9punkt - Die Debattenrundschau

Interessanter als Fußball

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2024. Welt und taz beleuchten das linke Schweigen zum Wahlbetrug des venezolanischen Caudillos Nicolás Maduro, der unterdessen den Zionismus beschuldigt, ihm die Herrschaft stehlen zu wollen. Die FAZ stürzt mit dem Historiker Julius Wilm das Denkmal des deutschen Demokraten Carl Schurz, der in Amerika eine rassistische Politik betrieben habe. Die Kosten für den Krieg könnten Russland in die Bredouille bringen, schreiben die Experten Thomas Lattanzio und Harry Stevens in der NZZ. Im Standard ruft Nino Haratischwili zum Kulturboykott gegen die georgische Regierung auf.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2024 finden Sie hier

Politik

16 Menschen sollen bei den Demonstrationen gegen Maduro in Venezuela umgekommen sein, die Demonstrationen halten weiter an. Die linken Regierungen in Südamerika, zum Beispiel Brasiliens Präsident Lula, scheint Maduros offensichtlicher Wahlbetrug derweil ziemlich egal zu sein, staunt Tobias Käufer in der Welt. Denn anders "als bei anderen Politikern wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Javier Milei, die medial als rechtsextrem, rechtspopulistisch oder rechtslibertär definiert werden, fehlt in der Berichterstattung über die drei linksextremen Autokratien und Diktaturen Kuba, Venezuela und Nicaragua meist der kleine, aber entscheidende Zusatz 'links'. Das legt die Vermutung nah, dass damit linke Ideologie von Morden, Folter und Vertreibung verbal und medial entkoppelt werden soll. Also ist Nicolás Maduro in vielen Berichten eben nur 'autokratisch' und nicht 'linksautokratisch'. Übrigens bietet nicht die brasilianische, sondern die argentinische Botschaft derzeit einigen Oppositionellen Schutz gegen Maduros Schlägerbanden."

Es gibt sehr wohl Linke in Lateinamerika, die Maduro kritisieren, schreibt dagegen Gerhard Dileger in der taz und nennt Chiles jungen Präsidenten Gabriel Boric, der allerdings nicht aus den Betonfraktionen der üblichen lateinamerikanischen Linken kommt, deren Versagen auch Dileger nicht verschweigt: "Selten hört man in diesen Kreisen ein böses Wort über selbstherrliche Caudillos wie Daniel Ortega in Nicaragua oder auch den Bolivianer Evo Morales, in deren Weltbild demokratische Regierungswechsel nicht vorgesehen sind. Das wohlbegründete Misstrauen gegen die USA und deren Interventionen seit 200 Jahren schlägt allzu oft in ein krudes Schwarz-Weiß-Denken um, das die Politik Beijings oder Moskaus noch heute in einem erstaunlich milden Licht erscheinen lässt."

Maduro zeigt inzwischen, dass er weiß, wie man die Linken in Lateinamerika für sich mobilisieren kann. Er verteidigt seinen geraubten Wahlsieg als Sieg im Kampf gegen den "Zionismus":


Der Friedensforscher Gershon Baskin hat schon mehrfach zwischen Israel und Palästinensern vermittelt. Er skizziert im Gespräch mit taz-Korrespondentin Julia Neumann, wie ein Waffenstillstand aussehen könnte: "Nach sechs Wochen sollte der Krieg enden und Israel sich aus dem Gazastreifen zurückziehen. Die USA sollten die Kontrolle über den Philadelphia-Korridor und, zusammen mit Ägypten, über die Grenze nach Gaza übernehmen, um sicherzustellen, dass dort kein Schmuggel mehr erfolgt. Die Hamas würde innerhalb von sechs Wochen alle 115 +Geiseln freilassen, ob tot oder lebendig - im Austausch für über 4.000 Palästinenser, die Israel gefangen hält. Für jede Geisel wären das 35 palästinensische Gefangene - die Hälfte davon mit lebenslangen Haftstrafen."

Monika Borgmann ist Deutsch-Libanesin und lebt seit langem in Beirut, wo sie das Kulturzentrum "Umam" leitet. Im Gespräch mit Lena Bopp beschreibt sie die Stimmung im Libanon im Zeichen des drohenden Krieges: "Wir sind hier in einer seltsamen Situation: Bisher gehen die Dinge in Beirut mehr oder weniger ihren normalen Gang. Aber im Süden herrscht Krieg. Davon bekommt man in Beirut wenig mit. Es gibt immer diese Wellen - Zeiten, in denen die Angst größer wird, und Phasen, in denen wir in eine Normalität zurückfinden. Viele meiden den Süden. Viele trauen sich nicht mehr in die Bekaa-Ebene. Man weiß ja nie, wer vor oder hinter einem fährt."

Außerdem: Nordkorea setzt nun in der Auseinandersetzung mit Südkorea vermehrt auf mit Fäkalien beladenen Ballons, was Paul Jandl (NZZ) an das Mittelalter erinnert. "Die Aktionen des Diktators erinnern an strategische Methoden, wie sie in vormodernen Zeiten üblich waren." In Indien verschärft der hindu-nationalistische Premierminister Nanrendra Modi den Ton gegenüber der muslimischen Minderheit, schreibt der indische Schriftsteller und Unterhaus-Abgeordnete Shashi Tharoor in der NZZ. 

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Gesellschaft

Die italienische Mafia wäscht in Deutschland Millionen, biedert sich an die lokale Politik an und die deutschen Behörden scheinen sich nicht dafür zu interessieren, wundert sich Sandro Mattioli von der Organisation "Mafia? Nein danke" im Tagesspiegel-Gespräch mit Helena Piontek. "Mit meinem Verein waren wir bei der Polizeipräsidentin Barbara Slowik zu Gast und wollten ins Gespräch kommen über Hinweise auf italienische Organisierte Kriminalität in Berlin. Mit dabei war auch ein leitender Polizist des LKA, zuständig für schwere und Organisierte Kriminalität. Und er sagte zu uns: Wir sollten uns doch besser um Flüchtlinge kümmern, dort gebe es auch Organisierte Kriminalität. Für einen Verein, der seit mehr als einem Jahrzehnt eine absolut engagierte Arbeit zu italienischer Organisierter Kriminalität macht und für das Thema sensibilisiert, ist so eine Aussage natürlich wie ein verbaler Mittelfinger." Mattioli fordert, dass der Staat diese Organisierte Kriminalität endlich erfasst.
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

Buch in der Debatte

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Carl Schurz gilt als Identifikationsfigur für alle, die in Deutschland nach demokratischen Urvätern suchen. Er war 48er, emigrierte nach Amerika, wo er Politiker wurde. Frauke Steffens erzählt in der FAZ, wie nun auch dieses Denkmal gestürzt wird - und verweist dabei auf einen Aufsatz und ein Buch des deutschen Historikers Julius Wilm. Schurz, so stellt sich heraus, gehörte zu den Politikern, die die "Reconstruction-Ära", die zeitweilige Gleichberechtigung der Schwarzen nach dem Bürgerkrieg, tatkräftig beenden halfen - er stimmte 1890 etwa gegen die Wiedereinführung des Wahlrechts für schwarze Männer. Und er betrieb eine brutal-paternalistische Poltik gegenüber Natives. Werden damit heutige moralische Maßstäbe an die Vergangenheit angelegt? "Das Argument der 'modernen moralischen Maßstäbe' an dieser Politik verliere an Überzeugungskraft, sobald man zeitgenössische Kritik an Schurz' Politik zur Kenntnis nehme, sagt Wilm. So habe es eine stärker universalistisch orientierte Debatte schon zu dessen Lebzeiten gegeben. Gerade die zeitgenössischen Gegenstimmen von Afroamerikanern und Indigenen würden aber in Deutschland so gut wie nicht rezipiert. Hier gebe man sich immer noch gern damit zufrieden, auf die lobenden Äußerungen von Abolitionisten wie Douglass zu verweisen - die stammten aber aus der Zeit vor Schurz' inhaltlichem Wandel."

Ebenfalls in der FAZ vergleicht der Historiker Hans Günter Hockerts die Sozialstaatsmodelle von DDR und Bundesrepublik.
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Europa

Gareth Joswig berichtet für die taz von Björn Höckes Wahlkampf in Thüringen. Innerparteilich scheint er ein wenig angeschlagen zu sein, wie neulich schon die Welt berichtete (unser Resümee), aber das heißt nicht, dass er nicht populär ist. Der Wahlkampf läuft jedenfalls: "Wie wenig harmlos diese Melange von (ost)deutscher Identität in der Mischung mit extrem rechter Ideologie ist, belegt ein weiteres AfD-Wahlplakat. Auf dem posiert Höcke auf einem DDR-Moped der bis heute abgekulteten Marke Simson zum Slogan 'Ja zur Jugend!' Das Motiv zielt passgenau auf jene eher jugendlich und ostdeutsch geprägte Mopedszene, von denen Teile kürzlich ein Simson-Treffen bei Hitlergrüßen und mit Mordaufrufen gegen Schwarze unter einer großen AfD-Fahne feierten."

Rechtsextreme Gruppen toben auf Britanniens Straßen. Anlass ist ein Messermord, ein junger Mann ruandischer Herkunft hatte drei Mädchen, die an einem Taylor-Swift-Tanzkurs teilgenommen hatten, umgebracht. Der Extremismusforscher Matthew Feldman scheint die Ausschreitungen im Gespräch Daniel Zylbersztajn-Lewandowski von der taz noch nicht ganz ernstnehmen zu können: "Was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, ähnelt eher einem Karneval: Man geht einfach hin und guckt zu, und vielleicht vermummt man sein Gesicht und macht ein bisschen mit, nicht weil man gegen Schwarze oder Muslime ist, sondern weil es Samstag ist und man Bier trinken kann und es interessanter ist als Fußball."

Gut 100.000 Tote hat die russische Gesellschaft durch den Ukraine-Krieg zu beklagen, der Staat sagt den Hinterbliebenen bis zu 14 Millionen Rubel Unterstützung zu, erklären die Russlandexperten Thomas Lattanzio und Harry Stevens in der NZZ. Das würde den russischen Haushalt langfristig sprengen. "Insgesamt zeigen die verfügbaren Zahlen die enorme Belastung, die der Krieg in der Ukraine für Russland bedeuten wird, wenn die Waffen ruhen. Die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen, die Versorgung körperlich verwundeter Soldaten und die Unterstützung ihrer Familien werden in den kommenden Jahrzehnten einen wichtigen Haushaltsposten darstellen und könnten zu einer politischen Schwachstelle für den Kreml werden, wenn er die Erwartungen der Veteranen und ihrer Familien nicht zu befriedigen vermag. Langfristig werden die gestiegenen Ausgaben in Verbindung mit instabilen Einnahmen den russischen Staat zu schwierigen Entscheidungen zwingen."

Die Proteste gegen die georgische Regierung, die mit ihrer Kreml-Nähe die Aussicht auf einen EU-Beitritt verspielt, gehen weiter. Im Standard-Interview mit Tigran Petrosyan spricht die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili über den Boykott gegen staatliche Wettbewerbe. "Jeder muss sich im Rahmen seiner Mittel aktiv gegen den russischen Einfluss stellen, und ein klares 'Nein' signalisieren - ob auf der Straße, in der Kunst oder in den Medien. Es muss nun alles boykottiert werden, was mit dem georgischen Staat im Zusammenhang steht. Das machen Kulturschaffende bereits, zum Beispiel das Schriftstellerhaus und das National Film Center in Tbilisi. Fast alle professionellen Kulturschaffenden, Regisseure sowie bekannte Autor:innen nehmen nicht mehr an staatlichen Literaturwettbewerben oder Kulturfestivals teil. Schriftsteller:innen weigern sich, das Land auf der Frankfurter Buchmesse zu repräsentieren. Ich schließe mich diesem Boykott an: Er demaskiert die Regierung, die dadurch an Autorität verliert."
Archiv: Europa