Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2025. Im Sudan hat der Bürgerkrieg mit der Verwüstung des größten Flüchtlingslagers in Darfur durch die RSF einen schaurigen Höhepunkt erreicht, berichten taz und Zeit. Europa (und der Rest der Welt) wirft einen Blick und widmet sich dann wieder Donald Trump. Auch die Demokratiebewegung in Georgien interessiert hier kaum: Nimmt Europa seine eigenen Versprechen ernst, fragt in der FAZ der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili. In der SZ staunt Steven Pinker über die komplette Verachtung der Wissenschaft durch Donald Trump. In der Zeit kritisiert die Politologin Martyna Linartas unsere Erbengesellschaft.
Es ist nicht zu verstehen: Hunderttausende sterben im Sudan, und kaum jemand guckt hin. Am vergangenen Wochenende, genau zwei Jahren nach dem Kriegsausbruch zwischen der Regierungsarmee (SAF) und der paramilitärischen Miliz Rapid Support Forces (RSF) hat die RSF Zamzam, das größte Flüchtlingslager in Darfur mit einer halben bis 1,5 Million Bewohnern, eingenommen und gebrandschatzt, berichtet Dominic Johnson in der taz. Er bezieht sich dabei auf einen Bericht des Humanitarian Research Lab an der Yale University: "'Glaubwürdige Berichte von vor Ort zeigen, dass viele Zivilisten bei der Flucht aus dem Camp gestorben sind', heißt es weiter. Da zahlreiche Fliehende an Hunger, Entkräftung und Wassermangel 'tot umgefallen' seien, 'muss davon ausgegangen werden, dass eine in die Tausende gehende unbekannte Anzahl der Zivilbevölkerung von Zamzam, vor allem Kinder und Ältere, die seit fast einem Jahr unter einer Hungersnot leben, zu schwach zum Fliehen waren'. Da zahlreiche Videoaufnahmen aus Zamzam - viele solcher Aufnahmen hat die RSF selbst verbreitet, um ihren Erfolg zu beweisen - 'summarische Hinrichtungen von Zivilisten durch die RSF' belegten, müsse jetzt für die verbleibende Bevölkerung vom Schlimmsten ausgegangen werden: 'Folter, konfliktbezogene sexualisierte Gewalt und Massaker'."
Die RSF belagert außerdem derzeit die nahe Zamzam gelegene Stadt Al-Faschir. "Sollte sie diese einnehmen, dann könnte sie in noch größerem Stil Verbrechen an der Zivilbevölkerung begehen, vor allem an ethnischen Minderheiten. Sie brauchen Schutz", berichtet in der Zeit Lea Frehse. "Und damit weisen die eingangs genannten Fragen über Darfur weit hinaus. Als dort zu Beginn der 2000er-Jahre schon einmal ein Völkermord seinen Anfang nahm, gab es immerhin in den USA und Europa einen Aufschrei. Hollywoodstars wie George Clooney brachten sich ein. Der UN-Sicherheitsrat schickte Friedenstruppen. Heute ist der Sicherheitsrat praktisch beschlussunfähig, die USA, Russland und China stehen sich als Feinde gegenüber und blockieren Entscheidungen. Weltweit werden Hilfsgelder gekürzt. So stellt sich in Darfur auch die Frage, ob die internationale Gemeinschaft oder das, was von ihr bleibt, noch handeln kann und will."
Die BBC hat drei Handys nach Al-Faschir geschmuggelt. Hier die Berichte:
Nur kurz dauerte in Gaza der Protest gegen die Hamas. Kein Wunder, meint Yassin Musharbash in der Zeit: "Mohamed AlBorno, Anfang 30 und Vater von vier Kindern, hat an der Organisation der Proteste mitgewirkt. 'Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden', schreibt er der Zeit über WhatsApp, 'und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.' Auf Al-Dschasira behaupte die Hamas, die Palästinenser seien bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern. 'Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen', schreibt AlBorno. 'Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.'"
Außerdem: In der tazerinnert Charlotte Wiedemann an die Konferenz von Bandung 1955.
In Georgien droht die Demokratie, um die dort 1989 gekämpft wurde wie überall in Osteuropa, von prorussischen Kräften wieder zermahlen zu werden. Warum schweigt Europa, fragt in der FAZ der LiteraturwissenschaftlerZaal Andronikaschwili: "Georgien, die Ukraine und Moldau gingen ursprünglich aus demselben europäischen Aufbruch hervor - doch wurden sie aus der Erweiterungsperspektive der EU lange Zeit ausgeschlossen. Statt einer realen Integration entstand eine politische Grauzone zwischen der Europäischen Union und Russland - ein Raum, in dem russische Interessen stillschweigend Sonderstatus genossen." Heute versuche Russland "die einstige Grauzone zu absorbieren - mit Waffen in der Ukraine, mit hybriden Mitteln in Georgien, mit politischer Einflussnahme in der EU. Es geht darum, die liberalen Demokratien gezielt zu beschädigen, zu diskreditieren, zu zerstören. Die Reaktion Europas bleibt zögerlich... Georgien ist ein Testfall, ein politischer Seismograf. Ein Ort, an dem sichtbar wird, ob Europa bereit ist, sein eigenes Versprechen ernst zu nehmen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der neue Roman des polnischen AutorsSzczepan Twardoch handelt von ukrainischen Soldaten im Krieg. Er selbst hat die ukrainische Armee mit Spenden unterstützt, lesen wir im Welt-Interview mit Andrea Seibel. Welche langfristige Auswirkungen wird der Krieg in der Ukraine haben? "Das hängt von den Bedingungen des zukünftigen Waffenstillstands ab. Sicherlich werden wir viel Verbitterung, Wut, Gewalt und Kriminalität erleben. Es wird aber nichts dem Vietnam-Syndrom Vergleichbares geschehen, denn dies ist ein Verteidigungskrieg, in dem jeder die Grundlagen des Lebens verteidigte: das Zuhause, die Familie, deine Liebsten, deine Freiheit, deinen way of life. Es ist doch sehr leicht für jeden ukrainischen Soldaten zu begreifen, warum er zu den Waffen greift: nach Butscha, Irpin, nach jedem russischen Kriegsverbrechen."
Außerdem: In der FAZ hofft Joachim Müller-Jung, dass Europa "klimapolitisch genauso Kurs" hält, wie es sich sicherheitspolitisch erneuert.
Die Harvard-University in den USA widersetzt sich Forderungen der Trump-Regierung, die bereits zwei Milliarden Fördergelder eingefroren hat. Unter anderem forderte Trump, Diversitätsabteilungen zu schließen und die Einwanderungsbehörde bei der Kontrolle von Studierenden zu unterstützen. Aber anders als Columbia knickt der Harvardpräsident Alan Garber nicht einfach ein:
"No government-regardless of which party is in power-should dictate what private universities can teach, whom they can admit and hire, and which areas of study and inquiry they can pursue." - President Alan Garber https://t.co/6cQQpcJVTd
Auch die vorherigen Regierungen hatten nicht immer ein ungetrübtes Verhältnis zur Wissenschaft, gibt der in Harvard lehrende Psychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker in der SZ, befragt von Andrian Kreye, zu bedenken. Aber das hier ist etwas ganz anderes: "Ich glaube, dass Trump sehr viel weiter geht als die Republikaner vor ihm. Auch die Demokraten haben sehr viel Wissenschaftsleugnung betrieben, etwa bei den Geschlechterunterschieden. Oder bei der Verteilung bei Opfern von Polizeischießereien. Biden hat sich die Zahlen über die unterschiedlichen Anteile von Schwarzen und Weißen, die von der Polizei erschossen werden, einfach nicht angesehen. Viele der Covid-Maßnahmen waren nicht besonders wissenschaftlich fundiert. Aber Trump hat das noch mal auf eine ganz andere Ebene gehoben. Das ist keine Leugnung. Das ist die komplette Verachtung der Wissenschaft. Wenn er zum Beispiel einen Impfgegner zum Leiter des Gesundheitswesens macht: Das ist eine Verachtung des wissenschaftlichen Konsenses, wie wir sie seit Langem nicht mehr erlebt haben."
Christoph Heinemann und Tom Kroll berichten in einer Reportage für die Zeit vom Hamburger Al-Azhari-Institut, das als Treffpunkt von Islamisten gilt, und dem Auftritt des Predigers Ahmad Armih alias Abul Baraa ebendort: "Abul Baraa ist Sohn palästinensischer Eltern. Als Kind kam er mit seiner Familie aus dem Libanon nach Deutschland, heute lebt er in Berlin. Lange war er Imam in einer Moschee im Wedding. Gegen 21.15 Uhr betritt Abul Baraa den Saal. Er trägt ein fließendes Gewand, sein Bart reicht bis auf die Brust. 'Überall in der Stadt hängen die Schwulenfahnen', sagt er. 'Ich bemitleide euch, meine Brüder. Darf man die abreißen?'"
Anfang April veröffentlichte die Internationale Union Muslimischer Gelehrter (IUMS) eine Fatwa, in der "der bewaffnete Kampf (Dschihad) gegen Israel" zur individuellen religiösen Pflicht für jeden Muslim erklärt wird. Auch gegen Verbündete Israels soll der Dschihad ausgeweitet werden. Das Thema wurde in deutschsprachigen Medien kaum aufgegriffen. Die Organisation gilt als einflussreich und soll den Muslimbrüdern nahestehen. Ziemlich sarkastisch kommentiert Kamel Daoud vor einigen Tagen in Le Point: "Kurz gesagt, Katar finanziert die Theologen des Verbands der 'Gelehrten'. Diese fordern von den Palästinensern, zu sterben, damit der Krieg weitergeht, und rufen die Ärmsten der arabischen Welt auf, ihrem Elend durch Dschihadismus einen Sinn zu geben (kein Katarer wird nach Gaza gehen). Letztlich liefern sie Rechtfertigungen für die extreme Rechte Israels, um ihre Armee in einen endlosen Krieg und eine ausweglose Sackgasse zu führen. Was dagegen Palästinenser betrifft, die gegen die Hamas protestieren... Ihnen wird tausendfach vorgeworfen, gottlos, abtrünnig und verräterisch zu sein. Man findet, dass sie es nicht verdient zu leben, da sie nicht zu sterben wussten."
Dass es Irre in allen Religionen gibt, lernt man bei hpd, wo Oranus Mahmoodi die "Theo Bros" vorstellt, eine christliche Sekte in den USA, die das Wahlrecht für Frauen abschaffen will. "Die neuen Gotteskrieger rekrutieren sich vor allem online. Mit ihren Clips in den Sozialen Medien verbinden die 'Theo Bros' christliche Botschaften mit der Meme-Ästhetik der Internet-Subkultur. ... Sie glauben, dass ihre Nation (etwa die USA oder auch europäische Länder) ein christlicher Staat sein müsse, exklusiv für Christen, natürlich nur für weiße Christen. Frauen- und Minderheitenrechte sind ihnen ein Graus. 'Gehören Frauen in einer christlichen Nation überhaupt an die Wahlurne?', fragt rhetorisch etwa der texanische Pastor Joel Webbon - und antwortet selbst mit 'Nein'."
In der Zeit unterhält sich Elisabeth von Thadden mit der Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas über deren Buch "Unverdiente Ungleichheit", das unsere Erbengesellschaft aufs Korn nimmt. Viel zu wenig bekannt sei, so Linartas, dass "Deutschland neben Ländern wie den USA und Mexiko zu einer der ungleichsten Demokratien der Welt zählt und sich von einer Leistungsgesellschaft zu einer Erbengesellschaft entwickelt hat, in der weniger als die Hälfte aller privaten Vermögen im Laufe des eigenen Lebens aufgebaut wurde. Der größere Teil des Vermögens besteht aus Erbschaften und Schenkungen. Es läge in einer Demokratie nahe, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen diese Ungerechtigkeit protestiert und dass sie wie die Wissenschaft nach Besteuerung oder Abgaben ruft. Aber das tut sie nicht."
Angesichts der fortschreitenden Versuche der Trump-Regierung, die Geschichte umzuschreiben, fordert uns Hannes Stein in der Welt dazu auf, den schwarzen Intellektuellen Frederick Douglass wiederzuentdecken, ein wichtiger Vordenker der abolitionistischen Bewegung, und vielleicht sein Buch "Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave" (hier frei verfügbar) nochmal zu lesen, das zwanzig Jahre vor dem Ende des Bürgerkriegs erschien: "Das Buch war dermaßen brillant geschrieben, dass viele Weiße glaubten, Douglass habe es nicht selbst verfasst - trotzdem avancierte es sofort zum Bestseller. In Douglass' Buch konnte das interessierte Publikum nachlesen, dass schwarze Männer, Frauen und Kinder in den Südstaaten unter (wie wir heute sagen würden) Gulag-ähnlichen Bedingungen lebten: Jeder durfte sie foltern, vergewaltigen, totschlagen."
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