9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Kultur der kalten Augen

23.12.2023. Wenn es je einen "deep state" gab, dann den der Hamas im Gazastreifen, sagt Herta Müller in der NZZ. Und die Hamas brauche das Elend der Palästinenser, um existieren zu können. Die New York Times kritisiert die israelische Kriegsführung mit massiven Bomben in Wohngebieten. Der Spiegel sieht mehr Zerstörung als in Deutschland im Zweiten Weltkrieg - nur die Ruhrbarone bestreiten das. Marcel Beyer protestiert in der FAS gegen die deutsche Empathielosigkeit mit Blick auf Ukraine und Israel.

Denn Deutschland galt als Ruheraum

22.12.2023. In der NZZ erklärt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, warum die Palästinenser in arabischen Ländern kaum noch Rückhalt haben. Die Hamas-Teroristen richteten ihr Blutbad auch an, weil sie "keine Ausbildung, keinen Beruf, keine Perspektive" hatten, meint Christoph Heusgen in der FR. Was treibt die Hamas eigentlich so in Deutschland, fragt die FAZ. Viele linke jüdische Studenten in den USA machen jetzt eine Erfahrung, die auch Generationen vor ihnen kannten: Man ist selbst solidarisch mit linken Anliegen, aber wenn's drauf ankommt, ist keiner solidarisch mit ihnen. FAZ und taz erzählen, wie mühsam die Rückgewinnung des Rechtsstaats in Polen werden wird.

Entscheide dich weiterzuleben

21.12.2023. In der SZ erzählt die Psychologin Ayelet Gundar-Goshen, wie sie Überlebenden des 7. Oktober hilft. Die taz blickt auf die Wahlerfolge des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić zurück - für die EU ist das Land verloren. Die SZ fordert die Mainstream-Parteien auf, von der AfD zu lernen, zumindest in den sozialen Medien. taz und FAZ berichten über Antisemitismus an Schulen und Uni. Der Spiegel fragt: Warum verabscheuen die Polen Russland, während die Ostdeutschen Russland lieben?

Nichts anziehen, was an Hochzeit erinnern könnte

20.12.2023. In der Heinrich-Böll-Stiftung trieb Masha Gessen ihre kruden Thesen weiter, berichtet die taz: Der größte Unterschied zwischen den Nazi-Ghettos und Gaza sei, dass in Gaza die meisten noch lebten und man noch rechtzeitig einschreiten könne. "Kultur braucht Spinner", meint derweil SpiegelOnline. Im Guardian meint Arendt-Biografin Samantha Rose Hill, dass Arendt den nach ihr benannten Preis heute nicht bekäme. Es gibt keine Kollektivschuld, aber doch die Mithaftung einer Nation für Gewaltverbrechen, die von ihrer politischen Führung begangen werden, schreibt Ralf Fücks mit Blick auf die Palästinenser in der FAZ. Und auf SpiegelOnline fragt Mikhail Zygar: Wo ist Alexej Nawalny?

Ohne Freiheit bleibt einem nichts mehr

19.12.2023. Alle reden über die Vertreibung von 750 000 Palästinensern durch die Israelis. Für die 900 000 Juden, die aus islamisch dominierten Staaten vertrieben wurden, interessiert sich niemand, stellt der Historiker Volker Weiß in der SZ fest. Beim Thema NS-Raubkunst versagt der deutsche Staat, kritisiert in der Welt der Historiker Julien Reitzenstein. Die FAZ wundert sich über die vielen Busse mit bosnischen Kennzeichen am Wahltag in Belgrad. Und: Der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Die Linie Machiavelli-Spinoza-Marx

18.12.2023. Die Ukraine steht kurz davor, den Krieg zu verlieren, und der Westen ist schuld daran, ruft in der Welt ein verzweifelter Garri Kasparow. In der NZZ erklärt die Psychologin Anna Schor-Tschudnowskaja das Konzept des "Homo postsovieticus". Masha Gessen hat am Wochenende den Hannah-Arendt-Preis erhalten. Eine politische Diskussion fand während der umstrittenen Preisverleihung nicht statt, berichtet die taz. Und: taz, FAZ und SZ würdigen den verstorbenen Philosophen Antonio Negri als temperamentvollen Vertreter einer undogmatischen Linken.

Es ist ein bisschen wie ein kontrolliertes Experiment

16.12.2023. Die heute kulminierende Masha-Gessen-Woche zeigt: Ein Interview im Spiegel, in der Zeit, oder eine Einladung in eine Talkshow sind das neue "Ich-werde-mundtot-gemacht". Heute früh bekommt sie also den Hannah-Arnedt-Preis für "politisches Denken".  Sie beteuert im Gespräch mit FR, SZ und Spiegel, nicht gleichgesetzt, sondern verglichen zu haben. Sonst erkenne man nicht, dass Israel Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. In keinem der Gespräche werden den Verbrechen der Hamas mehr als zwei Zeilen gewidmet. Außerdem: Detlef Pollack glaubt in der taz zwar nicht an Gott, aber an Religion. SZ und FAZ thematisieren die antisemitischen Ausschreitungen an Unis.

Sphäre der Verleugnung

15.12.2023. Masha Gessen bekommt ihren Preis und ihre Preisverleihung, nur etwas anders. Die Böll-Stiftung verwahrt sich dagegen, "Masha Gessen diesen Preis absprechen, gar aberkennen" zu wollen. Gessen freut sich unterdessen über die all die Journalistenanfragen, die they und them erhalten. Der Historiker Volker Weiß macht in der SZ  "brachiale Fehler" in Gessens New-Yorker-Essay aus. Und der von der FR befragte Hannah-Arendt-Biograf Thomas Meyer sieht in Gessens Gaza-Ghetto-Gleichsetzung "eine völlige Entgleisung".

Ein scharfes Denkvermögen

14.12.2023. Masha Gessen bekommt den Hannah-Arendt-Preis - aber nicht die geplante Preisverleihung am Freitag, denn Böll-Stiftung und Stadt Bremen haben sich von der Veranstaltung zurückgezogen, melden Zeit online und taz. Der "Verein Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken e.V." nimmt das mit Bedauern zur Kenntnis und kündigt eine Preisverleihung für Samstag an. FAZ-Redakteur Claudius Seidl findet den Satz "Muslime, die unsere Werte teilen, gehören zu Deutschland", der im neuen CDU-Grundsatzprogramm stehen soll, "unscharf und unverschämt zugleich". Der Historiker Jörn Leonhard erzählt in der Zeit, wie schwierig es ist, Kriege zu beenden, vor allem in den Köpfen.

Welcher Fluss und welches Meer?

13.12.2023. Masha Gessen, die gerade erst im New Yorker den Gaza-Streifen mit den Ghettos der Nazis verglich, soll am Freitag den Hannah-Arendt-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten. Im ZeitOnline-Gespräch beruft sie sich auf Arendt, die auch Vergleiche mit den Nazis gezogen habe. "Ist dies das 'politische Denken', das die Böll-Stiftung mit Preisen auszeichnet", fragt Perlentaucher Thierry Chervel.  In Yascha Mounks Blog Persuasion blickt Aaron Sarins auf den Antisemitismus in China. Außerdem: Im Guardian fragt Timothy Garton Ash, wie die EU ohne einen einzigen Hegemon funktionieren soll.