Efeu - Die Kulturrundschau

Ästhetisierung als Entsorgung

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03.08.2019. In der NYRB lernt Christopher Benfey von Rodin, wie wichtig die Füße für das Denken sind. Hyperallergic beobachtet beim Gray Area Festival in San Francisco Versuche immersiver Kunst mit neuester Technologie. In der NZZ beschreibt der Politologe Udo Bermbach, wie schwer sich Bayreuth mit der "Entnazifizierung Wagners" getan hat. In der FAZ denkt Ernst-Wilhelm Händler über Literatur und ihre Konkurrenz im Zeitalter der Digitalisierung nach. Im Interview mit der Welt erzählt Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal, wie er beim Terrroranschlag auf das Bataclan lernte, die Menschen zu lieben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2019 finden Sie hier

Kunst

Rodin, Der Denker, Gipsabguss von 1904 im Musée d'Art Moderne et Contemporain de Strasbourg. Foto: Andreas Thum/Wikipedia unter CC-Lizenz
Von allen Rodin-Statuen gefiel dem Anglisten Christopher Benfey immer die Balzac-Statue am besten, aus dem "Denker" hat er sich nie viel gemacht. Das änderte sich, als er im Pariser Rodin Museum in einem Glaskasten eine Terrakotta-Studie vom rechten Fuß des Denkers sah, erzählt er in der New York Review of Books: "Sein Fuß! Plötzlich hatte ich ein ganz anderes Gefühl für den 'Denker'. Und ich fragte mich, ob auch Rodin das Gefühl hatte, dass der Erfolg der Skulptur entscheidend davon abhängen könnte, ob er die Füße richtig hinbekommt. In einer seiner beiden Hauptaussagen über den Denker, als er noch über Dante nachdachte, schrieb Rodin: 'Ich empfing einen anderen Denker, einen nackten Mann; auf einem Felsen sitzend, die Füße unter sich gezogen, seine Faust gegen die Zähne gedrückt, träumt er'. Die Reihenfolge hier - der Felsen, die Füße, die Faust, die Zähne, der Traum - impliziert, dass das Denken, wie Rodin es sich vorstellte, aus den Füßen kommt und sich nach oben und innen bewegt. Ich betrachtete sorgfältig den rechten Fuß des Denkers, wie der große Zeh unter den benachbarten, geschützten Zeh gleitet, um einen besseren Halt zu bekommen. ... Warum aber hat der Denker seine Füße 'unter sich gezogen' wie Rodin schrieb? Weil sie den Felsen greifen. Dieser Denker denkt sowohl mit den Füßen als auch mit dem Kopf. 'Und der sitzende Mann', bemerkt Rilke in seinem schönen kleinen Buch über Rodin, 'denkt mit seinem ganzen Körper'. Während ich ihn jetzt ansehe, sieht Rodins Denker aus wie ein Adler, der auf einem Felsen sitzt, seine Krallen greifen fest den Stein, bereit sich abzustoßen."



Das Gray Area Festival in San Francisco untersuchte in diesem Jahr, wie Technologie die Kunst immersiver machen kann. Renée Reizman hat das Festival für Hyperallergic besucht und fand die Versuche im Design nicht ganz überzeugend, aber doch ziemlich spannend. Zum Beispiel das Projekt "Inferno" von Bill Vorns, eine Performance, die sich um mechanische Exoskelett-Apparate dreht und Themen aus Dantes 'Inferno' aufgreift: "'Inferno' verschmilzt Mensch und Maschine zu Tänzern, aber nur die Roboter kennen die Choreografie. Ungeübte Zuschauer melden sich freiwillig, um an ein mechanisches Exoskelett gefesselt zu werden, das ihre Bewegungen kontrolliert, wie ein Puppenspieler, der eine Marionette orchestriert. Es liegt an den Freiwilligen zu entscheiden, ob sie versuchen sich der Bewegung des Exoskeletts zu widersetzen oder nachzugeben. Die Beobachtung dieses Kampfs bis in die Eingeweide wird zu einem faszinierenden Teil der Performance. Die Gesichter der Menschen spiegeln eine Vielzahl von Ausdrücken und vermitteln ihr Unbehagen, ihre Überraschung, ihre Nervosität und schließlich ihre Euphorie. Diejenigen, die sich der Führung durch die Roboter unterwerfen, werden zu anmutigen, energischen Tänzern; diejenigen, die sich widersetzen, wirken angespannt und starr, wie Roboter statt Menschen."

Weitere Artikel: Gerhard Richter wäre gern mit drei Sälen im neuen Berliner Museum der Moderne vertreten, meldet der Tagesspiegel unter Berufung auf ein Interview der Rheinischen Post mit dem 87-jährigen Künstler. FAZ-Kritiker Stefan Trinks erkennt in der Aufmachung von Natalie Portman für ihren Film "Vox Lux" einige Ähnlichkeit mit Figuren von Matthias Grünwald (hier) und Michael Triegel.

Kevin Mullins
Besprochen werden eine Retrospektive des amerikanischen Malers Kevin Mullins im Ulrich Museum of Art der Wichita State University (Hyperallergic), die Ausstellung "LIFE: Six Women Photographers" mit Fotografien von Margaret Bourke-White, Hansel Mieth, Marie Hansen, Martha Holmes, Nina Leen und Lisa Larsen in der New York Historical Society (Hyperallergic), die Olafur-Eliasson-Ausstellung "In Real Life" in der Tate Modern (FR), ein Bildband mit (homo)erotischen Fotografien Helmut Newtons aus den 1970er-Jahren (Standard), die Ausstellung  "Scheize, Liebe, Sehnsucht" des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson im Kunstmuseum Stuttgart (FAZ) und die Ausstellung "Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place)" im Künstlerhaus Bethanien (SZ-Kritiker Jens Bisky erinnert die anonymen Kritiker daran, dass dies KEINE Ausstellung über Afrofuturismus ist).
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Film

Im Filmdienst spricht Ilker Çatak über sein (online nachgereicht in der FAZ besprochenes) Scheinehendrama "Es gilt das gesprochene Wort". Für epdFilm porträtiert Alexandra Seitz den Schauspieler Simon Schwarz.

Besprochen werden Russell Harbaughs "Love After Love" (Freitag, unsere Kritik hier), die dritte Staffel von "Stranger Things" (critic.de, Freitag), Eckhardt Schmidts "Broken Hearts" von 1996 ("Zweifellos, das deutsche Kino wäre ärmer ohne die schönen, wilden, zärtlichen und schmerzlichen Filme von Eckhart Schmidt", schwärmt Hans Schifferele auf critic.de), der Niederbayern-Krimi "Leberkäsjunkie" (Standard) und ein "Benjamin Blümchen"-Film (SZ).
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Stichwörter: Deutsches Kino

Literatur

Die seit dem Jahrtausendwechsel fortschreitende Digitalisierung hat die Literatur vor zahlreiche Herausforderungen gestellt, hält der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler im literarischen Wochenendessay der FAZ fest und spielt damit insbesondere auch auf den erhöhten Konkurrenzdruck durch andere narrative Künste und Formen an. Und als "algorithmusferne" Kunst sieht sich die Literatur zunehmend einer von Algorithmen dominierten Welt gegenüber - der Literatur kommt darüber der Stil abhanden, meint Händler: "Die automatisierte Sprachverarbeitung und die Zurückdämmung von Emotionen fördern ein inhaltsbezogenes Sprachverhalten, für das Stil nur ein Störfaktor sein kann. Wer nicht mehr weiß, was Stil ist, vermisst ihn auch nicht. Es fällt nicht mehr auf, wenn ein literarisches Erzeugnis keinen Stil mehr hat. An die Stelle von literarischen Stilen treten Worthülsen und Versatzstücke, und es kommt verstärkt zu Übernahmen von Codes aus nichtliterarischen Feldern. ... Die Neuordnung des Zusammenspiels der Dimensionen Bezug zur Außenwelt, Bezug zu anderer Literatur, Bezug zu eigener Erfahrung und Stil macht es unwahrscheinlich, dass der Stil noch einmal eine Dominanz wie in der Vergangenheit ausübt."

Weiteres: Eher unbeeindruckt reagiert Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels auf die Meldung, dass im Herbst bislang unbekannte Werke aus der Feder Marcel Prousts veröffentlicht werden: "Ob Proust jetzt neu gelesen werden muss? Sicher nicht." Für die taz spricht Christiane Müller-Lobeck mit Mako Dinić über dessen Roman "Die guten Tage". Mit zwei neuen, im Berliner Bezirk Wedding angesiedelten Romanen im Gepäck macht sich tazlerin Anne Haeming auf zum Kiez-Spaziergang. Im Gespräch mit dem Dlf Kultur plaudert der Schriftsteller Robert Prosser über das Boxen. In der NZZ erinnert Felix Philipp Ingold an den Schriftsteller Romain Gary.

Besprochen werden unter anderem Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (NZZ), John Fantes "Arturo Bandini"-Trilogie (taz), Joshua Cohens "Auftrag für Moving Kings" (Dlf Kultur), Eveline Haslers "Tochter des Geldes" (Dlf Kultur), Catherine Laceys "The Girlfriend Experiment" (Tagesspiegel), Bettina Wohlfarths Kunstfälscher-Roman "Wagfalls Erbe" (online nachgereicht von der FAZ), die Anthologie "FLEXEN: Flâneusen* schreiben Städte" (Literarische Welt) und Lukas Hartmanns "Der Sänger" (FAZ).
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Bühne

In der NZZ beschreibt der Politologe Udo Bermbach, wie schwer sich Bayreuth mit der "Entnazifizierung Wagners" getan hat. Der nach dem Krieg als Erneuerer gefeierte Wieland Wagner war darin nicht ganz unschuldig, meint er: "Aus der Abstraktion des Bühnenbildes sowie einer intensiven Personen- und Lichtregie bestand die später so genannte 'Entrümpelung' der Bayreuther Bühne, die für die Alt-Wagnerianer in der Tat einen in seiner Tragweite heute kaum noch zu ermessenden Bruch mit allen überlieferten Traditionen bedeutete. Zugleich aber war diese Abstraktion und Ästhetisierung auch eine entschiedene Flucht vor der Auseinandersetzung mit der jüngsten politischen Vergangenheit Bayreuths. Man schloss auf zu Tendenzen der abstrakten Malerei, war scheinbar modern und auf der Höhe der Zeit und hatte mit dem, was noch wenige Jahre zuvor auch in Bayreuth völkisch-nationalistischer Alltag gewesen war, nichts zu tun. Ästhetisierung als Entsorgung der politischen Vergangenheit, der Festspiele so gut wie des Festspielpublikums - sie wurde denn auch ganz überwiegend positiv aufgenommen."

Weitere Artikel: Auch fünf Jahre nach #metoo gibt es am Broadway kaum Regisseurinnen oder Stücke von Frauen oder weibliche Regisseure, moniert Verena Harzer in ihrem Theaterbrief aus New York für die nachtkritik. Christine Lemke-Matwey fasst für die Zeit die neuen Inszenierungen bei den Sommerfestspielen in Salzburg, München und Bayreuth zusammen.

Besprochen werden Chris Harings Performance mit acht Tänzern "Stand-Alones (Polyphony)" im Leopold-Museum (Standard-Kritikerin Isabella Wallnöfer ist hin und weg: "Hier sind nicht nur die Figuren polyphon, jeder sammelt andere Eindrücke.") und Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung des "Parsifal" in Bayreuth (FAZ).
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Musik

Ein sehr bewegendes Gespräch über Freundschaft hat Florian Friedman für die Welt mit dem Musiker Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal geführt - jener Band also, die bei dem Anschlag auf das Bataclan gerade live auf der Bühne stand. "Ich habe Menschen gesehen, die sich vor geliebte Menschen warfen, um sie vor den Schüssen zu schützen. Ohne zu zögern. Ich stand einfach da und staunte darüber, wie schnell Menschen dazu bereit sind, sich zu opfern. Einer schrie sogar, um das Feuer auf sich zu lenken. Ich habe den größten Liebesbeweis gesehen, den man sich vorstellen kann. Bei einem Rockkonzert." Und Hughes glaubt, "dass wir in einer wunderschönen Welt leben. Ich kann es bezeugen und habe dafür einen hohen Preis zahlen müssen. ... Niemand wird mir jemals wieder sagen können, dass wir in einer schlechten Welt leben. Ich habe das Gegenteil gesehen."

Äußerst skeptisch reagiert Andrian Kreye in der SZ auf die Ankündigung einer großen Hologramm-Tournee des 1996 ermordeten Rappers Tupac: "Hat eine Person des öffentlichen Lebens auch nach dem Tod noch ein Recht auf Privatsphäre? Wie autonom ist das digitale Subjekt?" Und müsste es "nicht auch ein posthumes Recht auf Kontextualität geben, ein Recht auf Unbewegtwerden des Datenkörpers? Wenn es heißt, das Hologramm von Amy Winehouse hätte die Sängerin von ihrer besten Seite zeigen sollen, ohne Alkohol- und Drogeneskapaden - wird dann nicht eine Figur weichgezeichnet, gar eine virtuelle, jugendfreie Kunstfigur geschaffen, die mit dem Original nicht mehr viel gemein hat?"

Weiteres: Nicht nur Woodstock und Metal (siehe unser Efeu von gestern), sondern auch Punk wurde vor 50 Jahren ins Leben gerufen, wie Christian Schachinger im Standard in einer Würdigung des 1969 erschienen Debüts von Iggy Pops Band The Stooges in Erinnerung ruft. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Kai Lückemeier und Jan Tengeler über das Haldern Pop Festival.

Besprochen werden ein Konzert des Pianisten Grigory Sokolov (Standard), das neue Album von Divine Comedy (Freitag) und das Debütalbum "True Love" der Kerzen (taz). Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp die 70. Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":

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