Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2026. Eva Illouz analysiert in einem Essay für Le Grand continent den Epstein-Skandal: Epstein ist für sie keine "Perversion", sondern er "verkörperte das Paradigma des Erfolgs im globalisierten Finanzkapitalismus". In Zeit online benennt die Osteuropahistorikerin Tanja Penter Lücken der deutschen Erinnerungskultur im Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Polen hat trotz der inzwischen liberalen Regierung immer noch die schärfsten Abtreibungsgesetze Europas - europäische Netzwerke und Initivativen verbessern laut taz die Lage. Die taz fragt auch, ob man Ungarn nicht einfach aus der EU rausschmeißen sollte - die Antwort ist Nein.
Für Eva Illouz wirft die Epstein-Affäre ein Schlaglicht darauf, wie globalisierte Eliten heute funktionieren. "Jeffrey Epstein war keine 'Perversion', er verkörperte das Paradigma des Erfolgs im globalisierten Finanzkapitalismus", schreibt sie in einem Essay für Le Grand Continent. Und dabei kommt es nicht drauf an, wer man öffentlich ist: "Der linke Linguist Noam Chomsky verkehrt mit dem Finanzhai Jeffrey Epstein oder dem Spin-Doctor der MAGA-Bewegung Steve Bannon, und das ist das wirklich Neue an der Epstein-Affäre: Sie zeigt, dass Chomsky und Bannon sich soziologisch näher stehen, als ihre Ideologie vermuten lässt." Epstein war dabei die Spinne im Netz, und in seinem Netzwerk "spielte Philanthropie eine Schlüsselrolle. Strategisch, präzise und im Zentrum seines Ökosystems nutzte Jeffrey Epstein sie, um sein Elite-Netzwerk aufzubauen und zu pflegen und gleichzeitig Zugang zu renommierten Institutionen, Wissenschaftlern, Intellektuellen und führenden Persönlichkeiten außerhalb der Finanzwelt zu erhalten." Über sein ebenfalls als Netzwerk organisierten sexuellen Missbrauch junger Frauen schreibt sie: "Epstein machte keinen Hehl daraus, wer er war. In seinem Herrenhaus in Manhattan stellte er eine Originalausgabe von Nabokovs 'Lolita' für alle Besucher gut sichtbar zur Schau. Und die meisten Mitglieder seines umfangreichen Netzwerks schienen über seine Verbrechen bestens informiert zu sein. Das hatte seinen Grund, denn bis vor kurzem wurde Missbrauch kaum verfolgt. Er galt vielmehr als Ausdruck männlicher Macht."
taz-Kolumnistin Isolde Charim beschreibt es ganz ähnlich. Ein Netzwerk, wie Epstein es geflochten hat, entstehe, "durch wechselseitige Gefälligkeiten. Durch Geben und Nehmen. So spinnt es sich immer weiter. Denn Netz bedeutet Verstrickung. Eingebunden ist man durch Intrigen, durch krumme Geschäfte, durch die Weitergabe von Insiderwissen (und da ist vom Mädchenhandel noch nicht einmal die Rede). So wird deutlich: Verstrickung heißt auch - nicht entkommen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Noch nie in der Geschichte war die Vermögenskonzentration so hoch wie heute, erklärt der Journalist Evan Osnos, der ein Buch über Superreiche geschrieben hat, im Welt-Interview. Auch der politische Einfluss der Milliardäre steigt weiter: "2004 spendeten Milliardäre rund 25 Millionen Dollar für Präsidentschaftswahlen in den USA. 2024 lagen ihre Beiträge bei über 3 Milliarden Dollar - eine Steigerung um ein Vielfaches. Damit verschiebt sich das Machtgefüge. Wir bewegen uns in Richtung einer 'sultanistischen' Oligarchie: einer Ordnung, in der extreme Vermögen nicht nur wirtschaftliche, sondern faktisch souveräne politische Macht verleihen."
Der Blogger U.M. nimmt einen Videopost des ehemaligen Labourchefs und Gründers einer neuen Linkspartei Jeremy Corbyn auseinander, der ungeniert eine antisemitische Blutlegende verbreitet: Der Direktor des Al Shifa-Krankenhauses in Gaza hätte ihn angerufen, so Corbyn. Die Israelische Armee hätte dem Krankenhaus Dutzende Boxen geliefert, und als er die Pakete aufmachte, hätte er darin die Köpfe von Palästinensern gefunden, auch Leichen von Frauen, denen die Israelis Organe entnommen hätten.
Everyone needs to listen to this.
Jeremy Corbyn talks about a message from the director of Al-Shifa Hospital in Gaza detailing a delivery of boxes to the hospital by the IDF.
What they contained is simply demonic - it's beyond comprehension.
U.M. dazu: "Wir sind, desensibilisiert durch die ständige pro-palästinensische Propaganda, tatsächlich und völlig unironisch wieder bei den antisemitischen Schauermärchen von vor hunderten Jahren angelangt... Eine simple, militärische Tatsache ist, dass die IDF sich im November vollständig aus dem Bereich zurückgezogen haben. Diese sogenannte 'gelbe Linie' war Teil der von den USA angestoßenen Waffenruhe. Dort befinden sich keine israelischen Soldaten mehr. Und die werden auch nicht zum Abliefern einiger imaginärer Leichenteile mit einem Konvoi mit mehreren LKW in einer Kampfzone, weit in das von der Hamas beherrschte Gebiet, fahren. Das Shifa Krankenhaus befindet sich nämlich fußläufig erreichbar am Hafen von Gaza-Stadt. Tief in dieser Zone."
Außerdem: Wenn Francesca Albanese, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten Gebiete Palästinas, Israel als "Feind der Menschheit" beziehungsweise als Lenker eines Systems bezeichnet, das Feind der Menschheit sei, greift sie das älteste antisemitische Klischee überhaupt auf, schreibt der Judaist Peter Schäfer in der FAZ, der die Quellen dieses Klischees bis ins alte Ägypten zurückverfolgen kann.
Im Zeit-Online-Gespräch mit Elisabeth von Thadden erklärt die OsteuropahistorikerinTanja Penter, die zur Geschichte des Donbass unter nationalsozialistischer Besatzung forscht und auch einen Podcast zum Thema macht, welche Lücken die deutsche Erinnerungskultur diesbezüglich aufweist: "In Deutschland dominierte die Vorstellung, dass man aufgrund der Kriegsschuld vor allem eine Verantwortung gegenüber Russland habe. Dabei waren es die Ukraine und Belarus, die vollständig von den Deutschen besetzt waren, dort fanden die Massenmorde statt: an Juden, an kranken und behinderten Menschen, an Roma. Und von dort wurde die Mehrzahl der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland verschleppt. Viele wissen um die NS-Verbrechen im französischen Oradour oder im tschechischen Lidice. Aber wer weiß schon vom Massaker in dem ukrainischen Ort Korjukiwka, wo bis zu 7.000 Zivilisten von deutschen Einsatzkommandos ermordet wurden?"
In der tazresümiert Uwe Rada die Diskussion über den Umgang mit sowjetischen Denkmalen in Berlin: Die Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk, das Ukrainische Institut sowie der ukrainische Verein Vitsche fordern eine Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur in Bezug auf das sowjetische Erbe, ein Abriss kommt aber im Moment nicht in Frage.
In Polen gelten trotz der inzwischen liberaleren Regierung immer noch die härtesten Regel für Abtreibung in ganz Europa. Laurie Stührenberg und Nikola Budzińska zeigen in der taz die Netzwerke, die sich in Nachbarländern gebildet haben und die polnischen (und anderen) Frauen helfen. Und es gibt Hoffnungszeichen: "Gegen die vielen Barrieren für ungewollt Schwangere hat sich europaweit Protest formiert: Die Bürgerinitiative 'My Voice, My Choice' fordert EU-weit sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, unabhängig von nationalen Gesetzen. Über eine Million Menschen unterstützen sie, und das Europäische Parlament signalisierte im Dezember 2025 mit klarer Mehrheit seine Zustimmung für einen freiwilligen Solidaritätsmechanismus mit finanzieller Hilfe für Abbrüche in anderen Staaten. Hilfe für Abbrüche in anderen Staaten - in Form einer politischen Entschließung, nicht eines Gesetzes. Nun ist die Kommission am Zug: Sie muss innerhalb von 6 Monaten, also bis Ende Februar, offiziell darlegen, welche Maßnahmen sie ergreifen will."
Ursula von der Leyen kam am Dienstag mit leeren Händen nach Kiew, berichtet Anastasia Zejneli in der taz: Ungarn und die Slowakei blockierten den geplanten EU-Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro und weitere Sanktionen gegenüber Russland. Sollte Staaten wie Ungarn das Stimmrecht entzogen werden? Das ist jedenfalls gar nicht so einfach, meint Zejneli: "Sollte ein Mitglied gegen die Grundrechte der EU verstoßen, können finanzielle Mittel aus EU-Töpfen eingefroren werden, im letzten Schritt kann dem Mitgliedsland das Stimmrecht entzogen werden. Vor allem Ungarn und Polen wurde vorgeworfen, den Rechtsstaat systematisch zu untergraben. Während das Verfahren gegen Polen im Mai 2024 eingestellt wurde, läuft seit 2018 ein weiteres Verfahren gegen Ungarn. Laut Angaben der Kommission handelt es sich um zurückgehaltene Gelder in Höhe von 19 Milliarden Euro. Dass es zu einem Stimmentzug für Ungarn kommt, ist unwahrscheinlich, da dieser einstimmig beschlossen werden muss und sich die Slowakei nicht gegen Ungarn stellen wird."
"Die Forderung so mancher EU-Abgeordneter für einen ungarischen Rauswurf ist ein Schnellschuss, der nach hinten losgehen würde", kommentiert ebenfalls in der taz Tanja Tricarico: "Abgesehen davon, dass zivilgesellschaftliche Gruppen in Ungarn, die dringend EU-Unterstützung brauchen, abgehängt würden. Will man die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union in irgendeiner Form noch retten, wäre dies auch in diesem Sinne eine fatale Entscheidung. Wie kann eine europäische Selbstbehauptung in diesen Zeiten also überhaupt noch aussehen? Die Antwort ist so einfach wie kompliziert: Wenn nicht alle EU-Staaten an einem Strang ziehen, müssen es eben einzelne Länder im Verbund tun. Dazu müsste man sich nur der Mechanismen bedienen, die es auf EU-Ebene schon gibt. Entscheidungen könnten demnach etwa mit qualifizierten Mehrheiten getroffen werden statt von allen Mitgliedern gemeinsam."
Philip Plickert, Wirtschaftskorrespondent der FAZ in London, kommt in der Jüdischen Allgemeinen auf den iranischen Unternehmer Ali Ansari zurück, der ein großes Immobilien-Portfolio besitzt - unter anderem zwei Hilton-Hotels in Frankfurt. Ansari steht den Revolutionsgarden und wohl auch Mojtaba Khamenei, dem Sohn des Ayatollah nahe. "Spätestens seit die EU die IRGC als Terrororganisation eingestuft hat, müsste sie auch ein kritisches Auge auf das Firmen- und Immobilienvermögen von Ali Ansari werfen. Nach Informationen der FAZ haben deutsche Nachrichtendienste damit angefangen. Doch bislang ist offiziell nichts geschehen. Weder Brüssel noch Berlin haben Sanktionen verhängt. Erstaunlich ist auch, wie gering das deutsche Medienecho auf die Enthüllungen zum Immobilien- und Hotelbesitz eines mutmaßlichen Finanziers der terroristischen Mullah-Regimes ist."