Efeu - Die Kulturrundschau

Empathie, aber kein Verständnis

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10.08.2019. Mit Aplomb verkündete Ai Weiwei gestern, er wolle Deutschland verlassen. Der Tagesspiegel fragt: Ist da jemand vielleicht in seiner Eitelkeit gekränkt? Die FAZ kann Ai Weiwei durchaus verstehen. Die Berliner Zeitung staunt derweil über das Verständnis, das afrikanische Flüchtlinge ängstlichen Italienern entgegenbringen. Der Standard blickt mit Lois Hechenblaikner in die harte, schonungslose Welt der Volksmusik. Der Filmdienst erfährt von dem indischen Regisseur Ritesh Batra, wie Indiens Realität hinter Bollywood-Klischees aussieht. Und die taz empfiehlt Kahlschlagsanierung statt Rekonstruktion.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2019 finden Sie hier

Kunst

Juan Pablo Macias, Brother Maize and Brother Babacar, 2018, video still. Foto: Juan Pablo Macias

Auch wenn Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) festhält, dass Migration sich nicht auf Afrika beschränkt, findet er die vom Institut für Auslandsbeziehungen Ifa, der Villa Romana in Florenz und der Kunstorganisation Thread Residency in Sinthian im Senegal organisierten Ausstellungen, die derzeit in der Berliner Ifa-Galerie und im Freiraum in der Box-Galerie zu sehen sind und die Folgen der Flucht aus Afrika reflektieren, durchaus anregend. Etwa die Installation von Alberto Amoretti und Giovanni Häninnen, "die mit Interviews und Fotos eine Brücke von Senegal nach Europa schlägt. Die beiden Künster haben Menschen aus Tamba in Senegal zu ihren Hoffnungen befragt, der Sehnsucht nach einem besseren, friedlicheren, sicheren Leben auch für die Kinder. Welche Flüchtenden in Mittel- und Osteuropa hätten 1945 nicht exakt die gleichen Worte genutzt, als sie sich auf den langen Treck Richtung Westen machten? Es geht um die Flucht selbst, aber auch um den Schock der Ankunft in Italien, die gnadenlose Ausbeutung, das trotzdem fast unglaubliche Verständnis der aus Afrika Geflohenen für die Ängste jener Italiener, die sich dem Wandel ihres Straßenbilds ausgesetzt sehen."

Gestern verkündete Ai Weiwei in der Welt, er wolle Deutschland verlassen, das Land sei zu "selbstzentriert", die Taxifahrer rassistisch. (Unser Resümee) Im Tagesspiegel vermuten Christiane Peitz und Nicola Kuhn mit Blick auf die derzeit in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW gezeigte Ausstellung "Alles ist Kunst, alles ist Politik" vielmehr gekränkte Eitelkeit: "Als dissidentischer Künstler noch in seinem Land wurde er gerade vom deutschen Publikum hoch verehrt. Mit dem Umzug nach Berlin fiel das Umfeld weg, an dem sich seine Kritik entzündete. Die eigene, unmittelbare Betroffenheit endete. Im Werk drückte sich dies durch Verlust an Spannung, an Schärfe aus. Als kritischer Geist und politischer Chronist suchte sich Ai Weiwei deshalb einen anderen Gegenstand. Da lag es nahe, sich die ungleich widrigeren Lebensumstände jener Menschen vorzunehmen, mit denen er das Exil-Schicksal teilt. Ai Weiwei beherrscht die Rhetorik des Vorwurfs, doch ist sie in der Anhäufung einer Retrospektive wenig überzeugend. Jene Fotowand, an der en masse seine Selfies mit Geflüchteten hängen, wirkt nicht empathisch, sondern eitel."

In der FAZ bringt Mark Siemons Weiwei Verständnis entgegen: "Diejenigen, die sowieso schon in der Komfortzone leben, verzeihen es ihren moralischen Stellvertretern in der rauhen Welt draußen nicht, wenn sie den ihnen zugedachten Posten verlassen - und damit die symbolischen Bedürfnisse der Komfortzone missachten." Für die Welt hat Swantje Karich Stimmen von in Deutschland lebenden Künstlern gesammelt. "Nur ein Dummkopf" beurteilt ein Land nach seinen Taxifahrern, sagt der Schriftsteller Vladimir Sorokin. Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa sorgt sich indes "um den Raum für Debatten. Er werde tagtäglich kleiner. Diskussionen würden seit einigen Jahren schärfer, vielfältiger, aggressiver und klarer geführt, allerdings immer öfter in Nischen. Deutschland sei noch lange nicht in der Realität der Einwanderung angekommen."

Weitere Artikel: Für die FAZ hat sich Frauke Steffens mit dem Fotografen Chris Arnade getroffen, der in seinem Fotoband "Dignity" Amerikas "Abgehängte" porträtiert. Besprochen wird die Ausstellung "Sex" im Verein Berliner Künstler (Tagesspiegel).
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Literatur

Tilman Krause ist für die Literarische Welt nach Paris zur frisch renovierten Maison de Balzac gereist. In der Literarischen Welt gratuliert Hannes Stein dem britischen Verlag Faber & Faber zum 90-jährigen Bestehen. Helmuth Kiesel erinnert im literarischen Wochenend-Essay der FAZ an Gustav Frenssens 1921 erschienenen Roman "Der Pastor von Poggsee", der in einen großes Abschlussplädoyer für etwas mündet, was man heute Verfassungspatriotismus nennt. Außerdem bringt Dlf Kultur eine Lange Nacht von Beate Ziegs über Bibliotheken.

Besprochen werden unter anderem Brigitte Kronauers "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" (NZZ, Freitag), Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (taz), Catherine Laceys "Das Girlfriend-Experiment" (Dlf Kultur), Burkhard Spinnens "Rückwind" (Zeit), Katerina Poladjans "Hier sind Löwen" (FR), Davide Enias Essay "Schiffbruch vor Lampedusa" (Tagesspiegel), Karin Fellners Lyrikband "eins: zum andern" (online nachgereicht von der FAZ, Dlf Kultur), Berit Glanz' Debüt "Pixeltänzer" (taz), Tawni O'Dells Kriminalroman "Wenn Engel brennen" (FR), der achte Band aus François Bourgeons Historiencomic "Reisende im Wind" (taz), Norbert Gstreins "Als ich jung war" (Literarische Welt), eine Wiederveröffentlichung von Johann Karl Wezels "Herrmann und Ulrike" (FAZ) und neue belletristische wie soziologische Literatur über den DDR-Plattenbau in Marzahn und Rostock (Literarische Welt).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Vuong, Ocean

Film

Der Filmdienst spricht mit Ritesh Batra über seinen Film "Photograph" (unser Resümee), der damit das in Bollywood etablierte Narrativ "reiches Mädchen und armer Junge verlieben sich" in einem realistischen Register umsetzen wollte. Auch die sozialen Zuspitzungen seines Landes spielten für ihn eine Rolle: "Großstädter gehen gar nicht aufs Land. Sie wissen gar nicht, wie es dort aussieht. Umgekehrt gehen viele Menschen von den Dörfern in die Großstädte, um überhaupt noch Arbeit zu finden, nicht nur in Indien, sondern auch in China. Das ist eine riesige Migration, Menschen strömen in die Großstädte, arbeiten, sparen Geld, das sie dann nach Hause schicken. Das ist ein brisantes Phänomen, sehr massiv. Und es verändert natürlich auch das Zusammenleben in den Städten. Das wollte ich in meinem Film anklingen lassen."

Weitere Artikel: Heide Rampetzreiter erinnert in der Presse an die vor 50 Jahren durch die Manson-Family ermordete Schauspielerin Sharon Tate. Der WDR hat aus diesem Anlass Jörg Buttgereits Hörspiel "Summer of Hate" über die Manson-Morde wieder online gestellt. Im Filmdienst erinnert Patrick Holzapfel an die Produzentenlegende Dino De Laurentiis, die am 8. August 100 Jahre alt geworden wäre. Für epdFilm porträtiert Sascha Westphal den Actionschauspieler Jason Statham.

Besprochen werden Werner Herzogs von Arte online gestellter Spielfilm "Salt & Fire" mit Veronica Ferres (FR, critic.de, unsere Kritik hier), Paul Thomas Andersons auf Netflix gezeigter, zusammen mit Thom Yorke gestalteter Kurzfilm "Anima" (The Quietus), Quentin Dupieuxs "Le daim" (Filmbulletin), neue BluRay-Ausgaben von Nicolas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen" und Paul Wegeners  "Der Golem" (im Filmdienst hier und dort), die Netflix-Anthologieserie "Love, Death & Robots" (FR), die Serie "Stadtgeschichten" (Freitag), die beiden beim Filmfest Locarno gezeigten Schweizer Produktionen "Wir Eltern" und "Die fruchtbaren Jahre sind vorbei" (NZZ) und der Anthologiefilm "Berlin, I Love You", der in seiner Klischiertheit laut Freitag-Kritiker offenbar den Esprit eines Bier-Werbespots versprüht.
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Archiv: Film

Musik

Joseph Burnett geht bei The Quietus auf die Knie vor "Simian Angel", dem neuen Album des "globetrotting underground music superstar" Oren Ambarchi, der auf ihn wirkt wie ein "unersättlicher Universalgelehrter, der scheinbar jegliches Instrument und jegliches Genre zu meistern in der Lage ist. Seine Fähigkeit, mittels Ambient-Elektronik und Fennesz-artiges Gitarrenspiel seine Hand von Black Metal Noise bis Jazz-Schlagzeugspiel auf alles mögliche zu legen, macht ihn tatsächlich zu einer Ein-Mann-Inkarnation alles Aufregenden, was sich derzeit in der experimentellen Musik abspielt." Die Bandbreite auf dem neuen Album, dessen Veröffentlichung von einem über 16-minütigen Video begleitet wird, reicht diesmal von traditionellen brasilianischen Instrumenten bis zu Klangtexturen, die an Popol Vuh und Cluster erinnern:



Dass ihm beim Durchblättern von Lois Hechenblaikners Fotoband "Volksmusik" mitunter auch das Grausen kommt, kann Standard-Kritiker Christian Schachinger nur schwer verhehlen: "Second-Hand-Gefühle in den schablonenhaften Liedtexten, Brauchtumspflege im Trachtendiskonter und Musik, die irgendwo zwischen Volksliedwerk, Schlager und Publikumsverhöhnung entwickelt wurde: Lois Hechenblaikner bewegt sich durch dieses von geldgierigen Zynikern erfundene Gelobte Land, für das er zwar Emphatie, aber kein Verständnis aufbringt. Seine manchmal den Hals zuschnürenden Fotos hat er daraus mitgebracht. Dies ist ein hartes, schonungsloses Buch."

Weiteres: Für The Quietus spricht Brian Coney mit der Punk- und Hardcore-Urgestein-Band Flipper, die sich derzeit auf einer Tour zum 40-jährigen Jubiläum durch Europa befindet. In der Presse gibt Wilhelm Sinkovicz Streaming-Tipps für Klassikfreunde. Besprochen werden ein von Arte online gestellter Porträtfilm über David Crosby (Berliner Zeitung) und das neue, überraschend veröffentlichte Album "i,i" von Bon Iver (Pitchfork). Eine Hörprobe:

Archiv: Musik

Bühne

Wolfgang Wagner war wahrlich nicht der "gutmütige Theateronkel" zu dem ihn die Bayreuther Ausstellung "Der Prinzipal" machen möchte, hält Florian Zinnecker bei Zeit Online fest: "Im Juni 1976 erklärt Wolfgang Wagner in einem Interview mit dem Playboy alle anderen Familienmitglieder pauschal für ungeeignet, die Festspielleitung zu übernehmen, auch die eigenen Kinder. 1986 wandelt er das Ein-Mann-Unternehmen in eine GmbH um, deren alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer er ist. Er schließt mit der Richard-Wagner-Stiftung einen unbefristeten Mietvertrag für das Festspielhaus ab. Und er verspricht seinen wichtigsten Geldgebern - Bund, Freistaat Bayern, Stadt Bayreuth und die Mäzene der 'Gesellschaft der Freunde von Bayreuth' - nach dem Ende seiner Amtszeit die Gesellschafteranteile, sofern die ihm im Gegenzug einen Leitungsvertrag auf Lebenszeit gewähren. Der Handel kommt zustande, Wolfgang ist allmächtig."

Weiteres: Im Standard zieht Helmut Ploebst ein weitgehend zufriedenes Resümee vom Wiener Impulstanz-Festival. In der SZ zieht Egbert Tholl eine durchwachsene Halbzeit-Bilanz der Salzburger Festspiele. Ebenfalls in der SZ verneigt sich Christine Dössel vor Valery Tscheplanowa, die derzeit in Salzburg die Buhlschaft gibt: "Tscheplanowa ist eine Intellektschauspielerin. Eine Frau mit besonderer Aura, trotzig-selbstbewusst, eisig-intelligent, von innen leuchtend." Besprochen wird: das Stück "Total Immediate Collective Imminent Terrestrial Salvation" beim Edinburgh Festival (Guardian) und Sigrid T'Hoofts Inszenierung von Riccardo Broschis Oper "Merope" bei den Innsbrucker Festspielen (nmz, FAZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Wagner, Wolfgang, Bayreuth

Architektur

In der taz erinnert Marlene Militz an die Kahlschlagsanierung, den Abriss von Baudenkmälern und die Errichtung von Hochhäusern auf der Berliner Fischerinsel in den sechziger Jahren - und findet, daran sollten sich aktuelle Rekonstruktionsdebatten ein Beispiel nehmen: "Mischwesen zu erschaffen, im Krieg zerstörte Gebäude aus der Versenkung der Geschichte wieder hervorzuzerren ist aus politischer, kunstgeschichtlicher und denkmalpflegerischer Hinsicht geschichtsverloren. Es gilt vielmehr, die Brüche zu akzeptieren und zu thematisieren. Zeitgemäße Wagnisse einzugehen und auf die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft zu reagieren."

"Rajbaris" werden die Paläste genannt, in denen höhere indische Angestellte der britischen Kolonialherren lebten, klärt Martin Kämpchen in der FAZ auf und schildert, wie in Kalkutta erst nach und nach die verfallenden Paläste rekonstruiert werden: "Der Wille, die Architektur des Landes zu erhalten, ist in Indien noch jüngeren Datums und in der allgemeinen Bevölkerung bisher nicht angekommen. Zu drängend sind die Existenzprobleme, zu rasch steigt die Bevölkerung, die zusätzlich Jahr für Jahr ernährt und mit Arbeit versorgt werden muss. Der sprunghaft angestiegene Tourismus in Indien ist eine der Ursachen, weshalb in der gebildeten Schicht ein Umdenken einsetzt. Besucher fragen nach den Baudenkmälern der Geschichte. Was wäre Indien ohne den Taj Mahal? Zunehmend identifiziert sich die Mittelschicht nicht nur mit der klassischen Musik, mit den religiösen Schriften, den Bollywood-Spektakeln, sondern auch mit der einheimischen archäologischen Geschichte."

Besprochen wird die Ausstellung "Café As. Das Überleben des Simon Wiesenthal" im Wiener Jüdischen Museum, die Wiesenthals erst 2016 aufgetauchte Architekturzeichnungen zeigt (Berliner Zeitung).
Archiv: Architektur