Efeu - Die Kulturrundschau

In Pflanzen leben

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02.08.2019. Die taz hört brasilianische Musik: von Afropop bis zu karibischem Country-Surf und frenetischem Carimbó. Die New York Review of Books pflückt einen Comté aus den Schamhaaren des Küchenchefs Heston Blumenthal. Und: Das Woodstock-Revival fällt aus. Ist überhaupt noch was vom Geist Woodstocks zu spüren? Hier gibt's nur Konzerte mit Rauchverbot, meldet der Tagesspiegel von der legendären Wiese Max Yasgurs.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2019 finden Sie hier

Musik

In der taz empfiehlt Ole Schulz neue brasilianische Musik - von Afropop bis zu karibischem Country-Surf und frenetischem Carimbó: "Das weltweite Interesse an brasilianischen Traditionen jenseits des Bekannten zeigt zweierlei: Trotz tropicália gibt es immer noch viele Stile und ihre Interpreten, deren Würdigung aussteht. Zum anderen aber: Das ändert sich allmählich. Mixe angesagter DJs in Brasilien sind voll mit Afro-Percussion, Samples alter Gesänge, Field-Recordings und Flötenklängen aus dem Amazonas." Eins der Alben, die Compilation "Jambú e Os Míticos. Sons Da Amazônia", kann man auch auf Bandcamp hören:



Eher etwas depressiv fallen die Würdigungen des Woodstock-Festivals aus, das Mitte August vor fünfzig Jahren stattgefunden hat und dessen Jubiläums-Revival nun kurz vor knapp doch noch abgesagt wurde (liest man in der SZ Quentin Lichtblaus Chronologie dieses Scheiterns, wundert einen das nicht). In der SZ ruft uns Bernd Graff anhand eines Bildbandes über das Festival in Erinnerung, dass die Rede vom vielgepriesenen "Summer of Love" keineswegs den Woodstock-Jahrgang 1969, sondern das Jahr 1967 bezeichnet - das Hippiefestival hingegen "wurde schon als Kostümierung begriffen, als Flower-Power-Ramsch und Alternativfolklore. Woodstock war der Laufsteg eines bereits sattelfesten, etablierten Mainstream-Pop, war selber schon Inszenierung eines Mythos." Juliane Schäuble ist für den Tagesspiegel zum Schauplatz des Geschehens gereist, wo heutzutage neben touristischen Angeboten auf einem benachbarten Feld überschaubare und sehr brave Konzerte mit Rauchverbot veranstaltet werden: "Vom revolutionären, bewusstseinserweiternden Geist des Jahres 1969 ist nicht viel geblieben."

Michael Pilz erinnert in der Welt daran, dass der Geist der Hippiebewegung im Grunde genommen schon wenige Tage vor dem Festival durch die von Charles Manson angestachelten Morde begraben wurde. Dass die Mondlandung und Woodstock als nur wenige Wochen auseinander liegende Ereignisse heute als Zeichen für den Aufbruch gewertet werden, ist lediglich eine Überblendung in der Rückschau, schreibt Verena Lueken in der FAZ: Seinerzeit waren die Hippies extrem skeptisch, was das Rennen zum Mond betrifft. Und Christian Thomas zeigt sich in der FR ganz zufrieden, dass das Revival ausfällt: Das Festival hätte sich eh nicht wiederholen lassen.

Nicht  50, sondern 30 Jahrgänge kann das Metal-Festival in Wacken mittlerweile vorweisen - Grund genug für einen Rückblick. Aber Jens Balzer zeigt auf ZeitOnline auch, dass die genretypische Musik und Ästhetik, die in den meisten Ländern nurmehr mildes Amüsement hervorruft, in anderen immer noch ein Risiko darstellt, nämlich dort "wo der Liberalismus und die säkulare Aufklärung unter dem Druck religiöser Fanatiker und Fanatikerinnen stehen", so etwa "in Polen, wo der Metal-Sänger Adam Darski alias Nergal und seine Band Behemoth zu den prominentesten kulturellen Widersachern der immer reaktionärer auftretenden katholischen Kirche und der angeschlossenen Regierungspartei PiS gehören. ... Noch unangenehmer ist die Lage in muslimischen Ländern, wo weite Teile der Bevölkerung sogar spaßbefreiter als die polnischen Katholiken sind, wenn es um die Lästerung ihres Gottes und des dazugehörigen Propheten geht. Wer wie etwa die libanesische Black-Metal-Band Ayat die blasphemischen Gepflogenheiten der europäischen Genrevorbilder auf die örtliche Religion überträgt, riskiert damit nicht weniger als sein Leben."

Weiteres: Hermann Unterstöger berichtet in der SZ von Streitereien zwischen dem Pianisten András Schiff und den Veranstaltern der Schubertiade im Bregenzerwald. Besprochen werden der Auftakt der A'Larme-Festivals in Berlin (Tagesspiegel, taz), das Berliner Konzert von Sunn o))) (taz).
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Literatur

Cornelia Geißler hat sich für die Berliner Zeitung mit der Schriftstellerin Berit Glanz getroffen. Der Schriftsteller Martin Prinz berichtet im Standard von einer Reise mit seinem Sohn. Und im Fiction-Podcast des New Yorker liest Margaret Atwood "Corrie" von Alice Munro.



Besprochen werden unter anderem Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (NZZ), Ivy Pochadas "Wonder Valley" (online nachgereicht von der FAZ), Jochen Schimmangs Erzählungen "Adorno wohnt hier nicht mehr" (FR) und Hanns-Josef Ortheils "Wie ich Klavierspielen lernte" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Alas! My poor Brother, poster advertising Bovril, designed by W.H. Caffyn, 1905, UK. © Henry Caffyn/Image courtesy of the Victoria and Albert Museum, London

Paul Levy stolpert etwas verwirrt durch die Ausstellung "Food: Bigger than the Plate" im Londoner Victoria & Albert Museum, nie ganz sicher, ob er jetzt in einer Biologieklasse oder in einem Designstudio ist, wie er in der NYRB schreibt: "Sicherlich ist der Comté-Käse, der laut Etikett aus Mikroben auf Küchenchef Heston Blumenthals Schamhaaren gemacht ist, ebenso verspielt wie subversiv. Aber vieles ist auch herausfordernd - von intellektuell anregend bis hin zu einfach schwierig, ja sogar abstoßend - in dieser Ausstellung: zum Beispiel die jüngste Verwendung von Endophyten in der Landwirtschaft. Das sind neu entdeckte Mikroorganismen, die in Pflanzen leben. Und es ist amüsant zu erfahren, dass es einen Endophyte Supper Club gibt, 'wo sich Hobbybiologen treffen, um sie zu identifizieren, zu diskutieren und zu schmecken'. Einige davon werden zweifellos zur Entwicklung von Biopestiziden oder Biodüngemitteln führen. Aber das Thema dieser Streuschuss-Show bleibt schwer fassbar: Geht es wirklich um Essen, oder ist es eine Show ernährungsbezogener Konzeptkunst?"

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung mit späten Manets im Art Institute of Chicago (New York Times) und die Ausstellung "Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (SZ).
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Bühne

Alexander Menden lässt sich für die SZ von der Schauspielstudentin Amelie von Godin erklären, was  "Physical Theatre" ist. Besprochen werden Evgeny Titovs Inszenierung von Gorkis "Sommergästen" auf der Pernerinsel (nachtkritik, FR, Standard, taz, SZ, FAZ).
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Film

Beeindruckendes Debüt: "Love after Love" von Russell Harbaugh

Nur wärmstens empfehlen kann Perlentaucher Fabian Tietke Russell Harbaughs "Love after Love", in dem es um Trauerarbeit geht: Andie MacDowell und Chris O'Dowd legen darin glänzende schauspielerische Leistungen vor, überdies ist der Film sehr schön auf 16mm-Material gedreht: "Ein kleiner, intimer Film über Tod und Trauer und das Wiederaufstehen und Lasagneessen; ein beeindruckendes Langfilmdebüt und eine sehenswerte Perle des unabhängigen US-Kinos."

Weniger beeindruckendes Spätwerk: "Der unverhoffte Charme des Geldes" von Denys Arcand (Bild: MFA+)

Eher weniger Freude hat Perlentaucher Ekkehard Knörer an Denys Arcands Finanzkapitalismuskritik-Film "Der unverhoffte Charme des Geldes", mit dem der Regisseur leider ohne Erfolg an seine großen, beißenden Satiren anzuschließen versucht. "Die Sympathie des Films gilt den Schlawinern, die am horrenden finanziellen Ungleichgewicht der wirklichen Welt freilich kein Jota ändern. Die Steueroasenkritik ist fraglos valide, wenn auch in der Ausführung Malen nach Zahlen mit Comedy-Mitteln. ... Der Kritik nimmt die Beliebigkeit des Komischen alle Spitzen. Die Komik steht anarchiefrei im Dienst der kritischen Botschaft. So bleibt das Ganze von einer sympathischen Gutartigkeit, die in letzter Instanz weder der Sache der Kritik noch der des Komischen nützt." Im Tagesspiegel weist Simon Rayss den Film weit von sich.

Weitere Artikel: Urs Bühler spricht in der NZZ mit Lili Hinstin, der neuen Leiterin des Filmfestivals Locarno, über deren Pläne für ihren ersten Festivaljahrgang. Für die taz porträtiert Eva-Maria Tepest den Pornostar Billy Vega, der es als Trans*Mann in den Porno-Mainstream geschafft hat. Martin Scholz plaudert in der Welt mit dem Schauspieler Idris Elba.

Besprochen werden Ilker Çataks Scheinehendrama "Es gilt das gesprochene Wort" (Tagesspiegel, FR, SZ), der Actionfilm "Fast & Furious: Hobbs & Shaw" mit Dwayne Johnson und Jason Statham (Tagesspiegel) und die Netflix-Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)" (NZZ).
Archiv: Film