Karolina Benedyk, die mit Überlebenden polnischen Veteranen gesprochen hat. Im Gegensatz zu den Polen sei den Deutschen das Ereignis fast unbekannt, meint im Gespräch der Historiker Stephan Lehnstaedt: "Doch auch in Polen ist die Erinnerung bis heute umkämpft. Lange durften die Ereignisse nicht aufgearbeitet werden. Nach dem Krieg gelangten die Kommunisten an die Macht, die den Kampf als Aufstand des konservativ-bürgerlichen Polen ablehnten. Erst 1989 konnten sich die polnische Geschichtswissenschaft und die Öffentlichkeit der Tragödie ohne Zensur zuwenden. Politiker und Parteien versuchten die Bedeutung jener 63 Tage kleinzureden oder maßlos zu überhöhen. Schreibt sich der Kampf der Warschauer vor achtzig Jahren ein in eine Geschichte von polnischem Heldentum, erworben durch hohen Blutzoll? So etwa sehen es die Nationalkonservativen. Oder darf man sich der Tragödie auch kritisch nähern? Haben vielleicht die Schwäche des Untergrundstaates und seine Niederlage im Aufstand die Machtübernahme der Kommunisten und ihrer sowjetischen Sponsoren begünstigt?"
Das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin ist gefährdet, berichten Cem-Odos Güler und Daniel Bax für die taz. Ein S-Bahn-Tunnel soll so dicht unter dem Mahnmal verlaufen, dass um dessen Stabilität gefürchtet wird. "Auch der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Mehmet Daimagüler, sieht die S-Bahn-Pläne in Berlin mit Skepsis. Das Mahnmal habe für die Minderheit eine 'enorme Bedeutung', sagte er Ende Mai. Eine halbe Million Sinti und Roma seien in der NS-Zeit ermordet worden. Vor diesem Hintergrund hätten die Nachfahren die Gespräche über die geplante S-Bahn-Trasse als 'oberflächlich' empfunden. Bei einem so sensiblen Thema brauche es mehr Transparenz. Er schlug deshalb eine Mediation vor." Unter dem nahe gelegenen Holocaust-Mahnmal "hätte man wohl kaum einen solchen Tunnel gegraben - zu groß die Furcht, die Würde des Ortes dadurch zu verletzen und alte Wunden wieder aufzureißen", kommentiert Bax.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Die Zahl derer, die im 18. November feststecken, wird immer größer. Tara Selter wohnt mit einer Handvoll Zeitgefangener in einer…
Gerhard Poppenberg: Maria voll der Gnade Ein paar Berichte in den apokryphen Evangelien und, alles in allem, keine fünf Seiten im Neuen Testament - mehr umfasst die Geschichte von Maria nicht. Und doch ist daraus…
Tomer Gardi: Liefern Aus dem Hebräischen von und in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer. Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin,…
Colleen Hoover: Woman Down Aus dem Amerikanischen von Anja Galic und Katarina Ganslandt. Der Shitstorm um die Verfilmung ihres Romans stürzte Bestsellerautorin Petra Rose in eine Schreibkrise. Sie…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier