9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Wenn das keine intellektuelle Scheinheiligkeit ist

19.01.2024. In der SZ prangert eine desillusionierte Eva Illouz die Beschönigungen linker Autorinnen wie Judith Butler an. In Debatte um Migration und Klimawandel wird der Elefant im Raum meist beschwiegen, meint Daniele Dell'Agli im Perlentaucher: die Demografie. Miriam Rürup im Tagesspiegel und Ronen Steinke in der Jüdischen Allgemeinen plädieren für ein Verbot der AfD. In der Welt gratuliert Viktor Jerofejew dem "Pionier der kommunistischen Dummheit" Wladimir Iljitsch Lenin zum hundertsten Todestag.

Augenmaß und auch etwas Mut

18.01.2024. In der FAZ erinnert Alexander Estis Masha Gessen, Deborah Feldman und Susan Neiman daran, dass Gedenkkultur in erster Linie den Toten gilt und nicht der Erziehung der Lebenden. Die SZ freut sich über die Anti-AfD-Demos, auch der Soziologe Nils C. Kumkar, der die AfD darauf festnageln willl, dass man nicht ein bisschen rechtsextrem sein kann. Auch links tut sich was: Der Wokeismus hat seinen Peak überschritten, glaubt die Zeit. Weniger Antidiskriminierungsklauseln und mehr Mut zur Auseinandersetzung fordern der Tagesspiegel und die Philosophie-Professorin Maria-Sibylla Lotter im Interview mit der Zeit.

Die Substanz von Demokratie und Rechtsstaat

17.01.2024. Populismus ist "kein politischer Stil", mahnt der Historiker Christian Lotz in der FR, sondern erstarkt, wenn man gesellschaftliche Probleme ignoriert. In der Jüdischen Allgemeinen erzählt Alon Nimrodi, Vater einer Geisel, von hundert Tagen Hölle. Spon berichtet von einem hämischen Ratespiel der Hamas über die Überlebenschancen der israelischen Geiseln. Die Bauernproteste zeigen: man muss romantische Vorstellungen von der Landwirtschaft ablegen, fordern die Ruhrbarone. Warum sind alle überzeugt das Richtige zu tun, aber niemand ist zufrieden, fragt der Schriftsteller Etgar Keret in der SZ.

Das Aufmerksamkeitsprivileg

16.01.2024. "Er ist wieder da", ist die Überschrift zum FAZ-Essay von Dan Diner. Gemeint ist der Antisemitismus, besonders hässlich heute in seiner postkolonialen Form. In der NZZ erzählt Ernst Piper, wie zynisch die Briten vor der Gründung Israels Nahostpolitik machten. In der SZ blickt der Historiker Volker Weiß auf die Geschichte des Begriffs "Remigration". Mehrere Medien widmen sich dem bereits vermissten Hamburger Institut für Sozialforschung.

Postmoderne ohne Moderne

15.01.2024. In der FAZ beschreibt Irina Rastorgujewa die Post-Realität in Russland, an der auch die kommenden "Wahlen" nichts ändern werden. Außerdem meldet die FAZ die annoncierte Schließung des Hamburger Institut für Sozialforschung 2028. In der SZ fordert der Historiker Norbert Frei auch von der AfD eine Ethik des Erinnerns ein. In Südafrika droht der ANC wegen seiner Korruption erstmals die Wahlen zu verlieren, dafür konnte in Guatemala die Zivilgesellschaft ihren Präsidenten gegen eine korrupte Oberschicht erfolgreich verteidigen, berichtet die taz. Auf Spon fragt die Präsidentin des Goethe-Instituts, Carola Lentz, ob Kultur wirklich demokratiefördernd sein muss, um gefördert zu werden.

Mit Worten statt Waffen

13.01.2024. Die FAZ wirft den demokratischen Parteien vor, in Bezug auf Migrationspolitik ein ähnliches Programm wie die AfD zu vertreten. Der Iran will gar keinen Krieg mit Israel, glaubt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der FR. Fania Oz-Salzberger hat in der FAS derweil Hoffnung für die Zukunft der israelischen Protestbewegung, aber nicht für die von Netanjahu. Philipp Peyman Engel wirft den deutschen Medien in der NZZ ihr jahrelanges Schweigen über Antisemitismus vor.

Der sogenannte Binnenkonsens

12.01.2024. Die SZ denkt nach den neuesten Enthüllungen nochmal über ein AfD-Verbot nach. Wie antisemitisch müssen Feministinnen sein, die die Verbrechen der Hamas an Israelinnen leugnen, fragt Deborah Lipstadt im Guardian. Ein Bekenntnis gegen Antisemitismus, wie es in der Berliner Antidiskriminierungsklausel gefordert wird, könnte zur Provinzialisierung der deutschen Kulturszene führen, fürchtet die SZ. Bernd Stegemann ist kein Linker mehr, bekennt er in der Welt. Und: FAZ und taz begrüßen das Ende des Placebo-Effekts auf Krankenschein.

Verdächtig zugespitzt

11.01.2024. Correctiv zeigt auf, dass die AfD noch extremer rechts ist als sie selber zugibt. taz und Zeit werfen unterschiedliche Blicke auf die Antidiskriminierungsklausel des Berliner Kultursenators Joe Chialo, die eine kontra, die andere pro. Inzwischen kursiert gar ein "Strike Germany"-Aufruf, der wegen mangelnden israelbezogenen Antisemitismus' Deutschland boykottieren will. SZ und FAZ fragen, ob die postkoloniale Linke tatsächlich so dumm ist oder hier nur persifliert wird. Die SZ zeigt, welche Auswirkungen KI schon jetzt auf die Filmbranche hat.

Keine evangelischen Biker

10.01.2024. Die Palästinenser in Gaza erleben eine zweite Nakba, sagt der Historiker Tom Segev im FR-Gespräch, in dem er ein sofortiges Ende des Krieges fordert. Die Kultur ist ein Teil des Antisemitismusproblems, konstatiert DHM-Chef Raphael Gross in der Berliner Zeitung. Der Tagesspiegel resümiert indes die Kritik am Vorschlag der CDU, die Antidiskriminierungsklausel auch auf die Wissenschaft auszuweiten. In der Welt glaubt Henryk Broder nicht an härtere Strafen für antisemitische Straftaten.

Hohes Maß an inhaltlichen Gemeinsamkeiten

09.01.2024. Im Tagesspiegel fordert Francis Fukuyama Waffenstillstand in Nahost. In der Welt widerspricht Michael Wolffsohn seinem Kollegen Moshe Zimmermann, der in Haaretz behauptet hatte, die "zionistische Lösung" sei gescheitert. Die Zweistaatenlösung dient nur dem Nationalismus, glaubt in der SZ der israelische Schriftsteller Tomer Dotan-Dreyfus. Ebenfalls in der SZ fordert Ronen Steinke Anklagen aus Den Haag sowohl gegen den Militärführer der Hamas als auch gegen "Hetzer" im Kabinett Netanjahus. In der taz ermuntert der Sozialwissenschaftler David Begrich zum Kampf gegen die AfD.