9punkt - Die Debattenrundschau
Strukturelle Doppelmoral
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2025. Wir stehen zwar nicht kurz vor 1933, konstatiert Götz Aly im SpoN-Gespräch, dennoch brauche es dringend Reformen. Was die Ukraine für Russland so gefährlich macht, ist ihre funktionierende Demokratie, hält der Politikwissenschaftler Janos I. Szirtes in der NZZ fest. In der Welt blickt Michael Wolffsohn kritisch auf die politische Geschichte der deutsch-israelischen Freundschaft. Und hpd schaut auf die Doppelmoral der Kirchen in Deutschland.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
25.08.2025
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Geschichte

Heute veröffentlichen wir den letzten Teil unserer vorab erscheinenden Auszüge aus Götz Alys Buch, das morgen erscheint: Im Januar 1943, als die 6. Armee im Kessel von Stalingrad kapitulierte, war allen klar, dass die Niederlage unvermeidlich war. Im galoppierenden Untergang blieb nur ein Gefühl: eine überwältigende Angst vor der Rache der Alliierten.
Europa
Die Ukraine befinde sich in einem "paradoxen Zustand", meint der Politikwissenschaftler Janos I. Szirtes in der NZZ, verteidigt sie ihre Demokratie, wird sie immer eine Gefahr für Russland darstellen - gibt sie nach, verliert sie ihre Freiheit: "Die mehr schlechte als rechte Demokratie der Ukraine war in der postsowjetischen Ära eine direkte Gefahr für die neue Moskauer Autokratie. Kiew gelang der Beweis, dass die Diktatur nicht die einzig mögliche Gesellschaftsform nach dem Zusammenbruch der UdSSR war. Solange es in Russland eine Autokratie gibt, kann sich daran nichts ändern. Zu militärischen Auseinandersetzungen mag es deswegen nur in Ausnahmefällen kommen, aber bis zu dieser Schwelle verwendet Russland hemmungslos alle Mittel des hybriden Krieges.(...) Wenn man es in Kiew aber schafft, demokratisch zu bleiben - trotz der Schmach eines Diktatfriedens und trotz dem darauf unweigerlich folgenden hybriden Krieg -, bleibt das Land für die Moskauer Autokratie ein gefährlicher Unruheherd. Die Ukraine würde weiterhin vormachen, dass es für ehemalige Sowjetrepubliken eine demokratische Alternative zu Putin und Co. gibt. Hierin findet sich die wahre Ursache für den Krieg, weil es aus Moskauer Sicht die Legitimität der Autokratie kraft seines Beispiels infrage stellt."
Angesichts der Tatsache, dass Trump die Sicherheitsgaranite der NATO in Frage stellt, erinnert der Historiker Kiran Klaus Patel auf den Gegenwartsseiten der FAZ an die bis 2011 existierende Westeuropäische Union (WEU), die einst als Alternative zur heutigen EU galt und deren Beistandsklausel "eine robuste wechselseitige Verteidigungsverpflichtung" vorsah. Auch wenn die WEU stets inaktiv blieb, rät Patel "in der EU über einen 'Club à la WEU' nachzudenken - ganz so, wie die Union seit Langem in anderen Fragen auf abgestufte Integration setzt, sei es beim Euro, bei Schengen oder bei PESCO, das heißt der Durchführung gemeinsamer Rüstungsprojekte. Dass sich eine solche Pioniergruppe auf eine weitgehende Beistandsklausel mit vollständigem militärischen Automatismus einigte, ist weder erwartbar noch wünschenswert. Auch eine große Vertragsreform ist unrealistisch. Anzustreben wäre jedoch eine Kerngruppe, basierend auf gemeinsamen Vorstellungen. Belastbares wechselseitiges Vertrauen schafft im Zweifelsfall mehr Verbindlichkeit als ein neuer Vertrag. Eine solche Gruppierung sollte zugleich eng mit der NATO verkettet sein, besonders mit dem Vereinigten Königreich."
Der Jurist Murat Kayman ist Mitbegründer der säkularen "Alhambra-Gesellschaft", zuvor war er CDU-Mitglied und Syndikusanwalt der DITIB in Köln. Inzwischen gehört er zu den schärfsten Kritikern islamistischer Verharmlosung. Im von uns am Samstag übersehenen Wochentaz-Interview mit Jan Feddersen erklärt er, weshalb Erdogan bei Türken in Deutschland so beliebt ist: "Es gibt in der türkischen Community etwas, was ich als vererbte Rückkehrillusion bezeichne. Der Glaube, dass irgendwann die Rückkehr wie in ein gelobtes Land bevorsteht. Und zu diesem gelobten Land gehört heutzutage ein autokratischer Präsident wie Erdogan." Und er kritisiert das fehlende Mitgefühl in der arabischen Community in Deutschland nach dem 7. Oktober: "Viele sitzen einem Wahn auf: Sie würden sich darüber freuen, wenn Israel nicht mehr existiert. Und sie versuchen diese innere Haltung mit den unterschiedlichsten ideologischen Argumenten zu rationalisieren und zu rechtfertigen, um sich besser zu fühlen. Dieser Weg endet aber in der Akzeptanz oder gar der stillen Huldigung des Terrors gegen Juden."
Angesichts der Tatsache, dass Trump die Sicherheitsgaranite der NATO in Frage stellt, erinnert der Historiker Kiran Klaus Patel auf den Gegenwartsseiten der FAZ an die bis 2011 existierende Westeuropäische Union (WEU), die einst als Alternative zur heutigen EU galt und deren Beistandsklausel "eine robuste wechselseitige Verteidigungsverpflichtung" vorsah. Auch wenn die WEU stets inaktiv blieb, rät Patel "in der EU über einen 'Club à la WEU' nachzudenken - ganz so, wie die Union seit Langem in anderen Fragen auf abgestufte Integration setzt, sei es beim Euro, bei Schengen oder bei PESCO, das heißt der Durchführung gemeinsamer Rüstungsprojekte. Dass sich eine solche Pioniergruppe auf eine weitgehende Beistandsklausel mit vollständigem militärischen Automatismus einigte, ist weder erwartbar noch wünschenswert. Auch eine große Vertragsreform ist unrealistisch. Anzustreben wäre jedoch eine Kerngruppe, basierend auf gemeinsamen Vorstellungen. Belastbares wechselseitiges Vertrauen schafft im Zweifelsfall mehr Verbindlichkeit als ein neuer Vertrag. Eine solche Gruppierung sollte zugleich eng mit der NATO verkettet sein, besonders mit dem Vereinigten Königreich."
Der Jurist Murat Kayman ist Mitbegründer der säkularen "Alhambra-Gesellschaft", zuvor war er CDU-Mitglied und Syndikusanwalt der DITIB in Köln. Inzwischen gehört er zu den schärfsten Kritikern islamistischer Verharmlosung. Im von uns am Samstag übersehenen Wochentaz-Interview mit Jan Feddersen erklärt er, weshalb Erdogan bei Türken in Deutschland so beliebt ist: "Es gibt in der türkischen Community etwas, was ich als vererbte Rückkehrillusion bezeichne. Der Glaube, dass irgendwann die Rückkehr wie in ein gelobtes Land bevorsteht. Und zu diesem gelobten Land gehört heutzutage ein autokratischer Präsident wie Erdogan." Und er kritisiert das fehlende Mitgefühl in der arabischen Community in Deutschland nach dem 7. Oktober: "Viele sitzen einem Wahn auf: Sie würden sich darüber freuen, wenn Israel nicht mehr existiert. Und sie versuchen diese innere Haltung mit den unterschiedlichsten ideologischen Argumenten zu rationalisieren und zu rechtfertigen, um sich besser zu fühlen. Dieser Weg endet aber in der Akzeptanz oder gar der stillen Huldigung des Terrors gegen Juden."
Gesellschaft
Die FDP-Politikerin Karoline Preisler, die regelmäßig am Rande von pro-palästinensischen Demos in Erscheinung tritt und die Freilassung der israelischen Geiseln fordert, wurde am Samstag von Aktivisten angegriffen und leicht verletzt, berichten unter anderen Welt und Zeit Online. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, äußerte sich daraufhin in einem öffentlichen Statement: "Wir brauchen in Deutschland einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, sich für die Geiseln - darunter auch zahlreiche deutsche Staatsbürger - stark zu machen. Die schwindende Solidarität unserer Gesellschaft dürfen wir nicht hinnehmen."
In Ludwigshafen wurde ein AfD-Kandidat von der Bürgermeisterwahl ausgeschlossen, weil laut Stellungnahme des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes "erhebliche Bedenken an seiner Verfassungstreue bestünden", berichtet der ehemalige Grünen-Politiker Hubert Kleinert in der SZ. Er hält das für ein Symptom für einen kontraproduktiven Umgang mit der Partei: "Es gibt viele Gründe dafür, dass die AfD seit ihrem Einzug in den Bundestag 2017 ihren Stimmanteil verdoppelt hat. Aber ganz sicher besteht einer dieser Gründe auch darin, dass die Dämonisierung und absolute Ausgrenzung dieser Partei aus allen möglichen Gremien der AfD immer wieder Gelegenheit bietet, eine Art Märtyrerrolle einzunehmen. Schon die 2017 erfolgte Abschaffung der seit der Weimarer Zeit geübten Praxis, dass die Sitzungsperiode des Parlaments von dem nach Lebensjahren ältesten Mitglied des Hauses eröffnet wird, war ein politischer Fehler. So ist eine 'Lex AfD' geschaffen worden, die ausschließlich darauf zielte, einen möglichen AfD-Alterspräsidenten zu verhindern."
In Ludwigshafen wurde ein AfD-Kandidat von der Bürgermeisterwahl ausgeschlossen, weil laut Stellungnahme des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes "erhebliche Bedenken an seiner Verfassungstreue bestünden", berichtet der ehemalige Grünen-Politiker Hubert Kleinert in der SZ. Er hält das für ein Symptom für einen kontraproduktiven Umgang mit der Partei: "Es gibt viele Gründe dafür, dass die AfD seit ihrem Einzug in den Bundestag 2017 ihren Stimmanteil verdoppelt hat. Aber ganz sicher besteht einer dieser Gründe auch darin, dass die Dämonisierung und absolute Ausgrenzung dieser Partei aus allen möglichen Gremien der AfD immer wieder Gelegenheit bietet, eine Art Märtyrerrolle einzunehmen. Schon die 2017 erfolgte Abschaffung der seit der Weimarer Zeit geübten Praxis, dass die Sitzungsperiode des Parlaments von dem nach Lebensjahren ältesten Mitglied des Hauses eröffnet wird, war ein politischer Fehler. So ist eine 'Lex AfD' geschaffen worden, die ausschließlich darauf zielte, einen möglichen AfD-Alterspräsidenten zu verhindern."
Politik
Das Hungerkomitee der Vereinten Nationen bewertet die Ernährungslage in Gaza-Stadt als "Hungersnot", berichtet Dominic Johnsohn in der taz: "62.000 Tonnen Lebensmittel brauchen die 2,1 Millionen Menschen jeden Monat zum Überleben - als 'angekommen' vermerkte die UN im Monat Mai 1487 Tonnen, im Juni 1086, im Juli 880 und in der ersten Augusthälfte 659, jeweils nur ein Bruchteil der ursprünglichen Lademenge. Der Monat Juli verdeutlicht die Dramatik: 880 Tonnen für 2,1 Millionen Menschen in einem Monat sind 13 Gramm pro Mensch pro Tag. Es gibt auch auf den Märkten Lebensmittel, vor allem seit der Wiederaufnahme kommerzieller Importe vor drei Wochen, aber 80 Prozent der Menschen haben kein Geld und die Lebensmittelpreise sind heute fast 100-mal so hoch wie während des Waffenstillstands im Februar."
In der FAZ erzählt der israelische Schriftsteller Etgar Keret derweil, wie er sich gemeinsam mit seiner Frau an vielen Samstagabenden einer stummen Mahnwache in Tel Aviv anschließt, bei der jeder Teilnehmer die Fotografie eines bei den Angriffen der israelischen Armee getöteten Kindes aus dem Gazastreifen hält - und dabei angefeindet wurde: "Kürzlich stand die Mahnwache an einem dieser Samstage unter anderen Vorzeichen als üblich. Hamas hatte gerade ein monströses Video veröffentlicht, das die ausgezehrte israelische Geisel Evyatar David dabei zeigt, wie sie auf Geheiß ihrer Entführer das eigene Grab aushebt. Einige Leute hielten doch noch an, nachdem sie an uns vorbeigegangen waren. Ein Mann in Badehose starrte mich an und fragte mich, ob ich das Video von David gesehen hätte: 'Er gehört Ihrem Volk an. Sein Foto sollten Sie halten. Seines!' Eine Frau schrie uns an: 'Das ist alles Hamas-Propaganda! Kapiert ihr das nicht? Diese Kinder - das ist doch alles KI-gemacht. Sie sind nicht echt!'"
In der Welt blickt Michael Wolffsohn auf die politische Geschichte der "deutsch-israelischen Freundschaft", die nicht mehr als ein "Märchen" sei: "Angela Merkel gilt als Ikone der deutsch-israelischen Freundschaft - ein Irrtum. Ihren hehren Worten ('Israels Existenz als Staatsräson Deutschlands') aus dem Jahr 2008 folgte ihre die Existenz Israels gefährdende Iran-Politik. Man erinnere sich an das mit den Mullahs 2015 unter der Regie von US-Präsident Obama sowie Kanzlerin Merkel und Außenminister (heute Bundespräsident) Steinmeier geschlossene Atomabkommen. Es ermöglichte die atomare und Raketen-Aufrüstung des Iran. Im Juni 2025 konnten israelische und US-Bomber diese Gefahr erst einmal bannen. Außer dem faktisch eher negativen Wirken des SPD-Kanzlers Willy Brandt förderten auch seine sozialdemokratischen Nachfolger nicht das Verhältnis zu Israel. Von 'Freundschaft' ganz zu schweigen. Eisig bis nahezu feindlich begegnete Kanzler Schmidt Israels Politik im echten (!) Friedensprozess mit Ägypten."
In der FAZ erzählt der israelische Schriftsteller Etgar Keret derweil, wie er sich gemeinsam mit seiner Frau an vielen Samstagabenden einer stummen Mahnwache in Tel Aviv anschließt, bei der jeder Teilnehmer die Fotografie eines bei den Angriffen der israelischen Armee getöteten Kindes aus dem Gazastreifen hält - und dabei angefeindet wurde: "Kürzlich stand die Mahnwache an einem dieser Samstage unter anderen Vorzeichen als üblich. Hamas hatte gerade ein monströses Video veröffentlicht, das die ausgezehrte israelische Geisel Evyatar David dabei zeigt, wie sie auf Geheiß ihrer Entführer das eigene Grab aushebt. Einige Leute hielten doch noch an, nachdem sie an uns vorbeigegangen waren. Ein Mann in Badehose starrte mich an und fragte mich, ob ich das Video von David gesehen hätte: 'Er gehört Ihrem Volk an. Sein Foto sollten Sie halten. Seines!' Eine Frau schrie uns an: 'Das ist alles Hamas-Propaganda! Kapiert ihr das nicht? Diese Kinder - das ist doch alles KI-gemacht. Sie sind nicht echt!'"
In der Welt blickt Michael Wolffsohn auf die politische Geschichte der "deutsch-israelischen Freundschaft", die nicht mehr als ein "Märchen" sei: "Angela Merkel gilt als Ikone der deutsch-israelischen Freundschaft - ein Irrtum. Ihren hehren Worten ('Israels Existenz als Staatsräson Deutschlands') aus dem Jahr 2008 folgte ihre die Existenz Israels gefährdende Iran-Politik. Man erinnere sich an das mit den Mullahs 2015 unter der Regie von US-Präsident Obama sowie Kanzlerin Merkel und Außenminister (heute Bundespräsident) Steinmeier geschlossene Atomabkommen. Es ermöglichte die atomare und Raketen-Aufrüstung des Iran. Im Juni 2025 konnten israelische und US-Bomber diese Gefahr erst einmal bannen. Außer dem faktisch eher negativen Wirken des SPD-Kanzlers Willy Brandt förderten auch seine sozialdemokratischen Nachfolger nicht das Verhältnis zu Israel. Von 'Freundschaft' ganz zu schweigen. Eisig bis nahezu feindlich begegnete Kanzler Schmidt Israels Politik im echten (!) Friedensprozess mit Ägypten."
Religion
Gut, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz am "Internationalen Gedenktag an Opfer der Gewalt durch Religion und Weltanschauung" am Freitag hinter das Ziel stellte, Verantwortung für den Schutz religiöser und weltanschaulicher Minderheiten zu tragen, meint Peter Kurz bei hpd. Glaubwürdiger wäre es allerdings, die christlichen Kirchen in Deutschland würden dabei auch die Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen berücksichtigen, fährt er fort: "Hinzu kommt eine strukturelle Doppelmoral: Während die Kirchen Missbrauchsskandale und Diskriminierungsvorwürfe im Inneren bewältigen müssten, genießen sie im säkularen Staat noch immer erhebliche Sonderrechte. Wie die 600 Millionen Euro jährliche Staatsleistungen, die nach verfassungsrechtlichen Vorgaben längst nicht mehr fließen dürften. Oder ein Sonderarbeitsrecht, aufgrund dessen kirchliche Arbeitgeber ihre Beschäftigten schlechter behandeln dürfen als 'normale' Arbeitnehmer. Ganz zu schweigen vom staatlich geförderten Einfluss der Kirchen im Bildungswesen - von der Grundschule bis zur Universität."
Kulturmarkt
Dank Genres wie "Young Adult" oder "Romantasy" lesen junge Menschen wieder mehr - damit das so bleibt, müssen Bücher bezahlbar werden, schreibt Jonas Kähler, der in der taz den Beschluss der dänischen Regierung, die Mehrwertsteuer auf Bücher abzuschaffen, lobt. Zudem müsse es weiterhin Orte des "physischen Entdeckens" geben, aber: "Die Zahl der Buchhandlungen sank von rund 7.600 im Jahr 2000 auf 4.500 im Jahr 2025. Knapp 2.000 öffentliche Bibliotheken mussten in den vergangenen 15 Jahren schließen."
Ideen

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