Efeu - Die Kulturrundschau

Reisen gegen die Zeit

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07.08.2019. Große Trauer herrscht in den Feuilletons über den Tod von Toni Morrison. Die NZZ rühmt ihr Schreiben, das kompakt wie Stahl und dennoch geschmeidig sei. Der Standard bescheinigt ihr die Akribie  eines Michel Foucault. Auf Twitter trauert auch Barack Obama. Außerdem: Auf ZeitOnline schwärmt die neue Locarno-Leiterin Lili Hinstin vom jungen, radikalen Kino der Schweiz. Die FAZ begrüßt mit der neuen Donut-Architektur die gebaute Morgengruppe. Und in der taz will Virve Sutinen nicht nur Zwanzigjährige tanzen sehen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 finden Sie hier

Literatur

Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin und "eine der hörbarsten Stimmen des schwarzen Amerikas", wie Arno Widmann in der FR schreibt, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie "hat niemanden in ihrer langen Karriere preiswert bebotschaftet, sondern viele sehen gemacht", würdigt Paul Ingendaay sie in der FAZ. Sie gab "den Namen- und Stimmlosen eine Stimme", schreibt Jonathan Fischer in der SZ. Und sie griff dafür auch auf "Motive der schwarzen Folklore ebenso wie auf Elemente des magischen Realismus" zurück.

Auf Twitter zirkuliert ein Fernsehinterview mit Morrison (Interviewerin uns unbekannt), das vor Spannung zwischen den beiden Personen fast explodiert. Morrison beschuldigt die Interviewerin an einer Stelle, eine rassistische Frage gestellt zu haben:


Mit ihren präzisen historischen Arbeiten - einem "Monument aus Formulierungen, die kompakt wie Stahl und dennoch geschmeidig auf den Punkt kommen" - unternahm sie "Reisen gegen die Zeit", schreibt Angela Schader im großen NZZ-Nachruf. Morrison schuf damit "eine eigene, sowohl in den offiziellen Annalen wie auch im über die Jahrhunderte entstandenen Echoraum afroamerikanischer Kultur verankerte Geschichte." Dabei "wollte sie Figuren schaffen, die nicht gegenüber einer weißen Leserschaft gerechtfertigt oder erklärt werden mussten, wollte - zuallererst, wenn auch nicht exklusiv - ein afroamerikanisches Publikum ansprechen."

Sie sezierte den Rassismus, schreibt Ronald Pohl im Standard: Dessen Praktiken "hat sie mit der Akribie eines Michel Foucault anhand einschlägiger Zeugnisse die Praktiken rekonstruiert. Und nachgewiesen, dass der Rassismus noch das Selbstbild der Ausgebeuteten unwiderruflich zerstört." Morrison verband "Diskurse und Poesie" und die "Moderne mit dem mündlichen Erzählen", würdigt Gerrit Bartels die Verstorbene im Tagesspiegel. Weitere Nachrufe in taz, Presse, ZeitOnline und Welt. Außerdem: Das tiefe Archiv unserer Presseschauen über Toni Morrison.

Sehr lesenswert aus den Archiven sind im Übrigen dieses epische New-Yorker-Porträt aus dem Jahr 2003 und eines aus der New York Times von 2015. Außerdem verweist der New Yorker auf einige Texte, die Morrison dort veröffentlicht hat. Fernerhin gibt es dort ein Gespräch mit ihr zum Nachhören:



In einem langen Interview mit Judith von Sternburg in der FR spricht die neue Fischer-Verlegerin Siv Bublitz über die Lage am Buchmarkt. Sie versichert zwar, dass im deutschprachigen Raum insgesamt keineswegs zu viele Bücher produziert werden, dennoch tritt der Fischer Verlag auf die Bremse: "Bei S. Fischer hat es zum Beispiel zur Folge, dass wir die Zahl der Neuerscheinungen deutlich reduziert haben. Es ändert an den 70.000 Titeln nicht so viel, wenn wir jetzt statt ungefähr 500 noch etwas mehr als 300 Titel im Jahr machen. Für uns ändert es aber einiges. Wir können uns auf weniger Titel mit dem gleichen Sachverstand, der gleichen Professionalität und Leidenschaft konzentrieren."

Weitere Artikel: Im großen NZZ-Gespräch spricht Ian McEwan über seinen neuen Roman "Maschinen wie ich". Besprochen werden Norbert Gstreins "Als ich jung war" (taz), Jane Gardams "Bell und Harry" (Tagesspiegel), Sibylle Lewitscharoffs Essaysammlung "Geisterstunde" (SZ), Jewdokija Rostoptschinas "Die Menschenfeindin. Gesammelte Dichtungen" (FR), Matthias Heines Studie "Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht" (Tagesspiegel) und Deborah Levys "Was das Leben kostet" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Takaharu Tezukas Fuji-Kindergarten. Foto: Tezuka Architects

In New York werden zwar gerade die zweihundert Meter hohen Wolkenkratzer durch vierhundert Meter hohe ersetzt, sonst aber wird rund gebaut. Apple in Cupertino, das GCHQ in Cheltenham, die französische Botschaft in Port-au-Prince. In der FAZ fragt Niklas Maak, was die Donut-Form so angesagt macht. Die neue Zirkularität? Die Sehnsucht nach Harmonie, Entschleunigung, Beruhigung? Gemeinschaft und Ressourcenschonung? "In diesem Sinn wollen viele Tech-Konzerne, die ihre Kunden in Wirklichkeit sehr linear manipulieren, ihre gebauten Ringe in der Realität als Symbolbilder einer neuen Unternehmenskultur verstanden wissen. Amazon-Unterfirmen wie Zappos sprechen nicht mehr von Abteilungen und Angestellten, sondern von 'Community' und, biologisierend, von 'Family'; die Ring-Architekturen, in denen diese Familien arbeiten, sind auch gebaute Morgengruppen, wo Zusammenhocken und Gemeinschaft statt Konkurrenz, Linearität und Wettbewerb inszeniert werden: 'Das Gebäude steht konzeptuell für Zusammenarbeit und Fluidität', heißt es bei Apple. Das penetrante Duzen des Kunden, der so, ob er will oder nicht, zum Teil der im Kreis hockenden 'Family' erklärt wird, in der man keine Geheimnisse voreinander hat und seine Daten ganz freiwillig teilt, gehört zu dieser Strategie."

In der Berliner Zeitung kommen bei Nikolaus Bernau Zweifel auf, ob die geplante Zentralbibliothek für Berlin wirklich eine so gute Idee ist. Mit Blick auf den Ideenwettbewerb "Metropolenbibliothek" und die real existierenden Bauten in New York und Helsinki meint Bernau: "Dort gibt es zwar mit der grandiosen Public Library mitten in Manhattan und dem gerade eingeweihten Oodi nahe dem Hauptbahnhof von Helsinki auch Zentralstellen. Doch werden viele Funktionen wie etwa die beliebten Makerspaces in den Bezirksbibliotheken verteilt, die auch sonst die Nahversorgung übernehmen. Im Programm für die ZLB sind dagegen große Flächen für Nutzungen reserviert, die vor allem die Menschen aus der näheren Umgebung interessieren werden. Denn kaum jemand wird von Spandau oder Marzahn nach Kreuzberg fahren, um dort an einer Lerngruppe teilzunehmen oder den 3D-Drucker zu bedienen."
Archiv: Architektur

Film

Szene aus Kenneth Macphersons Stummfilm "Borderline" von 1930 (mehr hier), produziert in der Schweiz


Auf ZeitOnline führt Andreas Scheiner ein sehr schönes, aber auch lustiges Gespräch mit der Französin Lili Hinstin, die nach dem Wechsel von Carlo Chatrian zur Berlinale das Filmfestival von Locarno leitet und im Gegensatz zum Interviewer überhaupt nicht an der Schweiz leidet: "Mir scheint, dass das gegenwärtige Filmschaffen in der Schweiz wieder sehr lebendig ist. Die Jungen sind gut, radikal", schwärmt sie etwa. Oder: "Die Schweiz ist doch ein Ort, wo starke anarchische und politische Bewegungen entstanden sind. In unserer Retrospektive zum Black Cinema des 20. Jahrhunderts zeigen wir eine unglaublich tolle Schweizer Produktion aus dem Jahr 1930: 'Borderline' von Kenneth MacPherson. Eine Dreiecksgeschichte zwischen einem schwarzen und einem weißen Paar. Sehr politisch, utopisch, irrsinnig modern, experimentell, rebellisch, freigeistig. Man mag es fast nicht glauben: Wie war so ein Film damals möglich? Und er kam aus der Schweiz!"

Weitere Artikel: Urs Bühler porträtiert in der NZZ den Schweizer Filmemacher Fredi M. Murer. In der "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline schreibt die Schauspielerin und Filmproduzentin Saralisa Volm über ihre Versagensängste, die sie auch auf ihrem Instagram-Account "365 Imperfections" künstlerisch reflektiert. Im Tagesspiegel plaudern Martina Gedeck und Ulrich Tukur über ihren Trennungsfilm "Und wer nimmt den Hund?".

Besprochen werden Kim Longinottos heute Abend im Ersten gezeigter Dokumentarfilm "Shooting the Media" über die Fotografin Letizia Battaglia, die mit ihren Arbeiten die Verbrechen der Mafia dokumentiert (taz, FAZ) und Eckhart Schmidts "Atlantis" von 1970 (critic.de).
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Archiv: Film

Bühne

Deborah Hay: Perceptions Unfold. Foto: Tanz im August

Für die taz unterhält sich Katrin Bettina Müller mit Virve Sutinen über den Tanz im August, der am Wochenende mit einem Solo-Stück der 1941 geborenen Choreografin Deborah Hay eröffnen wird: "Vom Tanz wird oft gedacht, vor allem eine Kunst für junge Leute zu sein. Aber das stimmt nicht, nur werden deswegen die Kämpfe ab 40, 50 härter. Deshalb finde ich es fantastisch, das Festival mit dem Solo einer älteren Tänzerin zu beginnen, die noch immer große gestalterische Energie hat. Seit einiger Zeit lernen wir, dass Tanzkarrieren nicht mit 35 oder 41 Jahren enden müssen. Für mich als Kuratorin gibt es einen weiteren Grund, auch ältere Tänzer sehen zu wollen. Das ist die eigene Frustration - man wird dreißig und schaut auf zwanzigjährige, man wird vierzig, fünfzig und schaut immer noch auf zwanzigjährige Körper. Aber man geht doch ins Theater, um sich mit etwas zu identifizieren, Erfahrungen teilen zu können." Im Interview mit Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung fordert Sutinen einmal mehr ein Tanzhaus für Berlin.

Weiteres: Im Tagesspiegel ärgert sich Christiane Peitz über die Häme, die Anna Netrebko nach Absage ihres Bayreuth-Debüts über sich ergehen lassen muss: "Wer einen Ausfall annonciert, braucht für Ausfälle nicht zu sorgen."
Archiv: Bühne

Kunst

FAZ-Autor Andreas Rossmann erkundet die Basilika Santi Bonifacio e Alessio in Rom. Im Standard berichtet Nicole Scheyerer vom Festival sommer.frische.kunst in Bad Gastein.

Besprochen werden eine Ausstellung der Transgender-Künstlerin Anna Daucíková in den Kunst-Werken Berlin (FR), eine Schau mit Utopien aus der Zeit um 1900 im Berliner Bröhan-Museum (Tsp) und Ausstellungen zu Roy Lichtenstein und Omer Fast in den Galerien von Salzburg (Standard).
Archiv: Kunst

Musik

"Recht überzeugend" fand SZ-Kritiker Helmut Mauró den Versuch in Salzburg, Mozarts unvollendete c-Moll-Messe nach einer für Mauró sehr plausiblen Rekonstruktion des Musikwissenschaftlers Ulrich Leisinger aufzuführen: "Eine kleine Uraufführung" ist dieser Abend gewesen. Auf welche Mittel konnte Leisinger für seine philologische Arbeit zurückgreifen? "Er hatte vor allem den Vorteil, dass inzwischen so viel Notenmaterial digitalisiert ist, dass man in kürzester Zeit entscheidende Fragen abklären kann. Etwa die, wie man im Salzburg der Mozart-Zeit Kirchenmusik aufführte. Wo Posaunen beteiligt waren, bei welcher Gelegenheit Trompeten hinzukamen und anderes mehr. Solcherlei wird laufend erforscht, und wenn man entsprechend vernetzt ist, genügt ein Anruf, um so eine Frage abzuhaken. Das hätte früher zermürbende Monate in Bibliotheken und staubigen Archivkellern erfordert."

Simon Rayß hat sich für den Tagesspiegel mit der Indiemusikerin Marika Hackman getroffen, deren Album "'Any Human Friend' nicht nur ein Album über den Sexualtrieb geworden ist, sondern auch eins über zwischenmenschliche Entfremdung, über die Verbitterung, die Einzug hält, wenn der Rausch verflogen ist." Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Mozart, C-Moll-Messe