Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2026. "Und als all das vorbei war und diese Verbrecher immer noch nicht genug hatten, zerstörten sie den Frauen das Gesicht." Die Sunday Times resümiert nochmal den Bericht der "Civil Commission" zur sexuellen Gewalt am 7. Oktober. In der TU Berlin war Wasser im Keller und bedrohte die Elektrik. Hat wohl keiner gemerkt. Und die Herrentoiletten zwischen dem zweiten und dem achten Stock gingen auch nicht: Kein Wunder dass die TU jetzt geschlossen ist, so die SZ. Und der Deutschen Bahn geht's auch nicht besonders, diagnostiziert Andreas Maier in der FAZ. Die Piusbrüder werden immer mehr, so die FAZ. Ob Exkommunikation hilft?
Vor einigen Tagen erschien der von der "Civil Commission on October 7 Crimes by Hamas against Women and Children" ausgearbeitete Bericht über die systematische sexuelle Gewalt am 7. Oktober, der von den Medien eher routiniert aufgenommen wurde. Der Bericht wurde über zweieinhalb Jahre lang minuziös recherchiert - hier ist er nachzulesen. Camilla Long fasst in der Sunday Times noch mal zusammen. "In jedem Absatz finden sich Schilderungen, wie Frauen ausgezogen, vergewaltigt und anschließend getötet wurden. Manchmal wurden sie, nachdem sie getötet wurden, erneut vergewaltigt. Sie wurden verstümmelt: Eine Zeugin des Nova-Musikfestivals berichtete, sie habe gesehen, wie Hamas-Kämpfer einer Frau die Brust abschnitten, während sie sie missbrauchten. Sie warfen sie in den Dreck und spielten dann damit. Anschließend wurde ihr in den Kopf geschossen, während sie noch vergewaltigt wurde. Auf einer Militärbasis schoss man Soldatinnen 'in den Schritt, in die Intimzone, in die Vagina'. Und als all das vorbei war und diese Verbrecher immer noch nicht genug hatten, zerstörten sie den Frauen das Gesicht. 'Oft wurden diesen schönen jungen Frauen in die Augen geschossen', sagte eine Frau, Sharon Laufer, die dabei half, die Leichen für die Beerdigung vorzubereiten."
Am Beispiel USA kann man miterleben, wie eine Supermacht Selbstmord begeht, meint Timothy Snyder in der SZ. Durch seine egoistische und kapitalorientierte Politik stürzt Trump den Staat in den Abgrund, auch außenpolitisch: "Der Krieg gegen Iran ist eine klare strategische Niederlage; soweit die USA überhaupt Ziele hatten, wurden diese nicht erreicht. Trumps Politik hat dazu geführt, dass mehr angereichertes Uran in den Händen eines noch radikaleren iranischen Regimes verbleibt, das über neue Quellen wirtschaftlicher Macht verfügt (Kontrolle der Straße von Hormus; Einschüchterung der Golfstaaten), und hat es den USA praktisch unmöglich gemacht, Einfluss auf die iranische Gesellschaft zu nehmen."
Die Deutsche Bahn ist ein Indikator, schreibt Andreas Maier (letzter Roman "Der Teufel") in der FAZ, denn sie zeigt uns "was einmal war, was wir einstmals waren, wie wir uns selbst unter den Händen zu zerrinnen begannen, wie wir noch eine Zeit flüchtig nach unserem eigenen Selbst haschten, weil es uns schier unglaublich schien, uns auf diese Weise zu verlieren". Leider ergeht er sich danach in Nostalgie und vermisst die Zeiten, als die Fahrkarten noch aus bräunlicher Pappe waren und man das Fenster öffnete, um den Kohlenduft zu schnuppern.
Am Samstag klagte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über den maroden Zustand ihrer Universität, der TU Berlin (FAZ). Heute fasst Meredith Haaf in der SZ die Lage an der TU zusammen, die ziemlich absurd klingt: "Am Freitag, dem 8. Mai, gab das Präsidium nachmittags bekannt, dass aufgrund einer behördlichen Anordnung das Hauptgebäude wegen erheblicher baulicher Mängel geschlossen werde. Sofort. Es geht um Wasser im Keller, wo sich wiederum brandschutzrelevante Elektrik befindet. Hat offenbar seit Jahren niemand bemerkt, aber am Freitag musste dann alles ganz schnell gehen. Nur: 'Seit Ostern wussten die, dass das kommen könnte', sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter vor dem H-Gebäude. Ist ja nicht so, als hätte es keine Zeichen gegeben: Seit vier Jahren sind zum Beispiel die Herrentoiletten zwischen dem zweiten und dem achten Stock außer Betrieb." Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra "warf der Hochschule erst mal öffentlich vor, den Sanierungsstau selbst verschuldet zu haben und ließ dabei unter den Tisch fallen, dass die TU viele nötige Maßnahmen gar nicht hätte bezahlen können - oder dürfen."
Für die NZZ fasst Marc Neumann den Skandal um einen in der New York Times erschienenen Artikel des Kolumnisten Nicholas Kristof über angebliche Folter in israelischen Gefängnissen zusammen (unsere Resümees): "Kristof beruft sich bei seinen Schilderungen mehrfach auf die NGO Euro-Med Human Rights Monitor. In Genf niedergelassen und vom in Gaza geborenen Aktivisten Ramy Abdu gegründet, wird die Organisation von Israel bezichtigt, mit der Hamas verbunden zu sein. Sie hat unter anderem unbestätigte Vorwürfe über Organraub und Massenexekutionen von Palästinensern gegen Israel erhoben, die zu abwegig waren, um in weiten Teilen der Presse ernst genommen zu werden. Die Quellenlage ist also dünn. Zur Empörung beigetragen haben dürfte das kaum zufällige Timing des Kristof-Artikels." Siehe oben!
Bestellen Sie bei eichendorff21!In ihrem Buch "Dekonstructing the Kardashians" analysiert die Autorin MJ Corey den Erfolg der Familie Kardashian, bekannt aus Reality-TV und Sozialen Medien, mit der Medientheorie von Jean Baudrillard, wie sie im Zeit Online-Interview erklärt. Klingt komisch, macht aber Sinn. Baudrillard stellte nämlich fest, so Corey, dass sich in der postmodernen Kultur nicht mehr zwischen Realität und Nachahmung unterscheiden lässt: "Die Kardashians gewähren uns Einblick in ihr Leben, in den sozialen Medien und im Reality-TV, indem sie ein Bild von Authentizität vermitteln. Doch alles in ihrer Welt ist ein Verweis - auf ihr Selbstverständnis als Reality-Stars, auf amerikanische Geschichte, auf den Glamour vergangener Dekaden, Popkultur und Politik." Wir "leben in einer Hyperrealität, in der wir die Welt durch Bilder und Slogans begreifen und eher über Darstellungen als über die Realität miteinander in Beziehung treten. Das beste Zitat dazu hat Kim einmal selbst geliefert. In einem Videointerview mit dem Vogue-Magazin führt sie durch ihr Haus und sagt: 'Wir bleiben immer authentisch, und es gibt eigentlich keine echten Situationen.'"
Die Piusbrüder, gegründet einst vom erzfundamentalistischen Bischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), der die Messe lieber auf Latein und mit umstrittenen Passagen und dem Rücken zum Publikum lesen wollte, sind weiter unartig. Papst Leo XIV. ist inkonziliant, erzählt Matthias Rüb in der FAZ, und droht den verbliebenen Bischöfen der Brüder mit Exkommunikation. Von der Gruppe geht eine Gefahr aus: "Trotz - oder womöglich wegen - des Streits mit dem Vatikan ist die Piusbruderschaft in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über 733 Priester, 264 Seminaristen und 145 Ordensbrüder. Hinzu kommen 250 Ordensschwestern und 88 Oblatinnen, aus insgesamt 50 Nationen. Einen besonderen Wachstumsschub an Gläubigen und Mitgliedern erfuhr die Gemeinschaft während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie. Denn anders als die Amtskirche schlossen sich die Piusbrüder nicht den staatlichen Lockdown-Maßnahmen an."
Die russische Menschenrechtskämpferin Nina Litwinowa kam aus der sowjetischen Aristokratie, ihr Großvater Großvater Maxim Litwinow war in den Dreißigern Außenminister. Sie setzte sich für politische Gefangene ein, auch für solche, die gegen Putins Ukraine-Krieg aufgestanden waren. "Am 12. Mai hat Nina Litwinowa, inzwischen 80, ihren Kampf gegen Krieg und Repressionen aufgegeben und ihrem Leben ein Ende gesetzt", berichtetBernhard Clasen in der taz. "'Ich muss gehen', schrieb sie in einem von ihrer Cousine Mascha Slonim veröffentlichten Abschiedsbrief. 'Ich kann das Leben nicht mehr ertragen, seitdem Putin die Ukraine überfallen hat, unschuldige Menschen tötet und ständig Tausende einsperrt, die gequält und getötet werden, dafür, dass sie genauso wie ich gegen den Krieg und das Töten sind.' Sie habe versucht, diesen Menschen zu helfen, schreibt sie weiter. 'Ich bin am Ende meiner Kräfte. Tag und Nacht quält mich meine Hilflosigkeit. Ich schäme mich, ich gebe auf, verzeiht mir bitte.'"
Zwei große Demos prägten an diesem Wochenende London, über die Daniel Zylbersztajn-Lewandowski in der tazberichtet. Nummer 1 gegen Israel: "Die Veranstalter nannten für die Palästina-Demonstration 250.000 Teilnehmer, andere hielten die Zahl für geringer. Gruppen skandierten die umstrittene Parole 'From the River to the Sea', an einem Verkaufsstand wurden T-Shirts mit dem roten Hamas-Dreieck angeboten. Es gab Genozidvorwürfe gegen Israel, Beschreibungen Israels als Terrorstaat und Netanjahus als Satan. Linke, Gewerkschaftsmitglieder, Mitglieder von Greenpeace und den Grünen sowie Antifaschisten, die gegen Tommy Robinson Parolen riefen, liefen neben stark konservativ auftretenden Personen, darunter muslimische Frauen in Vollverschleierung." Nummer 2 war ein rechter Aufmarsch: "Tommy Robinson, der im September noch 150.000 Menschen im Zentrum Londons zusammengebracht hatte, konnte diesmal weniger als die Hälfte mobilisieren. Zahlreichen Rechtsextremen aus dem Ausland war vorab die Einreise nach Großbritannien verboten worden."
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