9punkt - Die Debattenrundschau
Hinter einem hohen Zaun
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2024. Deutschland ist eines der wichtigsten Einwanderungsländer, aber die Westdeutschen tun sich schon schwer zu respektieren, dass der Osten anders ist, meint HKW-Leiter Bonaventure Ndikung im Spon-Gespräch. BSW-Politikerin Sevim Dagdelen droht in der Berliner Zeitung bezüglich der Friedensverhandlungen mit Russland keinen "Kotau" zu machen. Der Tod ist zur Routine geworden, schreibt der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech in der FAS resiginiert darüber, dass den Zeitungen der jüngste Raketenangriff auf die Ukraine nur noch eine Meldung wert war. Die taz gibt der AfD Nachhilfestunden in Demografie. Ebenfalls in der FAS wirft Zeruya Shalev der israelischen Regierung Faschismus vor.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.09.2024
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Europa
Die Bundesrepublik ist eines der wichtigsten Einwanderungsländer der Welt", sagt Bonaventure Ndikung, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, im Spon-Gespräch mit Tobias Rapp: "Rund ein Viertel aller Deutschen hat eine Einwanderungsgeschichte, bei Kindern sind es noch mehr. Aber in der Art und Weise wie in der Politik, auch am vergangenen Sonntag, über Deutschland und die Deutschen gesprochen wird, kommen sie so gut wie nicht vor. Es gibt sie nur als Problem, als Bedrohung oder als Arbeitskraft." Den Westdeutschen falle es schon schwer, "zu respektieren, dass 'der Osten' anders ist, und das auf Augenhöhe anzuerkennen. Und dass diese Blindheit nicht einmal bemerkt wird. Zum Beispiel, wenn bei Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit ausschließlich Westdeutsche auf der Bühne stehen. Das ist ein Problem. Ein Teil der deutschen Geschichte und ihre Versäumnisse werden unter den Teppich gekehrt. (…) Wenn es schon so schwierig ist, den Osten zu sehen, wie ist es dann erst mit anderen Unterschieden? Es gibt ein schwarzes Deutschland, ein jüdisches Deutschland, ein arabisches Deutschland, und noch viele mehr."
"Wir fordern einen Stopp der Waffenlieferungen und Friedensverhandlungen" mit Russland, sagt Sevim Dagdelen, Außenpolitikerin des Bündnis Sahra Wagenknecht, im großen Interview mit Michael Maier von der Berliner Zeitung, in dem sie ankündigt, sollte das BSW gemeinsam mit der AfD die Opposition bilden, auch AfD-Anträge anzunehmen. Olaf Scholz wirft sie vor, einen "Kotau" vor der USA zu machen: "Wenn wir uns aber die bundesrepublikanische Realität anschauen, sehen wir: Es gibt selbst auf Länderebene den Versuch, Parteien, die natokritisch sind oder nicht unterwürfig alles mitmachen wollen, was in Washington entschieden wird, von einer Regierungsbeteiligung fernzuhalten. So wird auch von der Wochenzeitung Die Zeit gefordert, das Ja zur Westbindung und Stationierung von US-Raketen zur Bedingung eines Regierungseintritts zu machen. Einen solchen Kotau wird es vom Bündnis Sahra Wagenknecht nicht geben."
Im deutlich kritischer geführten taz-Interview mit Benno Stieber positioniert sich auch der Grünen-Politiker und Verkehrsminister in Baden-Württemberg Winfried Hermann, über den auch ein Artikel in der SZ erschienen ist, ähnlich wie Dagdelen. Es sei "fatal, dass die Abrüstungs- und Friedenspolitik in den 2000er Jahren nicht weiterverfolgt wurde", meint er und spricht sich ebenfalls gegen die Stationierung amerikanischer Waffen aus: "Es muss andere Lösungswege geben. Ich bin kein Putin-Versteher, kann aber nachvollziehen, dass Raketen, die auf Russland gerichtet sind, dort als Bedrohung gedeutet werden. Wer Friedenspolitik macht, muss die Interessen der anderen Seite verstehen, nicht rechtfertigen." Ebenfalls "fatal" findet er, "dass wir seit dem Krieg alle zivilgesellschaftlichen Kontakte, Städtepartnerschaften und Forschungsgemeinschaften aufkündigen und boykottieren. Wie soll dann noch die andere Sicht der Dinge nach Russland gelangen? Aber auch die einfachen Soldaten, die gezwungen oder von Ideologie verblendet im Krieg fallen, können uns doch nicht egal sein."
Die Tatsache, dass Russland am 2. September einen weiteren Raketenangriff auf die Ukraine startete, war den Zeitungen nur noch eine Meldung wert, schreibt derweil der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech resigniert in der FAS: "Es ist normal, dass die Tragödie, die sich seit nunmehr zweieinhalb Jahren tagtäglich abspielt, zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Ich bin ja auch abgestumpft und sehe über das fremde Leid, das mich umgibt, hinweg, der Albtraum, der sich im Osten und Süden meines Landes zuträgt, erschüttert mich nicht mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, Freunde und Bekannte zu Grabe zu tragen, der Tod ist zu einer Routine geworden, in der man existiert. Was ist dann erst mit jenen, die hinter einem hohen Zaun leben und denen die Nachbarn, in deren Hof eine Rakete eingeschlagen hat, herzlich egal sind? Die Hauptsache, die Donau mündet noch immer ins Schwarze Meer, dann ist die Welt also weiterhin im Lot."
Bei seinem Besuch beim Großmufti Tschetscheniens küsste Putin den Koran - es ist bereits das zweite mal, schreibt Oranus Mahmoodi, der bei hpd ganz klar Kalkül dahinter vermutet: "In den vergangenen Jahren hat Russland engere Verbindungen zu Ländern wie dem Iran, der Türkei und Saudi-Arabien aufgebaut. Diese Beziehungen sind zwar auch von wirtschaftlichem Interesse, aber geopolitisch versucht Putin sich gegen die westliche Hegemonie in diesen Regionen zu positionieren. Die westliche Welt wird aus islamischer Sicht als Gegner islamischer Werte wahrgenommen. Putin inszeniert Russland als Gegenteil davon, als eine Schutzmacht des Islam. Putins symbolische Gesten scheinen zu fruchten, sie bergen aber auch Risiken: Die orthodoxen Kirchen und nationalistischen Kräfte, die jede Annäherung an den Islam kritisch sehen, sind mächtig und ein strategisch wichtiger Bündnispartner des Präsidenten. Es wäre für ihn ein großer Fehler, die orthodoxen Christen zu brüskieren."
Ebenfalls in der taz gibt Ulrike Herrmann der AfD, die vor allem die Angst vor Migration schürt, ein paar Nachhilfestunden in Demografie: "Es stellt sich die Frage, was in Thüringen oder Sachsen passierte, sollte das rassistische Programm tatsächlich umgesetzt werden. Können die beiden Länder ohne neue Einwanderer auskommen? Die AfD selbst stellt sich vor, dass sie erst einmal 'die inländischen Personalressourcen mobilisieren' will. Doch so viele Arbeitslose gibt es gar nicht. Im August waren es 68.843 in Thüringen, das entspricht einer Quote von 6,2 Prozent. Hinzu kommen 87.079 'Unterbeschäftigte', also Menschen, die einen Job haben, aber gern mehr arbeiten würden. Selbst wenn jede Arbeitslose und Unterbeschäftigte vermittelt würde, könnte die Personallücke nicht gestopft werden. Wie Studien errechnet haben, werden im Jahr 2035 bis zu 250.000 Fachkräfte in Thüringen fehlen, auch weil bis dahin etwa 385.000 ArbeitnehmerInnen in Rente gehen. Zunächst mag es harmlos klingen, dass in zehn Jahren 'nur' 250.000 Fachkräfte fehlen. Doch werden in ganz Thüringen im Jahr 2035 wohl nur noch 1,9 Millionen Menschen leben, von denen dann etwa ein Drittel in Rente ist."
Mit der Brandmauer hat die CDU ihre Koalitionsoptionen schon besiegelt, bevor sie überhaupt verhandelt hat, schreibt Anna Schneider in der Welt. "Wie man als CDU dem geneigten konservativen Wähler allerdings erklären will, dass mit Sahra Wagenknecht eine ehemalige Stalinistin, der die AfD zu wenig Friedenspartei ist, zu Wirtschaftsliberalismus oder westgebundener Russlandpolitik passen soll, müsste auch erst einmal jemand schlüssig erklären können." Das Konzept der Brandmauer könnte deshalb nur einer Partei nutzen: "Obwohl die Mehrheit - insbesondere aufgrund großkoalitionärer und ampelseitiger Minderleistungen im Bund - Mitte-rechts wählt, bekommt sie immer wieder mitte-linke Politik, und das dürfte sich nicht so schnell ändern. Auch deswegen, weil mit der FDP in naher Zukunft wohl eher nicht mehr zu rechnen sein wird. Es braucht eigentlich gar nicht so viel Fantasie, um sich auszumalen, was passiert, wenn es so weitergeht. Der AfD gefällt das."
Die Spon-Korrespondenten blicken nach den Wahlen derweil in andere Länder Europas und auf deren Erfahrungen mit Rechten an der Macht. Zum Beispiel in Italien, wo sich Giorgia Melonis Politik gemäßigt hat. "Wenn die Rechte mit populistischen Sprüchen erst einmal ihren Wahlkampf gewonnen hat, kann es sein, dass ihr der jahrelang gepflegte Europa-Hass plötzlich nicht mehr so wichtig ist. Im Regierungsalltag setzt sich die Erkenntnis durch, dass es ohne Brüssel nicht geht und man besser Kontakt nach Berlin und Paris sucht." Von der jetzigen polnischen Regierung unter Donald Tusk lässt sich überdies lernen, wie man die Rechten auf Distanz hält: "Tusk hat wie kein Zweiter in Europa gezeigt, wie man die Nationalkonservativen besiegen kann. Sein Rezept ist einfach: einer überhitzten Kulturkampfrhetorik eine unaufgeregte Sachpolitik gegenüberstellen und sich von den Rechten nicht die Themen setzen lassen."
Alan Posener staunt in der Welt über die Ergebnisse einer Umfrage des Pilecki-Instituts, die ihm zeigt, wie wenig die Deutschen über Polen wissen. 59 Prozent der befragten Deutschen gaben etwa an, die Mehrheit der Holocaust-Opfer sei aus Deutschland gewesen, was faktisch nicht stimmt. "Auch was die 'ewige Selbstanklage' angeht, ist es nicht so weit her. 57 Prozent der Befragten meinen, die Deutschen und ihre Kollaborateure in den besetzten Ländern seien 'in ähnlichem Maße' schuldig. Nur 34 Prozent meinen, vor allem Deutsche seien schuldig. Lediglich neun Prozent denken, dass nur Deutsche am Massenmord schuldig waren. (...) Zum Unwissen über die Fakten kommt ein völlig deplatzierter Stolz auf die eigene Aufarbeitung der Geschichte des Weltkriegs und der Shoah. Bei der Frage, wer von wem dabei lernen könne, meinen 36 Prozent, die Polen könnten von den Deutschen lernen, nur 27 Prozent sehen es andersherum. Polen ist neben Frankreich unser wichtigster Nachbar. Aber das Wissen über dieses Land ist noch von Vorurteilen und Ressentiments geprägt. Vor allem wissen wir zu wenig über die Besatzungszeit, die Versuche von Sowjets und Nazis, die polnische Intelligenz auszurotten, den Widerstand jüdischer und nichtjüdischer Polen gegen die Schoah."
"Wir fordern einen Stopp der Waffenlieferungen und Friedensverhandlungen" mit Russland, sagt Sevim Dagdelen, Außenpolitikerin des Bündnis Sahra Wagenknecht, im großen Interview mit Michael Maier von der Berliner Zeitung, in dem sie ankündigt, sollte das BSW gemeinsam mit der AfD die Opposition bilden, auch AfD-Anträge anzunehmen. Olaf Scholz wirft sie vor, einen "Kotau" vor der USA zu machen: "Wenn wir uns aber die bundesrepublikanische Realität anschauen, sehen wir: Es gibt selbst auf Länderebene den Versuch, Parteien, die natokritisch sind oder nicht unterwürfig alles mitmachen wollen, was in Washington entschieden wird, von einer Regierungsbeteiligung fernzuhalten. So wird auch von der Wochenzeitung Die Zeit gefordert, das Ja zur Westbindung und Stationierung von US-Raketen zur Bedingung eines Regierungseintritts zu machen. Einen solchen Kotau wird es vom Bündnis Sahra Wagenknecht nicht geben."
Im deutlich kritischer geführten taz-Interview mit Benno Stieber positioniert sich auch der Grünen-Politiker und Verkehrsminister in Baden-Württemberg Winfried Hermann, über den auch ein Artikel in der SZ erschienen ist, ähnlich wie Dagdelen. Es sei "fatal, dass die Abrüstungs- und Friedenspolitik in den 2000er Jahren nicht weiterverfolgt wurde", meint er und spricht sich ebenfalls gegen die Stationierung amerikanischer Waffen aus: "Es muss andere Lösungswege geben. Ich bin kein Putin-Versteher, kann aber nachvollziehen, dass Raketen, die auf Russland gerichtet sind, dort als Bedrohung gedeutet werden. Wer Friedenspolitik macht, muss die Interessen der anderen Seite verstehen, nicht rechtfertigen." Ebenfalls "fatal" findet er, "dass wir seit dem Krieg alle zivilgesellschaftlichen Kontakte, Städtepartnerschaften und Forschungsgemeinschaften aufkündigen und boykottieren. Wie soll dann noch die andere Sicht der Dinge nach Russland gelangen? Aber auch die einfachen Soldaten, die gezwungen oder von Ideologie verblendet im Krieg fallen, können uns doch nicht egal sein."
Die Tatsache, dass Russland am 2. September einen weiteren Raketenangriff auf die Ukraine startete, war den Zeitungen nur noch eine Meldung wert, schreibt derweil der ukrainische Schriftsteller Artem Tschech resigniert in der FAS: "Es ist normal, dass die Tragödie, die sich seit nunmehr zweieinhalb Jahren tagtäglich abspielt, zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Ich bin ja auch abgestumpft und sehe über das fremde Leid, das mich umgibt, hinweg, der Albtraum, der sich im Osten und Süden meines Landes zuträgt, erschüttert mich nicht mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, Freunde und Bekannte zu Grabe zu tragen, der Tod ist zu einer Routine geworden, in der man existiert. Was ist dann erst mit jenen, die hinter einem hohen Zaun leben und denen die Nachbarn, in deren Hof eine Rakete eingeschlagen hat, herzlich egal sind? Die Hauptsache, die Donau mündet noch immer ins Schwarze Meer, dann ist die Welt also weiterhin im Lot."
Bei seinem Besuch beim Großmufti Tschetscheniens küsste Putin den Koran - es ist bereits das zweite mal, schreibt Oranus Mahmoodi, der bei hpd ganz klar Kalkül dahinter vermutet: "In den vergangenen Jahren hat Russland engere Verbindungen zu Ländern wie dem Iran, der Türkei und Saudi-Arabien aufgebaut. Diese Beziehungen sind zwar auch von wirtschaftlichem Interesse, aber geopolitisch versucht Putin sich gegen die westliche Hegemonie in diesen Regionen zu positionieren. Die westliche Welt wird aus islamischer Sicht als Gegner islamischer Werte wahrgenommen. Putin inszeniert Russland als Gegenteil davon, als eine Schutzmacht des Islam. Putins symbolische Gesten scheinen zu fruchten, sie bergen aber auch Risiken: Die orthodoxen Kirchen und nationalistischen Kräfte, die jede Annäherung an den Islam kritisch sehen, sind mächtig und ein strategisch wichtiger Bündnispartner des Präsidenten. Es wäre für ihn ein großer Fehler, die orthodoxen Christen zu brüskieren."
Ebenfalls in der taz gibt Ulrike Herrmann der AfD, die vor allem die Angst vor Migration schürt, ein paar Nachhilfestunden in Demografie: "Es stellt sich die Frage, was in Thüringen oder Sachsen passierte, sollte das rassistische Programm tatsächlich umgesetzt werden. Können die beiden Länder ohne neue Einwanderer auskommen? Die AfD selbst stellt sich vor, dass sie erst einmal 'die inländischen Personalressourcen mobilisieren' will. Doch so viele Arbeitslose gibt es gar nicht. Im August waren es 68.843 in Thüringen, das entspricht einer Quote von 6,2 Prozent. Hinzu kommen 87.079 'Unterbeschäftigte', also Menschen, die einen Job haben, aber gern mehr arbeiten würden. Selbst wenn jede Arbeitslose und Unterbeschäftigte vermittelt würde, könnte die Personallücke nicht gestopft werden. Wie Studien errechnet haben, werden im Jahr 2035 bis zu 250.000 Fachkräfte in Thüringen fehlen, auch weil bis dahin etwa 385.000 ArbeitnehmerInnen in Rente gehen. Zunächst mag es harmlos klingen, dass in zehn Jahren 'nur' 250.000 Fachkräfte fehlen. Doch werden in ganz Thüringen im Jahr 2035 wohl nur noch 1,9 Millionen Menschen leben, von denen dann etwa ein Drittel in Rente ist."
Mit der Brandmauer hat die CDU ihre Koalitionsoptionen schon besiegelt, bevor sie überhaupt verhandelt hat, schreibt Anna Schneider in der Welt. "Wie man als CDU dem geneigten konservativen Wähler allerdings erklären will, dass mit Sahra Wagenknecht eine ehemalige Stalinistin, der die AfD zu wenig Friedenspartei ist, zu Wirtschaftsliberalismus oder westgebundener Russlandpolitik passen soll, müsste auch erst einmal jemand schlüssig erklären können." Das Konzept der Brandmauer könnte deshalb nur einer Partei nutzen: "Obwohl die Mehrheit - insbesondere aufgrund großkoalitionärer und ampelseitiger Minderleistungen im Bund - Mitte-rechts wählt, bekommt sie immer wieder mitte-linke Politik, und das dürfte sich nicht so schnell ändern. Auch deswegen, weil mit der FDP in naher Zukunft wohl eher nicht mehr zu rechnen sein wird. Es braucht eigentlich gar nicht so viel Fantasie, um sich auszumalen, was passiert, wenn es so weitergeht. Der AfD gefällt das."
Die Spon-Korrespondenten blicken nach den Wahlen derweil in andere Länder Europas und auf deren Erfahrungen mit Rechten an der Macht. Zum Beispiel in Italien, wo sich Giorgia Melonis Politik gemäßigt hat. "Wenn die Rechte mit populistischen Sprüchen erst einmal ihren Wahlkampf gewonnen hat, kann es sein, dass ihr der jahrelang gepflegte Europa-Hass plötzlich nicht mehr so wichtig ist. Im Regierungsalltag setzt sich die Erkenntnis durch, dass es ohne Brüssel nicht geht und man besser Kontakt nach Berlin und Paris sucht." Von der jetzigen polnischen Regierung unter Donald Tusk lässt sich überdies lernen, wie man die Rechten auf Distanz hält: "Tusk hat wie kein Zweiter in Europa gezeigt, wie man die Nationalkonservativen besiegen kann. Sein Rezept ist einfach: einer überhitzten Kulturkampfrhetorik eine unaufgeregte Sachpolitik gegenüberstellen und sich von den Rechten nicht die Themen setzen lassen."
Alan Posener staunt in der Welt über die Ergebnisse einer Umfrage des Pilecki-Instituts, die ihm zeigt, wie wenig die Deutschen über Polen wissen. 59 Prozent der befragten Deutschen gaben etwa an, die Mehrheit der Holocaust-Opfer sei aus Deutschland gewesen, was faktisch nicht stimmt. "Auch was die 'ewige Selbstanklage' angeht, ist es nicht so weit her. 57 Prozent der Befragten meinen, die Deutschen und ihre Kollaborateure in den besetzten Ländern seien 'in ähnlichem Maße' schuldig. Nur 34 Prozent meinen, vor allem Deutsche seien schuldig. Lediglich neun Prozent denken, dass nur Deutsche am Massenmord schuldig waren. (...) Zum Unwissen über die Fakten kommt ein völlig deplatzierter Stolz auf die eigene Aufarbeitung der Geschichte des Weltkriegs und der Shoah. Bei der Frage, wer von wem dabei lernen könne, meinen 36 Prozent, die Polen könnten von den Deutschen lernen, nur 27 Prozent sehen es andersherum. Polen ist neben Frankreich unser wichtigster Nachbar. Aber das Wissen über dieses Land ist noch von Vorurteilen und Ressentiments geprägt. Vor allem wissen wir zu wenig über die Besatzungszeit, die Versuche von Sowjets und Nazis, die polnische Intelligenz auszurotten, den Widerstand jüdischer und nichtjüdischer Polen gegen die Schoah."
Gesellschaft
Im FAZ-Feuilletonaufmacher widmet sich Uwe Ebbinghaus dem Thema Privatschulen, deren Anzahl in den letzten Jahren vor allem im Osten stark gestiegen sind: "Wer sein Kind auf eine konfessionelle Privatschule schickt, kann davon ausgehen, dass der Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte und mangelhaften Deutschkenntnissen deutlich geringer ist als an den meisten öffentlichen Schulen, das geht auch aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor. Potentielle Störenfriede und Schüler mit unzureichenden Deutschkenntnissen werden schon beim Vorstellungsgespräch ausgesiebt; und wer sich im Schulalltag nicht benimmt, kann einer privaten Schule viel schneller verwiesen werden als einer staatlichen. Privatschulen drängen sich der Kundschaft in der Regel nicht auf, gerade in Ballungsgebieten übersteigt die Nachfrage die Zahl der freien Plätze oft um ein Vielfaches. Wer beim Kampf um die knappen Plätze nicht mitmacht, ernte in Akademikerkreisen inzwischen ein Kopfschütteln", sagt eine Lehrerin.
Geschichte
In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft an den griechischen Bürgerkrieg zwischen der Kommunistischen Partei Griechenlands und den Antikommunistischen Kräften, der vor 75 Jahren endete. "Der griechische Bürgerkrieg war der erste 'heiße' Konflikt des Kalten Krieges - noch vor dem Koreakrieg - und der einzige in Europa." Die antikommunistischen Kräfte gewannen den Krieg, in Griechenland folgte nach 1949 die Militärdiktatur. "Die unterlegene Linke wurde ausgegrenzt und stigmatisiert, die Geheimdienste überwachten sie mit einem Netz von Spitzeln. Die Zahl der politischen Gefangenen ging nur langsam zurück, Ende 1962 waren es noch 1655. Für die Ausstellung eines Passes oder eines Gewerbescheins benötigte man ein von der Polizei ausgestelltes Gesinnungszertifikat. Auch der Militärputsch von 1967 und die nachfolgende siebenjährige Diktatur waren letztlich eine Folge des Bürgerkriegs. Die Putschisten begründeten ihren Staatsstreich mit einer angeblich drohenden kommunistischen Machtübernahme. Erst das Ende der Diktatur im Juli 1974 setzte einen Schlussstrich unter diese Ära."
Ideen
Das Thema Klimawandel sollte weder in der Literatur noch anderswo alarmistisch vorgebracht werden, meint der Literaturwissenschaftler Martin Puchner im Tagesspiegel-Gespräch mit Oliver Geyer. "Der Alarmismus apokalyptischer Erzählung, die suggerieren, der Weltuntergang stehe kurz bevor, führt nur zu Resignation. Dann kann man in den letzten fünf Minuten auch weiterkonsumieren und noch so gut es geht das Leben genießen. Aber so alarmierend die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind - sie geben gar nicht her, dass ein zivilisatorischer Totalzusammenbruch kurz bevorsteht. Das Leben wird weitergehen, und wir müssen es neu gestalten. Apokalyptische Denkmuster lähmen uns da nur."
Politik
Für die FAS hat Julia Encke mit der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev gesprochen, die vergangene Woche eine Protestaktion gegen die israelische Regierung organisierte: Sie positionierte sich vor der Residenz von Issac Herzog, in der Hoffnung, er käme heraus, um mit ihr zu sprechen. Die Sprecherin des Präsidenten trat schließlich vor die Tür: "Die Sprecherin habe versucht, zu erklären, dass die Situation kompliziert sei, da das Volk gespalten sei und der Präsident es sich nicht erlauben könne, eine von beiden Seiten zu unterstützen, weil er dann die andere Seite verlieren würde. 'Aber es ist nicht sein Job, mit der einen oder anderen Seite okay zu sein. Er muss sich um eine Lösung kümmern, um eine legale Lösung', das habe sie entgegnet. Sein Argument sei in etwa so, sagt Shalev, wie wenn man in ein Haus komme, in dem ein Ehemann seine Frau schlage, und dann sagt: Ich kann nichts machen, weil ich mit beiden okay sein will. 'Das ist ein Verbrechen!', so Shalev. Ein Verbrecher, der immer nur damit beschäftigt sei, was die Leute von ihm denken könnten. Netanjahu und die Regierung ruinierten alles: 'Es ist eine schreckliche, eine faschistische Regierung, unvorstellbar! Ich kann nicht glauben, dass dies die Regierung Israels ist.'"
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