Efeu - Die Kulturrundschau

Noch ein paar Dezibel mehr

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01.08.2019. Erst Klimakunst bewundern und dann zur nächsten Biennale jetten: Die Zeit staunt über die enorme Heuchelei in der Kunstwelt. A propos Heuchelei: Die Zeit berichtet auch von der Versteigerung von Neo Rauchs Karikatur "Der Anbräuner". In Salzburg bewundert der Standard den Furor von Elena Stikhinas "Medée", die SZ aber schimpft: Simon Stone inszeniert wie ein Sozialarbeiter. Die taz empfiehlt eine Reihe mit lesbischen Liebesfilmen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2019 finden Sie hier

Kunst

In der Zeit staunt Hanno Rauterberg über die enorme Heuchelei in der Kunstwelt: Da geht's mit Vorliebe gegen den Kapitalismus, während man selbst in einem total ausbeuterischen Betrieb arbeitet (wie im Theater) oder um den Umweltschutz, während man selbst mordsmäßig das Klima schädigt: "Es gilt als Selbstverständlichkeit, dass Kuratoren für einen kleinen Atelierbesuch um die halbe Welt jetten, dass immerzu Kunstwerke per Flugexpress versandt werden und bei den Messen in Miami oder Basel die Flughäfen nachgerade verstopft sind, weil so viele Sammler mit einem Learjet anreisen. Ein Künstler wie Ólafur Elíasson erzählte schon vor Jahren, dass er fast ununterbrochen mit dem Flugzeug unterwegs sei, um alle Ausstellungen betreuen, alle Auftraggeber sprechen zu können oder auch mal 122 Tonnen Grönlandeis nach London verschiffen zu lassen, wo sie als Kunstaktion pittoresk vor sich hin tauten. Auch sonst übrigens wirbt Elíasson mit einigem Elan für mehr Umweltbewusstsein. ... So dient die Klimakunst zuallererst dem Greenwashing."

Niemand anders als der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sich entblödet, bei der Versteigerung von Neo Rauchs Karikatur "Der Anbräuner" - der den Kritiker Wolfgang Ullrich anbräunte, weil der sich angemaßt hatte, ein paar Wahrheiten über Rauchs "Siegerkunst" auszusprechen (unsere Resümees) - mit launigen Scherzchen als der Auktionator aufzutreten, berichtet Martin Machowecz bei Zeit online. Tout Leipzig war bei der Auktion zu gegen. Und der Immobilienhai Christoph Gröner, der das Bild schließlich ersteigerte, kündigte an, es in einem "Verein für gesunden Menschenverstand" für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Verein soll im übrigen über Themen informieren, die ganz Sachsen ereifern: "Was plant er mit dem Verein? 'Es sind zu viele falsche Fakten im Umlauf, zu viele Einschätzungen, die auf manipulierten Informationen und Unwahrheiten basieren. Wir gründen eine Seite im Internet, die nichts anderes liefert als Daten. Auf der die Leute Aufklärung finden, wenn sie sie suchen.' Zum Beispiel zu welchen Themen? CO₂, sagt Göpel, Tempolimit, Integration, das seien nur einige Beispiele."

Weiteres: Peter Richter besucht für die Seite 3 der SZ die griechische Künstlerin Evangelia Kranioti in Arles. Besprochen werden die Wipp-Aktion der beiden Architekturprofessoren Ronald Rael und Virginia San Fratello an der amerikanisch-mexikanischen Grenze (Tagesspiegel, SZ) und eine Ausstellung mit Fake-Dokus von Karin Ferrari im Innsbrucker Ferdinandeum (Standard)
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Literatur

Jürgen Ritte meldet in der Zeit, dass der Pariser Verlag Editions de Fallois im Oktober bislang völlig unbekannte Texte von Marcel Proust aus dessen jungen Jahren veröffentlichen wird. Ursprünglich sollten sie wohl schon 1896 auf den Markt kommen, doch daraus wurde nichts. "Keine Briefzeile, keine Anspielung, absolut nichts in seinem Nachlass wies bislang auf die Existenz dieser unbekannten Prosawerke hin. ... Ästhetische Meditationen soll der Band bieten und Betrachtungen über Liebe und Eros, Themen, die bereits auf die Suche nach der verlorenen Zeit vorausweisen. Proust habe seinerzeit von der Veröffentlichung abgesehen, vermutet der Herausgeber Luc Fraisse, weil ihm manches darin doch zu heikel erschienen sei."

Weitere Artikel: Wolfgang Schneider schreibt im Tagesspiegel über "Moby Dick"-Autor Herman Melville, der heute vor 200 Jahren geboren wurde. Die Literaturkritik rezensiert aus diesem Anlass Rainer G. Schmidts Neuübersetzung von Melvilles "Mardi und eine Reise dorthin". "Moby Dick"-Übersetzer Friedhelm Rathjen schreibt in der Literaturkritik über die Entstehung von Melvilles berühmtestem Roman. Außerdem befasst sich Christian Schachinger im Standard mit der "Moby Dick"-Rezeption in der Popkultur. Insbesondere das Konzeptalbum "The Divinity of Oceans" der deutschen Doom-Metal-Band Ahab kann er als Entdeckung empfehlen:



Besprochen werden unter anderem Andrej Krukows "Graue Bienen" (Dlf Kultur), Anna Rakhmankos und Mikkel Sommers Comicreportage "Strannik" über einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer (Tagesspiegel), Aksel Sandemoses "Ein Flüchtling kreuzt seine Spur" (Freitag), Ariana Harwicz' "Stirb doch, Liebling" (SZ) und Peter Careys "Das schnellste Rennen ihres Lebens" (FAZ).

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Bühne

Elena Stikhina als "Médée". Foto © Thomas Aurin


Bei den Salzburger Festspielen hatte jetzt Simon Stones Inszenierung von Luigi Cherubinis Oper "Médée" Premiere: Mit viel Videofilm im Hintergrund und einer Medea, die keine antike Zauberin und Überfrau mehr sein darf, sondern eine ganz gewöhnliche Emigrantin aus dem Osten ist, die in ihre Heimat zurückgeschickt werden soll. Nachtkritiker Georg Kasch leidet voll mit, und das vor allem wegen der schauspielerischen Leistung von Medea-Sängerin Elena Stikhina: "Sicher könnte man sich gerade am Ende noch ein paar Dezibel mehr vorstellen. Aber der Wagemut, mit dem sie sich in diese Mammutpartie stürzt, der Hochdruck, den sie dabei entwickelt, überzeugen ebenso wie die lyrischen Momente, unter denen immer schon eine irritierende Panik pulst. ... Am Ende tötet Médée nicht nur ihre Kinder, sondern auch sich selbst, als sie das Auto an der Tanke mit Benzin übergießt und Feuer legt - eine clevere Art, selbst den Drachenwagen ins Bürgerliche umzudeuten. Dass es dabei eher dürftig qualmt und gar nicht rumst, ist nicht so arg. Denn für die heftigsten Eruptionen sorgen an diesem Abend ohnehin die Wiener Philharmoniker."

Stone lässt Medea auch mehrmals im Dunkeln auf den Anrufbeantworter Jasons sprechen. Für Standard-Kritiker Ljubiša Tošić sind das "intime Szenen als psychologische Studien, welche die kraftvoll und impulsiv singende Elena Stikhina (als Médée) mit großer Eindringlichkeit um dramatischen Furor bereichert. Die Tankstellenszene (Bühne: Bob Cousins) vermag allerdings auch sie nicht zu retten. Hier gehen Stone die Kräfte aus. Statt mit einer szenisch-filmischen Fuge einen finalen Höhepunkt zu generieren, lässt er eine triviale Tragödie stattfinden."

Hart ins Gericht gehen mit Stones Inszenierung FAZ- und SZ-Kritiker: "Alles ist Krampf, alles ist Behauptung, alles ist ein billiges Jonglieren mit Schlüsselreizen. Der Ernst der Debatten, die hier zu führen wären, wird einfach verramscht", ärgert sich Jan Brachmann in der FAZ. Und Reinhard J. Brembeck meint in der SZ: "Simon Stone inszeniert wie ein Sozialarbeiter. Er benennt dieses Frauenschicksal, zeigt den Weg in die wachsende Verzweiflung. Nie aber geht er einen Schritt weiter. Stets bleibt er an der Oberfläche."

Besprochen wird außerdem Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des "Parsifal" in Bayreuth (nmz).
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Film

Carolin Weidner empfiehlt den Berliner taz-Leserinnen und Lesern eine Reihe im Kino fsk mit lesbischen Liebesfilmen. In seiner schönen Cargo-Reihe über historische Ausgaben der Zeitschrift Filmkritik ist Bert Rebhandl nunmehr bei der Ausgabe 7/1969 angelangt.

Besprochen werden Denys Arcands "Der unverhoffte Charme des Geldes", über den sich taz-Kritiker Fabian Tietke eher ärgert als freut, wobei ihn die Komplexität der weiblichen Nebenrollen immerhin etwas versöhnt, İlker Çataks "Es gilt das gesprochene Wort" (taz, SZ), Ed Herzogs Krimikomödie "Leberkäsjunkie" (Tagesspiegel), Sun Ras auf Heimmedien veröffentlichter Underground-Film "Space is the Place" (taz), Hal Ashbys auf Heimmedien veröffentlicher Film "Coming Home" von 1978 (taz), eine Blu-Ray des Stummfilmklassikers "Orlacs Hände" (Filmdienst), der Netflix-Film "The Red Sea Diving Resort" (FAZ), die Amazon-Serie "The Boys" (Welt) und der neunte Teil der "Fast & Furious"-Actionfilm-Serie (FR, FAZ).
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Stichwörter: Arcand, Denys, Netflix

Musik

Sehr beeindruckend findet SZ-Kritiker Jan Kedves das neue, sehr politische Dance-Album "Sinner" von Moodyman: "Die Erfahrungen von rassistischer Gewalt und Polizeiwillkür, die Klaustrophobie eines Lebens, in dem Schusswaffen alltäglich sind - all dies lässt sich aus Moodymanns Musik heraushören. Ja, man soll zu seinen Tracks eine gute Zeit haben - und wer Moodymann als DJ erlebt hat, weiß, wie sehr er ein Publikum mit seinem schroffen Mix aus Disco, Eigenproduktionen, obskuren Pophits und grummeligen Animations-Durchsagen zur herrlichsten Raserei treiben kann. Aber seine Tracks verleugnen nie den Struggle, den Blues." Auf Bandcamp kann man das Album hören.



Weiteres: Für die taz porträtiert Annina Bachmeier den "Selfmadepopstar" Jemek Jemowit. Harry Nutt kolumniert in der FR über den Song, den die Band The 1975 mit der Klima-Aktivistin Greta Thunberg aufgenommen hat.

Besprochen werden zwei Doppel-LPs mit Aufnahmen des "Ann Arbour Blues Festivals 1969" (Vinyl District), die Studie "Spotify Teardown: Inside the Black Box of Streaming Music" (taz), der Soundtrack zu Quentin Tarantinos neuem Film "Once Upon a Time in Hollywood" (Pitchfork), das neue Ambient-Album "Anthology Resource Vol. II: Philosophy of Beyond" von David Lynchs früherem Studiotechniker Dean Hurley (The Quietus), eine CD-Werkschau des Countrymusikers Glen Campbell (Presse), eine neue CD der Gambistin Maddalena Del Gobbo (Presse), neue britische Experimental- und Undergroundmusik (The Quietus), Konzerte von Sunn o))) (Tagesspiegel) und Pink (NZZ) sowie das neue Album "African Giant" des nigerianischen Musikers Burna Boy (Pitchfork). Daraus ein Video:

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