9punkt - Die Debattenrundschau

Dringend eine Redigatur

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2025. Während Wladimir Putin ukrainische Zivilisten massakriert, findet er noch Zeit, das Telefon abzunehmen - meistens ist Donald Trump dran, berichtet die FAZ, und dann plaudern sie über Kino. Im Gespräch mit der NZZ lässt Monika Maron kein gutes Haar an den Westdeutschen. Und auch nicht an den Ostdeutschen. Ebenfalls in der NZZ antwortet Nikolai  Klimeniouk auf Masha Gessen, die den Begriff des Antisemitismus umformulieren will, damit er auf die neue Linke nicht mehr zutrifft. Wie nationalistisch sind die protestierenden Studenten in Serbien, fragen die Zeitungen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2025 finden Sie hier

Europa

Monika Maron hat in Österreich den mit 20.000 Euro dotierten Libertatem-Preis für Medienfreiheit erhalten. Im Gespräch mit Claudia Schwartz von der NZZ artikuliert sie ihren Zorn über die Verhältnisse in Deutschland. Die Idee eines AfD-Vebots lehnt sie vehement ab. Im Wahlverhalten der Bürger in den Neuen Ländern, die so massiv für die AfD stimmen, will sie auch etwas Gutes sehen: "Bei den Ostdeutschen halte ich es für möglich, dass ihnen die eigene Scham noch in den Knochen sitzt, weil sie einmal erlebt haben, wie feige sie waren und nur vor sich hin gemurrt haben. Nun sagen sie sich: Das passiert uns nicht noch einmal, diesmal wehren wir uns. Außerdem hat der Westen nicht verstanden, was die Transformation nach 1990 den Ostdeutschen abverlangt hat. Die Linke war sowieso gegen die Einheit und der Meinung, Deutschland hätte es verdient, geteilt zu bleiben. Wobei die Strafe ja nur die Ostdeutschen getroffen hatte, die fünfundvierzig Jahre Knast für die Westdeutschen mit absaßen. Das viele Geld, das die Einheit gekostet hat, war eigentlich die Haftentschädigung. Und dann kommen diese etwas Zurückgebliebenen aus dem Knast und wählen auch noch falsch." Übrigens ist es ganz und gar nicht so, dass Maron die Ostdeuschen idealisiert. Über deren Knieweichheit gegenüber Russland sagt sie, sie glaube, die "haben vor den Russen Angst. Das ist für mich die einzige vernünftige Erklärung: dass sie Angst haben, sich mit den Russen anzulegen. Auch diese Fixierung auf die 'korrupte' Ukraine: Wahrscheinlich schämen sie sich, weil die Ukrainer so kämpfen, wie sie selber nie kämpfen würden."

Neulich berichtete die bereits die FAZ (unser Resümee), heute Krsto Lazarević in der taz: Die in Serbien protestierenden Studenten müssen "aufpassen, nicht in die nationalistische Falle zu tappen". Auch Lazarević geht auf die große Protestveranstaltung am 28. Juni, dem Jahrestag der Schlacht vom Amselfeld ein, bei der extrem nationalistische Töne angeschlagen wurden. Präsident Aleksandar Vučić "wirft den Studierenden vor, vom Ausland gesteuerte 'Terroristen' zu sein. Ihre Antwort am 28. Juni: ein überschießendes Bekenntnis zu Volk und Vaterland auf der Bühne. Um den Präsidenten auf seinem eigenen Spielfeld zu schlagen, riskiert die Bewegung, selbst zu dem zu werden, was man bekämpft. ... Es ist der altbekannte nationalistische Irrsinn eines Landes, das seine eigenen Verbrechen nie aufgearbeitet hat, dessen Bildungssystem völkisch indoktriniert ist und das seine politische Identität aus der Mythologisierung einer Schlacht von 1389 schöpft."

Ziemlich apologetisch tut dagegen der österreichisch-serbische Autor Marko Dinić in der SZ die sehr massiven nationalistischen Töne am letzten Samstag in Belgrad ab: "Kritiker, die zu Recht auf nationalistische Symbole hinweisen, die bei den Protesten zu sehen sind, etwa in Form von Tschetnik-Flaggen, verkennen leicht den republikanischen Charakter der Studierendenbewegung, die einen Systemwechsel von innen anstrebt. Er soll von der gesamten Bevölkerung getragen werden. In einem Land wie Serbien, in dem mehr als 85 Prozent der Menschen den Genozid in Srebrenica negieren oder Kosovo als integralen Bestandteil des Staates sehen, kommt eine Abweichung von diesen Narrativen einem gesellschaftlichen Tod gleich." 

Bülent Mumay liest in seiner stets lesenwerten Türkei-Kolumne in der FAZ Statistiken. Die Zahl der Suizide bei jungen Menschen ist rasant gestiegen. Warum? "Weil die junge Generation erstmals in der türkischen Geschichte schlechtere Bedingungen vorfindet als die vorangegangene und unglücklicher und verzweifelter ist. Auf die Zukunft hat sie keine Hoffnung. Sechs von zehn jungen Leuten sind nicht in Beschäftigung. Einer von vier Universitätsabsolventen ist arbeitslos. Mittlerweile steht die Türkei an der Spitze der OECD-Statistik der 'Neets', also der jungen Leute, die weder in Beschäftigung noch in Ausbildung sind."

Außerdem: in der FAS schreibt Karen Krüger über die beunruhigende internationale Beliebtheit der Postfaschistin Giorgia Meloni. Auch in Deutschland liegt ihre Autobiografie vor. "Für die englischsprachige Ausgabe hat Donald Trump Jr., der Sohn des Präsidenten, das Vorwort verfasst. Manche sehen ihn als potentiellen Nachfolger seines Vaters. Derzeit ist er Executive Vice President der Trump Organization und twittert gern Verschwörungstheorien."
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Ideen

Nikolai Klimeniouk reagiert in der NZZ auf einen Text von Masha Gessen, die den New Yorker Shooting Star der Linken Zohran Mamdani gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigte, indem sie forderte, dass man einfach einen neuen Begriff des Antisemitismus formuliert (unser Resümee). Durch die Vorwürfe gegen Mamdani fühlte sich Gessen an den Stalinismus erinnert. Diese Reminiszenz wendet Klimeniouk gegen Gessen: "In der Stalinzeit gab es mehrere antisemitische Kampagnen, bei denen es formell nie um Juden ging, sondern immer um etwas anderes: um 'wurzellose Kosmopoliten' oder um 'eine Verschwörung der Ärzte'. Doch jeder wusste, was gemeint war - und wer am Ende tatsächlich auf der Anklagebank landete. Später wurde der Kampf gegen die Zionisten zu einem der zentralen Motive sowjetischer Propaganda, besonders nach Israels Sieg im Sechstagekrieg 1967. Diese Propaganda war ebenso euphemistisch wie eindeutig in Rhetorik und Bildsprache, bediente sich nicht selten nationalsozialistischer Vorlagen und scheute sich dabei nicht, Zionisten als die neuen Nazis darzustellen... Antizionismus war ... einer der wichtigsten Ideologieexporte der UdSSR. Und, wie man gerade sieht, auch einer der erfolgreichsten."

Gewalt nimmt zu in unserer Gesellschaft, betont der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer in einem Spiegel-Essay. Er wendet sich gegen die "Sensibilitätsthese", die behauptet, der Eindruck steigender Gewalt komme nur daher, dass die Gesellschaft problembewusster sei und Gewalt häufiger zur Anzeige bringe: "Treffender als die beruhigende Sensibilitätsthese ist daher die - allerdings beunruhigende - Durchrohungsthese. Der Begriff der Durchrohung beschreibt, wie private, öffentliche oder institutionelle Strukturen Menschen dazu stimulieren, Macht zerstörerisch einzusetzen. Er soll einer vorschnellen Psychologisierung entgegenwirken, die die Gewalt gern durch die Persönlichkeit der Täter erklärt, und den Blick auf die strukturelle Produktion von Durchrohung lenken. Denn: Psychologisierung schützt Strukturen. Das mit den "Strukturen" erklärt der in den Sechzigern sozialisierte Forscher gut marxistisch: "Eine der zentralen gesellschaftlichen Strukturen ist das Wirtschaftssystem."

Außerdem: In der FAS versucht Jürgen Kaube dem "Masterplan" des finsteren Tycoons Peter Thiel auf die Schliche zu kommen. Kaube verweist auf eine sechsteilige Dlf-Doku, wo man sich noch intensiver mit der Frage auseinandersetzen kann.
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Medien

FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld liest in Zeit online veröffentlichte Leserzuschriften zu Maxim Billers jüngster Kolumne, die bekanntlich wegen eines jüdischen Witzes "depubliziert" worden war (unsere Resümees). Der Redaktion selbst aber "hat es nach wie vor die Sprache verschlagen. Sie zieht sich darauf zurück, dass es 'eine schwere Panne in der Redaktion' gegeben habe und der Text 'unredigiert ins Blatt gekommen sei', es aber 'dringend eine Redigatur' und 'vor allem eine Rücksprache mit dem Autor' gebraucht hätte. Tja, vielleicht sollten Zeitungen generell ihre Redigatur-Perioden verlängern.

Ebenfalls in der FAZ wird gemeldet, dass sich der Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar und der RBB außergerichtlich geeinigt haben. Die fehlerhafte RBB-Berichterstattung hatte Gelbhaar seine Karriere gekostet (unsere Resümees). "Über den konkreten Inhalt des Vergleichs hätten beide Parteien Schweigen vereinbart. Gefordert hatte Gelbhaar vom RBB eine Entschädigung von 1,7 Millionen Euro."

Medien erzählen nicht gerne die Geschichten von Medien, die gegenüber der Macht einknicken. Das tun sie aber. Jüngst etwa hat Paramount einer windigen Schadenersatzforderung von Trump nachgegeben, so Peter Burghardt in der SZ. "Das dürfte damit zu tun haben, dass die Haupteignerin Shari Redstone das Unternehmen Paramount der Firma Skydance Media verkaufen will. Über solche Deals wacht die staatliche Kommunikationsbehörde FCC, geleitet vom Trump-Vertrauten Brendan Carr."
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Gesellschaft

An dem Rapper Sean Combs ist #MeToo spurlos abgeglitten (unser Resümee). Trotz der drastischen und bestens belegten Vorwürfe, bekam er nur ein mildes Urteil. "Er stützte seine Macht auf soziale Strukturen, die ihn schützten - und seine Opfer auslieferten", kommentiert Majd El-Safadi in der FAZ. "In diesem Sinne hat das Urteil eine symbolische Strahlkraft: Fast ein Jahrzehnt nach MeToo fragen sich Frauen immer noch, warum die Scham noch nicht ihre Seite gewechselt hat."
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Stichwörter: Combs, Sean, Metoo

Politik

In der taz denkt die palästinensische Politologin Tahani Mustafa über Sanktionen der EU gegen Israel nach: "Es kann auch mehr getan werden, um gegen das Siedlungsprojekt Israels vorzugehen, das im Westjordanland schon lange im Gange ist und aktuell sogar für den Gazastreifen erneut relevant zu werden scheint. Ein Handelsverbot mit jüdischen Betrieben im Westjordanland und ein Verbot von Investitionen in Siedlungen sind Maßnahmen, die auch mit qualifizierter Mehrheit umgesetzt werden könnten. Möglich wäre zudem die Ausweitung bestehender Sanktionen auf israelische Einrichtungen wie die Siedlungsräte." Das heutige Westjordanland war von 1948 bis 67 jordanisch - in dieser Zeit waren die dort lebenden Juden vertrieben worden.

Während Wladimir Putin seine Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung immer weiter intensiviert, findet er Zeit, die zahlreichen Telefonanrufe Donald Trumps entgegenzunehmen. Dabei geht es laut FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt, der ein Resümee eines Putin-Beraters gelesen hat, recht idyllisch zu. "Auch eine neue Idee habe Putin erwähnt. Und zwar den 'Austausch von Kinoproduktion, die traditionelle Werte fördert, die uns und der Trump-Regierung nahestehen'. Unter solchen 'Werten' versteht Moskau vor allem, sexuelle Minderheiten zu bekämpfen, deren Vertreter in Russland als 'Extremisten' verfolgt werden können. Trump habe gesagt, 'diese Idee imponiere ihm'." Später äußerte sich Trump enttäuscht über das Gespräch. Über Putin sagte er: "Ich glaube nicht, dass er aufhören will, und das ist schade."

Auch in Moskau ist laut einem zweiten Bericht Schmidts die Stimmung bestens: "In den Straßen herrscht sommerliche Heiterkeit, die Kriegssymbole, die Buchstaben Z, O und V, sind kaum zu sehen, selbst schwarz-orangefarbene Georgsbänder selten. Im Gespräch fragt mancher Russe, wie lange 'das' wohl noch gehen werde, spricht dann doch lieber vom Urlaub."

In Deutschland sind bereits einige syrische Folterknechte nach dem "Weltrechtsprinzip" verurteilt worden. Nach dem selben Prinzip wird nun in Frankreich gegen Baschar al-Assad selbst Klage erhoben, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Es geht vor allem um Assads Giftgaseinsätze. Die heikle Frage ist, ob Assad wegen seiner Präsidentenrolle Immunität zuzusprechen sei. "Das Berufungsgericht in Paris hatte entschieden, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit 'nicht als Teil der offiziellen Aufgaben eines Staatsoberhauptes angesehen werden können'. Das ist auch die Auffassung der vier Nebenkläger, die von internationalen Verbänden unterstützt werden. In einem Kommuniqué forderten 65 Nichtregierungsorganisationen und Verbände Frankreich dazu auf, der Welt eine klare Botschaft zu senden. Der Einsatz von Chemiewaffen sei verboten, und alle Täter würden vor Gericht gestellt."
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