Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2026. Für die Ungarn war 2026 wichtiger als 1989, sagt Paul Lendvai im Gespräch mit Zeit online. Eine Linke, die nicht liberal ist, ist keine, sagt Nicholas Potter im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Nach dem Eklat um das Verlagshaus Grasset wird der Kulturkampf in Frankreich mit härtesten Bandagen ausgefochten - Vincent Bolloré nutzt dafür die Medien, die er besitzt. Zeit online staunt: Pete Hegseth scheint zu glauben, dass die Bibel von Quentin Tarantino geschrieben wurde.
Im Zeit-Online-Interview mit Corinna Milborn erklärt der ungarische Schriftsteller Paul Lendvai, der selbst vor den Kommunisten aus Ungarn fliehen musste, warum er die Abwahl Orbáns sogar als wichtigeren Moment für das ungarische Volk einstuft, als den Zusammenbruch der Sowjetunion 1989: "International gesehen hat 1989 bei weitem die größere Bedeutung. Es mag deshalb ungewöhnlich klingen, wenn ich 2026 als den bedeutenderen historischen Moment für Ungarn sehe. Aber wenn man nur Ungarn betrachtet, war der Kommunismus ein von Moskau oktroyiertes System, das in Ungarn dank des Aufstandes von 1956 seine totalitäre Wirkung nie so stark entfalten konnte wie in anderen Ländern. Die Polen sagten damals zu uns: Ihr habt 1956 verloren, aber langfristig gewonnen: Das Regime wusste seitdem, dass es nicht zu weit gehen darf. Es war zudem ein aus Moskau gesteuertes Regime, wo es auch gefallen ist. Jetzt hingegen erleben wir den Sturz eines genuin ungarischen Regimes, in Ungarn, durch einen friedlichen Aufstand des eigenen Volkes. Das war kein Geschenk von außen, sondern ein Triumph des ungarischen Volkes."
Laut Kristof Botka in der FAZ hat die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen Westeuropa und Ungarn zum Aufkommen des Orbán-Systems beigetragen. Er sieht Ungarn als ähnlich vom Westen "kolonisiert" an, wie es in den neuen Ländern in Deutschland beklagt wird. Ein Beispiel ist für ihn Lidl, "ein aggressiver Markterschließer, der in vielen Landstrichen mobile Supermärkte installiert und damit die letzten Dorfläden beseitigt. Dass Ungarn in einer subalternen Position geblieben ist, kann Orbáns Versäumnisse und Vergehen nicht rechtfertigen. Aber es verrät etwas über die Gefühlswelt, in der sein reaktionärer Nationalismus Unterstützer fand."
Konrad Schuller hat für die FAZ mit ukrainischen Soldaten gesprochen, die den ziemlich unheimlichen Krieg im Zeitalter der Drohnen schildern: "Sie entwarfen das Bild eines Gefechtsfelds, in dem die Drohne alles beherrscht. Drohnen überwachen das Gefechtsfeld so, dass kein Soldat, kein weggeworfener Müllsack unbemerkt bleibt. Als Angriffswaffe werfen sie entweder Granaten ab, oder sie stürzen sich als tödliche 'Kamikaze'-Drohnen direkt ins Ziel. Größere Drohnen können sogar Panzer zerstören. Weil die Drohne in der viele Kilometer breiten 'Todeszone' zwischen den beiden Armeen alles tötet, was sich bewegt, bewegt sich fast nichts mehr. Autos oder Panzer würden ja sofort vernichtet."
Die Münchner Historiker Matthias Kaltenbrunner und Kiran Klaus Patel arbeiten an einem Forschungsprojekt über das Nachleben aufgelöster internationaler Organisationen. In einem sehr interessanten Hintergrundartikel auf der "Ereignisse-und-Gestalten"-Seite der FAZ erzählen sie die Geschichte der "Druschba"-Pipeline, mit der die Sowjets Öl an die Länder des Ostblocks lieferten. "Das billige Öl hielt den Ostblock zusammen, wobei Moskau einen großen Teil der Zeche zahlte", so die beiden Autoren. Die Pipeline war ein Projekt des "Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW), mit dem die Länder hinter dem Eisernen Vorhang auf die Globalisierung antworten wollten. Wie absurd Wirtschaft im Sozialismus lief, geht aus dem Artikel auch hervor: "Der Handel innerhalb des Ostblocks war durch gegenseitige Warenlieferungen geprägt, wobei informell zwischen 'harten' und 'weichen' Waren unterschieden wurde: 'Harte' waren auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig, 'weiche' nur innerhalb des Ostblocks. In der Praxis tauschten die zentraleuropäischen Ostblockstaaten 'weiche' Maschinen oder Konsumgüter gegen 'harte' sowjetische Rohstoffe, inklusive Erdöl. Da die Währungen der RGW-Staaten untereinander nicht konvertibel waren, wurde im Handel eine komplizierte Recheneinheit zwischengeschaltet, der 'Transferrubel'." Europa hat sich übrigens bis heute nicht ganz von dem System gelöst, warnen die Autoren: "Trotz 19 Sanktionspaketen seit Februar 2022 ist Europa in manchen Fragen immer noch erschreckend abhängig von Putins Reich und zeigt nur in ausgewählten Bereichen wirkliche Bereitschaft, das zu ändern."
Im Krieg mit dem Iran bekommt eine jahrhundertealte Feindschaft zwischen Persern und Arabern wieder Aufwind, die auf die Eroberung Persiens im 7. Jahrhundert zurückgehen, erklärt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Der "kulturelle Machtkampf", das "Aufbegehren nichtarabischer Völker gegen die arabische Vorherrschaft innerhalb des Islam" nennt man im Arabischen "schuʿūbiyya": "Wer verkörpert den 'wahren Islam' - der arabische Wüstenkrieger, der ihm Sprache und erstes Reich gab, oder der persische Intellektuelle, der ihn mit Philosophie, Mystik und Staatskunst füllte? Die Schuʿūbiten reklamierten, ohne Persien wäre der Islam kulturell arm geblieben; die Anti-Schuʿūbiten halten dagegen, ohne Araber gäbe es den Islam überhaupt nicht. Der Riss verläuft mitten durch das Haus des Islam - entlang von Sprache, Ethnie und Erinnerung. In Europa ist heute die 'mission civilisatrice', also die kulturelle Assimilation indigener Völker in den Kolonien, weitgehend als rassistisch anerkannt. Im arabischen Mainstream bleibt eine vergleichbare Selbstkritik bezüglich der islamischen Expansion eine Randerscheinung."
Der Streit nach dem Eklat um das Pariser Traditionshaus Grasset wird mit härtesten Bandagen geführt. Der rechtsextrem-katholische französische Medien- und Verlagstycoon Vincent Bolloré hat bekanntlich den Grasset-Verleger Olivier Nora geschasst (unser Resümee). Daraufhin haben gut 200 Autoren erklärt, den Verlag zu verlassen. In seiner bereits gleichgeschalteten Sontagszeitung JDDantwortet Bolloré selbst, indem er Noras Gehalt offengelegt (Nora habe es sich trotz sinkender Gewinne von 830.000 auf 1 Million Euro erhöht), dann aber doch das angebliche Milieu attackiert, das sich gegen ihn wehrt. "Wie kann diese Angelegenheit, während die finanzielle und soziale Lage von Millionen Franzosen tatsächlich Anlass zur Sorge gibt, dann so viel Aufsehen erregen? Ganz einfach, weil sie eine kleine Kaste betrifft, die sich für über alles und jeden erhaben hält, die sich gegenseitig Positionen zuschanzt und stützt und die dank ihrer Fähigkeit, mediales Getöse zu erzeugen, vielen Angst einflößt." Bolloré lässt außerdem den rechtsextremen Autor Pascal Meynadier schreiben, der mit virtuos platzierten antisemitischen Akzenten Noras Herkunft aus exquisiten jüdischen Kreisen schildert.
taz-Redakteur Dominic Johnson fühlt sich durch den Krieg um die Straße von Hormus an die Suez-Krise erinnert: "Wieder geht es um die Kontrolle eines für die Welt wichtigen Schifffahrtsweges. Wieder stürzt sich eine imperiale Macht dafür in ein militärisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wieder besteht Unklarheit über die politischen Ziele des militärischen Handelns: Nur Freiheit der Meere oder doch Regimewechsel? 1956 hießen die Abenteurer Großbritannien und Frankreich. 2026 sind es die USA. In beiden Fällen sind die Kreditgeber der Abenteurer um Mäßigung bedacht: 1956 die USA, 2026 China."
Die Ökonomin Gita Gopinath sieht im NZZ-Interview schwarz für die globale Wirtschaft. Noch scheint zwar alles stabil zu sein, die Auswirkungen des Irankrieges werden sich aber erst nach und nach zeigen, so Gopinath, beispielsweise werden die höheren Düngerpreise erst in circa einem halben Jahr zu erhöhten Lebensmittelpreisen führen: "Es stimmt, trotz den Zöllen und der unsicheren Lage ist das Wachstum bis jetzt kaum eingebrochen. Unter der Oberfläche aber öffnen sich gefährliche Risse. Bis diese strukturellen Schäden sichtbar werden, braucht es Zeit. Dasselbe Muster konnten wir nach dem Brexit beobachten: Anfänglich nahmen die Investitionen sogar noch zu. Heute sehen wir, dass der EU-Austritt die Wirtschaftsleistung Großbritanniens um 6 bis 8 Prozent reduziert hat."
Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth hat in einer Andacht für die "Sandy One"-Rettungsmission für einen amerikanischen Piloten einen Bibelspruch zitiert, der allerdings in dieser Form aus Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" stammt - und "weitestgehend fiktiv" ist, wie Thomas Assheuer bei Zeit Online nachvollzieht. Der Vers stammt aus dem Alten Testament, Hesekiel 25, Vers 17, wurde von Tarantino jedoch für seine Zwecke "kompiliert und zurechtgebogen": "Ein Kriegs- und Kreuzzugsminister, der zum Gebet im Pentagon ein Hesekiel-Zitat aus Pulp Fiction vorträgt? Ein radikalnationalistischer Christ, der sich ein Jerusalemkreuz auf die Brust sowie 'Deus Vult' ('Gott will es') auf den Oberarm hat tätowieren lassen und mithilfe einer Filmszene die verweichlichte US Army darüber belehrt, dass Gott auch hassen kann? Quentin Tarantino besitzt eine herrlich verrückte Fantasie, doch die Pentagon-Szene hätte nicht einmal er sich ausdenken können."
Secretary of War Pete Hegseth quotes a fake Pulp Fiction Bible verse during Pentagon sermon
Jörg Häntzschel resümiert in der SZ die Ratschläge aus dem "Leitfaden Museen in der Migrationsgesellschaft", die der Museumsbund herausgegeben hat (und die die FAZ neulich als recht weltfremd kritisiert hat, unser Resümee). Grundlage ist die neue Definition eines Museums, die der International Council of Museums (Icom) 2022 herausgegeben hat. Ein Museum sei eine "Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit." Viele Museen tun sich schwer, das umzusetzen, meint Häntzschel: "'Die bewusste Integration von Perspektiven der Migration und Diversität' dürfte ihnen schon deshalb nicht leichtfallen, weil ihnen diese Perspektiven selbst fremd sind. Sie müssen sich also Hilfe holen, bei jungen Mitarbeitern mit anderem Hintergrund, in den 'Communitys' oder bei den Besuchern selbst." Dass "der Job des Kurators sich wandelt, ist unverkennbar: Er muss weiterhin Spezialist für chinesische Kunst, die Geschichte von Regensburg oder Luft- und Raumfahrt sein, doch seine alte Rolle als fachliche Autorität muss er abstimmen mit einer neuen Aufgabe, der des Moderators."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nicholas Potter hat nach dem 7. Oktober den entfesselten Antisemitismus linker Gruppen beobachtet und darüber ein Buch geschrieben. Der Antisemitismus der Linken ist nichts Neues, sagt er im Gespräch mit Hannes Soltau vom Tagesspiegel, die Muster sind seit 1967 überliefert. Potter denkt auch darüber nach, wie man überhaupt noch sinnvoll behaupten kann, "links" zu sein: "Ich dachte mal, wir wären eine Linke. Und sicher gibt es Teile von ihnen, unter denen ich mich in Deutschland noch wohlfühle. Aber vor allem international stellt sich für mich die Frage: Mit wem kann ich mich noch auf grundsätzliche Werte einigen? Da gibt es einen großen Entfremdungsprozess. Ich nehme das jetzt als Anlass, Linkssein neu zu denken und mich stärker auf Inhalte zu fokussieren. Agiert jemand emanzipatorisch oder reaktionär? Handelt jemand vernünftig oder plump populistisch? Autoritär oder antiautoritär? Demokratisch oder antidemokratisch? Für mich sind dabei liberale Werte ins Zentrum gerückt - Pressefreiheit, universelle Menschenrechte. Linkssein geht nicht ohne Liberalismus."
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