Efeu - Die Kulturrundschau

Das Unreife in Reinform

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14.08.2019. In SZ und FR spricht die Autorin Karina Sainz Borgo über Venezuelas Geisterstädte der Angst. Die New York Times lernt in der Washingtoner Phillips Collection: In der Kunst ist der Flüchtling kein Fremder.  Die NZZ bewundert mit Lois Weinberger die Radikalität der Pionierpflanzen. Das Filmbulletin glaubt mit Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" gern wieder an die Unschuld der Popkultur. Außerdem fragen sich die Kritiker, ob Woodstock Anfang oder Ende des großen Aufbruchs war.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2019 finden Sie hier

Kunst

Francis Alÿs mit Julien Devaux, Felix Blume, Ivan Boccara, Abbas Benheim und den Kindern von Tanger und Tarifa: Don't Cross the Bridge Before You Get to the River, 2008. Phillips Colletion

Die Ausstellung "The Warmth of Other Suns" in der Washingtoner Phillips Collection erkundet über ein Jahrhundert die Verbindung von Flucht und Kunst. Manche Arbeiten sind New-York-Times-Kritiker Jason Farago zu schön, manche zu emotional, doch alle zeigen ihm zufolge, dass der Flüchtling in der Kunst kein Fremder ist: "Ihr Ansatz ist weitgefasst und geht bis zu Jacob Lawrences berühmte Serie "Migration" von 1941 zurück. Das Phillips Museum besitzt die Hälfte dieser Gemälde, und diese Bilder von der inneramerikanischen Migration der Schwarzen sind in die Schau integriert. Gezeigt wird auch historisches Material wie Leiws Hines Porträts von Ankommenden auf Ellis Island aus den zwanziger Jahren, verängstigt, erwartungsvoll, erschöpft, gerettet. Doch der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf einer besonderen Klasse von Migranten: Den Flüchtlingen, die Grenzen nicht auf der Suche nach neuen Möglichkeiten überqueren, sondern aus Angst um ihr Leben. Das heißt, sie konzentriert sich auf das Mittelmeer, dem Epizentrum der Flüchtlingskrise in dieser Dekade. Die große Mehrheit der heutigen Flüchtlinge, 6,7 Millionen, kommen aus Syrien. Schaurige Zeichnungen der Künstlerin Anna Boghiguian zeigen Syrer auf dem Weg von Beirut nach Westen, während der chinesische Künstler Liu Xiaodong sein Atelier auf Lesbos aufschlug , wo er lächelnde, besorgte und todmüde Syrer malte, die sich am Hafen ausruhten. Andere wie die belgische Filmemacherin Chantal Akerman und der mexikanische Fotoreporter Guillermo Arias erkunden Migration und Abwehr an unserer eigenen südlichen Grenzen."

Das Museum Tinguely widmet eine Ausstellung dem österreichischen Künstler Lois Weinberger, der in einer Mischung aus Konzeptkunst und Land Art Brachen zu neuem Leben erweckt: In der NZZ ist Maria Becker ganz verzaubert vom Weinbergerschen Wildwuchs: "Ob Weinberger das, was junge Künstler heute umtreibt, wahrnimmt, ist ungewiss. Er geht seinen Weg unbeirrt, mit der tiefernsten Miene eines Bauern, der seinen Acker bestellt... In den Städten und auf ihren Plätzen riss er Pflaster auf und legte Gevierte an, die mit Gattern unbetretbar gehalten wurden. Dort ließ er der Zufallsbesiedelung freien Raum oder half mit dem Transfer von eigenen Pflanzen nach. Man könnte sagen, dass dieses Tun eigentlich das ist, was Guerilla-Gärtner machen. Diese wollen die Rückeroberung der Stadtwüste durch die Natur. Für Weinberger sind die Radikalität der Pionierpflanzen und das Ungeordnete ihres Wachstums elementar, denn in ihnen verkörpert sich das Dynamische mit unkontrollierter Kraft, das Unreife in Reinform."

Weiteres: LensCulture präsentiert die Gewinner seines Art Photography Awards. Auch der Guardian zeigt Bilder der Sieger und Finalisten. Besprochen wird Edmund de Waals Ausstellung "Elective Affinities" in der Frick Collection in New York (Hyperallergic).
Archiv: Kunst

Literatur

SZ und FR haben zwei große Interviews mit der nach Spanien ausgewanderten, venezolanischen Journalistin Karina Sainz Borgo geführt, die mit "Nacht in Caracas" einen Roman über die anhaltende Krise in ihrem Heimatland geschrieben hat. Was sie über Venezuela zu sagen hat, ist sehr betrüblich: "Wenn du an einem sehr gewalttätigen Ort lebst, versuchst du, dich zu schützen", erklärt sie in der SZ. Die Leute blieben nachts einfach aus Angst zuhause: "Große Städte sind jetzt nachts wie Geisterstädte. ... Meine Protagonistin arbeitet mit Büchern. Die Leute, die ihre Wohnung besetzen und ihr alles wegnehmen, zerstören ihre Bücher, wie um zu zeigen: Nicht mal das lassen wir dir. 'Du willst deine Bücher zurück? Schau, was wir mit deinen Büchern machen.' Ich wollte zeigen, dass Kultur, Geschichte, Erinnerungen in einer Gesellschaft, in der es nur noch ums Überleben geht, nicht mehr wichtig sind."

Und in der FR erklärt sie zu ihrem über weite Strecken in "wir"-Form abgefassten Buch: "Mit diesen furchtbaren Vorgängen wollte ich etwas machen, das zugleich schön und poetisch ist. Es ging mir um die Sprache, um die Bilder. Es ist eine entsetzliche Situation an einem entsetzlichen Ort, aber es gibt diese plötzlichen Momente von Schönheit. ... Als ich das Buch Menschen vorgelesen habe, die mir nahe stehen und das Land kennen, sagten mir viele: Ja, das ist das, was ich selbst fühle und erlebe. Darum sagte ich mir: Das ist Literatur, das kann und darf Literatur. Auch das ist ja eine Art von Gewaltausübung, die in Venezuela praktiziert wird. Man sagt zu uns: Wenn du Venezuela verlässt, gehörst du nicht mehr zu uns und darfst dich nicht mehr darüber äußern, was im Land passiert."

Weitere Artikel: Helmuth Mojem vom Literaturarchiv Marbach liefert in der FAZ Hintergründe zu einem Papierschnipsel mit einem Satzfragment aus Schillers Hand, der kürzlich in den Archivbeständen gelandet ist: Es handelt sich um eine kleine Vorarbeit zu Schillers letztem Stück "Demetrius". Für Tell-Review unterzieht Frank Heibert Raimund Petschners "Kurze Entfernung aus dem Gespräch" einem Page-98-Test. Ronald Pohl erinnert im Standard an Elias Canetti, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (FR), Stephan Phin Spielhoffs Debütroman "Der Himmel ist für Verräter" (taz), Halldór Laxness' "Fischkonzert" (Jungle World), Nathan Englanders "Dinner am Mittelpunkt der Erde" (NZZ), Peer Martins "Hope" (Berliner Zeitung), Dag Solstads "T. Singer" (SZ) und Walter Moers' "Der Bücherdrache" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Verlorene Unschuld der Popkultur: "Once upon a Time in Hollywood"

Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" liefert den Filmkritikern als Hommage an die Krise Hollywoods der späten 60er ordentlich Futter (unser erstes Resümee). Es geht auch um Sharon Tate und die Manson-Morde, schreibt Lukas Foerster im Filmbulletin, ganz und hin weg von Margot Robbie, die Tate spielt. Wieder gehe es Tarantino um eine Geschichte der Gewalt, diesmal hat er "die Manson-Morde einer Tarantinofizierung unterzogen und sozusagen im Raum eines allseitig anschlussfähigen kulturellen Imaginären aufgehoben". Doch "das Gespreizte, Angestrengte, das in den anderen genannten Filme, der Brillianz einzelner Szenen zum Trotz, stets irritierte, weicht einer enstpannten, spielerischen, schon fast altmeisterlichen Souveränität. Wenn 'Once Upon a Time in Hollywood' Tarantinos rundester, beglückendster Film seit 'Jackie Brown' geworden ist, dann hat das möglichwerweise mit der Passung von Süjet und Methode zu tun: Die Geschichte von Manson und Tate, dem verhinderten Folkrock-Musiker und dem verhinderten Hollywood-It-Girl, lässt sich nun mal kaum anders erzählen als so, wie Tarantino es tut: als ein düsteres, zutiefst ironisches Märchen über die verlorene Unschuld der Popkultur."

Tazler Fabian Tietke sah "eine autorenfilmerische Austattungsorgie", die "immer dann am besten funktioniert, wenn sich der Film selbst nicht um seine Handlung schert." Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist das "ein Film über das Triviale mit den Mitteln einer aussterbenden Kunst" und spielt damit auch auf das Analogmaterial an, auf dem Tarantino grundsätzlich nur dreht.  Dazu passend: In Los Angeles konnte FAZ-Kritiker Andreas Platthaus einer 70mm-Vorstellung des Films beiwohnen - und dann wegen eines nicht zu flickenden Filmrisses, dessentwegen der Rest des Films digital gezeigt werden musste, prompt einen Medienvergleich anstellen: Digital sieht "tatsächlich um einiges schlechter aus, weil die akribische Inszenierung von Hollywood im Jahr 1969 auf Zelluloid körniger und farbgesättigter daherkommt - so, wie wir das Kino jener Zeit eben aus Seherfahrung kennen." Die Analogmaterial-Freunde im Perlentaucher-Team stimmen dem eindeutig zu. Für den Filmdienst hat sich Patrick Holzapfel ein fiktives Treffen mit Tarantino ausgedacht. Und das ist mal eine schöne Online-Promo: Tarantino hat als Begleitmaterial zum Film ein ganzes Online-Magazin aus dem Boden stampfen lassen.

Weiteres: Für Kinozeit hat sich Katrin Doerksen die wenigen DEFA-Filme angesehen, die konkret den Mauerbau thematisierten. Rüdiger Schaper meldet im Tagesspiegel, dass der Vermögensverwalter Blackrock die Markenrechte an Marilyn Monroe gekauft hat. Besprochen werden Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (SZ, mehr dazu bereits hier), der neue "Toy Story"-Film von Pixar (SZ) und die Trennungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur (SZ).
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Archiv: Film

Bühne

Im Tagesspiegel jubelt heute auch Eleonore Büning über Achim Freyers Salzburger Inszenierung von George Enescus "Oedipe" mit Christopher Maltman in der Titelrolle und Ingo Metzmacher am Pult: "Wer diese Produktion gesehen und gehört hat, wusste längst, was man in Salzburg erst seit Sonntag weiß: Enescu ist mit seiner einzigen Oper ein Wurf gelungen. 'Oedipe' gehört zu den wenigen Musiktheaterwerken der Moderne, die Bestand haben werden." Büning schreibt außerdem in der NZZ. Und Markus Thiel bemerkt in der FR: "Der relativ kurze Applaus mit einigen Buhs überrascht: Wo sich andere wie Romeo Castellucci oder - gerade wieder im Salzburger 'Idomeneo' - Peter Sellars im Esoterischen verlieren, bleibt Achim Freyer der Sinnlichste von allen. Mehr noch: Er ist das Original.
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Musik

Den ersten Schwung Würdigungen zu "50 Jahre Woodstock" gab es bereits, als die für Anfang August geplante Neuauflage des Festivals kurzfristig platzte (unser Resümee). Zum - allerdings morgigen - Stichtag folgen nun weitere: Mit dem Hippie-Festival erlebte "die bis dahin noch immer sehr dominant hellhäutige Welt der Rock- und Popmusik einen stimulierenden Migrationsschub, der bis heute anhält", schreibt Stefan Hentz in der Zeit. "Woodstock lebt von den Erinnerungen derer, die nicht dabei waren", hält Willi Winkler, der mutmaßlich ebenfalls nicht vor Ort war, in der SZ fest und ruft in Erinnerung, dass Woodstock im Grunde eher Abgesang auf die 60er, denn ein Signal zum Aufbruch war. Der Standard bespricht Bücher zum Festivaljubiläum und Kurt Kister erinnert in der SZ außerdem an Woodstock II zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 1994, das zwar nicht im Schlamm versank, dafür aber auch ordentlich Eintritt kostete.

Weiteres: Beim Gstaad-Menuhin-Festival stachen vor allem die Béla Bartók gewidmeten Konzerte heraus, schreibt Thomas Schacher in der NZZ. In seinem Welt-Blog berichtet Manuel Brug weiterhin vom Rosendal Chamber Music Festival in Norwegen. Für die taz war Robert Mießner beim Fuchsbau-Festival in Hannover.
Archiv: Musik
Stichwörter: Woodstock, 1969, 60er, Norwegen