9punkt - Die Debattenrundschau

Das Beste des Kaisers

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2021. Die SZ befasst sich mit der Künstlergruppe "Peng", die Biontech-Mitarbeiter auffordert, Impfstoffpatente zu leaken - leider lässt sich der Stoff aber nicht nachbacken wie ein Rezept von chefkoch.de, erläutert die Zeitung zugleich. Die taz ist erleichtert, dass "NSU 2.0" gefasst ist und froh, dass er nur ein arbeitsloser Berliner und nicht ein ganzes Netzwerk in der Polizei ist. Aus Anlass des 200. Todestages von Napoleon beleuchten die Medien das schillernde Verhältnis Emmanuel Macrons zur Geschichte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2021 finden Sie hier

Ideen

So mancher hat sich im Laufe der Pandemie gefragt, warum nicht schneller mehr Impfstoff produziert werden kann. Einige wollen die Impfstoffhersteller gar enteignen oder ihre Patente freigeben. So denkt auch das Berliner Künstlerkollektiv Peng!, das die Webseite "Leake den Biontech Impfstoff!" gegründet hat (die inzwischen wieder abgeschaltet wurde), berichten Catrin Lorch und Alex Rühle in der SZ in einem von drei Artikeln zum Thema. "Der Aufruf an die Biontech-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in Mainz und Marburg, Firmengeheimnisse preiszugeben, steht in einer Reihe von Aktionen, die sich gegen Techkonzerne, Energieunternehmen, die europäische Flüchtlingspolitik oder toxische Social-Media-Praktiken richten. Es geht Peng! weniger darum, ästhetische Kategorien zu erweitern. Vielmehr wollen sie mit kreativen Mitteln Einfluss auf die politische Wirklichkeit nehmen", in der der Impfstoff auf der Welt äußerst ungleichmäßig verteilt ist.

Wenn die Welt nur so einfach wäre, seufzt Werner Bartens angesichts der Peng!-Aktion in der SZ. "Mit der Gebrauchsanweisung für die Herstellung von mRNA-Vakzin verhält es sich nicht wie mit Großmutters Donauwelle, deren Rezept nur bei Chefkoch.de hochgeladen werden muss, damit alle Welt sie nachbacken kann. Produktion und Abfüllung sind aufwendig. Zudem sind etliche Ausgangssubstanzen knapp. Doch selbst wenn diese Hindernisse überwunden werden, ist es alles andere als trivial, die Herstellung von überschaubaren Mengen im Labor auf einen industriellen Maßstab hochzufahren." Das dauere mindestens neun Monate, wenn nicht Jahre, versichert Bartens.

Juristisch wäre es durchaus möglich, Zwangslizenzen zu erteilen, nur nützt das nichts, meint auch Wolfgang Janisch. "Per Zwangslizenz erhielte ein Unternehmen nur Zugriff auf das, was im Patentregister stehe. Also kein Know-how und keine klinischen Daten. Dies legt eher nahe, nicht auf Zwang, sondern auf die Kooperation der Unternehmen zu setzen, die ohnehin sehr ausgeprägt ist - zumindest bisher."
Archiv: Ideen

Religion

Hübsche Schlagzeile bei hpd.de: "Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gendert ab jetzt. Aus Priester wird Priester*innen - sonst ändert sich nichts"
Archiv: Religion
Stichwörter: Katholische Kirche, Gender

Geschichte

Anders als seine Vorgänger, die Napoleon-Jubiläen mieden, wird Emmanuel Macron heute den 200. Todestag dieses Urbilds aller Caudillos, Putschisten und Gran Liders begehen, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Offenbar fühlt er sich dem bonapartistischen Erbe Frankreichs, das ebenso prägend ist wie das absolutistische, verbunden: "Der Präsident wolle in seiner Rede 'das Beste des Kaisers' erwähnen, ohne 'das Schlimmste des Kaiserreichs' zu vergessen, heißt es im Elysée-Palast. 'Gedenken ist nicht Zelebrieren', äußerte ein Berater. Macron wolle sich 'zehn Generationen später' nicht ein rückblickendes Urteil anmaßen. An der Gedenkstunde sollen nicht nur Mitglieder der französischen Wissenschaftsakademien teilnehmen, auch Oberschüler sind eingeladen. Die beschwichtigenden Erklärungen aus dem Elysée zeigen, wie heikel das Gedenken bleibt."

Das ist typisch Macron, der weder aus einer rechten noch aus einer linken Tradition kommt, meint der Historiker Nicolas Offenstadt im Interview mit der SZ. "Er betont einerseits sehr unkritisch die Kontinuität Frankreichs. Zum 150. Jahrestag der Republik hat er gesagt, dass wir uns zu unserer Geschichte bekennen müssten, dass wir ihr zustimmen sollen. ... Doch die andere Seite der Medaille ist, dass Macron auch Frankreichs Verbrechen klar benennt, dass er auch die negativen Seiten zeigt. Er hat die Verantwortung des Staates für die Folter und Ermordung der algerischen Unabhängigkeitskämpfer Maurice Audin und Ali Boumendjel anerkannt. Und das entspricht überhaupt nicht den Hardlinern des Roman national."

In der FR wirft Arno Widmann mit den Brüdern Goncourt einen Blick auf die Geschichte, die Napoleon hervorbrachte: Sie veröffentlichten 1862 "'Die Frau im 18. Jahrhundert'. Darin heißt es: 'Im 18. Jahrhundert ist die Frau das regierende Prinzip, die anordnende Vernunft, die kommandierende Stimme. Sie ist universelle, alles entscheidende Ursache, der Ursprung aller Ereignisse, die Quelle aller Dinge.' So betrachtet muss man die Französische Revolution auch sehen als den Aufstand richtiger Männer gegen den von den Pompadours und Marie Antoinettes effeminierten Königshof. Die Republik ist Männersache. Olympe de Gouges, die dagegen zu Felde zog und energisch das Wahlrecht für Frauen einforderte, wurde am 3. November 1793 mit der Guillotine hingerichtet. ... Die Revolution war, legen die Goncourts nahe, ein männlicher Backlash. An ihrem Ende steht mit dem kleinen Napoleon der große Mann par excellence."
Anzeige
Archiv: Geschichte

Internet

Diese Meldung ist betrüblich für Perlentaucher-LeserInnen, obwohl viele mit ihr gar nichts werden anfangen können. Der Dienst Nuzzel kündigt in seinem Blog seine Schließung an. Nuzzel setzte auf Twitter auf und bündelte und hierarchisierte die Streams von Twitter-Prominenten. So konnte man sehen, welche Themen im globalen Dorf Konjunktur hatten - und Perlentaucher-Leser bekamen zuweilen Quellen serviert, die exotisch waren. Die Kommentare sind gegenüber Twitter nicht gerade freundlich:

Archiv: Internet
Stichwörter: Nuzzel, Twitter

Gesellschaft

In der FR wirft Stephan Anpalagan in einem sehr langen Artikel Politikern, Behörden und vor allem der Polizei vor, sie würde rechte Demonstranten schonen, während sie auf linke sofort loschlage: "Die Vorzugsbehandlung von rechten Demonstrationen und die Verharmlosung derjenigen, die dem rechten Rand mindestens nahestehen, ist keineswegs eine besondere Eigenart der Polizei. Auch Politiker und Politikerinnen haben sich in den vergangenen Jahren mit ihrer besonderen Nähe zu rechten Gruppierungen hervorgetan. Vielfach begegneten sie all jenen, die rassistische, rechtsextreme oder schlicht verfassungsfeindliche Thesen vertraten, mit besonderem Wohlwollen und offenem Verständnis. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Pegida-Aufmärsche, die sogenannten Anti-Merkel-Demonstrationen oder die Protestformen an der Bundesstraße B96 bei Bautzen."

Außerdem: In der NZZ denkt Florian Coulmas darüber nach, was heute eigentlich noch "Normalität" ist.
Archiv: Gesellschaft

Europa

Die Polizei konnte den Mann festnehmen, der unter dem Pseudonym "NSU 2.0" Drohbriefe an Politikerinnen, Anwältinnen und Journalistinnen schrieb, deren Adressen zuvor über Polizeicomputer ermittelt wurden. "Es ist ein 53-jähriger rechtsextremer Arbeitsloser aus Berlin", berichtet unter anderem Christian Rath in der taz. "Noch wichtiger ist: Der Mann war (soweit bisher ersichtlich) nicht Teil eines rechtsextremistischen Netzwerks in der Polizei - obwohl er mehrfach Informationen aus Polizeicomputern benutzen konnte. Er soll diese vielmehr durch Anrufe als vermeintlicher Kollege und ähnliche Amtsanmaßung herausgelockt haben." Fragen bleiben dennoch, so Rath: Denn im Zuge der Nachforschungen über NSU 2 stellte sich unter anderem tatsächlich heraus, dass es rechtsextreme Netzwerke in der Polizei gibt.

Konrad Litschko und Christoph Schmidt-Lunau schildern für die taz die Hintergründe der Ermittlung. Womöglich hat der Täter übrigens vor drei Jahren auch bei der taz angerufen: "Der Mann ließ sich beim ersten Telefonat zum Geschäftsführer durchstellen und behauptete, er sei Polizist und brauche die Kontaktdaten von taz-AutorIn Hengameh Yaghoobifarah für eine Strafanzeige. Beim zweiten Mal erreichte er die stellvertretende Chefredakteurin. Beide aber rückten die Adressdaten nicht raus, baten vielmehr um die Kontaktdaten des Beamten."

Wladimir Putin schikaniert nicht nur die Organisation von Alexej Nawalny, sondern viele Medien und Oppositionelle, für die es immer schwieriger wird zu arbeiten, berichtet Klaus-Helge Donath in der taz: "Auch für das Internetmedium Meduza (englische Website) wird die Luft dünn. Seit Kurzem gilt es als 'ausländischer Agent'. Das Magazin hat seinen Sitz in Lettland, doch etwa die Hälfte der sechzig Mitarbeiter arbeiten von Russland aus. In dieser Härte hätte er den Schlag nicht erwartet, meint Chefredakteur Iwan Kolpakow gegenüber der taz. Werbekunden wendeten sich ab, weil niemand mit einem 'ausländischen Agenten' zu tun haben wolle."

Mit Verbrechern kann man nicht in Hinterzimmern verhandeln, meint der französische Politologe Nicolas Tenzer in politico.eu mit Blick auf die russischen Staatsmorde in der Europäischen Union und Britannien. Darum hätten Tschechien und Bulgarien richtig gehandelt, als sie Diplomaten auswiesen: "Die Warnung wurde schon vor langer Zeit ausgesprochen, mit den Verbrechen des russischen Regimes in Tschetschenien, Georgien, der Ukraine und Syrien. Auch wenn die Verbrechen, die auf europäischem Boden begangen wurden von geringerer Intensität waren, sind nur eine Erweiterung davon. Sie sind die Folge unserer Untätigkeit und des mangelnden Bewusstseins für ihre Bedeutung. Verbrechen, einschließlich Kriegsverbrechen… müssen als solche benannt werden. Sie können nicht als business as usual betrachtet werden."
Archiv: Europa