Efeu - Die Kulturrundschau

Aber singen Sie es fortissimo

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2019. Die NZZ erinnert mit Kate Moss daran, dass der rebellische Hedonismus der Briten durchaus attraktiv sein kann. Die Jungle World betrachtet Angela Schanelecs neue tableaux viovants. Im Tagesspiegel kann der Comiczeichner Nicolas Mahler der prekären Ökonomie seiner Zunft etwas abegwinnen, in der niemand dem anderen etwas wegnehmen kann. Die taz lässt sich von Peaches im Hamburger Kunstverein die Emanzipationsgeschichte der Fleshies erzählen. Und die Nachtkritik lernt auf Kamnagel: Auf dem Planeten Flausch wird nur unisono gesungen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 finden Sie hier

Design

Marion Löhndorf würdigt das Schaffen von Kate Moss, die gerade ihr Comeback in einer Kampagne für Alexander McQueen (mehr dazu hier) feiert. "Dass sie der Mode zur Muse wurde, war klar. 'Niemand in Großbritannien beeinflusst den Stil so sehr wie Kate Moss', urteilte die BBC und meinte damit die Art, wie sich das Model privat kleidete", denn "als man sie am Musikfestival in Glastonbury in äußerst knappen Hot Pants mit Gummistiefeln durch den Matsch waten sah, wurde auch diese kühne Kombination zum viel nachgeahmten Look. ... Sie verkörperte 'Cool Britannia', vereinte vieles auf sich, was die rebellische, hedonistische Seite ihres Landes einmal so anziehend machte. Ein bisschen unkonventionell in Aussehen und Habitus - sie scherte sich nicht um das, was erwartet wurde und schicklich war -, ein bisschen dekadent und sehr sexy. Und dabei extrem und anhaltend erfolgreich."

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Archiv: Design
Stichwörter: Moss, Kate

Literatur

Der Tagesspiegel übernimmt eine leicht gekürzte Fassung von Angela Guttners ursprünglich im Comic-Studies Magazin Closure erschienenem Gespräch mit dem österreichischen Comicautor Nicolas Mahler, das sich sehr interessant um Fragen der kulturellen Anerkennung der lange Zeit verfemten Form dreht. Dass es einerseits kaum Förderung für Comiczeichner gibt, ist einerseits zwar bitter für Leute, die am Rand ihrer Existenz arbeiten, hat aber auch zumindest den Vorteil, dass "keiner dem anderen etwas wegnimmt, weil es halt nix zum Wegnehmen gibt". Umstritten in der Szene sind auch die Flirts mit der Hochkultur wie in den feuilletonistisch ertragreichen Literaturadaptionen: "Da heißt es, man schleimt und schleicht sich über diesen Umweg in den Kulturbetrieb ein. Vielleicht ist da ja auch was dran, ich weiß es nicht."

Weiteres: Im Standard erinnert Gerhard Strejcek daran, wie Hermann Hesse vor 100 Jahren als Autor des zunächst unter Pseudonym veröffentlichten Romans "Demian" aufflog. In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne knöpft sich Magnus Klaue diesmal Raoul Schrott vor, dem er "ein Monopol auf dem Produktsegment Terra X für Altphilologen" attestiert. Dlf Kultur bringt ein Feature von André Hatting über den expressionistischen Lyriker August Stramm. Und der Standard reist mit zahlreichen Autoren - Tex Rubinowitz, Gertraud Klemm, Tanja Paar, Manfred Rebhandl und Christopher Wurmdobler - an den Strand.

Besprochen werden unter anderem Gunter Hofmanns Biografie über Marion Dönhoff (NZZ), Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (Presse), Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (online nachgereicht von der FAZ), Martin Puchners "Die Macht der Schrift. Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte" (online nachgereicht von der FAZ) und die Neuauflage von Richard Wrights "Sohn dieses Landes" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt  Joachim Sartorius über Günter Herburgers "Belle de Jour"

"Die Peitschen der bürgerlichen Zucht,
die Leistungen der bürgerlichen Macht,
die Messen der bürgerlichen Sehnsucht,
..."
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Stichwörter: Mahler, Nicolas, Comic

Kunst

Peaches: Whose Jizz Is This?, Ausstellungsansicht im Hamburger Kunstverein. Foto: Fred Dott


Taz-Kritiker Aklexander Diehl hatte großen Spaß in der Ausstellung "Whose Jizz Is This?", die der Hamburger Kunstverein die Musikerin Peaches ausrichten ließ: "Eine Emanzipationsgeschichte will Peaches erzählen, in der eben doch wieder vieles von dem aufscheint, was die Menschen von ihr kennengelernt haben können in den vergangenen 20 Jahren: Sexspielzeuge sind's, "double masturbators", die sich da befreien; denen es nicht mehr reicht, Mittel zum Zweck zu sein, begrapscht und benutzt zu werden und am Ende schamhaft verwahrt in schmuddeligen Abseiten. In 14 'Szenen' ist ihr Weg in Szene gesetzt, ein Weg von passiv zu aktiv, vom sex toy zum 'Fleshie'. Oder genauer: vom Einzelnen zum Kollektiv, den 'Fleshies', so nennen sich in frischem Selbstbewusstsein die befreiten Silikonobjekte."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Sabine Scholl mit dem Künstler Edmund de Waal über seine in Venedig gezeigte Bibliothek des Exils.

Besprochen werden eine "strahlend-opulente" Schau altägyptischer Kunst: "Pharaonengold" in der Völklinger Hütte (SZ), die Ausstellung "Garten der irdischen Freuden" über Idyllen im Berliner Gropiusbau (taz), die Ausstellung "Weissenhof City" in der Staatsgalerie Stuttgart (taz), die vielfach gefeierte Ausstellung "Point of No Return" im Leipziger Museum der Bildenden Künste (Tsp), die Schau "Wege des Barock" im Postdamer Museum Barberini (Standard), Ausstellungen zum zweihundertsten Geburtstag von Queen Victoria in Londons Palästen (FR), die Schau "In einem neuen Licht" mit kanadischem Impressionismus in der Kunsthalle München (FAZ).

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Film

Nach Bildern gebaut: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber..." (Bild: Nachmittagfilm)

"Sprechen ist in Schanelecs Filmen kein Motor der Erzählung, sondern wird als filmische Konvention in Frage gestellt", schreiben Dennis Göttel und Dierk Saathoff in einem für die Jungle World erstellten Gutachten über Angela Schanelecs neuen Film "Ich war zuhause, aber...". Der Film handelt von einer Frau im Berliner Kulturmilieu, die den Tod ihres Mannes verarbeiten muss. Doch "Schanelecs Filme sind nicht nach der Narration, sondern nach Bildern gebaut. Was passiert, muss sich nie veränderten Bildausschnitten fügen. Die montierten Bilder ergeben meist keinen kohärenten Raum. In der Strenge der Anordnung ähnelt der Film bisweilen tableaux vivants."

Besprochen werden Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" (Tagesspiegel, NZZ, Presse, der Standard hat mit Tarantino gesprochen, mehr zum Film bereits hier), Malik Baders Thriller "Killerman" (SZ), Rainer Kaufmanns Beziehungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" (taz), İlker Çataks Scheinehendrama "Es gilt das gesprochene Wort" (Freitag) und der auf DVD veröffentlichte Film "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile" über den Serienmörder Ted Bundy (SZ).
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Bühne

Auf dem Planeten Flausch nur unisono: Socalled & Friends mit "Space" auf Kampnagel. Foto: Jonas Nellissen

In der Nachtkritik weiß Falk Schreiber die Treue zu schätzen, mit der das Sommerfestival der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel seit 2014 ein Handpuppen-Musical namens "The Season" fortlaufen lässt. In dessen dritter Folge "Space" nun soll der Bär vom Planeten Flausch abgeschoben werden, weil er nicht einstimmig singen will, erklärt Schreiber: "Harmonieästhetik wird zur politischen Ideologie - als Thema für ein Musical, das sich unter anderem an Kinder richtet, ist das zwar verblasen, beweist aber zumindest Diskurshöhe. Zumal die Geschichte funktioniert: Auch ohne akademische Musikbildung fiebert man mit dem verliebten Bär, freut man sich über Tinas Kratzbürstigkeit. Und wippt spätestens nach fünf Minuten zu den Songs, die leichthändig HipHop, Tropicalismo und Klassik mixen." In der taz schreibt Katja Kullmann vom Sommerfestival, SZ-Autor Till Briegleb kann ihm allerdings nichts Positives abgewinnen.

Weiteres: In der FAZ berichtet Marc Zitzmann vom riesigen Erfolg der Pariser Produktion "Ça ira (1) Fin de Louis", in der Joël Pommerat die Französische Revolution mit heutigen politischen Debatten kurzschließt. Revolutionären Zorn nähren dabei die konservativen Stimmen von Edmund Burke bis Alain Finkielkraut oder gar Éric Zemmour: "'Ça ira' ist rauscherzeugend wie eine böse Fernsehserie und stimulierend wie ein blitzender philosophischer Essai."

Besprochen werden Händels Barockoper "Alcina" mit einer großartigen Cecilia Bartoli in Salzburg (SZ), Rossinis "Petite Messe solennelle" beim Rheingau Musik Festival (FR) und Benjamin Millepieds "L.A. Dance Project" beim Festival Movimentos in Wolfsburg (FAZ).
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Stichwörter: Kampnagel, Pommerat, Joel

Musik

Mit einer mustergültigen Edition erschließt Marston Records das Werk des Sängers Fjodor Schaljapin, freut sich FAZ-Rezensent Jürgen Kesting und bekräftigt: Er war zweifellos "der größte aller Bässe", wenn auch nicht "die schönste aller tiefen Stimmen. ... Aber allein nach klanglichen oder technischen Parametern lässt sich die Stimme - ein runder und voller basso cantante mit einem Umfang vom tiefen F bis zum Fis (über dem Bass-System) - nicht beschreiben. Der Belcanto-Schulung durch Usatow verdankte er eine vollkommene Atemtechnik und die musterhafte Verblendung der Register - die Grundlagen für ein lückenlos-strömendes Legato und für alle Abstufungen der Dynamik mit allen Nuancen der messa di voce. Wer die Verwirklichung eines wunderbaren Paradoxes von Herbert von Karajan erleben will - 'pianissimo, pianissimo, aber singen Sie es fortissimo' -, muss Schaljapin nur mit dem Volkslied 'Maschka' oder 'Gelb rollt mir zu Füßen' aus Anton Rubinsteins 'Persischen Liedern' hören." Auf Youtube gibt es eine Playlist mit Aufnahmen:



Weiteres: In der Welt kommentiert Manuel Brug den Streit zwischen Gerhard Nachbauer, dem Leiter des Kammermusikfestivals im Vorarlberger Schwarzenberg, und dem Pianisten András Schiff, der Schubert auf einem Hammerflügel spielte und sich über die Reaktionen seiner Kritiker ärgerte: "Da ist viel gekränkte Eitelkeit zweier Alphatierchen mit im schlammigen Spiel." Außerdem berichtet Manuel Brug in seinem Welt-Blog von seiner Reise zum Kammermusikfestival im norwegischen Rosendal. Für den Standard hat sich Frank Herrmann nach Bethel auf die Spuren des Woodstock Festivals begeben. Für die FAZ hat Jannik Schäfer beim Radio-DJ Gilles Peterson angerufen, der das auf progressive Musik spezialisierte Festival "We Out Here" in Huntingdon kuratiert. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Mark Knopfler zum 70. Geburtstag.
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