9punkt - Die Debattenrundschau

Plünderungen und weitere Schießereien

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2025. Die jetzige Hungerkrise in Gaza ist keine Erfindung der Hamas-Propaganda, berichten die Medien mit vielen Belegen. Es gibt allerdings einen Streit darüber, wer dafür verantwortlich ist, den wir mit Links zu vielen Quellen dokumentieren. Emmanuel Macron will unterdessen Palästina als Staat anerkennen, und die palästinensische Autonomiebehörde stellt laut Jüdischer Allgemeiner sogar in Aussicht, erstmals seit 2006 wieder Wahlen abzuhalten. Anne Applebaum warnt die Österreicher und Europäer im Standard eindringlich vor Putin. Die Welt erinnert an Hans Mayers berühmten Essay "Außenseiter", der vor fünfzig Jahren erschienen ist. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2025 finden Sie hier

Politik

Die jetzige Hungerkrise in Gaza ist keine Erfindung der Medien oder der Hamas-Propaganda, schreibt Manuel Störmer in der Jungle World und nennt zahlreiche Belege für seine Feststellung, etwa: "Anti-Hamas-Aktivisten in und aus Gaza berichten zahlreich von Hunger, Hungertoten und dem Mangel an jeglichen Nahrungsmitteln. Es gibt eine starke Häufung von Fällen, wo Menschen angeben, in Ohnmacht zu fallen oder nicht mehr weiterarbeiten zu können, darunter Hilfsarbeiter und Ärzte, womit die Notlage noch schlimmer werden dürfte." Gaza-Bewohner sterben Hungers berichtet eine Reportergruppe für die New York Times: "Kinder mit eingefallenen Augen und skelettartigen Körpern liegen auf Krankenhausbetten oder werden von ihren Eltern gepflegt, die hilflos auf hervorstehende Rippen und Schulterblätter sowie abgemagerte Gliedmaßen blicken, die wie zerbrechliche Stöcke aussehen."

Die Israelische Botschaft antwortete gestern in einem Tweet auf die Vorwürfe: "Hilfslieferungen werden nicht blockiert. Sie werden von den @UN ignoriert. Aktuell warten 950 Hilfstransporter im Gazastreifen, voll beladen und bereit zur Verteilung." Auch das israelische Außenministerium wehrt sich in einem Tweet gegen die Vorwürfe, Israel hungere die Bevölkerung von Gaza systematisch aus, und weist darauf hin dass die "IDF Dutzende internationale Journalisten zum Kerem Shalom-Übergang innerhalb des Gazastreifens eingeladen habe, um sich selbst ein Bild zu machen".

Die mit der Hamas kooperierende UN-Flüchtlingsorganisation UNRWA schreibt dagegen: "Wir warten nur noch auf grünes Licht. Heben Sie die Belagerung auf und lassen Sie Hilfe in großem Umfang zu."

Der Blogger U. M. (bürgerlich Joey Hoffmann) erklärt auf Twitter, welche Rolle die israelische Behörde COGAT bei der Lebensmittelverteilung spielt und wie die Hamas auf die Lebensmittelverteilungen der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) reagiert, mit der Israel verhindern will, dass die Hamas die Lebenmittel requiriert und hortet. "Die Hamas hat es inzwischen zum Teil der Verhandlungen gemacht, dass die GHF ihre unabhängige Lebensmittelverteilung einstellt. Wenn die UN das fordert: nachvollziehbar. Aber wenn die Hamas das fordert, sollte man doch endlich einmal Fragen stellen. Zudem hat die IDF fünf alternative Routen angeboten, um Hilfsgüter in den Norden zu liefern. Dort, wo noch keine Verteilstellen der GHF sind. Und die IDF haben angeboten, Konvois innerhalb des Gazastreifens zu eskortieren. Das wurde von der UN abgelehnt, weil das die Souveränität der Palästinenser untergraben würde und zu gefährlich für die Zivilisten sei."

Auch eine Reportergruppe der Times of Israel berichtet über die Frage, warum Tausende Tonnen Lebensmittel, die bereits auf der palästinensischen Seite lagern, nicht ausgeliefert werden. Es scheitere daran, dass UN-Institutionen die Lebensmittel nicht ausliefern wollen, erklärt ihnen der Sprecher von COGAT, Abdullah Halabi: "'Der Staat Israel erlaubt die Einfuhr humanitärer Hilfsgüter über die Standards des Völkerrechts hinaus ohne Einschränkungen. Solange die internationale Gemeinschaft sich bemüht, die Hilfsgüter einzuführen, werden wir dies zulassen', fuhr er fort." Jens Laerke, Sprecher der humanitären Organisation der Vereinten Nationen OCHA, bestreitet dies jedoch. "Unabhängig davon teilte UN-Sprecher Stephane Dujarric Reportern während einer Pressekonferenz am Donnerstag mit, dass Israel am Mittwoch acht der 16 Anträge der UN auf Transport humanitärer Hilfe nach Gaza abgelehnt habe. Zwei weitere Anträge seien zunächst genehmigt worden, aber UN-Mitarbeiter seien vor Ort auf Hindernisse gestoßen, sagte Dujarric. Ein abgelehnter Antrag betraf die Abholung von medizinischen Hilfsgütern durch UN-Mitarbeiter, die auf der Gaza-Seite der Grenze bereitstanden. 'Bürokratische, logistische, administrative und andere operative Hindernisse, die von den israelischen Behörden auferlegt wurden, anhaltende Feindseligkeiten und Zugangsbeschränkungen innerhalb des Gazastreifens sowie Fälle von kriminellen Plünderungen und weitere Schießereien, bei denen Menschen getötet und verletzt wurden, die sich versammelt hatten, um Hilfsgüter entlang der Konvoirouten zu entladen', hätten die Bemühungen der UN zur Lieferung von Hilfsgütern behindert, sagte Dujarric."

Die BBC und Agenturen wie Reuters bekunden in einem Aufruf ihre Sorge um palästinensische Stringer, die ihnen Berichte aus Gaza zuliefern: "Wir sind zutiefst besorgt um unsere Journalisten in Gaza, die zunehmend nicht mehr in der Lage sind, sich und ihre Familien zu ernähren. Seit vielen Monaten sind diese unabhängigen Journalisten die Augen und Ohren der Welt vor Ort in Gaza. Sie sind nun mit denselben schrecklichen Umständen konfrontiert wie diejenigen, über die sie berichten."

In der Times of Israel berichten Lazar Berman und Jacob Magid, dass Verhandlungen über einen Austausch von zehn lebenden Geiseln und 18 Leichen ermordeter Geiseln gegen palästinensische Häftlinge vorerst gescheitert sind. Der ehemalige Verteidigungsminister Benny Gantz kommentiert diese Meldung auf Twitter: "Der internationale Druck auf Israel, insbesondere durch verzerrte Behauptungen über eine absichtliche Aushungerung oder einen 'Völkermord', wird von der Hamas als Verhandlungshebel wahrgenommen, bewusst inszeniert und ausgeschlachtet. Dies beeinträchtigt die Aussichten auf ein Waffenstillstandsabkommen, das die Geiseln nach Hause bringen und die Stabilität im Gazastreifen wiederherstellen würde, erheblich."

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, einen palästinensischen Staat anerkennen zu wollen, berichtet unter anderem Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen: "Die jüngsten Zusagen von Mahmud Abbas, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, ihm gegenüber hätten ihn ermutigt, Abbas nun mit diesem Schritt entgegenzukommen. Macron postete seinen Brief an Abbas im Wortlaut und lobte diesen für seine Zusagen im Juni. Abbas hatte versprochen, die palästinensische Autonomiebehörde zu reformieren und erstmals seit 2006 wieder Wahlen abzuhalten." Hier Macrons auf Twitter geposteter Brief an Abbas. Mehr in der Times of Israel.

Die FAZ veröffentlicht eine Mahnung des israelischen Schriftstellers Etgar Keret ans israelische Publikum: "Jede Nacht, wenn ihr ins Bett kriecht und die Augen schließt, atmen Menschen, die ihr nicht kennt, nicht weit von euch entfernt, ihren letzten Atemzug, ganze Familien. Wenn ihr morgens die Augen öffnet und das Handy anschaltet, um zu erfahren, dass eine israelische Delegation zu Verhandlungen nach Qatar reist oder unser Land in einer neuen innenpolitischen Krise steckt - dann denkt daran, dass noch ehe ihr auf den Bildschirm schaut, ein weiterer Tag angebrochen ist, an dem Menschen sterben werden, unsere Nachbarn."

Israel begeht in Gaza Kriegsverbrechen, sagt im Interview mit dem Spiegel der frühere israelische Premierminister Ehud Olmert. Die Armee habe im Gazastreifen außerdem längst erreicht, was sie erreichen könne. Olmert skizziert noch einmal den Friedensplan, den er kürzlich zusammen mit Nasser al-Kidwa, dem Neffen Jassir Arafats, vorgestellt hatte: "Es gibt nur eine Lösung, und das ist die Zweistaatenlösung. Wir müssen den Krieg in Gaza beenden und alle Geiseln zurückholen. Wir müssen mit unseren Partnern Ägypten, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen eine vorübergehende Sicherheitsverwaltung aufbauen, die die militärische Kontrolle übernimmt. Sie muss ein Wiedererstarken der Hamas verhindern. Es gibt für die potenziellen Partnerländer kein größeres Interesse, als gegen diese islamistischen Kräfte anzuarbeiten und für Stabilität zu sorgen. Danach braucht es in Gaza eine Zivilverwaltung, die organisch mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verbunden ist. Diese muss unabhängig den Wiederaufbau in die Hand nehmen, weil die PA dazu nicht in der Lage sein wird. Die Emirater und Saudi-Araber können die Mittel bereitstellen. ... In der zweiten Phase beginnen die Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung."
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Europa

Die amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum ist die diesjährige Eröffnungsrednerin bei den Salzburger Festspielen. Im Gespräch mit Hans Rauscher vom Standard warnt sie die Österreicher und Europäer eindringlich vor Putin: "Sein langfristiges Ziel ist es, die EU zu zerbrechen, die Nato zu zerbrechen und die US-Truppen aus Europa draußen zu haben. Dann würde Russland die dominante Macht in Europa sein und könnte auch bestimmen, was in einzelnen Ländern geschieht. Denn jetzt ist die EU sehr viel größer und wirtschaftlich potenter als Russland. Und was direkte Gewalt betrifft: Ich will keine Alarmistin sein, aber Putin und seine Umgebung haben mehrfach gesagt, dass jedes Territorium, das einmal vom russischen Reich oder von der Sowjetunion besetzt war, potenziell Teil des russischen Reiches in der Zukunft ist. Das gilt für Berlin ebenso wie für den östlichen Teil von Österreich. Darüber kann man lachen, und wahrscheinlich ist es jetzt nicht zu erreichen, aber während Putin das versucht, könnte sehr viel Schaden entstehen." Eine Welt ohne Westen könne man übrigens gerade in einem aktuellen Krieg besichtigen: "Ich arbeite gerade an einem Text über den Sudan, wo ein Stellvertreterkrieg zwischen sechs oder sieben verschiedenen mittleren Mächten stattfindet - Saudi-Arabien, Türkei, Ägypten, Russland, Iran -, und da gibt es kaum einen Einfluss der UN, der USA oder von Europa. Alles, was es gibt, ist Chaos."
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Ideen

Vor fünfzig Jahren erschien Hans Mayers berühmter großer Essay "Außenseiter", seinerzeit ein großer Bestseller, an den in der Welt der Literaturwissenschaftler Eckart Goebel erinnert. Eine "Literatur- und Kulturgeschichte über Frauen, schwule Männer und Juden von der Antike bis in seine Gegenwart" sei das, und gewiss, man muss das "Fehlen eines vierten Teils über Rassismus und Kolonialismus" konstatieren. Hans Mayer setzt sich in dem Band auch früh mit israelbezogenem Antisemitismus auseinander, so Goebel: "Mit der Gründung des Staates Israel, notiert Mayer, wurde 'aus dem bisherigen isolierten jüdischen Außenseiter inmitten einer nichtjüdischen Bevölkerung ein jüdischer Außenseiterstaat inmitten einer nichtjüdischen Staatengemeinschaft.' Diesem Staat Israel, den er oft besuchte, gilt seine Solidarität, und er bezieht im Kapitel über 'Antisemitismus nach Auschwitz' dezidiert Stellung gegen jene, die zwischen Antizionismus und Antisemitismus unterscheiden wollen: 'Das ist unsere Wahrheit hier und heute. Wer den 'Zionismus' angreift, aber beileibe nichts gegen die 'Juden' sagen möchte, der macht sich oder andern etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhass von einst und von jeher.'" Antiquarisch ist der Band sehr gut zu finden.

Der von Mayer beschriebene Antisemitismus äußert sich in einem Podcast mit 1,5 Millionen Followern heute so:

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Wissenschaft

In der Welt schreibt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke zum hundertsten Todestag von Gottlob Frege, dem in Wismar geborenen "Begründer der modernen Logik und Wegbereiter der analytischen Philosophie, die die Zusammenhänge zwischen Sprache, Mathematik und logischem Denken durchleuchtet". Frege war brillant, ist aber auch heute kaum bekannt, weil ihm außer Koryphäen wie Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein oder Rudolf Carnap kaum jemand folgen konnte. "Freges Ziel war die Entwicklung einer streng logisch aufgebauten Symbolsprache nach dem Vorbild der Algebra. Sie sollte das 'reine Denken' eins zu eins wiedergeben, ohne die Vagheiten und Täuschungen der 'Wortsprachen'. So nannte Frege die natürlichen Sprachen wie Deutsch, Französisch oder Latein", erklärt Krischke.
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Stichwörter: Frege, Gottlob