9punkt - Die Debattenrundschau
Glorreiche Vergangenheit oder strahlende Zukunft
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Europa
Ein russischer Angriff auf Europa wird immer wahrscheinlicher, meint die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Und zwar nicht, weil Russland stärker wird, sondern im Gegenteil, weil die Lage für Putin angesichts ukrainischer Drohnen, eines sich hinziehenden Krieges und europäischer Unterstützung für die Ukraine immer kritischer wird: "Genau hier liegt der Ursprung für eine mögliche russische Motivation, Angriffe auf Europa zu wagen. Russland könnte sich von einer solchen horizontalen Eskalation erhoffen, dass sie die Europäer derart schockiert, dass die Unterstützung für die Ukraine unter den Tisch fällt - weil materielle Kapazitäten dann anderweitig gefordert würden, weil der notwendige politische Rückhalt bröckeln würde, oder beides. Um diesen Effekt zu erreichen, bleibt Russland nur die Ausweitung des Konflikts direkt auf Europa. In den vergangenen Jahren hat es bereits punktuell an anderen Schauplätzen gestichelt, um die Kosten für den Westen zu erhöhen: etwa durch die Weitergabe von Zielkoordinaten für Attacken der Huthi-Miliz auf westliche Tanker im Roten Meer oder durch die Unterstützung für die europafeindlichen Militärjuntas in der Sahelzone."

Russland praktiziert eine Art Todeskult, wenn es um seine gefallenen Soldaten geht, wie Friedrich Schmidt in der FAS anhand einer eindrücklichen Szene schildert. Zum "Tag des Sieges" von 1945 fand in der sibirischen Stadt Kemerowo ein Marsch des sogenannten "Unsterblichen Regiments" statt. Das Gedenken an die im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallenen Soldaten wird hier mit aktueller Kriegspropaganda verbunden. Aber sogar den Russen war zu viel, was sich hier abspielte, weshalb, wie Schmidt erklärt, folgende Szene im Nachhinein aus der Fernseh-Übertragung herausgeschnitten wurde: "In sozialen Medien kursiert, wie die im Livestream gesendete Szene weiterging. Die Frau fügt mit einem Blick auf das Porträt in ihren Händen mit trauriger, bitterer Stimme hinzu: 'Das ist mein Sohn, spurlos verschwunden.' So lautet die russische Formel für Soldaten, die im Krieg verschollen sind. Die Reporterin guckt kurz auf das Bild, folgert dann: 'Also, das heißt, für Sie ist das heute ein doppelter Festtag.' Die Frau nickt zweimal kurz, sagt nichts. 'Nun, ich beglückwünsche Sie zum Festtag, zum Tag des Sieges, einen schönen Tag heute für Sie', sagt die Reporterin, lächelt, dreht sich weg."
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Medien
Gesellschaft

Wenn die Politik wirkt, als hätte sie keine Zukunftsvisionen, spielt das rechten Populisten in die Hände, konstatiert der Ökonom und Politologe Philipp Lepenies im SZ-Interview: "Es gibt einen aktuellen Handlungszwang, weil vieles liegengeblieben ist. Aber das ist eben Politik - sie unterliegt immer einer Budgetrestriktion. Es ist nie genug Geld für alles und für alle da. Entscheidend aber ist, dass man gerade in einer solchen schwierigen Lage in der politischen Kommunikation eine Zukunftsidee der sozialen Fairness entwirft, nicht nur defensiv agiert. Wenn ich merke: Ich kann mir zwar dieses oder jenes nicht mehr so leisten wie früher, weil der Staat nicht anders kann - aber er bemüht sich ernsthaft um Gerechtigkeit und benennt klar offensichtliche Fehlentwicklungen und Probleme, dann fällt es mir leichter, mein Vertrauen in das System aufrechtzuerhalten."



