9punkt - Die Debattenrundschau

In scheinbar ehrbarer Gestalt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2017. Das britische Schlammassel geht weiter: Theresa May verliert ihre Mehrheit. Nick Cohen hofft im Spectator, dass gemäßigte Kräfte nun einen weicheren Brexit durchsetzen können. Die SZ fragt: Wie kann es sein, dass die Renovierung der Oper und des Schauspielhauses in Frankfurt annähernd eine Millarde Euro kosten soll? Liegt es am Luxusgeschmack der Institutionen? In der Jüdischen Allgemeinen analysiert der Politologe Martin Kloke das pathologische Verhältnis deutscher Linker zu Israel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2017 finden Sie hier

Europa


In einer Wahl, die ihr ein massives Mandat für einen "harten Brexit" geben sollte, hat Theresa May ihre Mehrheit verspielt - aber auch Labour kann trotz großer Gewinne nicht allein gewinnen. Ryan Heath geht bei politico.eu in der noch laufenden Auszählung erste Perspektiven durch und erklärt, was ein "hung parliament" ist: "Parteien können nun eine Minderheitsregierung bilden, ein zwischenparteiliches Abkommen schließen, eine Koalition bilden oder, falls sie es nicht hinbekommen, eine Regierung zu bilden, neue Wahlen frühestens im August ansetzen." Die Brexit-Verhandlungen werden trotz offizieller Termine wohl weiter verzögert. Ein Liveblog gibt es wie üblich beim Guardian.

Nick Cohen schreibt in einem ersten Kommentar für den Spectator um 2 Uhr nachts (als noch nicht ganz klar war, dass May ihre Mehrheit verloren hat): "Das neue Parlament wird Brexit nicht rückgängig machen, aber Labour, die Liberaldemokraten und moderate Tories werden keinen harten Brexit akzeptieren, der Zollgrenzen, Schlangen in Dover und überflüssige Schädigung von Industrie, Landwirtschaft, Finanzsektor und die IT Industrien mit sich bringt. Anders als die Tory-Rechten sehen sie unsere europäischen Nachbarn nicht als Feinde, sondern als Verbündete."
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Kulturpolitik

Vor einigen Tagen hatten die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums vorgeschlagen, neben dem Kreuz auf der Kuppel den Schriftzug ZWEIFEL an der Ostseite des Schlosses anzubringen. Damit ist nun der für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses verantwortliche Architekt Frank Stella überhaupt nicht einverstanden, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel und zitiert aus einer Depesche des Architekten: "Die vorgeschlagene Schrift auf der Ostfassade des Berliner Schlosses stellt eine Form mit einer feinen 'Seele' und einem riesigen 'Körper' dar. Während ich mich aus der Diskussion über die symbolischen Inhalte lieber heraushalten möchte, fühle ich mich fast gezwungen zu sagen, dass ich den 'Körper' dieser Form als eine erhebliche Verunstaltung meiner Architektur ansehe."

900 Millionen Euro soll die Sanierung von Oper und Schauspielhaus in Frankfurt kosten. Ganz grundsätzlich werden Sanierungen in Deutschland immer teurer. Woran liegt's? Jörg Häntzschel hat für die SZ recherchiert und zählt auf: die jahrzehntelange Vernachlässigung öffentlicher Bauten, die immer höheren Standards für Brandschutz, Lüftung und Wärmedämmung. "Das größere Problem jedoch seien die übertriebenen Ansprüche der Institutionen, sagt Wolfgang Dunkelau, ebenfalls Architekt vom BDA: 'Es muss bei öffentlichen Bauten in Deutschland immer der Mercedes sein, wo noch der Rücksitz klimatisiert ist, keiner will einen Golf. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das weiterhin so betreiben? Oder wäre eine vernünftige Sanierung möglich, die bei der Technik kleine Abstriche macht?' Oft lägen die Kosten für die Gebäudetechnik fast so hoch wie die reinen Baukosten."
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