9punkt - Die Debattenrundschau

Glorreiche Vergangenheit oder strahlende Zukunft

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2026. Putin steht mit dem Rücken zur Wand - das macht ihn noch gefährlicher für Europa, warnt die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Die Deutschen müssen ihre Idee von Frieden überdenken, fordert der Historiker Eckart Conze in der FAZ. Die ökonomische Lage in Deutschland ist bei Weitem nicht so schlecht, wie oft behauptet wird, erklärt der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff im FR-Gespräch. In der FAZ ärgert sich die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über marode deutsche Universitäten: Wenn der Staat "Orte des Wissens" verfallen lässt, ist das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.05.2026 finden Sie hier

Europa

Ein russischer Angriff auf Europa wird immer wahrscheinlicher, meint die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Und zwar nicht, weil Russland stärker wird, sondern im Gegenteil, weil die Lage für Putin angesichts ukrainischer Drohnen, eines sich hinziehenden Krieges und europäischer Unterstützung für die Ukraine immer kritischer wird: "Genau hier liegt der Ursprung für eine mögliche russische Motivation, Angriffe auf Europa zu wagen. Russland könnte sich von einer solchen horizontalen Eskalation erhoffen, dass sie die Europäer derart schockiert, dass die Unterstützung für die Ukraine unter den Tisch fällt - weil materielle Kapazitäten dann anderweitig gefordert würden, weil der notwendige politische Rückhalt bröckeln würde, oder beides. Um diesen Effekt zu erreichen, bleibt Russland nur die Ausweitung des Konflikts direkt auf Europa. In den vergangenen Jahren hat es bereits punktuell an anderen Schauplätzen gestichelt, um die Kosten für den Westen zu erhöhen: etwa durch die Weitergabe von Zielkoordinaten für Attacken der Huthi-Miliz auf westliche Tanker im Roten Meer oder durch die Unterstützung für die europafeindlichen Militärjuntas in der Sahelzone."

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Der Historiker Eckart Conze hat ein Buch über die Rolle Deutschlands in der Globalgeschichte seit dem Westfälischen Frieden 1648 geschrieben. Im FAZ-Interview mit Jannis Koltermann erklärt er, dass ein "national-populistischer Pazifismus", wie ihn die AfD propagiert, gefährlich ist, und die Deutschen allgemein ihre Vorstellung von "Frieden" überdenken sollten: "Ich glaube, dass wir ein positiveres Verhältnis zur eigenen Verteidigungsfähigkeit brauchen, als Teil unserer historisch gewachsenen Friedenskultur, nicht als deren Überwindung. Das Friedensgebot des Grundgesetzes gilt weiter. Die Deutschen sollten jedoch verstehen, dass ein nachhaltiger Frieden angesichts externer Aggressoren wehrhaft und bewaffnet sein muss. Dafür müssen wir aber nicht an die in vielerlei Hinsicht problematische Tradition von vor 1945 anknüpfen. Im Kalten Krieg haben wir Frieden und Bewaffnung ja schon einmal zusammengedacht - unter dem Begriff der Sicherheit. Als Wehrpflichtiger in den Achtzigern habe ich mich keineswegs als Fremdkörper in der Gesellschaft, sondern - in heutiger Sprache - wertgeschätzt gefühlt. So sollte es wieder sein."


Russland praktiziert eine Art Todeskult, wenn es um seine gefallenen Soldaten geht, wie Friedrich Schmidt in der FAS anhand einer eindrücklichen Szene schildert. Zum "Tag des Sieges" von 1945 fand in der sibirischen Stadt Kemerowo ein Marsch des sogenannten "Unsterblichen Regiments" statt. Das Gedenken an die im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallenen Soldaten wird hier mit aktueller Kriegspropaganda verbunden. Aber sogar den Russen war zu viel, was sich hier abspielte, weshalb, wie Schmidt erklärt, folgende Szene im Nachhinein aus der Fernseh-Übertragung herausgeschnitten wurde: "In sozialen Medien kursiert, wie die im Livestream gesendete Szene weiterging. Die Frau fügt mit einem Blick auf das Porträt in ihren Händen mit trauriger, bitterer Stimme hinzu: 'Das ist mein Sohn, spurlos verschwunden.' So lautet die russische Formel für Soldaten, die im Krieg verschollen sind. Die Reporterin guckt kurz auf das Bild, folgert dann: 'Also, das heißt, für Sie ist das heute ein doppelter Festtag.' Die Frau nickt zweimal kurz, sagt nichts. 'Nun, ich beglückwünsche Sie zum Festtag, zum Tag des Sieges, einen schönen Tag heute für Sie', sagt die Reporterin, lächelt, dreht sich weg."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

"Wer die Orte des Wissens verfallen lässt, beschädigt auf Dauer nicht nur Gebäude", warnt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in der FAZ auch mit Blick auf den katastrophalen baulichen Zustand der TU Berlin, an der sie lehrt. Es geht um mehr als kaputte Böden oder defekte Toiletten: "Demokratien verteidigen ihre Universitäten nicht erst dann, wenn diese politisch angegriffen werden. Sie tun es auch, indem sie für ihre Räume Sorge tragen. Institutionen werden selten plötzlich schwach. Ihre Verwundbarkeit beginnt meist lange bevor sie offen sichtbar wird. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Gefahr der gegenwärtigen Situation. Nicht in einzelnen kaputten Toiletten oder Löchern im Linoleum. Sondern darin, dass sich eine Gesellschaft schleichend daran gewöhnt, dass selbst jene Orte, an die Jahr für Jahr Hunderttausende junge Menschen zum Lernen, Forschen und Erwachsenwerden aufbrechen, nur noch dank persönlicher Einsatzbereitschaft, täglicher Improvisation und enormer individueller Verantwortungsübernahme funktionieren."
Archiv: Kulturpolitik
Stichwörter: Tu Berlin, Savoy, Benedicte

Medien

Nicholas Kristofs Artikel über die angebliche "systematische" sexuelle Gewalt in israelischen Gefängnissen (unsere Resümees) wächst sich zum Problem für die New York Times aus. Die Vorwürfe sind so schwerwiegend, und die Belege, die Kristof dafür anführt so lückenhaft oder kommen aus so Hamas-nahen Quellen, dass die New York Times wesentlich intensiver hätte recherchieren müssen, meint Nicholas Potter in der taz. Doch "schon die Form des Textes ist hier fehl am Platz. Das Thema ist zu wichtig, zu heikel, zu gravierend für einen Meinungsbeitrag von einem einzigen Meinungskolumnisten. In US-amerikanischen Redaktionen sind das Meinungsressort und die Nachrichtenredaktion streng getrennt. Und Meinungstexte sind eben von der Meinungsfreiheit geschützt und unterliegen niedrigeren Fact-Checking-Hürden als journalistische Berichte. Man fragt sich: Warum hat das Jerusalemer Büro oder das Investigativressort der Zeitung nicht zu den Vorwürfen recherchiert? Und werden sie das jetzt tun?"
Archiv: Medien
Stichwörter: New York Times

Gesellschaft

Buch in der Debatte

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"Für die Vorstellung, Deutschland werde verarmen oder unter das Niveau von Entwicklungsländern fallen, sehe ich keinerlei Indizien", hält der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff den "Propheten des Untergangs" im FR-Interview entgegen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sei keineswegs so schlecht wie oft behauptet, meint Berghoff, der ein Buch über die Wirtschaftsgeschichte der BRD geschrieben hat. Reformen sind aber trotz allem notwendig, hier empfiehlt er beispielsweise beim Sozialstaat genau hinzuschauen: "Deutschland hat im internationalen Vergleich ein sehr hohes Versorgungsniveau. Der Sozialstaat hat hier Verfassungsrang. Das halte ich für positiv: Menschen, die in Not geraten, erhalten staatlichen Schutz. Aber wir wissen zugleich, dass die demografische Entwicklung und die steigenden Kosten dieses Leistungsniveau langfristig nicht mehr finanzierbar machen. Ein weiteres Problem ist es, dass viele Leistungen nicht zielgenau sind. Warum müssen Millionäre Kindergeld oder Pflegegeld bekommen? Viele Leistungen werden mit der Gießkanne verteilt. Würde man stärker auf diejenigen zielen, die Hilfe wirklich brauchen, ließe sich viel Geld sparen."

Wenn die Politik wirkt, als hätte sie keine Zukunftsvisionen, spielt das rechten Populisten in die Hände, konstatiert der Ökonom und Politologe Philipp Lepenies im SZ-Interview: "Es gibt einen aktuellen Handlungszwang, weil vieles liegengeblieben ist. Aber das ist eben Politik - sie unterliegt immer einer Budgetrestriktion. Es ist nie genug Geld für alles und für alle da. Entscheidend aber ist, dass man gerade in einer solchen schwierigen Lage in der politischen Kommunikation eine Zukunftsidee der sozialen Fairness entwirft, nicht nur defensiv agiert. Wenn ich merke: Ich kann mir zwar dieses oder jenes nicht mehr so leisten wie früher, weil der Staat nicht anders kann - aber er bemüht sich ernsthaft um Gerechtigkeit und benennt klar offensichtliche Fehlentwicklungen und Probleme, dann fällt es mir leichter, mein Vertrauen in das System aufrechtzuerhalten."
Archiv: Gesellschaft

Internet

Wird die Trump Regierung tatsächlich vermehrt neue KI-Technologien kontrollieren? Zumindest wurde es nach dem Fall "Claude", einer neuen, anscheinend hochgefährlichen KI der Firma Anthropic, so angekündigt (unser Resümee). Schwer vorstellbar, dass der Staat hier den Tech-Giganten tatsächlich Kontrolle aufzwingen will, Claus Leggewie hält das in der taz trotzdem nicht für unwahrscheinlich: "Auch wenn das gemeinsame Ziel die Abwicklung der liberalen Demokratie bleibt, können sich jetzt - altmodisch gesagt - Kapitalfraktionen in die Wolle kriegen. Protektionisten gegen Freihändler, Libertäre gegen Etatisten, Ölextraktivisten gegen Quantum-Elektroniker, populistische Somewheres versus elitäre Anywheres, glorreiche Vergangenheit oder strahlende Zukunft, pro und kontra Migration, Common Sense gegen posthumane Intelligenz. Es geht letztlich beiden um Renditen, und auch da stört ein 'Claude', der Finanztransaktionen durcheinanderbringt. Und im geopolitisch auf Freund-Feind-Verhältnisse getrimmten Konkurrenzkampf ist auch ein Kriegsminister wie Pete Hegseth irritiert, wenn dieser 'Claude' dem Feind Sicherheitslücken im Pentagon offenlegt. Jedenfalls in seiner hobbesianischen Variante ist der Staat noch nicht vergangen. Letzte Hoffnung Trump? Er wird wohl auch das vermasseln und dem KI-Kartell die Selbstregulierung überlassen."
Archiv: Internet

Religion

Die Segnung für gleichgeschlechtliche Ehen wird im Vatikan eher nicht so gern gesehen: deutsche Bischöfe hatten ein Papier für Segensfeiern eröffnet, das vom Papst kritisiert wurde. Der Theologe Jochen Sautermeister erklärt in der SZ, worum es bei dem Streit eigentlich geht: "Zum ersten Mal überhaupt hat Rom die pastorale Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, offiziell erlaubt." Aber: "Der Segen darf keinesfalls mit dem Sakrament der Ehe verwechselt werden oder eine liturgische Feier sein. Deshalb darf es keinen förmlichen Segensritus geben. Der Segen soll vielmehr in Spontaneität und Freiheit erfolgen."
Archiv: Religion